Wenn Leser mit entscheiden

Totenläufer. Der Blog der Autorin Mika Krüger bietet eine gute Übersicht über die Gestaltwerdung dieses Sci-Fi-Romans. Ganz anders als SchreiberInnen, die sich von inneren Eingebung leiten lassen, denen egal ist und egal sein muss, was mögliche Leser von dem Werk in Werden halten, ließ Mika Krüger ihre künftigen Leser teilhaben. Zum Einen ist es  Marketing, zum anderen kennzeichnet dieses Vorgehen die Wasserscheide zwischen Literatur und Genre. Totenläufer, Im Namen der Sicherheit, erschienen im November 2016, ist Science Fiction, eine -und das ist das Schlimme- gar nicht fremde Dystopie, die sich zuerst der Frage widmet: Wer darf leben? Im Umkehrschluss: Wer wird ausgerottet? Danach wird durchdekliniert: Wer hat die Macht und welche Rechte räumt Macht automatisch ein?

Tania Folaji: Mika, Du hast potentielle Leser sehr an der Erstellung Deines Romans teilhaben lassen, sind Ideen von Lesern eingeflossen? Entwicklungen, Wendungen im Skript, die Du vorher nicht so beabsichtigt hattest? 
Mika Krüger: … Zum Beispiel habe ich Rinas Einstellung zu ihrer Angst überdenken müssen, da einige Testleser angemerkt haben, sie sei schwer nachzuempfinden und dadurch anstrengend. In der Ur-Version war sie also noch viel ängstlicher. Ähnlich ist es wohl auch mit dem Fakt, dass überhaupt eine ganz zarte Liebesbeziehung angedeutet wird. Hätten sich das nicht viele Leser nach den Sieben Raben gewünscht, hätte ich wohl erneut darauf verzichtet. … Ich bin wirklich jemand, der gern gemeinsam Ideen entwickelt. Darum nutze ich auch Autorengruppe und stelle Fragen, wenn ich nicht weiterkomme. In Band II wird es auch eine Figur geben, die eigentlich jemand anderes erfunden hat.
Genau diese Liebesgeschichte moniere ich, sie ist mir zu  Unentschieden. Mir kamen die Figuren nicht geführt vor, was sehr gut daran liegen kann, dass die AutorIn sich entweder mit Handlung und/oder Figur nicht identifizieren kann, oder nicht genau weiß, worüber sie schreibt. Ich würde Ersteres annehmen.
T.F.: Ich erinnere mich auch daran, dass du auf Deinem Blog hast abstimmen lassen, Namen und ähnliches, ist das richtig?
Ja, es ging um den Namen der Rebellengruppe. Es standen mehrere Sachen zur Wahl und REKA ist es dann geworden. Da habe ich mich tatsächlich nach der Mehrheit gerichtet. 
T.F:  Hast du auch Schauplätze zur Diskussion gestellt?
Mika Krüger: Nein, ich habe nur vorgestellt, wie ich es mache. Aber es gab eine Diskussion über Neel Talwar (Totenläufer, TF) und ob er nicht als Hauptfigur ungeeignet ist, da zu zynisch und überheblich.
T.F: Wie haben deine potentiellen Leser abgestimmt?
M.K. Die mögen Neel, aber durch die Diskussion hat sich folgendes bestätigt: Es war eine gute Entscheidung, ihn erst nach einem Drittel des Buches auftauchen zu lassen, weil er sonst ggfs. zu unsympathisch gewesen wäre. Aber das ist Spekulation. Damals hatte ich ihn ja nur auf dem Blog als Figur vorgestellt.
 …

So viel zum Mitspracherecht des Lesers. Zum Inhalt: Die Regierung der Insel Red-Mon-Stadt darf totalitär genannt werden. Die Bevölkerung scheint Diktaturen zu begrüßen, weil die Einwohner das Gefühl haben (das geschürt wird) dass nur eine starke Hand sie besser vor Gefahren im Allgemeinen und Gefahren im Besondern, Lorca, beschützen kann.  Der Schauplatz ist die Insel Red-Mon-Stadt, darauf werden Lorca, also Menschen mit blasser Haut,  goldenen Augen und bisweilen ausgestattet mit einer telepatischen Spezialfähigkeit (Lorcaism), ausgerottet. Für das Ausrotten ist ein in den Medien gefeierter Jäger, der Totenläufer, zuständig. Es gibt einen Gegenpol zur willkommenen Diktatur – das sind naturgemäß Rebellen, so auch in Mika Krügers Roman.

Die Hauptfigur ist Rina, ein Lorca-Mädchen. Gleich am Anfang bekommt der Leser über Verfolgungssequenzen aufgezeigt, was die allesbeherrschende Konstante in Rinas Leben ist. Flucht, Angst und Todesangst. Keine Sicherheit. Kein Ort nirgends (Zitat: Aber von wem?)

Der Totenläufer genießt eine Tartuffsche Einführung, d.h. Figur tritt noch nicht auf, aber  alle reden über die Figur, woraus sich ein widersprüchliches Bild ergibt. Es ist eine sehr schöne Art der Figurenpräsentation. Aus der Sicht der Gejagten Rina ist der Totenläufer das personifzierte nahe Ende. Weil Repräsentant des Systems, haben die Rebellen den Totenläufer auf der Liste, da ist er Bedrohung und Gejagter.

Ein kurzes Wort zu den Rebellen: Sie kämpfen für einen diffusen, nicht näher erläuterten Freiheitsbegriff. Einfach mal Freiheit. Mit den Rebellen hatte ich nicht auf der Figurenebene, sondern als Systembegriff meine Probleme; denn ich habe nirgendwo gefunden, was die Rebellen denn nun anders machen wollen. Sie kamen mir auch irgendwie totalitär vor. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin mir genau das sagen wollte, aber  ich fand Analogien zur Jetzt-Zeit.

Als der Totenläufer gefangen genommen wird, da wird er figürlich, das Monster ist ein Mensch. Ein Opfer.Wer steht wo? Und warum fühlt sich Rina zu dem Totenläufer hingezogen? Es bleibt spannend.

Fazit: Der Totenläufer hat einen linear erzählten Plot: Es läuft auf die Befreiung Red-Mon-Stadts durch die Rebellen hinaus oder eben auf deren Untergang. Der Totenläufer gehorcht dem Genre des Science-Fiction, ist zudem aufgefächert wie ein Thriller, in dem die Leser über ein fast gottgleiches Vorwissen in Bezug auf Absichten und Motive der kämpfenden Parteien verfügen. Was ich schätzte: Die AutorIn beherrscht ihr Genre,  der Entwurf einer durchtechnisierten Welt in 2075 ist ihr absolut gelungen; sie fühlt sich im Sci-Fi wohl. Wichtigster Punkt: Ihre Hauptfiguren sind gelungen. Was ich nicht so sehr mochte: Der Totenläufer ist sehr genau erzählt mit einer Liebe zum Detail, aber da ich eine Handlungsleserin bin, werden mir manch zuviel an Schnörkel zugemutet, -die reden einfach zu lange – bis ich wieder zu handlungstreibenden Elementen komme. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Science-Fiction, History- und Fantasy-Lesern immer nachgesagt wird: Die Liebe zum Detail. Die ist da. FazitFazit: Wer Dystopien mag, die irgendwie an Blade Runner erinnern, der wird Totenläufer mögen.

Zielgruppe: junge Erwachsene, hier eine lesenswerte Rezension von Buchstabenträumerei.

 

Ich <3 SelfPublisher

14045331_10210385363409659_803640781_oJa. Denn es gibt wohl kaum eine Berufung, über die mehr gelächelt, gelacht oder gespottet wird als über den gemeinen SelfPublisher und seine Schreibwut. Außer vielleicht noch über Buchblogger, die Sternenstaub oder eventuell magische Runenzeichen auf der Webseite haben. Die finde ich auch toll. Denn ich mag fast alles, das mit Freude und Begeisterung betrieben wird.

SelfPublisher setzen sich hin und schreiben. Da ist dann ein Ding im Entstehen, von dem er meint, dass es das mögliche Gegenüber zum Lachen und Weinen, mindestens aber zum Schmunzeln bringt. Der Schreibende ist sich in jeder Phase seiner Kreativität und mit jeder Faser seines Seins sicher, etwas Unglaubliches abzuliefern. Hängt er oder hadert er mit seinen Figuren oder mit dem Plot, dann gibt es viel Trost und Zuspruch in vielen Internet-Gruppen und Foren.  Da lache ich nicht, dass ist der normale Weg von einer Idee zum Buch – manchmal gelingt es sogar.

Auch deshalb lese ich gern SelfPublisher, ich liebe die Verrückten, die ihre Freizeit, Geld, viel Schweiß und Nachtruhe in etwas investieren, das erst einmal nur ihnen am Herzen liegt. Das ist ein emotionaler Grund, es gibt aber noch mehr: Hier habe ich es oft mit Stoffen im Rohzustand zu tun, die noch nicht auf die Frage getrimmt wurden: WAS IST DEIN ZIELPUBLIKUM? WAS IST DEIN GENRE? WIE VIEL SEITEN muss dein Buch haben bezogen auf dein Genre … diese Marketing- und Vertriebsmaßnahmen, die in ein Werk eingreifen, und viel von dem formalistischen Zeug fallen weg, so dass ich viel über das Anliegen, das ein Buch entstehen lässt, lese.

Hier einige interessante Werdegänge von Self-Publishern:

img_calais_cover-400x600Der Streetworker, Schulleiter und Autor Hammed Khamis brachte 2014 sein erstes Buch als Self-Publisher heraus,  einen biographischen Titel,  Ansichten eines Banditen – Das Schicksal eines Migrantenjungen, dem seine streckenweise rohen und unfertig wirkenden Passagen einen Authentieschub verleihen. Da wird eine Beichte zum Buch. 2016, dann,  I’m not animal. Die Schande von Calais das nächste Romanessay, ein Protokoll darüber, wie es ist, ein von der Weltgemeinschaft ausgestoßenes Wesen zu sein. Ich rezensierte da Buch und  merke jetzt beim Schreiben, dass viele Szenen aus dem Buch in mir immer noch nachhallen. Die Kirche im Lager, die Restaurants, die vielen Schicksale, die durch Khamis ein Gesicht bekommen. Da ist kein Reporter auf Durchreise, da ist einer, der sich seinem Gegenüber widmet, denen eine Stimme gibt, die an Zügen entlanglaufen und versuchen, aufzuspringen. In I’m not animal treten mir Menschen entgegen. Amjad aus Libyen, der sich im Dschungel ein zweistöckiges Haus aus Holzpaletten baute. Das Haus hat mich sprachlos gemacht, denn die Initiative, etwas Dauerhaftes im Temporären konstruieren zu wollen, heißt Hoffnung. Wie die Plastikkirche, die heißt auch Hoffnung. Und dann gibt es noch die Afghanen, die im Lager Läden und Lokale betreiben, Menüs anbieten. Im pakistanischen Späti, kann man Zigaretten für zehn Cent kaufen, der so Arbeitsplätze schafft. Und dann gibt es noch Prostituierte für zehn Euro und einen Flüchtlingsfriedhof auf dem Friedhof, auf denen die Gräber sehr oft keine Namen, sondern Nummern tragen.

Einem anderen Self-Publisher war das Glück nicht so hold. Krimiautor Frank Wündsch, hatte nicht den erhofften Erfolg mit seinem Buch Bier, Geld und Tomaten. 2008 zuerst bei Amazon erschienen, 2013 im Engelsdorfer Verlag relauncht. Leider ist der Engelsdorfer Verlag ein Druckkostenzuschussverlag, ob Herr Wündsch deshalb an einem kalten Januartag in einer Leipziger  Sparkasse auftauchte, wo er geschwind mit Waffengewalt 40.000 Euro erbeutete, das weiß ich nicht. Herr Wündsch ist zur Zeit für viereinhalb Jahre in Haft, denn das Gericht befand, dass sich sein Self-Publisher-Roman  wie eine Blaupause zu dem geschehen Überfall läse.  Herr Wündsch bedauert seine Tat aufrichtig und kündigte einen neuen Roman an. Ich wünsche ihm viel Glück und werde das Buch gern besprechen.

Die Tränen der Hexen2015 kam Uwe Grießmann mit seinem Buch Die Tränen der Hexen als Self-Publisher heraus, dass schnell bei Amzaon unter die Top50 kam. Dieser historische Stoff, der zur Zeit der Hexenverfolgung in Goslar spielt, weckte Interesse bei einem Verlag, auch, weil er kenntnisreich und leidenschaftlich geschrieben ist. Tanja Litschel ist mir wie zum ersten Mal mit ihren Krimis bei neobooks aufgefallen. Früher SPlerin, schreibt sie jetzt für die midnight Reihe der Ullstein Buchverlage. Ich gebe es zu, die großen Verlage mit ihren outgesourcten E-Book Dependancen schrecken oft ab, denn dort ist in der Regel unglaublicher Trash vertreten. Da tummeln sich Titel, die außer einem oberflächlichen Lektorat und einer schlampigen Covergestaltung eher keine Behandlung erfuhren – weil sie es auch nicht verdienen. — Tanja Litschel ragt mit ihren Regionalkrimis wie Traubenblut aus der Masse heraus. Nicht zuletzt durch die Figuren, die aus anfänglicher Typisierung heraustreten und eine Motivation offenbaren, wie auch durch den Plot, der über seine realen Orte und historischen Gegebenheiten eine Verbundenheit der Autorin mit ihrem Werk vermuten lässt.  Auch hat Frau Litschel sich über Polizeiarbeit Gedanken gemacht, sie versucht eine mangelnde Fachkenntnis nie durch unappetitliche Gräueltaten zu verschleiern, wie einige ihrer Ex-SP-Kollegen.csm_9783958190788_cover_ba73721cd1

Ich resümiere: Es bleibt spannend mit den Self-Publishern. Durch Foren, Leseplattformen und Communities bekomme ich Stoffe zu lesen, an die ich nie herangekommen wäre. Ich verstehe, dass es für die meisten SPler das höchste Ziel ist, einen Verlagsvertrag zu ergattern, der Grund liegt in den vielfältigen Anforderungen hinter dem Schreiben. Marketing, Werbung und Vertrieb. Nichtsdestotrotz: Bei Verlagen muss es immer um das Zielpublikum gehen, bei SelfPublishern nicht. Also Danke, ihr lieben Self-Publisher.