Die wunderbare Welt des Dokumentarischen, Zingster Straße 25, Berliner Mietshaus mit Vollkomfort – Eeclectic

Am letzten Tag des Jahres möchte ich einen neuen Digitalverlag, EECLECTIC  – Digital Publishing for Visual Culture – begrüßen und mich einem Titel widmen, Zingster Straße 25, von Sonya Schönberger.

Gegründet wurde der Berliner Eeclectic-Verlag 2018 von Janine Sack. Der Verlag möchte die digitale Veröffentlichungsform nutzen, um schnell und weltweit Themen zu setzen, zu verbreiten und vertreiben; daneben will Eeclectic das mediale Potential von digitalen Publikationen nutzen.

Belletristisches findet sich nicht in dem neuen EBook-Verlag, EECLECTIC präsentiert in seinem deutsch- und englischsprachigen Programm Veröffentlichungen aus Kunst, Theater, Film und Architektur.

Ich habe gelesen: Die schöne, und wie es ausschaut, sich im Aufbau befindliche dokumentarische Reihe Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt 6, Zingster Straße 25, Berliner Mietshaus mit Vollkomfort, von Sonya Schönberger.

In Interviews werden die Bewohner eines Berliner Mietshauses mit Vollkomfort zu ihrer Lebenssituation befragt, die sich überwiegend in einem Mietkomplex im Berliner Bezirk Hohenschönhausen abspielt, oder platt gesagt, aber nicht treffend benannt: Wie ist es so, in einer Platte zu leben? Das Schöne an den Anfang: Die Wohnzufriedenheit ist hoch.

„… Auf dem VIII Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) 1971 verkündete der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker das Vorhaben, durch die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik das materielle und kulturelle Lebensniveau der Menschen zu erhöhen. Dazu gehörte auch ein Wohnungsbauprogramm, das bis 1990 angemessenen Wohnraum für alle DDR-Bürger*innen schaffen sollte. … Rund 30.000 Wohnungen für 90.000 Menschen entstanden in den fünf Folgejahren. …“

 

Häuser und deren Bewohner sind beliebt als Austragungsort von vielerlei Leben. Immer wieder finden sich in Büchern durch alle Zeiten Häuser. Ob mit Dienstboten und Herrschaft, ob als Hotel, Absteige oder Hochhaus, die Möglichkeiten sind vielfältig. In einem Haus besteht die Möglichkeit, alles in Kontrast gegeneinanderzustellen, von Etage zu Etage kann alles wechseln, variieren, sich bedingen.

In dem Hochhaus Zingster Straße 25, auch einem Austragungsort vielerlei Leben, wird die Wirklichkeit dokumentarisch bewältigt. Die Zeitstruktur gibt den Plot vor, der Kubus der Zingster Straße 25 wurde 1987 fertiggestellt, lief architektonisch unter der Nummer WHH GT 84/85. 20 Stockwerke, 144 Wohnungen, 20 Meter hoch in den Hohenschönhausener Himmel gebaut. Was dann auf die Bewohner zukam, war der Mauerfall. Zwei Jahre. Und so zerfällt das Leben aller Bewohner in ein Vorher und ein Danach.  Und das ist die Dramaturgie.

Schön sind die Einzelinterviews, weil die Bewohner ungeteilt das Wort haben; und sie erzählen vom Einzug in die Zingster Straße, welche Hürden zu nehmen waren, bevor die Wohnung zugeteilt wurde, oder auch davon, dass die Tapete des Erstbezugs nicht gefiel. Von Scheidungen, plötzlichen Toden – und die beruhigende Konstante – die Wohnung.

Da gibt es zum Beispiel die Lehrerin, die Schulrätin wurde, der plötzliche Umsturz, dann Absturz und Neuorientierung mit 48 Jahren, nach der Wende. Entlassen. Dann Umschulung zur Altenpflege.

„… Und es war die gängige Frage, weit bis in die 90er Jahre rein, an Bekannte, Familien, auch im Haus: „Hast Du Arbeit? Also gar nicht: „Wie geht’s Dir?“ Sondern die erste Frage war: „Hast Du Arbeit?“….“

Solche Sätze machen die Zeitzeugen-Interviewsammlung Zingster Straße zu einem Schatzkästchen. Sie bewirken, dass der Lesende, ein Alter vorausgesetzt, in seiner/ihrer Erinnerung kramen kann. Wie war es damals, in den Wendejahren? Und nebenher ist es immer lohnenswert, darüber nachzudenken, was mit einem Schlag geänderte rituelle Kulturformen wie Guten Tag, Auf Wiedersehen und Händeschütteln bewirken. In dem lauten Nachdenken und Reflektieren der Bewohner Zingster Straße können die unterirdischen Detonationen wahrgenommen werden, die eine Komplettänderung des Lebens, der Lebensart und –stils nach sich ziehen und darin liegt die große Kraft dieser Anwohner-Interviews.

Die Fluktuation im Haus scheint nicht hoch, langjährige Mietverhältnisse, außer bei den Ein-Raum-Wohnungen dominieren. Im Vorwort kann über den Anlass der Dokumentaristin nachgelesen werden, sich Hohenschönhausen, der Zingster Straße zu nähern.

Diese Art von erinnertem Erzählen in Zingster Straße 25, Mietshaus mit Vollkomfort, bietet schöne Schlaglichter in eine, nahe und ferne Welt. Die Interviews sind ausführlich, es scheint alles erzählt zu werden, was für die Befragten von Belang ist, die Befragerin erscheint glücklicherweise als sehr zurück gezogen, nicht wie eine begeisterte Ethnologin on tour. Ich hätte mir an dieser Stelle noch einen Hinweis oder eine Art Entstehungsgeschichte gewünscht, ob oder wie das Material bearbeitet, gestrafft oder geordnet wurde. Aber das war es auch schon an Einwänden, sehr lesenswert.

Zingster Straße 25

Sonya Schönberger

Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt #6. Gespräche mit alten und neuen Bewohner*innen Neu-Hohenschönhausens

192 Seiten (im pdf), mit Fotografien von Ulrich Dießner

Mai 2018

ISBN 978-3-947295-07-4 (epub)
ISBN 978-3-947295-13-5 (pdf)

berlinerhefte.de

Weitere lesenswerte Eriginals hier bei: EECLECTIC  – Digital Publishing for Visual Culture.

… und ein glückliches und friedliches 2019 wünsche ich allen!