Irgendwas mit Schreiben: Ein lesenswerter Relaunch

 

Interessante Themen erledigen sich nicht von selbst. mikrotext sagt dazu:

„…Sie waren Youtube-Sternchen, Messeköchin oder VorBand, sie sind Tänzerin, Blogger, Professor: eine vielseitige Sammlung zu Arbeitsstrategien von studierten Autorinnen und Autoren aus den Studiengängen und Schreibkursen …“

Zwei Themen treiben diese lesenswerte, in der ersten Fassung 2014 im mikrotext Verlag erschienene Anthologie immer noch um. Zum Einen: Die wechselseitige Beziehung von Herkunft und Erfolg.

Wenn das richtig ist, dann ist nicht nur der Glauben an sich selbst, das für Autorinnen und Autoren so wichtige Beharren an ihrem Text, der Glauben an die Notwendigkeit ihres Schaffens, erfolgsbestimmend. – Ich meine erst einmal nicht den Erfolg in Verkaufszahlen gemessen, sondern den Weg von der Idee zum Skript zum Endprodukt.

Florian Kessler hat auf die Beziehung von Herkunft und Erfolg mit seinem Essay „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“  aufmerksam gemacht und eine breite Literaturdebatte angestoßen. Julia Friedrich in „Gestatten: Elite“, verweist auf Michael Hartmann, der in einer Langzeitstudie Lebensläufe von Promovierenden auswertete. Fazit des Elitenforschers ist, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor von beruflichen Aufstiegschancen ist.

Erstaunlich sind nicht die Befunde, die allerorten getroffen werden, erstaunlich war die breitflächig feuilletonistische Erregung, die nach dem Aufsatz: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ losbrach.  Auch die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) kommt gleich in den ersten Sätzen auf den Punkt.

„…Von 100 Akademikerkindern studieren 77; von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an eine Hochschule. Die soziale Selektivität beim Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist weiterhin stabil. …“

Daher haben die mythischen Geschichten, die die vom Tellerwäscher-zum-Schriftsteller/Millionär/Professor handeln,  solch eine Zugkraft. Da ist der Ausreißer der Norm zu besichtigen, der die Wahrscheinlichkeit durch Kraft, Geschick und Talent besiegt.

Und wieso sollte es an Schreibschulen anders sein? Sind Schreibschulen kein Abbild der Gesellschaft? Ich meine, an Schreibschulen ist die soziale Selektivität noch höher. Auch wenn einige Schreibschulen oder Kunstuniversitäten das Abitur nicht als ausschließliches Kriterium voraussetzen, lesen und schreiben muss der sich Bewerbende schon können. Wenn die Eltern und Verwandtschaft nicht liest oder Kinder keinen Zugang zu Lesestoff haben, dann wird es schon schwerer. Aber danach gibt es noch eine zusätzliche Hürde, die heißt Aufnahmeverfahren. Ich will nicht sagen, dass Professoren Zeitarbeitstochter von Lehrersohn scheiden, aber ich meine, dass sich durch Schwellenängste einige Kandidaten schon von selbst erlegen.

Zurück zu Herkunft und Erfolg am Beispiel: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ Dieser mikrotext ist auch deshalb so unterhaltsam, denn dieses Beziehungsgeflecht betrifft nicht nur Autoren und AutorInnen, denn das höhere Management in Deutschland entstammt in weiten Teilen dem Establishment und zwar mit steigendem Rang immer öfter. Was vielfach zählt, ist der soziokulturelle Habitus, vergröbert gesagt, das Auftreten, und das können  Schreibschulen ganz gut lehren. Und der wird ganz einfach durch das Ausschlussverfahren hergestellt oder wie Professoren sagen: „Wir nehmen nur die Besten.“ Die ehrlichste Aussage einer Professorin fand ich bei Doris Dorrie, die einmal sinngemäß sagte, das sie in den Aufnahmeverfahren immer eine Heidenangst hätte, einen sehr guten Kandidaten zu übersehen, nicht angemessen wahrzunehmen.

 

Der zweite, sehr zentrale Punkt, dem sich die Autoren in der Anthologie stellen, lautet: Gibt es ein Leben hinter dem Diplom? Was tun, was werden als Diplom-Autor?

Stefan Mesch, mit:  Stefan Mesch ist krass drauf hat sich einen 100-Punkte-Plan aufgestellt. Punkt 083_ verdichtet für mich alles,  was ein Schreiber, Autor erreichen können/wollen/müsste: ...Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum. Davon sollte man T-Shirts drucken.

Dieser 100-Punkte-Plan ist hilfreich für die, die unter Schreibhemmung leiden. Daneben noch gut geeignet für die Zweifler, die sich am Schreibtisch fragen, ob irgendjemand das lesen will, was gerade produziert wird. Zugegeben, der 100-Punkte-Plan ist so rau, als würde man an einem Felsen lecken. Aber;  die vielen Vorsätze von Stefan Mesch eignen sich gegen Ängste – jeder Art. Auch wenn manche Punkte beim Lesen sehr selbstzentriert daherkommen, haben sie doch das Potential eines großen Mantras oder einer frühkindlichen Beschwörung, was ich positiv meine, denn die tragen die größten Kräfte in sich.

100-Punkte. Ein Therapieplan der besonderen Art. Bitte nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten von Mirko Wenig. Darin geht es um den kleinen Mirko, der Online-Redakteur einer Versicherungszeitung ist. Einfach nur schön, voller lauter kleiner Kostbarkeiten, die ich einfach zitieren möchte. Auf dem Weg zur Arbeit geht es um Igeltode:

„… Er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt, und sein Mund, an dem verkrustetes Blut klebte, stand offen. Man konnte die vielen Zähne sehen, die dem Igel nun nichts mehr nützten …“

Eine kurze Geschichte, wie aus Kinderperspektive geschrieben, mit einer ganz eigentümlichen Schönheit zum Leben jenseits der Kindheit.

 

 

Anmerken möchte ich noch aus eigener Erfahrung, dass diese wunderbare Anthologie auch das Problem von Schreibschule streift. Die dort entwickelten Texte sind wunderbar, aber sie wurden nicht in freier Wildbahn geschrieben, sondern gehegt und gepflegt von Dozenten und Kommilitonen, immer wieder gegen den Strich gebürstet durch unzählige Diskussionen.

Werden Texte gehegt und gepflegt wie Rotwild im Zoo, kann es zu Problemen mit dem Inhalt kommen. Der kann dünn geraten. Denn es macht sich bemerkbar, wenn die Woche an der Uni verbracht wird – wenn ein Großteil der Zeit draufgeht, andere Texte zu lesen -wenn in Vorlesungen alles an Systemen und Theorien vorgestellt wird, und die eigenen Texte daran gemessen werden – wenn die Studierenden sich nebenher meist noch für die hauseigene Literaturzeitschrift engagieren oder das Studentenfilmfestival – wenn sie sich Abends mit Kommilitonen treffen und diskutieren. Über alles – das heißt, Schreiben. Das ist Leben in einer Blase. Da fehlt was: Leben. Also. Leben. Tänzerin sein, Blogger, Verkäuferin, Professor. Und daneben schreiben.

 

Mikrotext hat die Sammlung in 2017 neu aufgelegt und um viele interessante Positionen erweitert. Mein erster Eindruck: Die Ehrlichkeit der Aufsätze, die Lakonie und der Humor berührten mich sehr.  Und es ist mehr als Schreibschule, vielfach traf ich hinter all dem die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dieses Eriginal kann mehr. Es kann berühren. Der mediale Ausgangspunkt ist die ewige Diskussion, die schon im Berufsbildungszentrum anfängt: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn der Job  keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

 

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Erschienen am 17. Mai 2017
292 Seiten, 17,99€, Taschenbuch, in jeder Buchhandlung bestellbar, online auch bei Amazon, Buecher.de, Hugendubel, Osiander, Thalia. Auch als E-Book erhältlich. Lieferbar!
ISBN 978-3-944543-51-2

Mit Beiträgen von Luise Boege, Michael Fehr, Jan Fischer, Martina Hefter, Luba Goldberg-Kuznetsova, Ianina Ilichetva, Florian Kessler, Thomas Klupp, Thorsten Krämer, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Jacqueline Moschkau, Alexandra Müller, N.N., Barbara Peveling, Stephan Porombka, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lena Vöcklinghaus, Lino Wirag, Mirko Wenig.

#Weihnachten14, Nr. 2, Irgendwas mit Schreiben

VÖ: März 2014, ca. 350 Seiten Smartphone, 1,99 Euro, ISBN 978-3-944543-15-4

Diplomautoren im Beruf, ein mikrotext, Hg. Jan Fischer

Eine sehr lesenswerte Essay-Sammlung, die rund um das Schreiben kreist oder deren zentrale Frage lauten könnte: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn es keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

Ich bespreche Irgendwas mit Schreiben genau jetzt, denn diese Sammlung von Sein, Hoffen, Wünschen und Leiden passt für mich gut in die Vorweihnachtszeit, vorausgesetzt, die Zeit bis Christi Geburt ist tatsächlich der Zeitlauf, in dem das Wünschen noch hilft. Ich bin mir nicht sicher.

Also: Ich wünsche mir

… für Stefan Mesch: Dass sich seine 100 Punkte erfüllen, mit Ausnahme von bspw: 080, zu selbstzentriert, wo bleiben da die Themen, oder verbleibt alles im Ich?  – und gute Zähne. Nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

… für Mirko Wenig, Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten, dass er seine Sichtweise behält, denn damit scheint mir Leben erträglicher, sogar Igeltode „… er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt …“ bekommen Sinn & eine eigentümliche Schönheit jenseits des schnöden Überfahrenwerdens. Noch ein kleiner Wunsch: Durchhaltevermögen beim Lesen von Versicherungspolicen.

… ich wünsche mir für N.N. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele denn noch?‘ eine buddhistische Sichtweise, als Weg vielleicht Mahayana?

… ich wünsche mir für Jan Kuhlbrodt, Das Sozialamt der Freiheit. Nix. Nur immer weiter so.

… ich wünsche mir alles vom Weihnachtsmann für Florian Kessler Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn für klares Denken über die Entstehung von Literatur, das sich ausdrückt in: Chick Lit = anspruchslose Frauenliteratur vs. Speck Lit = anspruchslose, obgleich ästhetische Bürgerkinderliteratur. Ungemein hilfreich in allen Lebenslagen ist auch folgender Ratschlag von Herrn Kessler: Immer an den richtigen Stellen lachen. Warum ich bei diesem Essay an den Zug des Lebens von Radu Mihaileanu denken musste, ich weiß es nicht. Ich werde darüber nachdenken.

Darüber hinaus wünsche ich allen Schreibern, Autoren und Schriftstellern aus Irgendwas mit Schreiben, das sich alles erfüllt, was sie sich für ihr Leben oder temporär (da liegen die interessanten Wünsche) vorgenommen haben. Und natürlich ein rundum glückliches 2015.

 

Irgendwas mit Schreiben.  Mit Beiträgen von Jan Fischer, Florian Kessler, Thomas Klupp, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Alexandra Müller, N.N., Sina Ness, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lino Wirag, Mirko Wenig. Sehr empfehlenswert.