Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goethe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton aber gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunter zu brechen. Aber es ist so: Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, miteinander zu verbinden, also Europa ideell auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – stellenweise mutet es an wie ein bürgerliches Reisetagebuch des 19. Jhdts., aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das Miteinander, Durcheinander ist erfrischend, die Skizzenhaftigkeit erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin ich bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

Wenn Leser mit entscheiden

Totenläufer. Der Blog der Autorin Mika Krüger bietet eine gute Übersicht über die Gestaltwerdung dieses Sci-Fi-Romans. Ganz anders als SchreiberInnen, die sich von inneren Eingebung leiten lassen, denen egal ist und egal sein muss, was mögliche Leser von dem Werk in Werden halten, ließ Mika Krüger ihre künftigen Leser teilhaben. Zum Einen ist es  Marketing, zum anderen kennzeichnet dieses Vorgehen die Wasserscheide zwischen Literatur und Genre. Totenläufer, Im Namen der Sicherheit, erschienen im November 2016, ist Science Fiction, eine -und das ist das Schlimme- gar nicht fremde Dystopie, die sich zuerst der Frage widmet: Wer darf leben? Im Umkehrschluss: Wer wird ausgerottet? Danach wird durchdekliniert: Wer hat die Macht und welche Rechte räumt Macht automatisch ein?

Tania Folaji: Mika, Du hast potentielle Leser sehr an der Erstellung Deines Romans teilhaben lassen, sind Ideen von Lesern eingeflossen? Entwicklungen, Wendungen im Skript, die Du vorher nicht so beabsichtigt hattest? 
Mika Krüger: … Zum Beispiel habe ich Rinas Einstellung zu ihrer Angst überdenken müssen, da einige Testleser angemerkt haben, sie sei schwer nachzuempfinden und dadurch anstrengend. In der Ur-Version war sie also noch viel ängstlicher. Ähnlich ist es wohl auch mit dem Fakt, dass überhaupt eine ganz zarte Liebesbeziehung angedeutet wird. Hätten sich das nicht viele Leser nach den Sieben Raben gewünscht, hätte ich wohl erneut darauf verzichtet. … Ich bin wirklich jemand, der gern gemeinsam Ideen entwickelt. Darum nutze ich auch Autorengruppe und stelle Fragen, wenn ich nicht weiterkomme. In Band II wird es auch eine Figur geben, die eigentlich jemand anderes erfunden hat.
Genau diese Liebesgeschichte moniere ich, sie ist mir zu  Unentschieden. Mir kamen die Figuren nicht geführt vor, was sehr gut daran liegen kann, dass die AutorIn sich entweder mit Handlung und/oder Figur nicht identifizieren kann, oder nicht genau weiß, worüber sie schreibt. Ich würde Ersteres annehmen.
T.F.: Ich erinnere mich auch daran, dass du auf Deinem Blog hast abstimmen lassen, Namen und ähnliches, ist das richtig?
Ja, es ging um den Namen der Rebellengruppe. Es standen mehrere Sachen zur Wahl und REKA ist es dann geworden. Da habe ich mich tatsächlich nach der Mehrheit gerichtet. 
T.F:  Hast du auch Schauplätze zur Diskussion gestellt?
Mika Krüger: Nein, ich habe nur vorgestellt, wie ich es mache. Aber es gab eine Diskussion über Neel Talwar (Totenläufer, TF) und ob er nicht als Hauptfigur ungeeignet ist, da zu zynisch und überheblich.
T.F: Wie haben deine potentiellen Leser abgestimmt?
M.K. Die mögen Neel, aber durch die Diskussion hat sich folgendes bestätigt: Es war eine gute Entscheidung, ihn erst nach einem Drittel des Buches auftauchen zu lassen, weil er sonst ggfs. zu unsympathisch gewesen wäre. Aber das ist Spekulation. Damals hatte ich ihn ja nur auf dem Blog als Figur vorgestellt.
 …

So viel zum Mitspracherecht des Lesers. Zum Inhalt: Die Regierung der Insel Red-Mon-Stadt darf totalitär genannt werden. Die Bevölkerung scheint Diktaturen zu begrüßen, weil die Einwohner das Gefühl haben (das geschürt wird) dass nur eine starke Hand sie besser vor Gefahren im Allgemeinen und Gefahren im Besondern, Lorca, beschützen kann.  Der Schauplatz ist die Insel Red-Mon-Stadt, darauf werden Lorca, also Menschen mit blasser Haut,  goldenen Augen und bisweilen ausgestattet mit einer telepatischen Spezialfähigkeit (Lorcaism), ausgerottet. Für das Ausrotten ist ein in den Medien gefeierter Jäger, der Totenläufer, zuständig. Es gibt einen Gegenpol zur willkommenen Diktatur – das sind naturgemäß Rebellen, so auch in Mika Krügers Roman.

Die Hauptfigur ist Rina, ein Lorca-Mädchen. Gleich am Anfang bekommt der Leser über Verfolgungssequenzen aufgezeigt, was die allesbeherrschende Konstante in Rinas Leben ist. Flucht, Angst und Todesangst. Keine Sicherheit. Kein Ort nirgends (Zitat: Aber von wem?)

Der Totenläufer genießt eine Tartuffsche Einführung, d.h. Figur tritt noch nicht auf, aber  alle reden über die Figur, woraus sich ein widersprüchliches Bild ergibt. Es ist eine sehr schöne Art der Figurenpräsentation. Aus der Sicht der Gejagten Rina ist der Totenläufer das personifzierte nahe Ende. Weil Repräsentant des Systems, haben die Rebellen den Totenläufer auf der Liste, da ist er Bedrohung und Gejagter.

Ein kurzes Wort zu den Rebellen: Sie kämpfen für einen diffusen, nicht näher erläuterten Freiheitsbegriff. Einfach mal Freiheit. Mit den Rebellen hatte ich nicht auf der Figurenebene, sondern als Systembegriff meine Probleme; denn ich habe nirgendwo gefunden, was die Rebellen denn nun anders machen wollen. Sie kamen mir auch irgendwie totalitär vor. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin mir genau das sagen wollte, aber  ich fand Analogien zur Jetzt-Zeit.

Als der Totenläufer gefangen genommen wird, da wird er figürlich, das Monster ist ein Mensch. Ein Opfer.Wer steht wo? Und warum fühlt sich Rina zu dem Totenläufer hingezogen? Es bleibt spannend.

Fazit: Der Totenläufer hat einen linear erzählten Plot: Es läuft auf die Befreiung Red-Mon-Stadts durch die Rebellen hinaus oder eben auf deren Untergang. Der Totenläufer gehorcht dem Genre des Science-Fiction, ist zudem aufgefächert wie ein Thriller, in dem die Leser über ein fast gottgleiches Vorwissen in Bezug auf Absichten und Motive der kämpfenden Parteien verfügen. Was ich schätzte: Die AutorIn beherrscht ihr Genre,  der Entwurf einer durchtechnisierten Welt in 2075 ist ihr absolut gelungen; sie fühlt sich im Sci-Fi wohl. Wichtigster Punkt: Ihre Hauptfiguren sind gelungen. Was ich nicht so sehr mochte: Der Totenläufer ist sehr genau erzählt mit einer Liebe zum Detail, aber da ich eine Handlungsleserin bin, werden mir manch zuviel an Schnörkel zugemutet, -die reden einfach zu lange – bis ich wieder zu handlungstreibenden Elementen komme. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Science-Fiction, History- und Fantasy-Lesern immer nachgesagt wird: Die Liebe zum Detail. Die ist da. FazitFazit: Wer Dystopien mag, die irgendwie an Blade Runner erinnern, der wird Totenläufer mögen.

Zielgruppe: junge Erwachsene, hier eine lesenswerte Rezension von Buchstabenträumerei.

 

I am not animal

Aus leider aktuellem Anlass möchte ich wieder auf das herausragende Buch I am not animal von Hammed Khamis hinweisen. Ein wütender bedrückender Bericht. Aber gleichzeitig freue ich mich, weil hier denjenigen, die im Dschungel von C. hausen müssen, eine Stimme,  Menschsein zugestanden wird.

img_calais_cover-400x600

schreit eine eritreische Frau bei einer Demonstration. Hammed Khamis gehen diese Worte nicht aus dem Kopf, der Aufschrei wird Teil der Triebkraft, der in den Augenzeugenbericht, I’m not animal, Die Schande von Calais, erschienen bei Frohmann /An einem Tisch, mündet. Der verzweifelte Ausruf einer Frau bei einer Demonstration auf einer Autobahn ist Auftakt und Anlass dieses bemerkenswerten E-Books.

Calais, Flüchtlingslager. Plastisch, aber auch pejorativ wurde das Lager Der Dschungel von Calais genannt. Die Fahrt durch den Eurotunnel dauert zwischen 35 -45 min, wem es zu unheimlich ist, unterhalb des Ärmelkanals zu fahren, der bucht eine Fahrt auf einer Fähre, die einfache Strecke ist für 40,00 Euro zu haben. So fährt der, der Papiere, Personalausweis, Pass hat.

Für die Einwohner des Dschungels ist die kurze Strecke keine Reise, sondern eine Odyssee: Vom Lager zum Eurotunnel sind es einfache Strecke zwei bis drei Stunden Fußmarsch, vorbei an Patrouillen mit Hundestaffeln und über viele Zäune, der letzte elektrisch geladen. Warten an der Stelle, wo die Züge mit vierzig Stundenkilometern in den Eurotunnel rauschen. Dann steht der Versuch an, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Hat das geklappt, muss man sich fünfzig Kilometer gut festhalten, bis man am Ziel -England- ist.

Es ist schön, dass ich wieder ein sehr direktes, unmittelbar berührendes Buch mit einer schönen Perspektive lesen durfte. Die Sichtachse macht das Buch so berührend, wie auch die Autorenperspektive von Hammed Khamis, der seine Betroffenheit und Wut nicht zügelt. Er leidet mit, wenn er sieht, wie Menschen versuchen, hinter allem anderen, dass sie verloren haben, nicht auch noch ihres Menschseins verlustig zu gehen. Zu Recht der Untertitel Die Schande von Calais.

Khamis will Zeugnis ablegen, er sprengt die Medienhaltung der Draufsicht, indem er mir Menschen nahe bringt. Abdelrahman, ein zehnjähriger Junge aus Darfur, seit zwei Tagen mit seiner Familie im Camp und noch ohne Schlafplatz. In Abdelrahmans Schlepptau ein kleines Mädchen, das nicht zu ihnen gehört, die mitgenommen wurde. Woher? Wo sind ihre Eltern? Was ist geschehen? Die Fragen, die sich angesichts des Schicksals des Mädchens türmen, sind ungeheuerlich.

In I’m not animal treten mir Menschen entgegen. Amjad aus Libyen, der sich im Dschungel ein zweistöckiges Haus aus Holzpaletten baute. Das Haus hat mich sprachlos gemacht, denn die Initiative, etwas Dauerhaftes im Temporären konstruieren zu wollen, heißt Hoffnung. Wie die Plastikkirche, die heißt auch Hoffnung. Und dann gibt es noch die Afghanen, die im Lager Läden und Lokale betreiben, Menüs anbieten. Im pakistanischen Späti, kann man Zigaretten für zehn Cent kaufen, der so Arbeitsplätze schafft. Und dann gibt es noch Prostituierte für zehn Euro und einen Flüchtlingsfriedhof auf dem Friedhof, auf denen die Gräber sehr oft keine Namen, sondern Nummern tragen.

Ich wünsche mir für I’m not animal viele Leser und eine große Reichweite. Klar, wie ohne Filter, treten mir in den Beschreibungen gestrandete, hoffende und verzweifelte Menschen entgegen. Die dokumentarische Schreibhaltung ist ein Gewinn, es wird nicht literarisch verbrämt, nicht auf der kunstvoll geschilderten Wiedergabe der beobachteten Szene liegt der Fokus. Und der Autor gibt an mich, die Lesende, einen Teil seiner Bedrängnis ab, ich merke, wie ihm die Luft wegbleibt angesichts Unrechts, dass die Insassen im Lager fest umspannt, ihnen Luft und Leben wegschnürt.

Der Autor: Hammed Khamis, Jg 1981, lebt in Berlin, leitet dort eine Integrationsschule. Als Khamis zum ersten Mal auf You-Tube die Plastikkirche im Dschungel sah, war das sein Antrieb zu einer Fahrt nach Calais. Daraus entstanden Freundschaften, die Organisation von Spenden und es entstand I’m not animal – Die Schande von Calais, 4,99 Euro als EPUB und MOBI, broschiert für 13,00 Euro.

Ja, sterben muss man, so gelesen bei Stefanie Sargnagel

cover-stefanie-sargnagel-in-der-zukunft-sind-wir-alle-tot-mikrotext-2016_400px-240x360

 

Statements wie Schlaglichter, kurze Dialoge und dazu die herrliche Gedankenstimme von Steffi Fröhlich, Call-Center-Agentin. In Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für sie tun, geht es um Ansichten und Einsichten auf der anderen Seite des Hörers. Das 2014 erschienene Buch von Stefanie Sargnagel In der Zukunft sind wir alle tot wurde jetzt erweitert um die Refugee McMoments, die sich, klug beobachtet, der Hilfe und dem Furor des Helfens widmen. mikrotext Verlag: „…Die Facebookposts der Wiener Kult-Autorin Stefanie Sargnagel lassen nichts aus, sind witzig und mischen sich ein. Perfekte Einsteiger-Lektüre in ihr Werk. …“

Refugee McMoments

Das konnte jeder schon an sich selbst verspüren, Helfen ist nicht nur eine altruistische Handlung, es hinterlässt auch ein gutes Gefühl in der Magengegend. Frau Sargnagel entgeht nicht, dass es an Bahnhöfen in 2015 noch nie so leicht war, gemocht zu werden und das auch zu glauben. Sie horcht in sich hinein, stutzt und stellt fest, dass es sich gut anfühlt, neben Essen, Schlafen, Trinken auch eine positive Persönlichkeit zu sein – es stützt, gibt Kontur. Sie bemerkt, dass Hilfe zu einem überwiegenden Teil weiblich ist; genau wie sie sieht, dass – als die Hilfe organisatorisch und logistisch aufgebrezelt wird, die Kommandoposten sofort männlich dominiert werden– und Frauen sich unterordnen. So weit, so bekannt, das Neue ist das lakonische, schnelle Draufhinweisen.

!… 1. September 2015 Nicht dass es wichtig wäre, aber den ganzen Tag haben hier vor allem Frauen geackert und geschwitzt und es hat bestens funktioniert, und jetzt kommt ein alter Typ und schafft allen an und gibt Befehle, damit das nicht so ein Chaos ist. …“

… Ich war 2015 oft davon abgestoßen, dass ein gutes Gewissen, eine helfende Hand so schnell diktatorisch wurde, in ungeheurer Schnelligkeit wurden aus guten Facebook-Gruppen, aus netten Bekannten Feldwebel, in der Sache richtig, aber im Ton streberhaft bis diktatorisch, dieses gebellte … Steh auf und hilf! Und dann wieder das:

„…5. September 2015 Bin nur am Westbahnhof Tabak kaufen. Ein Typ sitzt fertig mit seinem Rucksack abseits in einer Nische. Eine alte Frau mit einem langen Mantel kommt mit vollen Taschen, holt einen Polster raus und schiebt ihn ihm unter den Hintern. …“

Und das ist das Besondere an den Refugee McMoments … Stefanie Sargnagel sieht nicht nur die Haare in der Suppe Hilfsbereitschaft, sie macht sich ehrlich, spricht es an: Helfen löst einen Lustgewinn aus. Das sind ihre und meine und unsere Refugee McMoments. Mehr noch. Sie spürt sich nach, wie sie innerlich davon profitiert. Hier wird das Helfen der heiligen Handlung entkleidet – warum nicht, es bleibt ja trotzdem Hilfe. Es ist eine mutige Schreibe und nur nebenbei: Die meisten Schriftsteller würden daraus einen oder zwei Gesellschaftsromane machen, die ökonomisch begabteren Naturen würden kichernd feststellen, dass sie hier ein weites Feld vor sich haben, dass sie beackern könnten weit bis über das siebzigste Lebensjahr hinaus. Stefanie Sargnagel genügen Facebookposts. Was für eine lustige Verschwendung von großem Stoff.

Und dann gibt es da noch die Rufnummernauskunft.

Wenn ich Streit will, rufe ich die Auskunft an. Will ich den Auseinandersetzungen körperlichen Charakter verleihen, bisschen schubsen, dann fahre ich Bus, da empfehle ich den Berliner M41. Für pöbeln … Callcenter. Der philosophische Sinn dieser ausgelagerten Stätten des Neoliberalismus ist, Dienen und Servilität customerwärts gerichtet als Normverhalten zu verkaufen. Nur klappt das nie, denn zwischen den Wünschen von Unternehmen und dem Customer sitzen Angestellte. Arbeitende Menschen, denen beschieden wurde, dass ein Sonntag kein Feiertag ist, dass geregelte Arbeitszeiten nur etwas für Menschen sind, die eben nicht im Callcenter anschaffen. Verständlich, dass Callcentermitarbeiter nicht die maximalen Gründe haben, stets und ständig gute Laune on phone zu schieben, denn sie haben Mindestlohn. … Und dann hebt die Ich-Erzählerin ab und führt vor, was genau gemeint ist, wenn sie sagt: Am Orsch.

…13. Oktober 2013 „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“ „Ich such so ne Frittenbude im 22. Bezirk … an so ner Ecke zur Viktorstraße … Das sind so irgendwelche Kanaken.“ „Ähem … okay … naja, da gibt’s halt unter Imbisse das Wiener Schnitzelhaus.“ „Ja, genau, das mein ich.“…

Dem Neoliberalismus sei Dank:  Es ist ein Figurentypus wiederauferstanden, von dem ich dachte, dass er mausetot sei – Der Diener und die Dienerin. Die oft ausgestattet sind mit einer passiven Widerstandshaltung, was sie in Literatur, Theater und Film so beliebt machte. Film und Theater, für das Theo Lingen ein Paradebeispiel der subversiven Dienerfigur ist, der das schlitzohrige Sich-dumm-stellen kultivierte. Herrlich, wie bei Shakespeare die Diener den Handlungen oft einen Tritt geben durch Verwechslung, Verstellung, Faulheit und List. Die Erweiterung des Dieners ist der Sklave, der dadurch, dass er noch nicht einmal mehr sich selbst besitzt, zumindest in neuzeitlichen Dramen einen tragischen Gehalt bekommt. Was bei In der Zukunft so frappiert, ist, dass die Autorin sich die Perspektive der Dienenden aneignet, sie durch das einfache Agieren der Steffi Fröhlich ausgesprochen politisch macht, ohne mit dem Zeigefinger drauf zu verweisen. Mich hingegen macht es sprachlos, dass die ungebremste Marktwirtschaft Diener/Dienerin wieder möglich machten.

An Tragik gewinnt In der Zukunft  auch dadurch, weil die Autorin den an sich deprimierenden Gehalt von Szenen aus dem Blickwinkel des Humors  erzählt. Man muss sich das mal vorstellen: überall sitzen schlecht bezahlte Menschen und sollen effizient und freundlich am besten gestern helfen. Und vollends dramatisch wird die Not der Steffi Fröhlich, wenn sie im Leben einen Sinn sucht. Der komische Grund ist die rührende Selbstverständlichkeit für Steffi, dass Leben einen Sinn haben soll. Es schließen sich herzige Versuche der Sinnsuche an – mal mit Bier, mal mit Verlieben – aber das geht nicht, denn wer sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens macht, der ist ein Zweifler. Merksatz für Steffi Fr.: An das Leben muss man glauben wie eine Zeugin Jehovas mit dem Wachtturm in der Hand.

In der Zukunft sind wir alle tot, eine Anordnung von Sichten. Mein Fazit: Stefanie Sargnagel erzählt von einer sich verändernden Welt, in der das Recht auf Glück und Wahlmöglichkeiten  nicht mehr selbstverständlich sind. Das wäre alles zum Weinen, aber St. Sargnagel bewältigt die triste Handlung mit so viel Lakonie, Witz und  Querdenkertum – das mich an Karl Valentin erinnert – dass es mir eine große Freude war. 

In der Zukunft sind wir alle tot, von Stefanie Sargnagel,
erschienen Mitte März 2014, 2. aktualisierte Version Juni 2016
ca. 110 Seiten auf dem Smartphone, mit einem Vorwort der Autorin
ISBN 978-3-944543-13-0
Erhältlich bei:
Amazon beam Buecher.de Hugendubel Google Play iTunes Kobo Thalia und in vielen anderen Webshops sowie im Buchhandel.
Ab Ende Juni 2016 auch in erweiterter Form mit zusätzlichen Texten als Buch:
ISBN 978-3-944543-37-6, 8,99 EUR.

 

 

Literatur ja oder nein? Stefanie Sargnagel wird zu Recht viel besprochen, hier eine schöne Besprechung von Kulturgeschwätz, in der auch der Frage nach dem Literaturgehalt nachgegangen wird. Ratlos im Beisl, eine Kritik von 2014, erschienen bei Fixpoetry, behandelt das Ursprungswerk der Autorin, die 2016er Ausgabe, die sich bespreche, ist eine erweiterte Ausgabe. Hier stellt der Kritiker fest, dass Facebookeintragungen keine Literatur sind. Ich meine auch, dass 99 % aller Fb-posts keine Literatur sind, wie 99 % aller von Kinderhand gezeichneter Einkaufslisten keine Kunst sind. Aber von Facebookposts auf Literatur oder eben nicht zu schließen, ist der falsche Ansatz.

Seifenblasen, Kurt Tucholsky

978-3-644-05391-5

Ich habe mich beschenkt – mit der Filmerzählung, im Eigentlichen eine schlanke Kurzgeschichte, Seifenblasen von Kurt Tucholsky.

Geburtstagsgeschenke, Weihnachtsgeschenke, Muttertag, Vatertag, Mitbringsel und hohe Feiertage. Ich verschenke gern Bücher, leider habe ich noch nie ein EBook verschenkt, Heute das Erste, und das ging an mich, denn bei Rowohlt Rotation, der EBook-Angelegenheit aus der Verlagsgruppe Rowohlt, ging das ganz einfach.  Manko: mein Geschenk war preislich ausgewiesen, egal: Die Beschenkte war ich.

Rowohlt Rotation hat ein kleines, aber feines Angebot aus Altbewährtem und Gutlaufendem, große Namen dominieren; es kommt ein wenig ehrwürdig daher: Vladimir Nabokov, über Klaus Mann & Heinrich Mann, Jonathan Franzen und so weiter. Was wird insgesamt geboten? Rowohlt Rotation hat die nicht ganz so berühmten Erzählungen, Geschichten, die wie Mauerblümchen im Schatten großer Erzählungen leben, Biografisch-Erhellendes und Vorläufergeschichten.

Bei meinem Geschenk handelt es sich um die in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung Seifenblasen, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Auch im Angebot die interessante Vorläufergeschichte, die den Titel Der Bezauberer trägt, von Vladimir Nabokov, dem die gleiche Thematik wie Lolita zugrunde liegt. Und wem zum Beispiel der ökologisch-ornithologische Strang in Jonathan Franzens Freiheit noch nicht genügt  hat, der kann bei Rotation mit J. Franzens Aufsatz, Die Klimaklemme, zum Overkill schreiten.

Also Seifenblasen. Filmerzählung. Filmerzählung strebt dem E-Book entgegen. Die Kürze und die Konzentration auf das Wesentliche, das einen möglichen Film ausmacht – es kann immer nur das erzählt werden, was im Bild erscheint – und – jeder Film hat ein Ende, der immer genau vor dem Abspann liegt, bei einem Roman ist ein Ende nicht zwingend erforderlich – stehen dem E-Book nah. Da Tucholsky sich Anmerkungen, Seitenhiebe und Schwadronieren nicht nehmen lässt und gottlob Anweisungen wie 1.Szene, Außen-Tag, Barbara und Bruder auf Parkbank, vermeidet, also alles gelöst in knapper Erzählung aufscheint, die sich dem Bild unterordnet, ist Seifenblasen leicht und gut lesbar.

Inhalt: Es ist die Geschichte um das Mädchen Barbara, das einen Herren spielt und als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird, der Damen und Herren mächtig an- und aufregt.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms tritt Barbara als gefeierte Travestiekünstlerin, die eigentlich keine ist, im Lido auf, was Anlass zu Gesang gibt. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, um sein Berlin und Typen in der Art von Herrn Wendriner und Gattin auszustellen. Wie im Vorbeigehen lässt er Berliner Schnauze zu seinem Recht kommen und begreift gut, dass dem Film das Flüchtige liegt. Zum Beispiel eine Szene, die verdeutlichen soll, wie weit es Barbara als Herr Paulus gebracht hat. Bis ins Radio, ein Star! Herr Paulus, eigentlich Barbara singt in ein fremdes Wohnzimmer hinein, die Familie ist ganz ungeniert: – … „Da wärst du auch was Rechtes“, sagt die Frau. „Hätt ich dich nicht geheiratet, dann wär ich heute von Kopf bis Fuß auf Liebe …“ – das geht im Gezänk und im Krach unter er haut auf den Tisch, und sie geht raus und knallt die Tür und kommt wieder herein, und die älteste Tochter spielt unterdessen ein bißchen Klavier, und der Sohn neckt den Papagei und spricht ihm ununterbrochen vor. „Freiheil“ – „Frontheil!“ und der Papagei hört sich das eine Weile mit an, und kreischt dann plötzlich: „Du kannst mir mal!“ und nun fallen alle über den Sohn her, wie er dem Papagei …- dieses Dazwischengequatsche, dass mit der Haupthandlung nichts zu tun hat,  nutzt Tucholsky für bissige Autorenkommentare, für uns Leser im Jetzt machen sich breite Bezüge zum Blauen Engel und aufkommenden Naziunheil auf.

Zum einen unterliegen die Seifenblasen einer strengen Dramaturgie, wie jede ordentliche Komödie, besonders die Verwechslungskomödie. Heute gelesen, spielt sich die Erzählung vor einer historischen Folie ab, es ist nicht nur eine Filmerzählung, es ist ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig. 1929 hatte Tucholsky seinen Wohnsitz nach Schweden verlegen müssen,  er hatte Deutschland über, aber auch wegen des Weltbühnen-Prozesses, der sich gegen Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete. Das Gericht verzichtete darauf, Kurt Tucholsky mit anzuklagen, sein berühmt gewordener Satzes Soldaten sind Mörder  war der Grund. Und da hat es für mich beim Lesen dieser Herren-Damen-Hosenrollen-Nummer eine todtraurige Note, weil Tucholsky sich aus der Ferne an das Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, heranschrieb.

Ende 1931, im Entstehungszeitraum von Seifenblasen, wurde Carl von Ossietzky  wegen Spionage zu achtzehn Monaten Haft verurteilt. Tucholsky blieb in Schweden und lastete es sich in den vier Jahren, die er noch lebte, an, den Freunden im Prozess nicht beigestanden zu haben. Kurt Tucholsky verstarb an den Folgen eines Suizids am 21. Dezember 1935.

Die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky die Seifenblasen schrieb, lassen sich von der dalberigen Komödie um Mädchen, das einen Herrn spielt, der ein Travestiekünstler sein soll, der ein Mädchen spielt, nicht mehr trennen. Einerseits geht es um den Kritiker, Feuilletonisten und Schriftsteller Tucholsky, der verzweifelte, andererseits geht es in den Seifenblasen auch und nicht nur nebenher um eine Zeit, einen Ort und viele Leben, die Tucholsky vermisste –es geht um eine Zeit, die 1933 zerstört wurde. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Denn es ist aus der Behandlung des Sujets herauszuspüren, dass Kurt Tucholsky dem Film ablehnend Tucholsky dem Film gegenüberstand.  Auch in dem lesenswerten Nachwort von Michael Töteberg ist das ein Thema; Tucholsky akzeptierte, wie die Mehrheit der Deutschen, lediglich das Buch, die Oper und das Theater als Kulturgut. Der Film war Zeitvertreib der kleinen Leute, man sieht es auch an dem herablassenden Titel von Siegfried Kracauer Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino sehen. Deutschland und seine Kulturgüter. Was auch dazu führte und führt, dass Deutschland in Filmentwicklungen bis heute – außer dem Expressionismus- nichts Bahnbrechendes geleistet hat. Dem E-Book geht es ähnlich. Die Innovation wird nicht begriffen. Nun gut.

Für einen Menschen, der Filme nicht mochte, sitzen seine Dialoge, das System der Verwechslungskomödie, in dem der Zuschauer immer das größte Vorwissen hat, ist dem Schwank entlehnt.  Die Lieder, Chansons und Couplets sind herrlich …

 „… Man weiß bei dir nie, wie man dran ist –

Ob du ein Mädchen oder ein Mann bist –

Ich rate rechts, ich rate links –

Kleine Sphinx! Kleine Sphinx! …“

Auch die Montage handhabt Tucholsky souverän, er bringt Gleichzeitigkeiten, Überlappungen, die er locker nach Filmzeit organisiert. Die Urmutter der filmischen Bewegung, die Verfolgungsjagd mit Auto ist ein wenig unmotiviert zum Ende hin aufgesetzt, egal. Also: Tucholsky hätte Film schreiben können, er wollte es aber nicht.  Aus der Nachbemerkung Michael Tötebergs mit dem Titel Kurt Tucholsky und das Kino lässt er Tucholsky sprechen: „… Er (K.Tucholsky) hatte den nicht unbegründeten Verdacht: „Sie wollen einen Film mit meinem Namen und dem Inhalt von der Courths-Mahler“. …“

Angemerkt: Kurt Tucholsky hat Seifenblasen auf Grundlage einer Idee des Produzenten G.W. Pabst geschrieben.

Fazit: Die Zeit und ihre Umstände machen aus der 115 Seiten langen Verwechslungskomödie eine ernste Angelegenheit.  Trotzdem Kurt Tucholsky Film an sich nicht ernst nahm, ist ihm mit den Seifenblasen eine temporeiche Verwechslungskomödie wie wie Viktor und Viktoria oder Tootsie gelungen, angereichert mit großartig Liedern.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro

Am Ende bleiben die Zedern

81b271149b

 

Samirs Leben wird seit dem Verschwinden seines Vaters von einer großen Traurigkeit überschattet. Denn Brahim El-Hourani verlässt die Mutter, die kleine Schwester und Samir wortlos, verschwindet spurlos. Das Verschwinden des Vaters ist für den Sohn das Rätsel, das ihn am Leben hindert.

Am Anfang des Romans, Am Ende bleiben die Zedern, liegt Samir in Beirut, ein Messer zwischen den Rippen, Trost bietet allenfalls nur noch der warme Asphalt. Geld weg, Ausweis weg, Flugticket auch, genauso wie die letzten Erinnerungen an den Vater: sein Tagebuch und ein Bild. Bevor Samir ohnmächtig wird, gilt der letzte Gedanke dem Vater.

Zurück in der Zeit: 1983, Beirut brennt, Samirs Eltern migrieren nach Deutschland. Das Ankommen der Familie in einer Turnhalle, Samirs Geburt, ihr Sich-Einfinden in Deutschland, daneben immer  die große Sehnsucht nach dem Libanon, die vor allem den Vater beherrscht. Der Fixstern in Samirs Leben ist der Vater. Seine Anwesenheit, seine Geschichten, seine Liebe zu den Zedern, zu dem Land, dem er entstammt, überträgt er eins zu eins auf den Jungen. Der Vater nährt den Jungen mit seiner Sehnsucht, nebenher ist er ein großer Geschichtenerzähler, er erzählt ihm fabelähnliche Geschichten von Tieren, mit menschlichen Charakterzügen. Mit einem Mal ist der Vater, nachdem er Samir eine lang erwartete Geschichte erzählt, fort. Die Trauer, die über den Zehnjährigen hereinbricht, ist in ihrer Wucht, mit der sie das Kind trifft, seine Sicht auf das Leben prägt und in ihrer Differenziertheit bedrückend gut und genau geschildert. Lange Zeit wird Samir von der großen Angst heimgesucht, dass er die Gesichtszüge des Vaters vergessen könne, was der Junge sich anlasten würde, seiner Vergesslichkeit, seiner Nachlässigkeit, er würde es für ein Zeichen mangelnder Sohnesliebe  nehmen.

Warum ist der Vater verschwunden – und wohin? Lebt er noch? Diese Fragen müssen hinten angestellt werden, die Mutter schlägt sich ohne Mann, dafür mit zwei Kindern durchs Leben, alle machen irgendwie weiter, schauen nicht nach vorn, sehen nicht hoch. Samirs Leben bleibt auch weiterhin nicht von furchtbaren Schicksalsschlägen verschont, im Lesen drängt sich der Eindruck auf, warum passiert gerade diesem armen Jungen so viel Schlimmes, ist es eine Art Hiob-Roman? Nein. Ist es nicht. Samir ist irgendwie erwachsen geworden –lebt ein zurückgezogenes Leben ohne Ambitionen, mit Hornhautschwarte auf der Seele. Das Einzige, was ihn noch an die Welt bindet, ist die Liebe zu einem Mädchen. Und die schickt ihn los, in den Libanon, den Vater suchen oder zumindest eine Spur des Vaters finden; eine Erklärung für sein Verschwinden zu finden.

Samir beginnt dort, wo die Geschichte ihren Anfangspunkt nahm, im Libanon. Und findet Hinweise, Personen und Merkwürdigkeiten, die ihm eine Erkenntnis bescheren, die er als Jugendlicher nicht hat machen dürfen: Eltern sind nur aus der Kinderperspektive Eltern und geliebte Autoritätspersonen, danach sind sie ganz schnöde Menschen.

Pierre Jarawan, geb. 1985, Autor, Slam Poet, Deutscher Meister desselben im Jahrgang 2012, erzählt in seinem Debütroman nicht nur die Suche nach dem Vater, sondern auch das Auf und Ab des Libanons. Aber bis auf die Überfülle, die mehr Begrenzung verlangt hätte, ist die Geschichte um einen, der auszieht, wieder leben und lieben zu lernen, wunderschön.

Die Stärke des Romans liegt  in der Perspektive des Samir, ich folgte ihm gern durch das Buch. Und nicht nur nebenher breitet Pierre Jarawan groß und kenntnisreich die Geschichte des Libanon, des Nahen Osten  aus. In wundervollen Tempi-Wechseln mit wunderschönen Dialogen, die sitzen, die die Menschen gar nicht beschreiben müssen, sondern die die sprechenden Personen mühelos durch Dialog erzählt.

Warm und herzlich schafft es der Erzähler, das Schicksal der Familie El-Hourani im Libanonkrieg zu zeigen, die nach Deutschland fliehen, dessen Auswirkungen eine Generation weiter an der gesamten Familie spürbar sind. Das gelingt Pierre Jarawan im Wechsel durch Beoachtung, Dialog und Erzähltempo. Alles gelungen.

 

Aber welcher Struktur folgt Am Ende bleiben die Zedern? Und da wird es voll wie auf einer Party im Studentenwohnheim: Es ist ein coming-of-age Roman, die Werdung von Samir und es ist ein Detektivroman auf der Suche nach dem verschwundenen Vater und seinen Motiven. Es ist ein Gesellschaftsroman, insbesondere auf der Ebene dessen, was die Familie El-Hourani im Libanon erlebte, wird zu ihrer Biographie in Deutschland, wird durch die Sehnsucht, die der Vater dem Sohn einimpft, tragisch. Denn ein ungebrochenes Verhältnis zum Libanon, ein Sein im Libanon, wird Samir nie mehr erreichen können. Er ist in Deutschland sozialisiert. Dadurch hat Am Ende bleiben die Zedern auch die Haltung des amerikanischen Einwanderungsroman, wie Amy Tan ihn schreibt. Pierre Jarawan garniert diese Fülle noch mit Fabeln, die der Vater seinem Sohn zur Gute-Nacht erzählt. Diese Fabeln stehen aber nicht für sich allein, sie sind ernst zunehmende Hinweise für den Detektivstrang der Geschichte. Noch nicht zu guter Letzt gibt es eine vorsichtige Liebesgeschichte, die zwar ohne große Entwicklungen verläuft, aber für Samir den entscheidenden Anstoß zur Suche gibt. So weit, so gut; aber zum Ende hin begibt sich der Roman noch auf ein neues Terrain: Neue Figuren werden eingeführt, neues Setting, neue Problemstellung, die Fabel nimmt in Richtung Thriller Fahrt auf.

Durch den letzten Wechsel werden es zu viele Geschichten, die ineinander greifen – denn es ist kein episches Erzählen wie bei 1001 Nacht, der Urmutter der Geschichten, wo die Geschichten wie eine Kette aufeinanderfolgen mit einer entschieden episodischen Struktur. In Am Ende bleiben die Zedern beziehen sich die Geschichten dramatisch aufeinander, sie können nicht für sich allein stehen, was die ergreifende Geschichte um Samir und die nicht minder berührende Geschichte des Libanons schwächt.

Hat Am Ende bleiben die Zedern ein Happy End? Ja und nein. Auf inhaltlicher Ebene klärt sich alles, trotzdem ist es kein glückliches Ende. Die Figuren werden für mich nicht nur entzaubert, nein, eine Figur enttäuscht mich massiv. Es ist nicht Samir, der zaudernde Held, trotzdem da auch ein Einwand ist – zum Ende hin wird Samir derart duldsam, dass er in der diesjährigen Titelanwartschaft als weltbester Märtyrer glatt den ersten Preis gewinnen könnte.

Aber: Das sind Einwände, die die starke Geschichte mit den anschaulichen Figuren, die sich wunderschön erzählt, nur wenig eintrüben können. Zwei Seelenzentren machen das Buch aus: Den Libanon und die Vatersuche, die immer auch die Suche nach sich selbst ist. Am Ende bleiben die Zedern hat die Kraft, ein Buch zu werden, dass viele berührt, auch deshalb, weil Pierre Jarawan den Begriff Flüchtling aufspaltet und richtigerweise in die Begrifflichkeit Mensch überführt.

Am Ende bleiben die Zedern

ROMAN

Erschienen am 01.03.2016
448 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1302-6
€ 22,00 [D], € 22,70 [A], sFr 29,90
Lieferzeit 2 Werktage