Leichenernte, von W. J. Krefting

 

 

LeichenernteLogline:  Nachts im beschaulichen Rodenfeld. Im Sturm klappert die Tür des Schweinestalles unmäßig, die Tiere werden unruhig, Bauer Schulze Rodenfeld geht nach dem Rechten schauen, um kurze Zeit später eine Mistgabel in die Brust gerammt zu bekommen. Hohe Zeit für Hauptkommissar Wilfried Kötter, mit seiner Ermittlungsarbeit in Leichenernte loszulegen. Leider hat die ihm vertraute Kollegin XY einen Schnupfen, weshalb sich Kötter nach längerem Grübeln von dem ortsansässigen Herbert Schnitzler, seiner Aussage nach Dorfsheriff unterstützen lässt. Genregetreu trügt überall der Schein, häuft sich mit jedem Schritt die Zahl der Verdächtigen. Am Ende hat die gesamte Rodenfelder Dorfgemeinschaft – was aber nicht viele sind – ein handfestes Motiv.

Die Detektivgeschichte von W.J. Krefting gewinnt durch das Befragen von Zeugen im netten Münsterländle. Miträtseln und Kombinieren machen die Story rund um einen reichen Bauern und dessen gewaltsamen Ablebens zu einem Lesevergnügen, dass an der Tradition des Whodunit, ganz von fern an den ermittelnden Hercule Poirot erinnert. Ein bisschen kam ich mir vor wie Gretel mit dem Hänsel an der Hand auf der Spur nach den Brosamen-Hinweisen, die wie zufällig gestreut wurden. Und da fühlte ich manchmal die Scharniere der Dramaturgie quietschen, denn Verdächtige oder  verdächtige Handlungen werden wie Brotkrumen gestreut, um möglichst einen möglichst großen Täterkreis zu generieren.

Figuren: Wilfried Kötter wird komisch, wenn ihm einer an den Lack seines Autos kommt (wie z.B. Fahrradfahrer aus allen Richtungen). Das Auto ist das Einzige, was ihm seine Frau zur Scheidung nicht wegnehmen will. Wieso eigentlich nicht? Das Auto scheint wertvoll zu sein und die Ex in spe wird ja nicht nur Billiges haben wollen. Ja, Herr Kötter lebt in Scheidung. Einen Sohn und eine Tochter hat er auch, die rufen auch schon mal an. Aber sein Privatleben interessiert wenig, die Konzentration liegt woanders, dass ich für meinen Teil kein Bedürfnis danach hatte, denn die anstehende Scheidung, die ihn belastet,  spiegelt sich nirgendwo in Kötters Verhalten,  sondern wurde mir nur erklärt, also ordnete ich diesen Vorgängen auch keine Wertigkeit zu.

Ihm zur Seite steht der Herbert Schnitzler, der klassische zweite Mann in der Ermittlung. Ruhig und besonnen, wie er ist, kann er zwischen Kötter, dem Zugereisten, und der Dorfgemeinschaft vermitteln, für Kötter nicht Sichtbares erzählen, ihm im Beziehungsgefüges des Dorfes helfen. Schnitzler ist sympathisch, er ist Kötter beigeordnet, die Geschichte kommt mehrheitlich aus HK’s Kötters Perspektive – leider nimmt der Autor manchmal Perspektivwechsel vor, die mich stolpern ließen. Mit einem Mal ist Schnitzler der Erzähler. Sie dienten dem Zweck, Schnitzler als Verdächtigen aufzubauen oder Dinge zu erzählen, die Kötter nicht wissen kann. Trotzdem sehe ich das als Manko. Ab und an gibt es auch Momente, kleine Einsprengsel, in denen ein auktorialer Erzähler waltet, finde ich wie die Schnitzler-Sache nicht nötig, mir würde es reichen, dem Ermittler zu folgen und aus der Teilmenge der Informationen Schlüsse zu ziehen.

Rodenfeld, nahe bei Münster. Schön fand ich es, dass die Menschen wie Landschaft geschildert wurden. Die Rodenfelder erschienen langsam und maulfaul, dabei nicht unnett, aber dem Münsteraner Hauptkommissar nicht wohl gesonnen. Mir ist nicht klar geworden, ob die Rodenberger sich aus einer tiefsitzenden Depression heraus so benehmen oder ob sie einfach so sind. Und warum eigentlich Rodenberg? Kurz gesagt, der Ort ist austauschbar, steht wenig in Beziehung zur Handlung, außer: dass der Autor einen Ort brauchte, in dem industrielle Schweinemast betrieben wird. Das ist ein Punkt, den ich gern gelesen habe, den Öko-Strang um die Vermaisung des Landstriches mit all seinen negativen Folgen. Das finde ich an dem Krimi Leichenernte bemerkenswert, die fundierten Kenntnisse und/oder die gute Rechercheleistung des Autors.

Zielgruppe: Alle in und um Münster. Rätselfreunde, Sudoku-Fans. Oder Leser (so wie ich), die gern ohne eine Lisbeth Salander im Krimi auskommen.

Zusammenfassend: Der erste Grund Leichenernte zu kaufen, war das Titelbild. Finde ich gut. Ich wollte was lesen und habe mich durch Neuheiten bei (ich gestehe, Amazon) gedaddelt. Auf Listenplatz 16 der Amazon-Neuheiten wurde ich fündig: Und ich glaube, meine Kaufentscheidung lief über das Titelbild, das mir positiv auffiel zwischen dem ganzen Chick-Lit in Himmelblau und Blut-Gedöns. Hinter dem Titelbild hat mich Leichenernte aber gut unterhalten, nicht blendend, aber gut. Der Mord, die Verdächtigen und der Öko-Aspekt, ordentlich geschrieben, sauber gelöst, aber wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre, dann hätte ich  mir einen anderen Täter gewünscht.

»Orientierungslos« von Stephanie Drescher

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Seiten 203 ISBN-13 978-3-8476-7696-6 Veröffentlicht am: 24.02.2014 Aktualisiert am 11.04.2014

Logline: Orientierungslos ist ein Krimi, bzw. Thriller, Spielort die deutsche Hauptstadt der Jetzt-Zeit. Hauptakteurin ist die Journalistin Julia van Sauten, die es sich nicht erklären kann, warum sie mit der Tatwaffe in der Hand neben einer Ermordeten, deren Fußsohlen tätowiert sind, im Grunewald gefunden wird. Die entsetzte Julia ist voll mit blauen Flecken und –wie eine spätere Blutanalyse zeigt – bis unter die Hutkrempe voll mit LSD. Der gut gestaltete Auftakt des Romans Orientierungslos beginnt mit einer Befragung, die Tim Sander, Kriminalkommissar mit der nicht orientierungslosen, aber schwer verwirrten Julia van Sauten führt. Der Journalistin dämmert, gerade wegen ihrer Amnesie die letzte Nacht betreffend, dass sie in einer üblen Lage steckt … .

So beginnt der gut gestaltete Auftakt von Orientierungslos. Fräulein  van Sauten befindet sich in einer Lage, die seit König Ödipus als der dramatische Musterfall der Ermittlungen gilt. Ein unwissender Täter ermittelt mit dem Ziel, einen Verbrecher oder Mörder zu finden, etwas aufzuklären, sich von vermeintlicher Schuld reinzuwaschen. Bis die Ermittlungen sich gegen ihn richten. Die junge Journalistin beginnt, sich selbst auf die Spur des Mordes hin zum Mörder zu begeben, ihre Triebkraft ist der natürliche Wunsch, sich zu entlasten. Darüber will Julia Antworten auf Familiengeheimnisse. Und natürlich treibt Julia, die von der Autorin auch als Ehrgeizling gezeichnet wird, die Frage um: War sie einer großen Story auf den Fersen? Wenn ja, welcher? Welchen Bezug hat ein vor Jahren geschehener Mord an einem Kind? Und ein verurteilter Täter, der immer beteuerte, dass er unschuldig ist?

Stephanie Drescher schafft es, durch Konflikt plus pittoreske Schauplätze eine schöne Schubkraft zu erzeugen. Und es entsteht eine Vorwärtsspannung, wobei ich als Leserin die Gesamtmenge aller Teile bewegen darf. Die schnelle Dialogführung tut ihr Übriges. Manchmal hatte ich in der Sprache einen Anflug von Drehbuch, aber ich mag das gern, die Aussparung von Unwesentlichem – das halte ich nicht nur bei einem Krimi für vorteilhaft.

Der Ermittler Tim Sander, der ein wenig lustlos ermittelt, aber die Hauptverdächtige irgendwie mag, ist nicht nur im Privatleben Migränepatient. Ich persönlich hätte mich nicht an einem Ermittler gestört, der zur Abwechslung mal so normal wie Kommissar Maigret oder meinetwegen Miss Marple wäre. Ich bin ein wenig ermüdet von den ganzen Versehrten, die gebrochen die Seite des Rechts repräsentieren. Es würde mich nicht stören, wenn diese Mode ihren Zenit überschritten hätte. Mit der Julia van Sauten hat die Autorin mir eine Figur erschlossen, die ich am Anfang nett unsympathisch fand. Und da mir schnell klar gemacht wird, dass Julia den Mord nicht begangen haben kann, tut sie mir leid, bin ich bei ihr, obwohl die Frau außer einem hochfahrenden, schnippischen Wesen noch so an einigem trägt, dass aus ihr keine Spitzen-Kandidatin für die Top-10-Beste-Freundinnen-Liste macht. Aber dann öffnen sich die Figuren und es ist zu merken, dass hinter dem Erwartbaren Menschen in den Talsenken ihrer Psyche hausen.

Berlin. Wer sein Mordopfer im Wiener Blut arbeiten lässt, der sollte sich schon auskennen in der Stadt. Das tut die Autorin. Konnte in Gedanken die Ecken nachfahren, wie der Kommissar auf dem Fahrrad zum Urban-Krankenhaus. Schön.

Cover: Bedenkliche Waldstimmung. Zwar wird die Julia ohne Erinnerung im Grunewald gefunden und der Mord findet auch im Wald statt, aber es ist ein Großstadtroman, daher finde ich diese Urzeitfarne vllt. nicht ganz richtig gewählt, aber das könnte auch Geschmackssache sein.

Zusammenfassend: Ein grausamer Mord im Grunewald und ein nur scheinbar gelöster Mordfall vor Jahren, das alles vor Berliner Kolorit, rau anmutend, mit einer schönen Dialoghaltung. Ich las Orientierungslos gern, weil es sich behutsam einem Verbrechen nähert, das unter dem Register die Schuld der Väter laufen könnte. Ich war erfreut, im EBook-Krimi-Bereich ein Machwerk zu finden, dass ohne übelste Psychopathen (…ich bin doch nur wegen Mutti so zu Frauen!…) auskommt. Für mich einer der Mit-Haupt-Pluspunkte ist auch die gut recherchierte Berlin-Szene ohne aufgepfropfte Hauptstadt-Feier-Mentalität. Nörgelei: Die Möglichkeit für Kürzungen scheint mir gegeben.