Ein neuer mikrotext. Elke Brüns mit Unbehaust

Termin: E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a. Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. 

 

…Wohnen und Nichtwohnen sind keine einfachen Tatbestände, sie sind umgeben von Fantasien, Ängsten und Wünschen….

Der mikrotext von Elke Brüns, erschienen November 2017 widmet sich in beschreibender Form der Kulturgeschichte der Obdachlosigkeit, beleuchtet die gesellschaftlichen Folgen für Wohnungs-, Obdachlose, Nomaden und Flüchtlinge.

Akribisch nimmt sich die Autorin dem Unbehaustsein an, ihr Essay spürt den Zuweisungen der Dach- und Wohnungslosigkeit nach. Elke Brüns, die als Dozentin an der Universität Greifswald lehrt und zu Armut forscht, trennt in ihrem Essay zuerst die Real- von der Imaginationsgeschichte der Obdachlosigkeit. Es geht in Unbehaust nicht um die soziale Frage des Warum Obdachlos, sondern um die Kulturgeschichte des Unbehaustseins. Daneben zeigt die  Autorin imaginationsgeschichtliche Prozesse; wie den freien Vogel in der Geschichte der Romantik. In losen Kapiteln nähern wir uns dem Mythos, der seit der Romantik um die Obdachlosigkeit gesponnen wird, was weiter lebendig einwirkt auf künstlerische Prozesse, in der der Obdachlose zum Antihelden, sogar zu einem heimlichen Ideal für Literatur, Film und Fotografie wird.

Der Obdachlose ist das Sinn- und Zerrbild einer Gesellschaft, eine lebendige Frage: Wie helfen? Wem soll man helfen? Wem soll man denn noch alles helfen? …

Zur Faszinationsgeschichte der Unbehaustheit: Die romantische Deutung einerseits nimmt sich des Menschens ohne Obdach als einer Kultfigur an, frei von Fesseln und Zwängen des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens. Elke Brüns nennt es zutreffend …. Die Sehnsuchtsgestalt der Vagabondage…  Imagination einer Gestalt, die sich aus bürgerlichen Zwängen befreit. Joseph von Eichendorff lässt in seinem Roman Aus dem Leben eines Taugenichts einen Antihelden auferstehen, der Heimat, Haus und Hof verlässt, das Joch der strengen Pflichten abschüttelt und frei aller Verantwortung in die Welt hinaus zieht. Die Freiheit wird gesucht, das Entdecken und das Sich-Entdecken. Arbeitsnorm, Einhaltung von Tradition und Gesetz sind unnütz. Der Taugenichts ist der erste deutsche Punk, ein Aussteiger. Die Intention des Geschriebenen bei Eichendorff liegt  nicht nur in der Lust an der Provokation begründet, sondern ist auch ein Hinterfragen von Gesellschaftsordnungen und Werten, die dem Leser über die Figur nahegelegt werden. Aber das ist auch ein Problem: Es ist ein romantisiertes Bild – eine Figur, die die Lesenden am Ofen wachrütteln soll. Denn geschrieben wurde der Taugenichts mitnichten für Vogelfreie, Unbehauste und Obdachlose.

Die Wirklichkeit der Obdachlosigkeit sah anders aus. Landfriedenserlässe aus dem 13. Jahrhundert, die sich an Stand und Ort knüpfen, haben für Vagabunden (Vagierende) die keinen festen Ort ihr eigen nennen können, mehrere rechtliche Deutungen:  Rechtlosigkeit. Ehrlosigkeit. Vogelfreiheit. Ein Dekret aus England aus dem Jahr 1547 geht noch weiter: Aufgegriffene Land- und Obdachlose konnten versklavt werden, durften in Ketten gelegt, ausgepeitscht und verliehen werden. Im Falle des Todes des „Besitzers“ wurden die Aufgegriffenen an die Nachkommen vererbt.

Neben dem sehr informativen historischen Abriss geht Elke Brüns auf Darstellungen des Obdachlosen in Film und Fernsehen ein. Hier wird Obdachlosigkeit zur Typage. Eine Ausnutzung des Klischees wird zeitsparend genutzt. Denn: zwei Tüten, ein schlurfender Gang und Schlafen an öffentlichen Orten, das kann doch nur …  Dass die Typisierungen oft genug nicht demontiert, aufgebrochen, sondern im Gegenteil noch ausgestellt werden, um wie im Schauerroman Furcht und Schrecken zu verbreiten, dekliniert die Autorin in Kapitel 1 durch, Überall und nirgends, indem sie Fernsehkrimis und Tatorte analysiert. Es ist natürlich richtig, dass Film durch seine Sichtbarkeit und Begrenzung dazu neigt, Typen hinzustellen, die nicht erklärt werden brauchen, so muss keine Figur erschaffen werden. Aber es ist kein berechtigter Einwand, sich einer Typage zu bedienen. So bleibt der Mensch verborgen hinter der Zuschreibung. Es stellt sich heraus: Allzu oft sind Obdachlose in Film und Fernsehen ihrer Wirkform nach Sozialfiguren des Elends. Sie sind für den Zuschauer der unverstellte Blick auf Armut im Wohlstand, grauselige Furchtfigur für Kinder.

…Der Unbehauste ist in einem greadezu skandalösem Maß allem ausgesetzt – dem Wetter, dem Lärm, seinen Mitmenschen. …

Was bleibt:

In Deutschland gibt es gibt keine gesicherten Erhebungen zu der Anzahl von Personen ohne ständige Bleibe. Nach Schätzungen der Sozialverbände haben 20.000 Berliner keine Wohnung, daher ernannte die Berliner Zeitung flugs Berlin zur Hauptstadt der Wohnungslosen. Eine halbe Million ohne Obdach sind es deutschlandweit.

Der lesenswerte Essay zur Obdachlosigkeit von Elke Brüns hat nicht zur Intention, den Obdach- oder Wohnungslosen auszustellen, dieses Eriginal legt unseren Blick frei, entkernt die Angstmechanismen der Menschen mit Behausung. Zurück bleibt die berechtigte Frage: Warum wurde Nomadentum zur Obdachlosigkeit und strafbar – und wenn das bürgerliche Modell des Behaustseins die Norm ist – wie helfen?

Über die Autorin: Elke Brüns lehrt als Privatdozentin für deutsche Literatur an der Universität Greifswald und an der NYU Berlin. Sie forscht seit Jahren zu Armutsbildern.

 

Erschienen am 8. November 2017, Original-E-Book
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone, mit Bildern von Uli Fischer, Boris Mikhailov, Dominique de Rivaz, Bas Timmer
ISBN 978-3-944543-54-3, erhältlich:
Amazon beam Buchhandel.de Buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel.

 

 

Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

West-Berlin, 1980 – Lob des Imperfekts, von Käthe Kruse

Ein neuer mikrotext: „…Abgeschottet hinter der Mauer entstand in den 1980er Jahren in Berlin eine radikal moderne Künstler- und Musikszene, die auch international beachtet wurde: experimentierfreudig, provokativ, selbstorganisiert. Die ehemalige Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris erzählt. …“

Es ist Käthe Kruse, die im Lob des Imperfekts  von einer Zeit im Aufbruch, Umbruch, erzählt. Weg mit der Professionalisierung, erstmal Aufstehen, sich Bewegen, Handeln. Im Prozess des Machens fand sich der Weg zur Kunst. Oder eben nicht. Dieses Konstrukt des Handelns erstreckte sich auf alle Bereiche des Lebens, im Lob des Imperfekts veranschaulicht an den Lebensbereichen Wohnen, Kunst, Bauen. Vorwort und Texte entstammen Interviews, Aufsätzen oder sind Teilstücke von Vorträgen; z.B. Käthe Kruse über die Genialen Dilletanten, vorgetragen 2017.  Mal erinnert sich Käthe Kruse, dann ist es die Vorstellung einer Lebenswelt anhand eines Vortrags, mal ein entspanntes Interview. Das Lob des Imperfekts kommt zwangslos daher und es fällt beim Lesen auf, wie unglaublich viel – Mensch, Werte, Moral –  sich seitdem verändert haben.

Wer es nicht mehr kennt, das Berliner Feuchtbiotop der Siebziger, Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der findet in diesem eBook viel  verschwundene Kultur. Man trifft auf die Generation der Nach-68er, die sich schwer einordnen und abgrenzen lässt, eben weil  sie die Individualität zum beherrschenden Maßstab alles Seins erhob. Am ehesten werden all diese Leute noch unter dem Begriff Hausbesetzer verallgemeinert (Hausbesetzer ist unrichtig, Instandbesetzer trifft es in weiten Teilen besser), aber wer sich zu der Zeit in Berlin herumtrieb, der merkte, dass ein instandbesetztes Haus sich von dem Nächsten zu annähernd einhundert Prozent unterscheiden konnte.

Was waren die Ursachen der Besetzerbewegung? Anfang der 80er Jahre standen rund 27 000 Wohnungen in West-Berlin leer, und 80 000 Wohnungssuchende hatten keine feste Bleibe. Die herrschende Wohnungspolitik geriet darob in ihre bislang schwerste Legitimationskrise. Ein Korruptionsskandal um den Bauunternehmer Dietrich Garski brachte den SPD-Senat zu Fall. Erst das damit entstandene Machtvakuum ermöglichte die nun folgende enorme Zunahme von Hausbesetzungen.

(https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/19/berlin-hauserkampf-und-stadterneuerung/)

Leerstand in  Berlin. In Kreuzberg, Neukölln, dem Wedding, auch Moabit. Hausbesitzer hatten kein Interesse an Vermietungen, denn Altbauten waren mietpreisgebunden, was sie zu billigen Behausungen machte. Im Kreuzberg meiner Kindheit gab es viele Häuser mit vernagelten Fenstern, im Vorderhaus wohnten noch zwei Omas und ein Trinker und im Seitenflügel Türken. Es gab Firmen, die sich auf Entmietungen spezialisiert hatten; was hieß Glühbirnen im Treppenhaus zerschlagen, Briefkästen demolieren. Wenn dann noch die notwendigen Renovierungen ausblieben oder die Kosten für die Müllabfuhr nicht bezahlt wurde, sich Ratten in den stillgelegten Toiletten auf der Halbtreppe tummelten, konnte eine Abrissgenehmigung erteilt werden. Für die Altbausubstanz in Berlin waren die Instandbesetzer ein Glücksfall, sonst würde die Stadt heute aussehen wie Osnabrück in hässlich.

Die Musik oder das Sich-Ausprobieren wie hier die Tödliche Doris oder die Genialen Dilletanten, konnte spannend, interessant oder uninteressant sein, auch nervig, aber das, was immer im Subtext zu erspüren war, war der Wille zur Freiheit. Was zur Folge hatte, das ziemlich schräge Acts stattfanden, die keinerlei Mehrwert boten. Aber von dem Denken, dass Kunst einen Mehrwert böte, ein Erleben mit evtl. sittlicher Hebung, musste man sich verabschieden. Das Aufbrechen von Darstellendem, Dargestelltem und Publikum fand statt. Diese Art des Denkens war radikal anders und machte Spaß. Und darum geht es doch im Leben.

Im Interview zu neuen Lebensmöglichkeiten,  durchläuft Käthe Kruse den Weg von der Instandbesetzung zum ökologisch verträglichen Mieter bis zum Mehrgenerationenhaus. Gleichzeitig zeigt das Interview, wie fordernd es sein konnte, in einem Haus zu wohnen, in der die Rolle Vermieter, Mieter aufgehoben war; auf Kleinsträumen, im gelebten hierarchielosen Miteinander sollten Träume gelebt werden, letztlich stand immer die Toleranz auf dem Prüfstand.

Mein Lesetipp: Das Lob des Imperfekts leuchtet wie ein Schlaglicht auf die seltsamen Jahre der Vorwendezeit, in der entweder alles Aufbruch oder Stagnation war. Schöne Einblicke in eine Szene, die es heute in Berlin nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Denn dafür braucht es Menschen, die Zeit haben. Lob des Imperfekts ist eine Zeitreise. Wer Berlin der 80er Jahre nicht kennt, der kann es lesen wie Geschichten aus Vineta oder wie ein Märchen.

 

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts, mikrotext Verlag:  Erschienen am 26. Juli 2017
ca. 130 Seiten auf dem Smartphone, mit Fotos
ISBN 978-3-944543-52-9
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

 

 

Meine schönsten E-Books

Am Tag der Arbeit gern diese Arbeit. Ich habe E-Books zusammengestellt, die ich in letzter Zeit sehr gern las. Aus verschiedenen Gründen finde ich diese Eriginals und E-Books spannend, mal der Aktualität oder aufgrund ihrer Einzigartigkeit wegen. Also, ich möchte noch einmal vorstellen:

 

 

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, Ein rasanter Roman für Freunde der Fiktion. Verlag Das Beben.

Rex Feuchti startet als Schlüssellochroman, den vorgeblich die Frage umtreibt, wie es zur Enthauptung des Pornorappers Rex Feuchti in der Hannoveraner Fußgängerzone durch eine bis dato sympathische Supertalent- Gewinnerin, Fräulein Xenia Hammerstein, kommen konnte. Frau Grimma, laut Eigenauskunft erfolglose Schwerintellektuelle, gibt gleich darauf bekannt, dass sie noch nie etwas geschrieben hat. Und das wird zum Stil- und Formelement: Ein Potpourri aus Zeitungsartikeln, Geschichten, Essays, Kolummen, Märchen, Leserbriefen, Aufsätzen und den Beurteilungen durch Lehrkräfte  hebt an, mischt sich, macht sich Konkurrenz. Der Roman Rex Feuchti ist nicht richtungslos, sondern absichtsvoll ausschweifend, aber eine Tendenz zur Gliederung, einen Haltepunkt gibt es: Es ist die Lyrik des Pornorappers, auch schwanzige Texte genannt.

Es ist ein absurdes Buch, voll mit Albernheiten, die sich unvermittelt als Ernst entpuppen. Expressionistischer Wortbrei aus jeglicher Richtung, oft kakophon, mit der super unzuverlässigsten Erzählerin der Welt. Rex Feuchti – ein großer Spaß.

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, ca. 150 Seiten, EAN: 9783944855073, 3,49 Euro.

Besprechungen: Elektro vs. Print

 

 

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohntNadine Wojcik, Wo der Teufel wohnt. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die Wissen wenig Wert hat; es ist der Glaube, der zählt. Menschen aus allen Schichten strömen zum Exzorzisten. Und auf der Suche nach Wahrheit und Erlösung können die merkwürdigsten Formen nebeneinander existieren; Psychologen und Exzorzisten in friedlicher Koexistenz in einer Beratungsstelle, die sich die Klienten gegenseitig überweisen … Nadine Wojcik ist ein sachlicher und berührender Text gelungen, die Interviewpassagen machen die Reportage einzigartig. Ein mikrotext.

Besessene und Teufelsaustreiber in Angst vereint. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Weltlage, Furcht. Ein Rollback der Religionen tut sich auf, Menschen, die Halt und Geborgenheit in Regelwerken suchen unterwerfen sich bedingungslos. Ist Zivilisation beängstigend? Brauchen wir den freien Willen? 

Natürlich liefert Wo der Teufel wohnt keine endgültige Erklärung für das Revival rund um den Exzorzismus. Auch keine Erklärung für den Umstand, warum sich der Teufel gerade in Polen und da überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den Zeilen erzählt dieses Buch von der Suche nach einfachen Antworten in einem Wirrwarr von Welt.

Eriginal, auch als Buch erhältlich, ca. 200 Seiten ISBN 978-3-944543-39-0, 3,99 Euro
buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Thalia Weltbild.

Besprechungen: Atheist Media Blog,  Edition FElektro vs. Print,

 
Akkordeonistin
Sitze im Bus
(ePub, mobi)
EUR 2,99/CHF 3,50
ISBNePub: 978-3-944195-63-6
ISBNmobi: 978-3-944195-64-3
Shops
ePub: Apple, Dussmann, Hugendubel, Mayersche, Minimore, Minimore, Ocelot, Osiander, Thalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi:...Akkordeonistin, Sitze im Bus.  Ein Bus ist ein Transportmittel und ein eigentlich sehr uninteressanter, manchmal lästiger Ort. Die Akkordeonistin aber fährt nicht nur der Beförderung wegen Bus. Sie beobachtet, erlauscht und lässt ihre Gedanken dabei fliegen. Herausgekommen sind Betrachtungen, winzige Splitter des Menschseins. So kurz und erfreulich verknappt, sind diese winzigen Erzählungen ein Menschheits-Kaleidoskop. Es ist Lyrik, es ist Kurzgeschichte, es sind Aphorismen, und das Medium ist Twitter. Hundertzweiundzwanzig dieser im Netz berühmten Kürzestgeschichten, entstanden zwischen 2012 bis 2015, versammelt das Buch und jede einzelne von ihnen entfaltet sich beim Lesen zu einer erstaunlich großen Welt.

Akkordeonistin, Sitze im Bus, ePub, mobi, ISBNePub: 978-3-944195-63-6, EUR 2,99,
Apple, Hugendubel, MayerscheThalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi: Amazon

Besprechungen: http://www.sueddeutsche.de/kultur/twitteratur-sie-sitzt-im-bus-1.3084927, Literaturen

 

 

Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung. Stories. Wer denkt bei Singapur nicht als Erstes an Singapur-Airlines? An Stewardessen mit adretten Frisuren, lieblich lächelnd ein Tablett in der Hand?  Bilder von glücklich devoten Frauen kann der einmotten, der das zu Recht viel beachtete Debüt von Amanda Lee Koe, das Ministerium für öffentliche Erregung, gelesen hat. Erschienen bei culturbooks.

Frauen sind der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Short Story in diesem Buch. In genau beobachteten Short Stories blüht Leben, Geschichten, Leid und Freude. Die exzellent beobachteten Miniaturen erinnern an Dorothy Parker, wenn eine kleine Begebenheit zu großer Tragik mutiert, manchmal in Komik aufblüht.

Die fast noch jugendliche Autorin lebt in New York und Singapur,  Ministerium für öffentliche Erregung ist ihr Debüt und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht. Die Autorin ist eine Geschichtenerzählerin und ihre ganze erzählerische Kraft, der auch die unaufgeregte, sachliche Sprache zugute kommt, nutzt sie, um sich dem Du zuzuwenden. Im Rampenlicht stehen Antitypen, Antiheldinnen, die bei einem Autorentyp wie Carson McCullers für das Maximum an Rührung gesorgt hätten. Aber im Heute, lässt die Autorin ihren Heldinnen ein Selbstbewusstsein, das bemerkenswert ist. Dieses Buch ist feministisch, ohne es zu forcieren. Dieses Buch besitzt eine unglaublich schöne Lakonie.

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks unplugged, Euro. ISBN 978-3-95988-018-3240 Seiten. eBook: 14,99 Euro. Hardcover 22,00 .
Leseprobe (PDF) CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche.

Besprechungen: Sätze & Schätze,  Perlentaucher.de,  Elektro vs. Print,

 

Kurt Tucholsky, Seifenblasen. Eine Filmerzählung, erschienen bei Rowohlt Rotation, dem Imprint der Verlagsgruppe Rowohlt.  Seifenblasen ist eine in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Diese Erzählung versteckt sich in der großen Tucholsky-Gesamtausgabe, wer sie nicht hat, für den ist diese Auskoppelung lohnenswert.

Seifenblasen ist Verwechslungskomödie um das Mädchen Barbara, dass als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms ist Barbara als Travestiekünstlerin eine Berliner Berühmtheit. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, die Berliner Schnauze zu ihrem Recht kommen zu lassen. Heute gelesen, ist es ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig.  1929 emigrierte Kurt Tucholsky nach Schweden. Auslöser war der Prozess gegen die Zeitschrift Weltbühne, der sich gegen die Verleger, Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete; wegen des berühmt gewordenen Satzes Soldaten sind Mörder – von Kurt Tucholsky.

Und da wird die Filmerzählung Seifenblasen todtraurig, weil zu bemerken ist, wie Tucholsky sich aus der Ferne sein Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, nahe schrieb. Zusammen genommen: die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky diese dalberige Komödie schrieb, lassen sich heute von dem heraufziehenden Dritten Reich nicht mehr trennen. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro.

 

Besprechungen: Elektro vs. Print, Seifenblasen.

 

Und natürlich ist diese Liste unvollständig. Dieser Beitrag ist auch auf  e-rstausgabe.

Einen schönen 1. Mai weiterhin.

Politische Liebesromane

sind eher selten anzutreffen. Entweder gibt es Romane mit politischen Ereignissen als Hintergrund einer Romanze oder politische Ereignisse greifen durch in das Leben der Menschen, beeinflussen oder zerstören sie wie zum Beispiel in Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, bei dem der Kollisionsgeber Napoleons Russlandfeldzug von 1812 ist.

Ganz anders packt Barbara Cartland die Thematik an. Für Cartland, Botschafterin der pinkfarbenen, mit Zuckerwatte gefüllten Herzen, die einen Gesamtverkauf von über einer Milliarde Bücher vorweisen kann, ist Politik das Rattengift der Romanze. In ihrer Glanzzeit fabrizierte Frau Cartland alle 14 Tage einen Roman, in dem das höchste der politischen Andeutungen ist, dass ein Sire zu seiner Königin oder dem König  einbestellt wird. Laut Cartland müssen Liebesromane von Wirrungen leben. Das ist nicht ganz richtig, denn bei den Cartlandschen Liebesromanzen ist die Handlung nicht von Wirrungen bestimmt, denen die Helden ausgesetzt sind, sondern speisen sich oft aus der Verwirrtheit der Heldinnen. Kommt dann noch ein Held dazu, der alles notorisch falsch versteht, dann sind Zerwürfnisse vorprogrammiert.

Also ist eine leicht verwirrte Heldin keine gute Voraussetzung, wenn es um handfeste politische Fragen der Jetzt-Zeit geht. Arunika Senarath stellt sich in ihrem Roman: Diese eine Nacht, erschienen bei mikrotext genau diesem Problem. Die Schreibe ist einfach, locker, das Dialogische stärker als das Beschreibende.

Nur diese eine Nacht ist eine wirbelige Geschichte um Sten und Amina. Für die hübsche, dunkelhaarige Amina ist es das erste Semester in Dresden. Sie lebt sich nur oberflächlich in der Elbstadt ein, denn Amina ist zögerlich, zweifelnd und grübelnd aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses ihrer Vorvergangenheit. Ihre männliche Ergänzung ist Sten, ein intelligenter und gutaussehender BWL-Student mit eisblauen Augen. Die Schöne und der Teutone.Eine Anziehung ist da. Es knistert.

So weit, so trivial. Das ist nicht abwertend gemeint, denn triviale Erzählformen brauchen eine starke Bauform und werden dann zu großartigen Werken,  wenn sie den Sachverhalt um etwas Unerwartetes bereichern. Und genau das macht die Autorin. Denn Sten ist intelligent, ein Kavalier und rechts. Die Autorin stellt die Figuren in eine Stadt, die immer wieder von sich reden macht, wie jüngst mit Demonstrationen gegen Skulpturen und lässt den Helden, den jungen Sten seiner Fast-Freundin Amina, die Deutsch/Algerischer Abstammig ist, erklären, warum er den Zuzug von Ausländern kategorisch ablehnt.

Dadurch killt Senarath zwar ihren Darling, kommt aber zu einer berückenden Gegenwärtigkeit. Denn Sten ist nicht nur rechts, er engagiert sich auch noch in einer Gruppierung namens Ante Noctem, die ausländerfeindliche Aktionen plant. Es wäre und könnte ein  Gesellschaftsroman sein, aber leider weist Stens Ausländerfeindlichkeit Züge einer Inselbegabung auf; der Konflikt ist ins Private gezogen, weil sich Amina berechtigt und in Variationen die Frage stellt, ob sie, als Deutsch-Algerierin mit einem Nazi befreundet sein kann.

Das diese Frage auf Seite 50 ganz klar nicht mit einem Nein beantwortet werden darf, versteht sich von selbst, denn dann wäre der schöne Roman ja schon aus. Daher wird die Liebesgeschichte angereichert um ein Ereignis, dass die Autorin in die Vorvergangenheit von Amina gelegt hat. Amina wurde wie die Marquise von O. schwanger, gepaart mit dem ganzen Nichtwissen um die Entstehung des Kindes. Entgegengesetzt zur  Marquise von O., die ihren Vergewaltiger lieben lernt und heiratet, beseelen Amina ganz andere Gefühle. Dieses Nichtwissen, was in der Nacht passierte, macht aus Amina eine andere Person. Aber auch hier muss in der notwendigen Fortsetzung entschieden und geklärt werden, wer der Vater ist – auch in bezug zum Haupthelden. Das ist das Konfliktpotential von Amina, an dem sie aber nicht wächst, sondern das sie ausmacht.

Um Sten und den Machenschaften seiner Gruppe Ante Noctem auf die Schliche zu kommen, wird Amina zur Detektivin. Sie möchte ihren Freund und seine Kumpanen überraschen -wobei, was nicht schon klar wäre? Dass Amina ermittelt und dann im Zuge ihrer dilettantischen Schnüffelarbeit etwas findet, was zügig zum Ende des ersten Teil des Romans führt, ist nicht gelungen; die Handlung bekommt kolportagehafte Züge, was den Realismusgehalt des Textes killt.

Ja, der Schluss ist unverständlich wie unbefriedigend, es ist kein Schluss, sondern ein Cliffhanger. Gottlob ist ein zweiter Teil in Planung, der die ganze Sache mit der Liebe um Amina und Sten bis zum Ende behandelt. So gesehen ist Nur diese Nacht ein Zweiteiler, und am Anfang des zweiten Teils müsste erklärt werden, was das für ein Anschlag war, den die Gruppe Ante Noctem plante.

 

Zur Autorin: Arunika Senarath wurde 1993 in Colombo, Sri Lanka geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Sie studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden und wohnt in Berlin. Diese eine Nacht ist ihr Debütroman. Sie schreibt an einer Fortsetzung, die demnächst bei mikrotext erscheinen wird.(Quelle: mikrotext)

Mein Fazit: Ein Liebesroman mit politischen Dimensionen in Elbflorenz. Die Zutaten zu diesem Roman sind toll. Ein schöner Einfall, dass für eine beginnende Liebe die größte Hürde und die größte Möglichkeit des Scheiterns darin liegt, dass der männliche Held alles ist – und ein Nazi . Eine wunderschöne Konstellation von Menschen, Liebe und Leidenschaft in Sachsen. Die Schwächen sind, dass die Figuren sich nicht so sehr bewegen, noch nicht die Tiefe haben, dass die sie beherrschenden Konflikte richtig aus der Bahn schleudern. Trotzdem: Auch dank der flotten Schreibe durchaus ein lesenswertes Buch in 2017.

Diese Eine Nacht, E-Book, zu beziehen bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel

 

 

Vorsatz und Vorschau – mein literarischer Januar

Mein erster Vorsatz soll sein: Ich will mehr lesen. Aber: Ich will ganz explizit nicht noch mehr News konsumieren, nicht noch mehr  Nachrichtenmeldungen, die sich tausendfach retweetet aufblähen wie dicke Gespenster. Ich will auch nicht mehr so viel Kommentare auf Facebook lesen. Obwohl ich Kommentare lesen nicht unter Lesen verschlagworte, ich halte Kommentare lesen für etwas Erlauschtes; denn der, der spricht (ja, ich halte Facebook für ein orales Medium) weiß nicht, dass ich ihn höre. Aber das ist ein anderes Thema, für Pessimisten die Rolle rückwärts – der Rückfall in eine dunkel orale Kulturzeiten durch soziale Medien.

Aber da will ich ja gar nicht hin. Erstens war, ich will mehr lesen, und zweitens: Ich werde ab sofort ein Buch nur noch nach dem anderen lesen. In der Nachbetrachtung 2016 beschlich mich das dumpfe Gefühl, dass ich manche Bücher vielleicht anders hätte besprechen können und müssen, wenn ich dem Buch mehr Singularität zugestanden hätte.  Einem Buch muss Zeit gewidmet werden. Bücher verlangen Ausschließlichkeit. Das tut ihnen gut. Bücher werden nicht als Mischware konzipiert, sie können zwar gut bei einander stehen, eignen sich aber nicht wie Obst dazu, gemischt zu werden.

Der letzte gute Buchvorsatz: Ein Buch lesen ist eine Eroberung. Das hat etwas gipfelstürmerisch Romantisches – weniger: Sich ein Buch zu erschließen ist wie die Arbeit eines Streetworkers im Regen an Fernbahnhöfen. Das muss man wollen, da muss man sich drauf einlassen. Was im Lesen für mich bedeutet; einem Buch mehr Zeit zu geben, es nicht gleich wegzulegen.

Das reicht jetzt aber 2017 an guten Vorsätzen, mehr schaffe ich nicht. Und es gibt wieder eine ganze Reihe Bücher und Projekte, an denen ich meine guten Vorsätzen in die Tat umsetzen kann:

Neues aus dem Frohmann Verlag: Die Reihe Hausbesuch startet. 10 Autor_innen – 7 Länder – 6 Sprachen – 20 Reisen – 40 Hausbesuche – 11 E-Books wird zu 1 europäischen Geschichte. Zehn Schriftstellern wurden quer durch Europa die Türen geöffnet. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freue ich mich auf die sechssprachige E-Book Reihe, entstanden in Kooperation mit dem Goethe Institut, die am  10. Januar 2017 startet. Die Texte sind zu beziehen über den  Frohmann Verlag.

Seit ein paar Wochen habe ich den Roman Totenläufer von Mika Krüger auf meiner Leseliste. Totenläufer ist eine Dystopie, in der eine Welt beschrieben wird,  die sich stark über die Nutzlosigkeit einiger Menschen definiert.Hört sich erst einmal null utopisch, sondern real an. Nach Konstruktion dieses Konfliktpotentials und Verlagerung in fantastische Welten geht die junge Hallenser Autorin  daran, aus der Unmöglichkeit des Seins für viele Menschen in Red-Mon-Stadt die Verhältnisse eskalieren zu lassen. Rebellion liegt in der Luft. Ich habe Totenläufer schon angelesen, fühlte mich an den Blade Runner erinnert –  und obwohl Fantasy ist nicht so mein Fach ist, bin ich nach der Leseprobe sehr angetan von Totenläufer. Ausführliche Besprechung folgt.

Und dann will ich mich großen Gefühlen stellen; in einem Text, der ganz offen und unverstellt ein Liebesroman ist. Arunika Senarath mit Diese eine Nacht. Der Titel hat was von einem Baccara-Roman, auf dem Cover ein Mann im Cut mit einer Rose im Mund. Aber in diesem mikrotext soll mehr drinstecken als eine Liebesgeschichte, die losgelöst von Zeit und Raum agiert. Neben Amina und Sten, die sich in Dresden kennen und lieben lernen, hat die Jetzt-Zeit einen Raum und kommt dem jungen Glück mit Konflikten;  und zwar die Auseinandersetzung mit differierenden politischen Haltungen. Ich bin sehr gespannt.

Damit dürfte der Januar lese- und besprechungstechnisch fast rum sein, aber ich möchte noch -und das schon seit langem – Liza Cody und Malla Nunn – beide als E-Books bei culturbooks erschienen, lesen. Ich denke, dass meine Winterferien unter dem Zeichen dieser intelligenten Kriminalromane stehen werden. Beide Autorinnen nutzen das Genre des Kriminalromans, um Zustände und Haltungen von Gesellschaftsformen aufzuzeigen. Nicht  durch die Funktion des Autorenkommentars, was immer ein wenig geschwätzig daherkommt, sondern dadurch, dass sie Zündstoff durch Anordnung von Szenen und Konzentration von Figuren nutzen. Darauf freue ich mich sehr.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf einen Blog: LitAfrika, ins Leben gerufen von Sophie Sumburane. Hier bekomme ich einen guten Einblick in heutige afrikanische Literatur abseits von ausgetretenen Pfaden oder zugeschnitten auf vemeintlich europäische Bedürfnisse: “  … „Solange die Löwen sich nicht ihre eigenen Geschichten ausdenken, werden in Jagdberichten immer Jäger die Helden sein.“ ….“ (afrikanisches Sprichwort, gefunden auf LitAfrika)

Hier wurde ich auf das bemerkenswerte Gedicht von Adewale Owoade aufmerksam. Denn Dein Körper nahm den falschen Weg nach Haus. Dieses Gedicht nimmt sich eines 2016 geschehenen Mordes an; ein Jugendlicher wurde in Ondo, Nigeria, von einer Gruppe Jugendlicher so schwer zusammengeschlagen, dass er einen Tag später an seinen inneren Verletzungen starb. Der Grund für die Attacke war die angebliche Homosexualität des Opfers. Passanten und Schaulustige griffen nicht ein. Der Lyriker Owoade, Gründer des Literaturmagazins Expound, macht sich in Nigeria nicht nur mit diesem Gedicht stark dafür, Homosexualität zu enttabuisieren.

So. Das wird mein literarischer Januar sein.

Mit satanischen Gesten ist nicht zu spaßen

… denn sie zeigen an, dass ein Pakt mit dem Teufel eingegangen wurde. Das erklärte ein Exzorzist der Journalistin Nadine Wocjik, die sich, nachdem sie auf die exorbitant hohe Zahl von 130 professionellen Teufelsaustreibern in Polen stieß, fragte: Was geht da ab? Warum dieses Bedürfnis? Wo der Teufel wohnt, erschienen im mikrotext Verlag.

Wussten Sie, dass Harry Potter, Hello Kitty, Yoga und die Band Nirvana satanischen Ursprungs sind? Davon gehen namhafte polnische Exzorzisten aus. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Warum Menschen aus allen Schichten und Verhältnissen eher zum Exzorzisten gehen als zum Psychologen und warum Psychologen und Exzorzisten oft in einer Beratungsstelle anzutreffen sind, sich die Klienten gegenseitig überweisen – auch das schildert die Beobachterin mal amüsiert, stellenweise fassungslos.

Die Journalistin Nadine Wojcik, aufgewachsen in Velbert und katholisch sozialisiert von der Großmutter,  fährt nach Polen und beginnt zu recherchieren. Sie trifft auf Pfarrer, die ihr erklären, dass der Teufel natürlich Gottes Schöpfung ist. Und wo Gott ist,  da ist Gottes Kreatur – der Teufel – auch nicht weit. Nadine Wojcik versucht zu interviewen, ihr wird nicht getraut, sie wird hingehalten, abgewimmelt, bis sie mit Hilfe des Regisseurs Konrad Szolajski zu der jungen Frau Karolina findet, die sich im  gerade entstandenen, in Deutschland noch nicht erschienen Film Kampf mit dem Satan interviewen ließ.

Das Gespräch zwischen Karolina und Nadine Wojcik, in Krakau geführt, ist mehr als beklemmend. Da ist eine junge Frau, die einige Themen hat, die den Namen tragen könnten: Migration, Heranwachsen, Mutterlosigkeit, gleichgeschlechtliche Liebe. Es macht sprachlos, dass eben dieses junge Mädchen erklärt,  dass ihr jahrelange Exzorzismen gut getan haben. „… „Ich leide unter homosexuellen Gedanken“, erzählt da Karolina, sichtlich aufgelöst. „Die treten immer dann auf, wenn ich Ärger oder Eifersucht empfinde, besonders in Bezug auf Schwester Rosa. „In meinen Fantasien trete ich dann in die männliche Rolle, küsse die Nonne, ziehe sie aus, schmeiße sie auf einen Tisch und falle über sie her.“ Ein junger Pfarrer fragt: „Und sie glauben, dass Ihnen nur noch ein Exzorzist helfen kann?“ Karolina bricht in Tränen aus. Ja.“ … „

Rollback der Religionen Beim Lesen der Lektüre schummeln sich meine Fragen zwischen die Zeilen. Sind heute viele Menschen derart abgestoßen oder angenervt von der Zivilisation, dass der Rückzug in korsetthafte Systeme, hier Glaubenssysteme, vorgenommen wird? Ist Zivilisation beängstigend?  Natürlich hat der Glaube dem Denken eins voraus: Es gibt keinen Zweifel. Nur richtig und falsch. Europäer leben mehrheitlich gut mit oder ohne Religion,  Glaube und dessen Ausübung sind eher Privatsache, so wird Frau Wocjik und mit ihr die Leser von einer postsäkularisierten Gesellschaft total überrascht.  Vom Teufel besessen sein, sich den Teufel austreiben lassen. Brauchen wir da noch den freien Willen?

Jesus im Stadion. Unterzeile: Nationale Besinnungstage Ein wichtiger Teil der Reportage widmet sich einem Erweckungsgottesdienst an einem schönen Sonnentag, Prediger ist der ugandische Pfarrer John Boshabora, in Polen ein Kirchenstar. 20.000 Gläubige sind gekommen, Nonnen tanzen über die Festwiese, Frauen fallen um, am Rand des Festivals werden von Pfarrern Beichten abgenommen, es gibt aber auch die Möglichkeit, sich von freiwilligen Helfern den spirituellen Weg im Gebet weisen zu lassen. Die Autorin wundert sich, denn viele Teile der Predigt des John Boshabora sind nicht katholischen Ritus, sondern entstammen der Pfingstbewegung. In der Pfingstbewegung findet nicht nur Ansprache an die Gläubigen statt, da ist Rede und Antwort, Motivation, Begeisterung, schlussendlich Erweckung. Mit dem Höchsten auf Du und Du, das ist Ziel, der Allmächtige kümmert sich um – dich. Die Kundgebung auf der Wiese, die zeitweise Züge einer Massenhysterie trägt, endet mit einer Verlesung der Wunder Boshaboras, die seit seiner letzten Großkundgebung geschahen. Verlorengegangene Söhne riefen also wieder bei ihrer Mutti an, Alkoholiker ließen von der Flasche, viele Heilungen schwerer Krankheiten und Wunder über Wunder. Auch John Boshabora ist ein kleines Wunder, denn es geht von ihm die Erzählung, dass, als er noch ein kleines Waisenjunges war, die böse Tante, die ihn loswerden wollte, ihm einen vergifteten Brei zu essen gab. Aber John betete flugs und die Schüssel mit dem Giftbrei zersprang. Heute ist John Boshabora Predigerstar in einem Land, dass sich beharrlich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen.

Am Ende: … Diese sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Wo der Teufel wohnt, liefert keine endgültige Erklärung dafür, warum sich der Teufel gerade in Polen, überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den den Zeilen erzählt dieses Buch von Angst, ist eine gute Zustandsbeschreibung eines Zivilisationsüberdrusses – und von der Suche nach einfachen Antworten und klaren Regeln. Große Empfehlung.

Epilog:  „Wenn Sie Ende 30 sind und viele Stunden im Internet verbringen, gehören Sie zu denjenigen, die am meisten unter Seinem Einfluss stehen.“  (Zitat: Jan Szymborski, Exzorzist, Warschau).

Erschienen am 16. November 2016, bald auch als Buch erhältlich,ca. 200 Seiten auf dem Smartphone, ISBN 978-3-944543-39-0, erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel. 27. November, 12.30 Uhr: Feature Teufel, komm raus, Deutschlandradio Kultur

 

Weiterführendes:

Kampf mit dem Satan,  Regie: Konrad Szolajski, Dokumentarfilm 2015, ZK Studio (in Deutschland noch nicht erschienen)

Die Brüder Karamasoff, Dostojewski, I. Buch, Die gläubigen Weiber, (Piper Ausgabe 1977, ÜS: E.K. Rahsin, S. 76-77) Darin findet sich eine Episode über eine Klikuscha, Schreiende, Heulende, hysterische Frau, die im Volksmund als verhext galten. „…Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche Kranke gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten manchmal wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets für einige Zeit.“„…sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine altbekannte Wahrheit, dass der unreine Geist, de sich der Kranken bemächtigt hatte, diese verlassen müsse, weil er es nicht in ihr aushalte, wenn man sie zum Altar führe und sie vor der Hostie niederknie ..“

Interessant hierbei ist, das die vielen Fälle der Klikuschi in der öffentlichen Wahrnehmung um 1880 (VÖ Brüder Karamasoff) kaum noch als Besessenheit gedeutet wurde, sondern schon  medizinisch-psychologisch Erklärungsmodelle zur Bewertung herangezogen wurden.

Weiterhin ein schönes Wochenende!