Lyrik im digitalen Raum – Überschreibungen

 

eb_01_300x390_01Letztens ärgerte ich mich über das Verlagshaus Berlin, weil ich dringend auf die neue E-Book-Reihe, die Edition Binaer  wartete. Das ist vorbei. Jetzt freue ich mich, denn ich habe die digitalen Gedichtbände, vier an der Zahl, die mit dem Lyrikcode ausgestattet sind, endlich  – und: das Warten lohnte sich.

Funktioniert der Lyricode® ? Er hat auf jeden Fall etwas, also das, was der Verlagstext anpries, hat sich mir noch nicht erschlossen.  Grob gesagt, kommt mir der Code vor wie tönende Zeichen, die dem Geschriebenen eine weitere Ebene hinzufügen –  an manchen Stellen klingen die Gedichte, durch die Zeichen können Zusammenhänge herausgestellt werden, Betonungen – auch wird eine Art Bewertung des Geschriebenen auf Zeichenebene vorgenommen. Es ist wie Notenlesen, nur leichter,  hier einige Zeichen des L: ˇ =Betonung, ʼ= schneller, ˚ = hohe Stimme.

Ich las Überschreibungen, Jan Kuhlbrodt, Martin Piekar.

Die Schnittstelle, an und in der die Hauptfigur, der junge Hans Hektor lebt und leidet, spannt sich vom ungeliebten Sozialismus bis hin zur ungeliebten Marktwirtschaft. In einer Mischform aus Gedicht und Prosa wird Hans Hektor in einem Spannungsfeld deutsch-deutscher Geschichte hin- und herbewegt. Jan Kuhlbrodt gibt Hans Hektor kein Leben in keinem Deutschland, er fühlt sich überall nicht  wirklich dabei, Hans ist ein Außenstehender, dem es zudem  gegeben ist, die Sollbruchstellen im Land zu sehen, die Heute aufbrechen.

… Der Intershop ist jetzt gegenstandslos und der Pfennig frei konvertierbar …“ Die Sprache, die Bildsprache von Jan Kuhlbrodt gefällt mir sehr, er macht sich am Kleinen fest, zweifelt und staunt und beschreibt nebenbei so, als würde ich daneben stehen.  Und: Der Autor geht ziemlich  verhalten mit dem Lyrikcode um. 

Bevor der nächste Text startet,  greift  der Herausgeber ein, ein Kommentar, ähnlich einem Stummfilmkommentar, wenn schon beim Dreh klar war, dass der klavierspielende Begleitmusiker den Wechsel im Geschehen auch durch Stille nicht mehr darstellen kann:

„…-dies ist ein Experiment. Einer gibt den Text vor, der andere reagiert darauf: selbstreflexiv, die eigene Biographie gegen die des anderen abwägend, verständnisvoll fragend, beipflichtend wütend, zwei Geschichten, zwei Poetiken begegnen sich auf engem Raum. Zwei begeben sich in den Widerspruch und machen sich ehrlich. …“

Martin Piekar stellt sich vor, setzt an. Beichten, Geständnishaftes, ich bekomme es mit der Angst zu tun.Wird das etwa eine Zornige-Junge-Mann-Lektüre? Dazwischen fesseln mich immer wieder wunderschöne Beobachtungen, die selbst erlesen werden sollten. Als meine Gedanken anfangen, abzuschweifen und ich darüber nachdachte, wie denn ein Spätmitte der Achtziger-Jahre geborene Mensch irgendetwas erzählen kann, was über Selbstzweifel, Wollen und Zwänge im Kinderzimmer hinausgeht, da wird der Ton drängender, die Rhythmik greift stark in den Text ein, der Lyrikcode strengt sich ebenfalls an: „… Alle Soziologie-, Politologie-oder Pädagogik-Student*innen sagen mir, die Pegida-Diskussion sei argumentativ gewonnen, nur noch die Menschen …ˇ Ja verfickte Scheiße, was will ich argumentativ gewinnen und mich mit einem Zeugnis dessen an die Straßenecke stellen und Leute anstrahlen wie Uran?…“ Das ist besser als die geföhnte Attitüde junger weißer Mann leidet, leidet sehr. Die Sicht besticht, der Ton ist da, Elend wird nicht ausgestellt und ich merkte kaum Sprachschraubereien a la humanistisches Gymnasium.

Insgesamt:  Die Tragik der vielen Möglichkeiten Deutschlands. Überschreibungen sind ein äußerst lesenswertes E-Book.

Gedichte: Jan Kuhlbrodt,
Martin Piekar

Edition Binaer

E-Book
Preis: 6,99 €
ISBN: 978-3-945832-18-9

Lohnt sich der Lyrikcode? Können so Gedichte im digitalen Raum aus deren Formalzwängen erlöst werden? Ja. Und es kommt mir so vor, als wäre der Lyrikcode mit seinen Sonderzeichen eine Bereicherung für den Schreibenden, was die Arbeit in Richtung Dirigieren verschiebt.

Noch lesenswert aus dem Verlagshaus Berlin: Dieser Junge. Digital toes. Crauss, O0, Lea Schneider & Tillmann SeverinA.H.A.S.V.E.R., Max Czollek.

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*Und irgendwas stimmt mit den Versandkosten nicht. Die werden erhoben, aber im nächsten Schritt storniert.

Edition Binaer, die neue Lyrik-E-Book-Reihe des Verlagshauses Berlin

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Im elektrischen Bereich findet Lyrik definitiv noch nicht statt, das Gedicht ist ein Papiermedium – Fakt ist, dass sich  Lyrik  den Lesegeräten bislang verweigert. Ausrichtung und Zeilengenauigkeit im Gedicht sind wichtig, was bei Lesegeräten variable Größen sind. Das will wer ändern:

Und zwar das Verlagshaus Berlin mit der E-Book-Lyrik-Reihe, Edition Binaer. Ein eigens gestalteter Lyrik-Code wirkt im Hintergrund und wird nur sichtbar, um Darstellungsmodi, Hintergrund, Einzug etc. anzuzeigen. So soll es für das elektrische Buch gelingen, unabhängig von Software, oder Lesemedium die perfekte Struktur für das jeweilige Gedicht zu finden.

Am 15. März 2016 erscheinen die ersten vier elektronischen Bücher,  Überschreibungen, von Martin Piekar und Jan Kuhlbrodt, A.H.A.S.V.E.R. von Max Czollek, O0, von Lea Schneider, Sebastian und Tillmann Severin und  Dieser Junge, Digital Toes von Crauss.

Beispiel mit Lyrik-Code © Verlagshaus Berlin

22.03. 16/ 10.50 Uhr. Und jetzt komme ich zum enttäuschenden Teil. ich möchte mich dringend poetisieren. Hier würde eigentlich eine genaue Besprechung stehen ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………… ich wäre gern konkreter geworden. Aber ich suche seit Tagen wie die Nadel im Heuhaufen oder wie sadistisch versteckte Ostereier die fünf Freunde aus der Edition Binaer. Ich werde nicht wirklich fündig.  Minimore, no results. Osiander; Leah Schneider, Tillmann Severin, der Rest fehlt.  Amazon; Leah Schneider, Tillmann Severin, Google, rein gar nichts.

22.03.16/ 11.15 Uhr. Ich habe es gefunden! Und zwar auf der Seite des Verlagshauses Berlin. Alle fünf Titel. Ich bestelle und – das Verlagshaus Berlin verlangt drei (3,00) Euro Versandkosten für die Auslieferung eines digitalen Buches. Ich verzichte auf die Bestellung und jetzt verzichte ich auch auf eine Besprechung. Ich bin raus.