Das Debüt 2016 … meine Stimme geht

an… Stilistisch finde ich die fünf nominierten  Titel sehr gut und richtig ausgewählt; obwohl ich noch andere Titel im Auge hatte, die ich gern auf der Shortlist gesehen hätte.
Hier sind meine Leseeindrücke und mein Votum für das Debüt.
42510Katharina Winkler – Blauschmuck, Suhrkamp Verlag
Die Hauptfigur, Filiz, wird erzählt von ihrer Kindheit bis zu dem Punkt, an dem sie es mit Hilfe schafft, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu trennen. Wobei diesen Mann gewalttätig zu nennen untertrieben ist. Die Geschichte handelt von Gewalt auf allen Ebenen, begangen von Männern an Frauen, der sich in Blauschmuck in allen Schattierungen äußert.  Ich mochte die reduzierte Sprache sehr, aber die Autorin verlässt sich in ihrem Debüt sehr sehr darauf, dass alles wahr ist, dass sie sich der Notwendigkeit enthoben fühlt, ihre Figuren zu entwickeln. Hauptsächlich werden in Blauschmuck Schläge variiert, die Figuren bleiben typisiert. Ich bin diesem Wahrheitsfimmel in der Literatur sowieso nicht zugeneigt, denn: die Wahrheit ist kein Ritterschlag und Wahrheit kann manchmal so bedrückend langweilig sein, dass sie kein Stoff für ein Buch ist. Man kann nicht unter dem Mäntelchen der Wahrheit Dinge erzählen, die so einseitig sind, dass sich mir die Haare sträuben. Auch wenn ich der Protagonistin sehr zugeneigt bin, ereilt sie doch das gleiche Schicksal wie der Hauptfigur von bspw. Ken Loachs Film Ladybird. Ich stumpfe ab. Ich mache dicht. Die Schrecknisse, die Brutalität, die diese Frau erleiden muss, ließen mich abstumpfen. Und der Mann, der Täter, der lässt mich ganz ratlos zurück. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Was er ist. Was er will. Fazit: In Blauschmuck wird Gewalt auf so penetrante Art eindimensional behandelt, die Figuren sind Holzschnitte.  Leider ein Buch, dass mich an Betty Mahmoody Nicht ohne meine Tochter erinnert hat, daher kann ich nicht für Blauschmuck votieren.
wittstock__uli___574458826cedcUli Wittstock – Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf, Mitteldeutscher Verlag
Ein Krimi, auf den ich mich sehr freute. In einem Funkhaus wurde ein bekannter Moderator einer Volksmusiksendung umgebracht, im Buch heißt es tourniert. In einer Zeitspanne von sieben Tagen wird ermittelt – es tritt eine ganze Armada an eigenartigem Personal auf: Kleine Politiker mit zynischen Werten, Menschen, die einem Life-Doc folgen und eine ganze eigentümliche Auffassung von Sein und Werten haben, unangenehme Radiomoderatoren. Die Erzählung ist wie ein Sampling, rasant, mir manchmal zu abrupt, teils sind Kommentarfunktionen drin, die mir die Lust auf das Lesen nehmen, ich fühlte mich gesteuert. Aber Uli Wittstock und Weißes Rauschen ist auf jeden Fall ein Buch für Leser, die abseitige Krimis aus zynischer Blickrichtung lieben, schöne Wortspiele, schöne Bilder. Für mich leider zu kaskadenartig, zu zivilisationsmüde, daher votiere ich nicht für Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf.
cv_harter_weissblende_webSonja Harter – Weißblende, Luftschacht Verlag.
Ich hatte Sonja Harter schon in den Leseeindrücken gestreift. Mir fielen schon im ersten Kapitel einfach Sätze auf, wie „…Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch….“, die einfach zu groß geraten sind. Weißblende handelt von dem Werden des Mädchens Matilda. Im Jetzt in der Psychiatrie, im Davor Heranwachsende in einem Leben wie hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Dazwischen  wallen Phasen, in denen die junge Frau sich in ihrem neuen psychiatrischen Zuhause verorten muss und beobachtet, sinniert. Wieder geschraubtes Satzgut, die Metaphern schwer. Sehr gut gelungen sind die Passagen, in denen die Heranwachsende mit ihrem Vater an der Hauptstraße von Unteraubach wohnt. Vater und Kind, die Mutter ist als Foto präsent. Es hat eine schöne Stimmung, wie die Ich-Erzählerin unaufgeregt,  aber voller Zweifel die Welt beobachtet. Sie weiß noch nicht genau, was das mit dem Leben auf sich hat, aber sie ahnt, dass das, was sich so Leben nennt, kein Spaziergang sein wird. Und ihr Leben gestaltet sich tatsächlich so, wie man es sich für eine Heranwachsende nicht wünscht. Die Sprache, die lyrische Kraft finde ich sehr schön, dramaturgisch finde ich die Geschichte, die zu einem Missbrauch des Mädchens Matilda wird, eher dürftig, die Missbrauchsgeschichte gerät mir daneben, erscheint wie behauptet. Sprachlich toll, aber die Anlage der Geschichte, also der vielfache Missbrauch der Matilda, habe ich wie als ein Konstrukt gelesen. Konstruiert, um die Hauptfigur in der Psychatrie landen zu lassen, um eine große Geschichte aufzureißen. …
„Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“ Was steckt da für eine Farbpsychologie hinter?
ymir-cover-1Philip Krömer – Ymir oder aus der hirnschale der himmel, homunculus Verlag
1939, ein hochgeheimer Expeditionstrupp bestehend aus VonUndZu, KleinHeinrich und dem  „…  Ein Mann für fachliche Expertise, einer fürs Gelände. Was wir noch brauchen, ist ein Erzähler, der nachher alles zu Literatur macht. Weil auch wir an großen Stoffen weben.“ Ob er mir ein paar Anhaltspunkte geben könne, zur Einstimmung, für die vorbereitende Recherche? „Sagen wir: es geht um einen weißen Fleck, der nicht auf den Landkarten zu finden ist. Mehr sagen wir nicht. Und über das Wenige, das ich sagte, schweigen wir wie ein Grab, ja?“ …“   Erzähler. Das ist der Auftrag, da sind die Figuren. Und der Erzähler schreitet zur Tat. Erzählt. Berichtet von der Expedition, die er im Gegensatz zu anderen überlebte. Was den Text dominiert, ist eine stets und beständig abschweifende, genüsslich wegdriftende Gedankenstimme, die sich nicht festnageln lässt, Kapriolen schlägt, sich erinnert, dabei durchaus  ihrer eigenen Logik folgt. Die gedrechselten Sätze, die gesamte Vintage-Sprachhaltung macht Spaß. Der Spaß um das recht eigenartige Team (ja, sprechende Namen, ja die Weltensaga wird kolportiert, liebe Grüße an die Intertextualität) kann beginnen, wird unterstützt durch Kapitelüberschriften und anatomische Zeichnungen. Und wenn der Text ausufert, dann schien es mir Strukturbestandteil. Philipp Krömer mit Ymir oder aus der hirnschale der himmel ist meine Nummer zwei. 
9783462048919Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch
Ich mochte das Debüt von Shida Bazyar sehr. Leben, wenig Freude, aber viel Leid über vier Jahrzehnte. 1979, die iranische Revolution ist das schicksalsauslösende Ereignis, das in fünf Menschen hineinwirkt. Die iranische Revolution. Hoffnung auf eine neue Ordnung, auf eine freieres Leben nach dem Schah. Schnell werden Hoffnungen im Keim erstickt, im Evin-Gefängnis zerstört. In Zehn-Jahressprüngen berichten erst der Vater, die Mutter und dann die Kinder von ihrem Leben, wobei die Tochter Laleh, deren Stimme 1999 einsetzt, die stärkste und interessanteste ist. Lalehs Sein ist nicht so intakt wie das ihrer Eltern, für die Deutschland das Land ihrer Emigration ist. Laleh muss sich aufspalten, sie lebt ein Teil Leben mit ihren Eltern, ist deren Sehnsucht ausgeliefert, aber ihr bleibt deutsches Leben nicht fremd. Ich hätte mir von der Figur der Laleh eine spannendere Auseinandersetzung um Identität und Heimat gewünscht. Weiterhin spannend die Anordnung. Alle Figuren haben ihre Stimme, ihre Perspektive, ihr Sein. Wie die Mutter aus der Perspektive ihres Mannes an Gestalt gewinnt: In Teheran ist sie eine literaturliebende, unabhängige Frau, in der Emigration wird sie mit ihrer Stimme zu einer unsicheren, traurigen, alles abwehrenden Frau. Laleh, die genaue Beobachterin, erlebt die Mutter bei einem Besuch im Iran teilweise entfremdet. Denn die Realität im Iran  kann nur blass sein angesichts der Sehnsucht der Mutter.
Lalehs Geschwister fand ich eher blass, sie kamen mir erzählt vor.

Nachts ist es leise in Teheran: Zersplitterte Biographien, ein Leben voller Sehnsucht  in Unvollkommenheit. Weil die Heimat nicht mehr ist. In der zweiten Generation besteht zur Heimat ein gebrochener Bezug. Und da ist mein  Knackpunkt: Hier wird Nationalität ganz simpel mit Identität gleichgesetzt. Das ist mir zu kritiklos. Und unrichtig. Da kuschelt sich ein schöner Stoff zu sehr in der Schublade Migrantenliteratur.

Fazit: Trotz meines Einwandes votiere ich für Nachts ist es leise in Teheran. Denn es fühlte sich an wie eine Saga, es ist ein weitreichendes Werk über die 1979er Revolution und ihre Folgen, um Entwurzelung, Verlust und Heimat.

Das Debüt, LeseEindrücke zum Bloggerpreis, Teil 1

Mittlerweile haben sich auf der Homepage das Debüt, mehr als nur ein Literaturblog, mehr als zwei Dutzend Debütromane des letzten Jahres, Ausgangssprache Deutsch, versammelt. Hier meine Leseeindrücke zum Debüt, meine Frage war: Würde ich das Buch auch nach der Leseprobe weiterlesen wollen?  — Ein subjektiver Querschnitt — Voraussetzung für meine Auswahl (Teil2 und 3) wird weiterhin sein, dass ich die Bücher nicht kenne, auch nicht den Klappentext, also gänzlich unbeleckt in die Leseprobe falle. Mal sehen, wie viele Leseprobeneindrücke ich schaffe, bevor die Klappe fällt.

 

salis_afs_motelterminal_cover_web Ich beginne mit Andrea Fischer Schulthess, Motel Terminal, Salis Verlag. Die Autorin beginnt mit Merets Tagebuch, ein paar Seiten, ein kleines Mädchen spricht über Geheimnisse, sie scheint krank zu sein, die  Information läuft über die Kapitelüberschrift. Nach ein paar Seiten über Meret folgt der Prolog,  ein Ich-Erzähler oder Erzählerin sinniert beim Anblick eines toten Kindes. Dann ab ins erste Kapitel, zeitlich gesehen zum Prolog eine Rückblende.

In Motel Terminal stürzt sofort einiges an Rätselspannung auf mich los, die ergibt sich aber nicht aus den Andeutungen, dem Sinnieren der Figuren, sondern aus der Anordnung der Autorin. Was ist das nur für eine dysfunktionale Familie? Was ist das für ein eigenartiges Dorf? Ich würde darauf tippen, dass Wurzel allen Übels die Familie ist. Da ich mich aber ständig neu verorten muss – wer spricht – und wieso, empfand ich das Buch als unruhig. Ich bin Fan der analytischen Fabel, also: alle Handlungen sind begangen, sie müssen nur gleichsam enthüllt werden, die Katastrophe ist schon erledigt, sie muss nu bekannt werden. Leider hatte ich den Eindruck, dass einfach nur aus allen Richtungen erzählt wird. Das ist aber keine analytische Fabel, sondern Autorenmaßnahme, eine Collage. Würde ich das Buch weiterlesen? Die Beschreibungen sind gelungen, plastisch, drastisch. Außerdem wird die Leseprobe schon von ziemlich eigenartigen Dorfbewohnern bevölkert – komische, schrullige Figuren, die ihren Reiz entwickeln könnten. Fazit: Würde ich mir das Buch kaufen? Für den Sommerurlaub, Strandliege, Reader – ja.

 

traurige-freiheit_8031Friederike Gösweiner mit Traurige Freiheit, aus dem Literaturverlag Droschl. Eine lustig kurze Leseprobe, knapp eine Seite lang. Ich entnehme der LP, dass Hannah die Hauptfigur (?) ist, lustig, sie sinniert so rum, eine Seite lang, aber da ist einiges, was mich berührt. Zum Beispiel dieser Satz: .„..Es musste also jemanden geben, der Pech hatte, jemanden, der verlor. Sie hatte nur nie gedacht, dass sie einmal zu den Verlierern zählen könnte. …“  Da appelliert die Autorin ziemlich geschickt an meine/ an unser aller Affekte. Und flugs entwickele ich Mitgefühl, denn: Waren wir nicht alle schon einmal irgendwie Verlierer, egal auf welcher Ebene? Bei Hannah scheint es im Job nicht so zu laufen, irgendwas mit Zeitungen, Schreiben. Armes Ding. Würde ich Traurige Freiheit weiterlesen? Ja. Ich würde mir nur wünschen, dass sich irgendetwas entwickelt, eine Geschichte, dass Traurige Freiheit weiter geht als eine selbstbespiegelnde Maßnahme, dass es vom Ich zum Du geht und von da aus meinetwegen weiterdekliniert würde. Würde ich mir das Buch kaufen? Ich würde mir Traurige Freiheit gern schenken lassen und das Buch lesen, wenn es draußen immer dunkler und kälter wird.

 

Wenns brennt von Stephan ReichMeine Impression zu Stephan Reich, Wenn’s brennt, DVA Verlag. Die Schreibschrift des Titels: Familienroman, denke ich mir — Aber dann kommen  Finn, ein Nelson, Möller und ein Ich-Erzähler. Sie reden so darüber, wie sie die Sommerferien planen würden. Es enthüllt sich schnell, dass ich es mit Jungs zu tun habe, die nichts in der Hand haben außer Nachts unter der Bettdecke ihre Penisse. Sie schwafeln,  protzen, stoßen sich gegenseitig von den Fahrrädern. In ihrem Dorf ist es langweilig, sie langweilen sich, es könnte spannend werden, was aus dem Hang zu Machotum und Mutproben für Katastrophen erwachsen. Leider kann ich mich für die Figuren nicht wirklich interessieren. Es wird etwas passieren, so viel ist klar, denn: „…Dass wir überhaupt stehen, wo wir stehen, mit dieser Pistole von Endpunkt auf der Brust, das kam so: Vor ein paar Monaten ist Finn runter …“, erklärt mir Ich-Erzähler. Die aufgesetzt- aufgedrehte Sprache des Teenager-Jungen kriegt mich nicht, sie stresst mich sogar es ist, als würde einer neben mir an der Bushaltestelle stehen und seine Freunde vollbrabbeln – und ich müsste mithören, solange bis der Bus kommt und ich mich weit entfernt von dem Jungen mit Logorrhöe setzte.  Würde ich Wenn’s brennt weiterlesen? Nein.Würde ich mir das Buch kaufen? Nein, aber ich kenne ein paar Leute, denen ich es gern schenken würde, die Wenn’s brennt bestimmt sehr viel mehr abgewinnen können als ich.

Bloggerpreis 2016

 

—Allen Autoren, die am DEBÜT 2016 teilnehmen, wünsche ich das Beste und viel Erfolg;)  auch weiterhin, nach dem Debüt—  

Teilnehmende Autoren, Das Debüt 2016, Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne, Andrea Fischer Schulthess:Motel Terminal, Petra Piuk: Lucy fliegt, Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit, Katharina Winkler: Blauschmuck, Inge Kutter: Hippiesommer, Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern, Nicole Brausendorf: Die einzige Art, Spaghetti zu essen, Manuela Obermaier: Verletzung, Laura Vogt: So einfach war es also zu gehen, Marion Johannig: Aelia, die Kämpferin, Heike Hübscher: Tödlicher Hundekurs, Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen, Markus Mittmannsgruber – Verwüstung der Zellen,Stephan Reich – Wenn’s brennt, Christoph Reicho – Schlaraffenland, Sabine Hunziker – Flieger stören Langschläfer,Simone Hirth – Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft, Frank Schliedermann – Die Trauerfeier, Iris Blauensteiner – Kopfzecke, André Mumot – Muttertag, Johannes Ehrmann – Großer Bruder Zorn, Birgit Birnbacher – Wir ohne Wal, Marie Malcovati – Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte, Emanuel Bergmann – Der Trick, Stevan Paul – Der große Glander, Katja Buschmann – Alles, was Sie über Philine Blank wissen müssen, Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern, Rebecca C. Schnyder – Alles ist besser in der Nacht, Ursula Hahnenberg – Teufelstritt, Markus Liske – Glücksschweine , Lena Elfrath – Die Liebe ist ein Schmetterling, Isabelle Lehn – Binde zwei Vögel zusammen, Candy Bukowski – Wir waren keine Helden, Michael Kraske – Vorhofflimmern, Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Paula Fürstenberg – Familie der geflügelten Tiger, Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute, Philip Krömer – Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel, Astrid Sozio – Das einzige Paradies, Nadine Lashuk – Liebesgrüße aus Minsk. Wo die Babuschka regiert und Heringe Pelzmäntel tragen, Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen, Daniel Breuer – nathanroad.rec, Bastian Asdonk – Mitten im Land, Sonja Harter – Weißblende