Meine schönsten E-Books

Am Tag der Arbeit gern diese Arbeit. Ich habe E-Books zusammengestellt, die ich in letzter Zeit sehr gern las. Aus verschiedenen Gründen finde ich diese Eriginals und E-Books spannend, mal der Aktualität oder aufgrund ihrer Einzigartigkeit wegen. Also, ich möchte noch einmal vorstellen:

 

 

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, Ein rasanter Roman für Freunde der Fiktion. Verlag Das Beben.

Rex Feuchti startet als Schlüssellochroman, den vorgeblich die Frage umtreibt, wie es zur Enthauptung des Pornorappers Rex Feuchti in der Hannoveraner Fußgängerzone durch eine bis dato sympathische Supertalent- Gewinnerin, Fräulein Xenia Hammerstein, kommen konnte. Frau Grimma, laut Eigenauskunft erfolglose Schwerintellektuelle, gibt gleich darauf bekannt, dass sie noch nie etwas geschrieben hat. Und das wird zum Stil- und Formelement: Ein Potpourri aus Zeitungsartikeln, Geschichten, Essays, Kolummen, Märchen, Leserbriefen, Aufsätzen und den Beurteilungen durch Lehrkräfte  hebt an, mischt sich, macht sich Konkurrenz. Der Roman Rex Feuchti ist nicht richtungslos, sondern absichtsvoll ausschweifend, aber eine Tendenz zur Gliederung, einen Haltepunkt gibt es: Es ist die Lyrik des Pornorappers, auch schwanzige Texte genannt.

Es ist ein absurdes Buch, voll mit Albernheiten, die sich unvermittelt als Ernst entpuppen. Expressionistischer Wortbrei aus jeglicher Richtung, oft kakophon, mit der super unzuverlässigsten Erzählerin der Welt. Rex Feuchti – ein großer Spaß.

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, ca. 150 Seiten, EAN: 9783944855073, 3,49 Euro.

Besprechungen: Elektro vs. Print

 

 

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohntNadine Wojcik, Wo der Teufel wohnt. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die Wissen wenig Wert hat; es ist der Glaube, der zählt. Menschen aus allen Schichten strömen zum Exzorzisten. Und auf der Suche nach Wahrheit und Erlösung können die merkwürdigsten Formen nebeneinander existieren; Psychologen und Exzorzisten in friedlicher Koexistenz in einer Beratungsstelle, die sich die Klienten gegenseitig überweisen … Nadine Wojcik ist ein sachlicher und berührender Text gelungen, die Interviewpassagen machen die Reportage einzigartig. Ein mikrotext.

Besessene und Teufelsaustreiber in Angst vereint. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Weltlage, Furcht. Ein Rollback der Religionen tut sich auf, Menschen, die Halt und Geborgenheit in Regelwerken suchen unterwerfen sich bedingungslos. Ist Zivilisation beängstigend? Brauchen wir den freien Willen? 

Natürlich liefert Wo der Teufel wohnt keine endgültige Erklärung für das Revival rund um den Exzorzismus. Auch keine Erklärung für den Umstand, warum sich der Teufel gerade in Polen und da überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den Zeilen erzählt dieses Buch von der Suche nach einfachen Antworten in einem Wirrwarr von Welt.

Eriginal, auch als Buch erhältlich, ca. 200 Seiten ISBN 978-3-944543-39-0, 3,99 Euro
buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Thalia Weltbild.

Besprechungen: Atheist Media Blog,  Edition FElektro vs. Print,

 
Akkordeonistin
Sitze im Bus
(ePub, mobi)
EUR 2,99/CHF 3,50
ISBNePub: 978-3-944195-63-6
ISBNmobi: 978-3-944195-64-3
Shops
ePub: Apple, Dussmann, Hugendubel, Mayersche, Minimore, Minimore, Ocelot, Osiander, Thalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi:...Akkordeonistin, Sitze im Bus.  Ein Bus ist ein Transportmittel und ein eigentlich sehr uninteressanter, manchmal lästiger Ort. Die Akkordeonistin aber fährt nicht nur der Beförderung wegen Bus. Sie beobachtet, erlauscht und lässt ihre Gedanken dabei fliegen. Herausgekommen sind Betrachtungen, winzige Splitter des Menschseins. So kurz und erfreulich verknappt, sind diese winzigen Erzählungen ein Menschheits-Kaleidoskop. Es ist Lyrik, es ist Kurzgeschichte, es sind Aphorismen, und das Medium ist Twitter. Hundertzweiundzwanzig dieser im Netz berühmten Kürzestgeschichten, entstanden zwischen 2012 bis 2015, versammelt das Buch und jede einzelne von ihnen entfaltet sich beim Lesen zu einer erstaunlich großen Welt.

Akkordeonistin, Sitze im Bus, ePub, mobi, ISBNePub: 978-3-944195-63-6, EUR 2,99,
Apple, Hugendubel, MayerscheThalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi: Amazon

Besprechungen: http://www.sueddeutsche.de/kultur/twitteratur-sie-sitzt-im-bus-1.3084927, Literaturen

 

 

Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung. Stories. Wer denkt bei Singapur nicht als Erstes an Singapur-Airlines? An Stewardessen mit adretten Frisuren, lieblich lächelnd ein Tablett in der Hand?  Bilder von glücklich devoten Frauen kann der einmotten, der das zu Recht viel beachtete Debüt von Amanda Lee Koe, das Ministerium für öffentliche Erregung, gelesen hat. Erschienen bei culturbooks.

Frauen sind der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Short Story in diesem Buch. In genau beobachteten Short Stories blüht Leben, Geschichten, Leid und Freude. Die exzellent beobachteten Miniaturen erinnern an Dorothy Parker, wenn eine kleine Begebenheit zu großer Tragik mutiert, manchmal in Komik aufblüht.

Die fast noch jugendliche Autorin lebt in New York und Singapur,  Ministerium für öffentliche Erregung ist ihr Debüt und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht. Die Autorin ist eine Geschichtenerzählerin und ihre ganze erzählerische Kraft, der auch die unaufgeregte, sachliche Sprache zugute kommt, nutzt sie, um sich dem Du zuzuwenden. Im Rampenlicht stehen Antitypen, Antiheldinnen, die bei einem Autorentyp wie Carson McCullers für das Maximum an Rührung gesorgt hätten. Aber im Heute, lässt die Autorin ihren Heldinnen ein Selbstbewusstsein, das bemerkenswert ist. Dieses Buch ist feministisch, ohne es zu forcieren. Dieses Buch besitzt eine unglaublich schöne Lakonie.

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks unplugged, Euro. ISBN 978-3-95988-018-3240 Seiten. eBook: 14,99 Euro. Hardcover 22,00 .
Leseprobe (PDF) CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche.

Besprechungen: Sätze & Schätze,  Perlentaucher.de,  Elektro vs. Print,

 

Kurt Tucholsky, Seifenblasen. Eine Filmerzählung, erschienen bei Rowohlt Rotation, dem Imprint der Verlagsgruppe Rowohlt.  Seifenblasen ist eine in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Diese Erzählung versteckt sich in der großen Tucholsky-Gesamtausgabe, wer sie nicht hat, für den ist diese Auskoppelung lohnenswert.

Seifenblasen ist Verwechslungskomödie um das Mädchen Barbara, dass als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms ist Barbara als Travestiekünstlerin eine Berliner Berühmtheit. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, die Berliner Schnauze zu ihrem Recht kommen zu lassen. Heute gelesen, ist es ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig.  1929 emigrierte Kurt Tucholsky nach Schweden. Auslöser war der Prozess gegen die Zeitschrift Weltbühne, der sich gegen die Verleger, Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete; wegen des berühmt gewordenen Satzes Soldaten sind Mörder – von Kurt Tucholsky.

Und da wird die Filmerzählung Seifenblasen todtraurig, weil zu bemerken ist, wie Tucholsky sich aus der Ferne sein Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, nahe schrieb. Zusammen genommen: die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky diese dalberige Komödie schrieb, lassen sich heute von dem heraufziehenden Dritten Reich nicht mehr trennen. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro.

 

Besprechungen: Elektro vs. Print, Seifenblasen.

 

Und natürlich ist diese Liste unvollständig. Dieser Beitrag ist auch auf  e-rstausgabe.

Einen schönen 1. Mai weiterhin.

Digitaler Herbst

Vorfreude ist ein großes Glück oder die omihafte Betrachtung des Seins. Gestern ist mir ein Lindenblatt auf den Kopf gefallen. Die Lesezeit beginnt.

Ich habe bei Digitalverlagen nach Buchvorschauen gestöbert; und hier die, die sich nach der Aufmachung und den Leseproben so anfühlen, als könnten  sie mir großen Spaß machen.

header_variante6In der Verlagsvorschau von Culturbooks gibt es zwei Titel, die ich lesen möchte: Schmutz, Katz & Co von Carlo Schäfer, ich hatte bisher die Leseprobe, Lehrer Dr. Katz .  Ein ganz verstiegener Humor, lakonisch und sarkastisch, aber C. Schäfer verrät seine Figuren nicht, er setzt sie nicht dem Lachen aus, er zeigt mir Menschen, in Lehrer Katz eben eine Familie, die so ist, wie sie ist. Und dann bin ich bin schon mehrfach über den Namen Amanda Lee Koe gestolpert, auch über den interessanten Titel ihres Erstlings: Ministerium für öffentliche Erregung. Lee Koe ist Literaturredakteurin bei Esquire und hat mit ihrem Ministerium für öffentliche Erregung Preise gesammelt wie andere Fliegenpilze. In ihren Stories nimmt sich Frau Lee Koe ebenfalls den Außenseitern an, den mehrfach Gescheiterten, aber immer noch Hoffenden, so die Verlagsankündigung. So wie Carlo Schäfer. Ich werde beide lesen. Erscheinungstermin vom Min. für öffentl. Erregung ist der 04. Oktober 2016.

f8y4w0wr

Die Frohmann-Herbstvorschau: Für die Freunde der 140-Zeichen-Kunst wird am 17. September ein schöner Tag anbrechen. Frohmanns erster Band der Printreihe KLEINE FORMEN eröffnet mit Sitze im Bus von Claudia Vamvas. Zusätzlich zu den Kleinen Formen gibt es die Vorzugsausgabe für die Leserinnen/Unterstützerinnen, die die Reihe über Crowdfunding unterstützten. Weiter geht es am 30. September mit der Generator-Reihe des Frohmann-Verlages mit der langersehnten,  finalen Version von Code und Konzept, eine Anthologie zu konzeptueller und digitaler Literatur; Herausgeber ist Hannes Bajohr. Und ein Messetermin: 19. bis 21. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse findet wieder der Orbanism Space, der offizielle Digitaltreffpunkt, statt. Kuratoren: Christiane Frohmann und Leander Wattig. Der diesjährige Schwerpunkt lautet: Die Facetten des Live-Publishing. Und ich freue mich, gelesen zu haben, dass auf der Buchmesse die 1000 Tode-Reihe ihre Fortsetzung findet.

mikrotext-logo

mikrotext: Der Reigen der Neuerscheinungen bei mikrotext startet mit dem Titel Hacking Coyote von Alan Mills. Es geht um Formen und Mittel des Widerstandes, auch aus dem digitalen Raum. Für seine Überlegungen wählt Alan Mills die Form des Essays, die Erscheinungsform von Hacking Coyote ist angenehm digital. Bisher von Alan Mills erschienen; hier.  Im Oktober wird bei mikrotext der Titel Wo der Teufel wohnt, erscheinen. Die Journalistin Nadine Wojcik geht einem neuen polnischen Trend, der Teufelsaustreibung nach. Vegetierten vor Jahren vier kirchlich bestallte Exzorzisten in Polen herum, sind es heute schätzungsweise 130 Kirchenangestellte, die alle Hände voll zu tun haben, den Teufel auszutreiben. Was ist da los im Nachbarland? Ich warte dringend auf den Oktober. Und noch eine angekündigte Neuveröffentlichung bei mikrotext:  Jan Fischer mit Audrey & Ariane. Ein junger Mann, der als Souvenirverkäufer in Disneyland arbeitet, gerät in Bedrängnis. Die Frage ist: Haben Audrey & Ariane etwas damit zu tun?  Bisher von Jan Fischer erschienen; hier.

Bei Rowohlt Rotation, dem jüngsten, digitalen Kind der Rowohltfamilie, ist mir das Drehbuch zu dem Roman von Herrndorf,  Tschick aufgefallen. Die Drehbuchfassung schrieb Lars Hubrich, sie war Vorlage für Fatih Akins Verfilmung. Eine gute Idee, Drehbücher digitalisiert anzubieten.  Daneben fällt das Herbst-Programm bei Rowohlt Rotation, eigentlich spezialisiert auf kurze Texte für den digitalen Leser, bescheiden aus. Nichts Anregendes im Herbstprogramm, aber: die Gesamtschau lohnt, denn es lassen sich Titel von namhaften Autoren finden, die nicht mehr verlegt werden, oder Betrachtungen, Kurzgeschichten, Essayistisches, die zu kurz für Print sind.

xxxbeben-logo-schwarz-20

Der Verlag Das Beben, die unerhörte Elektro-Novellen anbieten, hat mit Frühjahr- und Sommerkollektionen wenig am Hut. Das Beben veröffentlicht, wenn gute und passende Manuskripte hereinkommen und die Verleger neben ihrem Brotgeschäft Zeit für das Buch-machen finden. Aber die zuletzt erschienen Bücher vom Beben sind wie (fast) immer erwähnenswert: Der Chor der Anarchie von Gecko Neumcke und Stephan Strzoda. Der Chor der Anarchie ist eine Utopie, die von spanischen Anarchisten in Südfrankreich handelt, von einer Kommune und der grundsätzlichen Lust, die Welt zu verändern. Lesenswert. Auch erschienen: Järngard, Der Fluch des Erzes, von Ruben Philipp Wickenhäuser, eine düstere Novelle um ein liebes Aussteigerpärchen in Schweden.

Shelff. Ich mochte die Istanbuler Notizen von Mely Kiyak sehr, seit den Ereignissen  dieses  Sommers fast historische Notizen aus der #gutenaltenzeit. Aber Neuerscheinungen sehe ich bei shelff nicht. Schade.

Das sind die Bücher, auf die ich mich freue.

Seifenblasen, Kurt Tucholsky

978-3-644-05391-5

Ich habe mich beschenkt – mit der Filmerzählung, im Eigentlichen eine schlanke Kurzgeschichte, Seifenblasen von Kurt Tucholsky.

Geburtstagsgeschenke, Weihnachtsgeschenke, Muttertag, Vatertag, Mitbringsel und hohe Feiertage. Ich verschenke gern Bücher, leider habe ich noch nie ein EBook verschenkt, Heute das Erste, und das ging an mich, denn bei Rowohlt Rotation, der EBook-Angelegenheit aus der Verlagsgruppe Rowohlt, ging das ganz einfach.  Manko: mein Geschenk war preislich ausgewiesen, egal: Die Beschenkte war ich.

Rowohlt Rotation hat ein kleines, aber feines Angebot aus Altbewährtem und Gutlaufendem, große Namen dominieren; es kommt ein wenig ehrwürdig daher: Vladimir Nabokov, über Klaus Mann & Heinrich Mann, Jonathan Franzen und so weiter. Was wird insgesamt geboten? Rowohlt Rotation hat die nicht ganz so berühmten Erzählungen, Geschichten, die wie Mauerblümchen im Schatten großer Erzählungen leben, Biografisch-Erhellendes und Vorläufergeschichten.

Bei meinem Geschenk handelt es sich um die in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung Seifenblasen, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Auch im Angebot die interessante Vorläufergeschichte, die den Titel Der Bezauberer trägt, von Vladimir Nabokov, dem die gleiche Thematik wie Lolita zugrunde liegt. Und wem zum Beispiel der ökologisch-ornithologische Strang in Jonathan Franzens Freiheit noch nicht genügt  hat, der kann bei Rotation mit J. Franzens Aufsatz, Die Klimaklemme, zum Overkill schreiten.

Also Seifenblasen. Filmerzählung. Filmerzählung strebt dem E-Book entgegen. Die Kürze und die Konzentration auf das Wesentliche, das einen möglichen Film ausmacht – es kann immer nur das erzählt werden, was im Bild erscheint – und – jeder Film hat ein Ende, der immer genau vor dem Abspann liegt, bei einem Roman ist ein Ende nicht zwingend erforderlich – stehen dem E-Book nah. Da Tucholsky sich Anmerkungen, Seitenhiebe und Schwadronieren nicht nehmen lässt und gottlob Anweisungen wie 1.Szene, Außen-Tag, Barbara und Bruder auf Parkbank, vermeidet, also alles gelöst in knapper Erzählung aufscheint, die sich dem Bild unterordnet, ist Seifenblasen leicht und gut lesbar.

Inhalt: Es ist die Geschichte um das Mädchen Barbara, das einen Herren spielt und als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird, der Damen und Herren mächtig an- und aufregt.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms tritt Barbara als gefeierte Travestiekünstlerin, die eigentlich keine ist, im Lido auf, was Anlass zu Gesang gibt. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, um sein Berlin und Typen in der Art von Herrn Wendriner und Gattin auszustellen. Wie im Vorbeigehen lässt er Berliner Schnauze zu seinem Recht kommen und begreift gut, dass dem Film das Flüchtige liegt. Zum Beispiel eine Szene, die verdeutlichen soll, wie weit es Barbara als Herr Paulus gebracht hat. Bis ins Radio, ein Star! Herr Paulus, eigentlich Barbara singt in ein fremdes Wohnzimmer hinein, die Familie ist ganz ungeniert: – … „Da wärst du auch was Rechtes“, sagt die Frau. „Hätt ich dich nicht geheiratet, dann wär ich heute von Kopf bis Fuß auf Liebe …“ – das geht im Gezänk und im Krach unter er haut auf den Tisch, und sie geht raus und knallt die Tür und kommt wieder herein, und die älteste Tochter spielt unterdessen ein bißchen Klavier, und der Sohn neckt den Papagei und spricht ihm ununterbrochen vor. „Freiheil“ – „Frontheil!“ und der Papagei hört sich das eine Weile mit an, und kreischt dann plötzlich: „Du kannst mir mal!“ und nun fallen alle über den Sohn her, wie er dem Papagei …- dieses Dazwischengequatsche, dass mit der Haupthandlung nichts zu tun hat,  nutzt Tucholsky für bissige Autorenkommentare, für uns Leser im Jetzt machen sich breite Bezüge zum Blauen Engel und aufkommenden Naziunheil auf.

Zum einen unterliegen die Seifenblasen einer strengen Dramaturgie, wie jede ordentliche Komödie, besonders die Verwechslungskomödie. Heute gelesen, spielt sich die Erzählung vor einer historischen Folie ab, es ist nicht nur eine Filmerzählung, es ist ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig. 1929 hatte Tucholsky seinen Wohnsitz nach Schweden verlegen müssen,  er hatte Deutschland über, aber auch wegen des Weltbühnen-Prozesses, der sich gegen Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete. Das Gericht verzichtete darauf, Kurt Tucholsky mit anzuklagen, sein berühmt gewordener Satzes Soldaten sind Mörder  war der Grund. Und da hat es für mich beim Lesen dieser Herren-Damen-Hosenrollen-Nummer eine todtraurige Note, weil Tucholsky sich aus der Ferne an das Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, heranschrieb.

Ende 1931, im Entstehungszeitraum von Seifenblasen, wurde Carl von Ossietzky  wegen Spionage zu achtzehn Monaten Haft verurteilt. Tucholsky blieb in Schweden und lastete es sich in den vier Jahren, die er noch lebte, an, den Freunden im Prozess nicht beigestanden zu haben. Kurt Tucholsky verstarb an den Folgen eines Suizids am 21. Dezember 1935.

Die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky die Seifenblasen schrieb, lassen sich von der dalberigen Komödie um Mädchen, das einen Herrn spielt, der ein Travestiekünstler sein soll, der ein Mädchen spielt, nicht mehr trennen. Einerseits geht es um den Kritiker, Feuilletonisten und Schriftsteller Tucholsky, der verzweifelte, andererseits geht es in den Seifenblasen auch und nicht nur nebenher um eine Zeit, einen Ort und viele Leben, die Tucholsky vermisste –es geht um eine Zeit, die 1933 zerstört wurde. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Denn es ist aus der Behandlung des Sujets herauszuspüren, dass Kurt Tucholsky dem Film ablehnend Tucholsky dem Film gegenüberstand.  Auch in dem lesenswerten Nachwort von Michael Töteberg ist das ein Thema; Tucholsky akzeptierte, wie die Mehrheit der Deutschen, lediglich das Buch, die Oper und das Theater als Kulturgut. Der Film war Zeitvertreib der kleinen Leute, man sieht es auch an dem herablassenden Titel von Siegfried Kracauer Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino sehen. Deutschland und seine Kulturgüter. Was auch dazu führte und führt, dass Deutschland in Filmentwicklungen bis heute – außer dem Expressionismus- nichts Bahnbrechendes geleistet hat. Dem E-Book geht es ähnlich. Die Innovation wird nicht begriffen. Nun gut.

Für einen Menschen, der Filme nicht mochte, sitzen seine Dialoge, das System der Verwechslungskomödie, in dem der Zuschauer immer das größte Vorwissen hat, ist dem Schwank entlehnt.  Die Lieder, Chansons und Couplets sind herrlich …

 „… Man weiß bei dir nie, wie man dran ist –

Ob du ein Mädchen oder ein Mann bist –

Ich rate rechts, ich rate links –

Kleine Sphinx! Kleine Sphinx! …“

Auch die Montage handhabt Tucholsky souverän, er bringt Gleichzeitigkeiten, Überlappungen, die er locker nach Filmzeit organisiert. Die Urmutter der filmischen Bewegung, die Verfolgungsjagd mit Auto ist ein wenig unmotiviert zum Ende hin aufgesetzt, egal. Also: Tucholsky hätte Film schreiben können, er wollte es aber nicht.  Aus der Nachbemerkung Michael Tötebergs mit dem Titel Kurt Tucholsky und das Kino lässt er Tucholsky sprechen: „… Er (K.Tucholsky) hatte den nicht unbegründeten Verdacht: „Sie wollen einen Film mit meinem Namen und dem Inhalt von der Courths-Mahler“. …“

Angemerkt: Kurt Tucholsky hat Seifenblasen auf Grundlage einer Idee des Produzenten G.W. Pabst geschrieben.

Fazit: Die Zeit und ihre Umstände machen aus der 115 Seiten langen Verwechslungskomödie eine ernste Angelegenheit.  Trotzdem Kurt Tucholsky Film an sich nicht ernst nahm, ist ihm mit den Seifenblasen eine temporeiche Verwechslungskomödie wie wie Viktor und Viktoria oder Tootsie gelungen, angereichert mit großartig Liedern.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro