T. C. Boyle, Tod in Kitchawank

 

Die Hanser-Box. Ein Imprint der Hanser Literaturverlage. Alle 14 Tage ein neues Digitalbuch zu moderaten Elektropreisen. Die Hanser Box hat den Vorzug, digitale Bücher, Essays und Kurzgeschichten herausgeben zu können, die nicht mehr verlegt werden oder unbemerkt in Gesamtausgaben vor sich hinrotten.

Eine Neuentdeckung von gut Bekanntem ist bei Autoren wie T. Coraghessan Boyle durchaus lohnend.  Wassermusik ist mein Favorit. Diese Geschichte um die Entdeckung des Nigers durch diesen Don Quichotte Mungo Park, ist faszinierend durch Stoff und Figur, zieht sich weiter durch die Geschichte, die Boyle spinnt. Überhaupt war die Aneignung an den historischen Stoff ein großer Kunstgriff. Aber ich will nicht von Wassermusik schwärmen, ich habe etwas anderes entdeckt.

—Seit einigen Jahren freue ich mich über Neuerscheinungen von Boyle, sie begeistern mich aber nicht mehr.  Sein letztes Buch, die Terranauten, wurde von Sounds and Books genau so besprochen, wie ich es beim Lesen empfand. Sehr gut, sehr professionell, sehr glatt. Und das ist schade, denn dramatische Schreiber, die auch der Komik Raum gewähren, die die Fabel ernst nehmen und die Mühe von Recherche auf sich nehmen, sind rar.—

Und da habe ich in der Hanser Box seine Kurzgeschichten gefunden.  Dreihundertzehn Ratten, In der Zone, Tod in Kitchawank oder Frage 62, als E-Book, bzw epub bei Hanser.

Und da fand ich sie wieder, die Faszination für Boyle: In den Kurzgeschichten. Unglaublich konzentrierte  kleine Erzählungen, die geschickte Verwendung von Symbolen beeindruckt und die unglaublich einprägsamen Figuren begeistern, wie in ..  

Tod in Kitchawank

Es ist ein schönes Leben, ein erfülltes Leben. Und es ist ihr Leben, das Miriam, Ehefrau und Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen betrachtet.

„… Sie trägt die übergroße Sonnenbrille, die sie gestern in der Drogerie gekauft hat und den schwarzen Badeanzug vom letzten Jahr, der um die Hüfte und Taille vielleicht ein bisschen eng ist, aber na und? Sie wird hier nicht zur Schau gestellt. Es ist ihr Strand, ihr See, ihre Leute. …“. 

Diese Geschichte beginnt so ruhig wie der See von Kitchawank. Eine sich selbst und ihre Umgebung zufrieden betrachtende Frau. Miriam, eine Frau in mittleren Jahren ist dankbar für die Monotonie, an ihrem Strand, in ihrer Kolonie Kitchawank, mit ihren Leuten.

Ein Abendessen mit Freunden, Ehemann und halbwüchsigen Kindern verstärkt nur den Eindruck der Friedens, des Angekommenseins. Steaks wie immer, Gimlet wie immer. Ein Gewitter, eigentlich Zeichen für beginnende Unruhe, die über dem Leben steht, orchestriert den Auftritt des Teenagers Seldy, die schöne Teenager ihrer besten Freundin Marsha. Als Seldy hereinplatzt, es dann blitzt und donnert, ist ein Zeichen. Alle sind einen donnernden Moment still.

Miriams Betrachtungen haben ihr eigene ruhige Kraft, die Szenen sind wie Schlaglichter gesetzt, die den Gemütszustand der Frau genau ausleuchten.

Und dann kommt das Altern.  Aus dem Motiv des glücklichen Lebens, dass keine besonderen Höhen anstrebt, weil es die Tiefen vermeiden will, wird Monotonie. Die Kinder bauen ein Kanu, Miriam überwacht sie mit Fürsorglichkeit, die ihren punktgenauen Ausdruck in heißem Kakao mit Marshmellows und Haferplätzchen wiederfindet. Die Zeit läuft linear in Sprüngen. Veränderungen fallen Miriam durch Vergleich mit ihrem eigenen Leben auf. Was genau die Zeit für Spuren setzt, wird an dem Körper der Frau festgemacht. Immer mehr tut weh.

Und durch die Zeit verändern sich Miriams Kinder und die Kinder der Freundin Marsha. Allen voran die schöne und begabte Seldy, die Mathematik studierte, dass Studium aber schmiss – um ein Freak zu werden, wie Miriam es insgeheim formuliert, aber zu taktvoll ist, um es ihrer Freundin zu sagen. Und dann läuft Seldy auch noch der Albtraum aller Mütter in Kitchawank über den Weg: Richie Spano, ein ewiger Underdog, auch fies, katholisch, und noch nicht einmal Mitglied der Kolonie am Kitchawank-See.

Langeweile und Einsamkeit machen sich breit, die Kinder sind aus dem Haus, studieren, rufen kaum noch an. Und obwohl Miriam gutwillig ist, versteht sie die Lebensentwürfe ihrer Kinder nicht mehr. So geht Altern.

Das Leben wird eng. Eine Kanufahrt wird zu einer Irrfahrt und einer kleinen Odyssee. Sie und ihre beste Freundin Marsha haben sich nichts mehr zu sagen. Ihnen sind die Worte ausgegangen vor Enttäuschung. Seldy heiratet Richie Spano. Und das Schweigen aus Scham, dass das junge Paar sich einen Hochzeitsempfang absolut verbeten hat, überhaupt nur eine kleine Hochzeit mit einer Handvoll Gäste plant, lässt die Freundinnen klaftertief schwiegen. Denn: Was soll man dazu sagen?

Es ist grausam, dass jähe Ende, weil – ein Missverständnis. Und es ist Richie Spano, der Underdog, dann Freak, der jetzt ein Haushaltswarengeschäft besitzt (und die schöne Seldy), der den Todesengel spielt.

Fazit: Eine schöne Geschichte um das Leben, es ist aber auch eine antike Geschichte um das Sein- und Selbstbestimmung. Am Ende findet Boyle einen versöhnlichen Dreh. Durch die Beobachtung von Miriam, dass alles immer irgendwie weitergeht.

 

Tod in Kitchawank: Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube, Erscheinungsdatum: 01.10.2014, 34 Seiten, Hanser Box
ePUB-Format, ISBN 978-3-446-24799-4

Von einem Kurzgeschichtenwettbewerb zur Qindie-Indie-Autorin: Signe Viergutz

Weiter mit einer losen Interviewfolge von Self-Publisher-Autoren. Heute beantwortete lieberweise meine Fragen: Signe Viergutz, Afrikanistin, Sprachwissenschaftlerin, Jahrgang 1968, Hamburgerin.

Guten Tag, Signe, danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir zu antworten. Hast du Lust, mir kurz den Weg von deiner Kurzgeschichte, der Teilnahme an Wettbewerben, bis hin zur Aufnahme als Qindie-Autorin zu skizzieren?

Signe Viergutz: Von der ersten Idee bis zur Umsetzung war es ein langer Weg für den späteren Sieger-Titel „Für alte Damen hat er ein Gespür“. Erste Skizzen habe ich dazu vor über zehn Jahren entwickelt. Damals war ich in einem Forum aktiv, in dem eine monatliche Schreibaufgabe gestellt wurde. Die Story grummelte also lange in meinem Unterbewusstsein. Nachdem ich die Sünde begangen hatte, das Schreiben jahrelang zu vernachlässigen, nahm ich 2013 am „Rindlerwahn Schreibwettbewerb“ teil. Dort wird (auch in diesem Jahr wieder) über ein halbes Jahr monatlich eine neue Schreibaufgabe gestellt. Als Letztes war eine Krimi-Kurzgeschichte gefragt. Und da machte es „Bingo!“, und ich wusste, die Zeit für die feine alte Dame und den schmierigen Antiquitäten-Händler war gekommen. Den Wettbewerb letztendlich zu gewinnen, war nicht nur eine enorme Bestätigung, sondern auch mit einem für mich als Selfpublisherin sehr willkommenen Preis verbunden, nämlich der kompletten Gestaltung eines Buches.

Die Idee, die Sieger-Geschichte zusammen mit anderen Kurzkrimis als e-Book zu veröffentlichen, konnte ich dann relativ schnell umsetzen; einige andere Stories standen dafür in der Warteschlange. Das Projekt wurde sehr positiv aufgenommen und über viertausend Mal heruntergeladen – wenn auch hauptsächlich im Rahmen der kostenlosen Einführungsaktion.

Auf Qindie war ich schon zuvor durch meine Aktivitäten bei Neobooks.com gestoßen;  da ich die Idee eines Qualitätssiegels für Indies-Publisher sinnvoll finde (es tummelt sich ja so alle Mögliche auf dem Jahrmarkt der Schreibeitelkeiten…), war klar, dass ich mich bewerben wollte. Das Bewerbungsverfahren ging schnell über die Bühne, und ich durfte das Qindie-Q auf das Cover einbinden. Ja, das hat mich ein bisschen stolz gemacht… Mit der  Zusage erhielt ich allerdings auch mehrere Dokumente darüber, wie genau welche Dateien für den Download und die Freischaltung bei Qindie auszusehen haben. Uff. Erst vor Kurzem habe ich mir die Unterlagen noch einmal in Ruhe vorgenommen, und siehe da, eigentlich alles ganz nachvollziehbar und nur ein ganz bisschen aua. Letztendlich musste ich vielleicht noch einmal eine Stunde Arbeit investieren, um im Qindie-Bücherregal zu erscheinen.

 Was bedeutet das Autorenkorrektiv Qindie für deine Arbeit?

Qindie-Mitglied zu sein bedeutet erst einmal eins: Arbeit. Ich beteilige mich an den Abstimmungen über die neu eingegangenen Bewerbungen; dazu ist jedes Mitglied eingeladen, eigentlich sogar aufgefordert. Denn die Qualitätskontrolle lebt von der Einschätzung der Mitglieder. Es gefällt mir, dass die Urteile so wertfrei wie möglich abgegeben werden; auch der „hardboiled“ Thriller-Autor versucht, den Chick-Lit-Roman nach handwerklichen Kriterien einzuschätzen, selbst wenn ihm das Genre inhaltlich fremd sein mag. Der Zeitaufwand für die Beurteilungen hält sich in Grenzen. Natürlich gibt es viele andere Möglichkeiten, sich bei Qindie zu engagieren oder das Angebot für sich zu nutzen; ich halte mich da derzeit zurück, damit ich die eigentliche Schreibarbeit nicht aus den Augen verliere (Stichwort: Aufschieberitis…).

Der Werbeeffekt durch Qindie macht sich durchaus bemerkbar; seit mein Werk auf der Plattform erscheint, habe ich einige Exemplare mehr von „Pssst! Gemein…“ verkauft als in den Monaten davor. In jedem Fall werde ich mein nächstes Buch auch wieder bei Qindie zur Beurteilung einreichen.

Ich schreibe, also bin ich. Würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass, wenn du nicht schriebst, du eingehen würdest wie eine Primel?

Ja! Schreiben hat mich vor einigen Jahren aus einer tiefen Krise gerettet. Es ist vielleicht nicht einmal übertrieben, wenn ich sage, ohne Schreiben gäbe es mich nicht mehr.

 

Wenn deine Geschichten nicht wahrgenommen werden würden, was würde dann der Satz, ich schreibe, also bin ich, für dich bedeuten?

Er wäre immer noch wahr. Schriftstellerin zu sein, war mein erster bewusster Berufswunsch. (Meine Vorbilder waren damals Enid Blyton und Karl May…). Leider habe ich erst sehr spät erkannt, wie richtig ich mit diesem Traum lag! Klar ist es eine tolle Bestätigung, gelesen und als Autorin wahrgenommen zu werden. Aber im Kern schreibe ich für mich selbst und so, wie ich es will.

Was würdest du anderen Self-Publishern empfehlen? Sich mit Manuskript oder Leseprobe um einen Verlagsvertrag bei einem E-Book (oder auch Print-Verlag) bewerben oder sich als Einzelkämpfer durch das Netz schlagen?

Beide Wege haben ihre Vorteile und schließen sich keineswegs aus.  Wichtig ist, das eigene Werk einigermaßen objektiv zu beurteilen. Handelt es sich um einen handwerklich soliden Genre-Roman mit mindestens 250 Seiten? Dann spricht nichts dagegen, passende (!) Verlage herauszusuchen und den langen Marsch durch die virtuellen Vorzimmer anzutreten. Meine Erfahrung ist, dass die Reaktionen auf plausible Projekte durchaus positiv sind. (Zu innovativen Werken, die auf „literarische Weihen“ abzielen, kann ich keine verlagsseitigen Erfahrungen beitragen.)

Bewegt sich das Werk formal außerhalb dieses Schemas, z.B. weil es sich um eine Kurzgeschichten- oder Gedichtsammlung handelt? Dann ab ins Selfpublishing-Getummel! Ich kenne eine Nebooks-Indie-Autorin, die mit ihren jeweils 70 bis 90 Seiten langen Thrillern inzwischen monatlich über 1000 Euro einnimmt. Unglaublich. Das will ich auch!

Im Übrigen sind auch Verlagsverträge keine Garanten für finanziellen Erfolg. Der Fantasy-Autor Markus Heitz hat einmal gesagt, dass er  vom literarischen Schreiben leben konnte, seit er fünf Bestseller gelandet hatte, die jeweils immer wieder neu verlegt werden. Die Latte liegt also ziemlich hoch.

Wer als unbekannter Autor Kurzgeschichten oder gar Gedichte veröffentlichen will, erntet im Verlag maximal ein mitleidiges Lächeln. Als Indie-Veröffentlichung wurde mein Werk jedoch mehrere Tausend Mal gelesen. Absolut fantastisch  – und ein Beweis (von vielen anderen Beispielen), dass solche Formate gut angenommen werden!

Self-Publishing ist also perfekt, wenn es um Bücher geht, die der Norm nicht gerecht werden. Sind sie gut geschrieben, haben sie auch die Chance, wahrgenommen zu werden. Der Preis ist eine hohe Eigenleistung an Marketing. Wer, wie ich, gestalterisch eine echte Gurke ist, muss zudem die Kosten für ein professionelles Cover aufbringen. Geht es um „massenkompatible“ Werke, stehen der Autorin (männliche Autorinnen sind selbstverständlich mitgemeint) beide Wege offen. Ich persönlich sehe den Auftrieb des Selfpublishings sehr positiv. Die digitalen Medien machen’s möglich.

Dankeschön!

In Kürze: Die fünf Short-Stories in Psst! gemein … haben gemeinsam, dass sie sich durch dunkelschwarzen Humor und eine überraschende Wendung am Ende auszeichnen. Die Geschichte um eine schrullig-alte Dame,  einen Indianer und einen diebischen Pseudoantiquitätenhändler machen einfach Spaß, so wie der Teelöffel ‚Ping‘ macht. Kira und Frau Merkel in der nächsten Geschichte sind dicht geschrieben, die Hundeperspektive geht ein, der Humor sitzt. Manchmal könnten mich die Anordnungen der KG’s zum Grübeln bringen -es werden Gemeinheiten verübt und erlitten, ja, aber iwie liegen mir die KG’s thematisch zu weit auseinander-  das aber auch erst im zweiten Durchlauf, als ich Psst, gemein... wieder las.  Aber wie dem auch sei, Nörgelei beiseite: Es hat wieder viel Spaß gemacht! Empfehlenswert!!

Riechen, schmecken, essen – der Tanz der Schlachter, von Stevan Paul

Der Tanz der Schlachter, dotbooks, VÖ: Januar 2015, 1,99 Euro, ISBN: 978-3-9824-144-2, ca.27 Seiten

 

Ich bin fündig geworden! Bei den dotbooks Literatur-Quickies fand ich zwei wunderschöne Kurzgeschichten von Stevan Paul, mit denen ich mir den gestrigen Nachmittag auf der Couch vertrieb. In der Geschichte Tanz der Schlachter geht es gleich um zwei der drei wichtigsten Dinge auf der Erde.  Heimat und Nahrung, hier gegeben vor der gut beobachteten Kulisse eines Schrebergartens „… im Garten welken die Erziehungsberechtigten auf sonnengebleichten Liegestühlen …“, in der zweiten Kurzgeschichte, Indien erfährt ein Finanzbeamter auf mehreren Ebenen Heilung.

Stevan Paul ist schreibender Koch und kochender Schreiber und alles, was mit riechen, schmecken, kosten und essen zu tun hat, gelingt ihm zu einhundert Prozent. Als im Schrebergarten Skordalia zur Lammhüfte aufgetischt wird und Aussehen und Geschmack des griechischen Salates beschrieben wird, da wäre ich gern dabei gewesen und wünschte mir gleichzeitig, dass wieder Sommer wäre. Überhaupt wünsche ich mir mehr Geschichten, die der Gattung Kochbuch zuzwinkern. Für die Rezepte am Ende der Story bedanke ich mich recht herzlich, Skordalia scheint mir geschmackstechnisch auf der Gewinnerseite zu liegen.

Ich wiederhole mich, egal: Alles, was mit riechen, schmecken, kosten und essen zu tun hat, gelingt Stevan Paul, auch in gegensätzlicher Form. In der Kurzgeschichte Indien: „… Im Wagen riecht es nach Leberwurst, die Autoscheiben beschlagen von Pfefferminzteedampf, Herbert Weidinger ist schlecht ….“ Mir auch.

Im Vordergrund stehen Genuss, Farbe und Geschmack. Die Figuren passen sich den Geschichten um geschickt zubereitete Nahrung an. Zwar haben die Figuren ihr Konfliktpotential, das nicht ausgespielt wird, muss auch nicht, denn die Hauptsache ist das Essen, und über den Szenen hängen malerisch die Schleier der Küchendämpfe. Nur Demis hätte ich hochdeutsch reden lassen, sein Radebrechen trägt nicht dazu bei, ihn plastischer zu machen. Egal, ich hatte einen netten Nachmittag auf der Couch und dann – Hunger.

Eine total verschallerte Erotik-Challenge

…ausgerufen von Neobooks.

Screenshot 2014-07-28 08.25.45Logline: Nach dem Erfolg Shades of Grey wird allseits angenommen, dass Leser/Leserin noch lange nicht satt ist von erotisch-knisterndem-deftigem Lesestoff. Was richtig sein könnte, wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, was ich im letzten Jahr in einer Buchhandlung erlebte:

Ich stand am Kassentisch,  draußen war es regnerisch, dunkel. Eine mittelalte, konservativ gekleidete Frau mit einer Sonnenbrille betrat den Laden, schlenderte scheinbar absichtslos herum und fragte dann leise den Verkäufer: „Haben Sie Fifty Shades of grey?“ Der Verkäufer schaute irritiert über seine Bücherstapel, erwiderte: „Kenne ich nicht. Wie heißt das Buch?“ Die Frau, die ihre Sonnenbrille partout nicht abnahm (beachte: Wetter, s.o) wiederholte ihr Anliegen. Der Verkäufer fand das Buch nicht, ich lachte, der Verkäufer wurde hartnäckig, ein Buch, dass er als Bibliophiler nicht kennt? Unerhört. Als er insistierte, partout den Inhalt erfahren wollte, verließ die Frau den Laden mit der Bemerkung, dass sie den Titel im Internet bestellen würde.  An dem Tag dämmerte mir, dass  der Vertriebsweg mitentscheidend für den Erfolg sein kann.

Deshalb grätscht auch Neobooks mit ihrer Erotik-Challenge ins … Gefordert wird ein erotischer Quickie! Wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, bedenklich fand ich beim Überlesen den  Ausgangstext, von der sich die künftigen Schreiber/innen der schwülen Zunft inspirieren lassen sollen. Dieser Ausgangstext soll eigeninitiativ um 2.500 weitere Zeichen fortgesetzt werden. Die Herkunft des Textes wird nach WB-Ende verraten; ich bin gespannt. … hier der Text…. Hervorhebungen von mir…. Nun los:

„… Einen Zug gab es an jenem Abend nicht mehr. In mir stieg ein Freudenschwall hoch. Er musste sich also noch einmal neben mich legen, dieser Rohling, dessen Feindseligkeit ich auf greifbare Weise wachsen spürte. Im Hotel verlangte er ein anderes Zimmer, aber es gab keines. Ich verbarg meine Befriedigung. Kaum waren wir oben, packte er seinen Koffer, indem er seine Habseligkeiten durcheinander hineinwarf, wie im Kino; dann zog er sich aus – dass er mir den Anblick seiner Geschlechtsorgane entzog, war als Repressalie gedacht. Im Bett überwältigte mich wieder sein penetranter Duft nach warmem Korn, aber er drehte mir den Rücken zu, jenen weißen Rücken der Seeleute, die niemals Zeit noch Lust haben, sich der Sonne auszusetzen. Sein braungebrannter Nacken wirkte wie aufgesetzt, ich dachte an die Kartenspiele, wo man den Kopf und den Rumpf der Figuren austauschen kann. Einen Augenblick irrten meine Lippen über diese Grenzlinie und über die Haarkringel seines kindlichen Nackens, aber er rührte sich nicht. Die Macht seiner Verweigerung war wie ein eisiger Hauch, der mich so sehr lähmte, dass ich schlaflos auf dem Rücken liegenblieb, so nahe an seinem Körper, wie es ging, ohne ihn zu berühren. Mitten in der Nacht spürte ich, dass…“ (Zitatende unbekannter Text von mir bislang noch unbekanntem Verfasser, gefunden auf Neobooks.de)

Der Text ist ein Ausriss, soweit so gut. …

  1. „… In mir stieg ein Freudenschwall hoch…“. Schwall, hoch aus dem Magen steigend; meine Assoziation ist die des Erbrechens.

  2. Es will mir nicht recht plausibel erscheinen, dass der Seemann (oder Hobbyseemann, egal), der mit der geilen Tante leider aufs Zimmer muss, weil kein anderes verfügbar, dann im Zimmer seinen Koffer einpackt … und sich dann auszieht. Kann möglicherweise durch den Ausriss sich als Logikfehler darstellen; aber dann hätte dieser Satz gestrichen werden müssen.

  3. penetranter Duft nach warmem Korn … Hat sich die arme Frau einen Alki geangelt oder sind Er oder Sie im Nebenberuf Bauer und Bäuerin. Im besten Fall unverständlich.

  4. Und nun kommen wir zu meinem persönlichen Favoriten: …die Haarkringel seines kindlichen Nackens… Wie alt ist der trinkende Seebär? Unterjugendlich? Bin verwirrt.

Abgesehen von meiner Verwirrung bin ich tatsächlich gespannt wie ein Flitzebogen: Wer schrieb diesen unterirdischen Text? Sollte das etwa Salz auf meiner Haut … nein, das kann nicht sein.  Noch interessanter: Wie geht der Text der Gewinnerteilnehmer nach dieser sehr eigenen Ausgangslage, in der lediglich als gesichert gelten kann, dass die Hauptfigur, die Ich-Erzählerin, schwer geil ist, weiter?

Fragen über Fragen, die Antworten werden wir auf Neobooks erleben.

Teilnahmebedingungen auf der Neobooks Seite. Erotik-Challenge

Einsendeschluss: 01.08.2014