Berlin im Juni: Es wird elektrisch

ebookfestival_animationIch freue mich auf die Electric-Book-Fair, auf einen lebendigen Austausch  mit Büchermachern, Bücherliebhabern, Buchverstehern und Buchjunkies der elektrischen Provenienz.  Am 25. und 26.Juni 2016 findet in der Colonia Nova, in Neukölln ist 3. Electric-Book-Fair statt. Diese Messe heißt jedes Jahr ein bisschen anders, 2015 kam sie als Electric Afternoon mit der elektrischen Lesenacht daher, 2014 ganz schlicht als die Electric Book Fair, in 2016 ist es logischerweise die EBF16, die ansteht.

Unter den Kuratorinnen Nikola Richter und Andrea Nienhaus hat sich die EBF zu einer interessanten Fachmesse entwickelt,  auch dieses Jahr versammelt sich Fachpersonal aus Verlagen & Vertrieb, Agenten, Leser & Schreiber in Berlin-Neukölln, um auf Augenhöhe miteinander zu plaudern.

Und dann freue ich mich am Samstag im Barcamp unter anderem auf: Kathrin Blum, Programmmanagerin Rowohlt Verlag, mit: Amazon kann auch nicht alles; wobei mich  neue Ansätze der Produktpräsentation interessieren, dann will ich nicht Christiane Frohmanns Plauderei, Vortrag und Speakers Corner unter dem Label: Datendada: Der Untergang des Abendlandes, verpassen. Kultur kann günstiger sein als Deutsches Theater im Oberrang – auch Jetztzeitiger. Wenn es fast dämmert, beginnt die kostenlose Lesenacht: Migration und Fiktion – Drei Autorinnen erfinden Gegenwelten, mit Rasha Abbas, Michaela Maria Müller und Safeta Obhodjas, dann Lyrik als Skript  mit Hannes Bajohr, Katharina Schultens, Max Czollek und dem Verlagshaus Berlin, die kürzlich mit Gedichten herauskamen, die mit dem neuen  Lyricode -sehr spannend- ausgestattet sind. Oder: Is it love, is it hate, Das E-Book, das mich inspiriert, mit Sarah Khan, Fabian Thomas und Tilman Winterling. Hört sich auch gut an.

Darauf freue ich mich.

Und Nikola Richter, Verlegerin mikrotext und Kuratorin EBF16,  freut sich auf:

„…Man kann es ja kaum glauben, dass es in Deutschland, diesem Leseland, noch nie ein Festival für E-Books gab. Denn E-Books sind ja gerade bei Viellesern, die zu Hause im Regal Platz sparen wollen und immer und überall mobil lesen wollen, und bei Trendlesern beliebt, welche sich für das Neue, Abseitige, Avantgardistische, Superaktuelle interessieren. Wir bringen beim Festival diese Welten zusammen: die erfolgreichen Unterhaltungsautoren wie die Twitter-Oma Renate Bergmann und den Lindenstraße-Drehbuchautor Michael Meisheit oder die Code-Autoren wie Marion Schwehr oder Hannes Bajohr, die mit Metadaten arbeiten.

Diese geruchlosen Dateien voller spannender Inhalte werden beim E-Book-Festival im Barcamp und in der Lesenacht sichtbar, denn wir werden miteinander sprechen und sogar einen digitalen Büchertisch haben, eine Cloud, in der man alle beim Festival vorgestellten E-Books lesen kann. Toll am Festival ist auch, hier treffen sich spartenübergreifend alle diejenigen, die sich für das digitale Lesen und Publizieren interessieren. Daher ist es weniger ein Branchentreff als zwei Tage Austausch mit den Machern und Lesern von E-Books, seien es Hersteller, Verleger, Autoren, Designer, Selfpublisher. Es werden viele Fragen gestellt werden, die das E-Book auch weiterdenken, die den Status Quo noch nicht optimal finden. Es wird Spaß machen, zum Beispiel beim E-Book-Pecha Kucha und es wird die demokratische Kraft der E-Books aufzeigen: auf Augenhöhe kommen digitale Imprints von großen Verlagen wie Aufbau, Bastei Lübbe, S. Fischer, Ullstein und von kleineren wie Culturbooks, Frohmann, mikrotext zusammen. …“

Der Juni steht im Zeichen des E-Books, der Aszendent ist elektrisch.  Auf nach Neukölln.

 

Rasha Abbas und die Erfindung der deutschen Grammatik. Geschichten

 

Rasha Abbas hat mit Die Erfindung der deutschen Grammatik,  -ein wunderbarer Titel!- aus dem mikrotext Verlag, ein erfrischend groteskes Elektrobuch vorgelegt, in dem sich  Erzählungen, Beobachtungen und Situationen wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen.

Denke ich oder denken wir heutzutage an Syrien oder Syrer, dann sind die kollektiven inneren Bilder z.B. die nicht mehr vorhandene Skyline von Homs, Flüchtlingslager, Menschen, die Straßen entlang laufen und unter Umständen noch das Bild eines Busses mit der Aufschrift Reisegenuss. Dem setzt Rasha Abbas eine wunderbar andere Haltung entgegen:

Das AutorenIch sieht ihren Antrag auf Asyl als ein Computerspiel und jede zermürbende Phase des Prozederes nicht als  Hürde, sondern als Test für das nächste Level eines Adventure-Games. Wer gewillt ist, sich darauf einzulassen, dem bietet dieses EBuch NICHT die bekannte, zur Zeit sehr abgefragte Sicht eines Flüchtlings, sondern humorvolle Erzählungen. Zudem ist die naive Sicht sehr dominant, ohne diesen Blick wäre das Buch tieftraurig. Und so wimmelt es in Die Erfindung der …  nur so von Beobachtungen, die zu Begebenheiten werden, Satirisches gibt Groteskem die Hand. Am Anfang sind es komische Grundsituationen, dann stapeln sich die Situationen genau wie die Verkennungen, drehen ab, werden grotesk.

Abbas dreht den Spieß um, sie beobachtet  Deutschland und deren Einwohner, Sitten und Gebräuche genau, während sie versucht, sich zurecht zu finden. In manchen Kurzgeschichten flaniert sie durch die Stadt wie Franz Hessel in Flanieren in Berlin und verzweifelt ähnlich wie Mark Twain an der deutschen Sprache, was schon mit den Merkwürdigkeiten der Artikel beginnt. Diese Außensicht, wie sieht Deutschland eigentlich für den aus, der neu hierherkommt, macht das Buch ungemein lustig.

In der Kurzgeschichte Sag niemals Jobcenter fällt der Icherzählerin auf, dass sie die vielen skurrilen Beschreibungen, die über native Deutsche im Umlauf sind, gar nicht nachprüfen kann, weil sie in Berlin-Neukölln lebt. Sie kann über Deutsche schlichtweg nichts sagen. Was sich auf einer Fahrt zum Jobcenter ändert. Nachdem das muntere AutorenIch in der S7 nach Ahrensfelde in eine  Faszinationsstarre verfällt – „… während mein Blick staunend über die Unmengen an blondem Haar wanderte. So viel Blond in einer derartigen Dichte, an einem Ort geballt, …. Das sind sie also, die Deutschen. Endlich! …“  – wird geklärt, warum man niemals Jobcenter sagen sollte. Lieber Arbeitszentrum. Oder Crew. Alltagsrassismus beißt sich an Lakonie die Zähne aus.

Die Dialoge kommen schnell und leicht daher, sie suchen das Gegenüber und sind aus der Perspektive der nur scheinbar naiven Autorensicht köstlich. Der singende Ton der Erzählstimme und ihre liebenswürdige  Naivität haben großen Anteil daran,  dass die Stories nicht  in ein plattes  Ihr gegen Wir verfallen. Die Sprachhaltung und die gelungene Übersetzung weisen der Erfindung der deutschen Grammatik eine interessante Flirrigkeit im Hier und Jetzt zu.  

Mein Fazit: Es kostet Mut, Aber trotzdem! zu sagen und zu lachen. Und es kostet Kraft, Menschen, Dingen und Situationen ihre manchmal unerklärliche Heiterkeit des Seins abzugewinnen. Beides schafft Rasha Abbas.

Erschienen am 8. März 2016
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
ca. 200 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-30-7

Erhältlich bei:
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Gedruckt erhältlich ab Ende März 2016 bei Orlanda, ISBN 978-3944666-25-9, 12,50€, Klappenbroschur.

Rasha Abbas, Autorin und Journalistin, veröffentlichte 2008 ihren ersten Kurzgeschichtenband, Adam hasst das Fernsehen.

Die Übersetzung besorgte Sandra Hetzl, Kopf des 10/11 Kollektivs. 10/11 hat es  sich zum Ziel gemacht, Texte junger arabischer Autoren sichtbar zu machen. Mehr Informationen 10/11.