[ˈiːbʊk] Elektro vs. Print

E-Book. Besprechungen

Zur e-rstausgabe

Vor ein paar Wochen sprach mich Christiane Frohmann vom Frohmann Verlag an, ob ich Lust hätte, die e-rstausgabe, ein Facebookmag, zu betreuen.

Klar, habe ich Lust. E-rstausgabe ist nicht neu, aber wie das so ist bei einer Facebook-Pflanze, sie möchte gepflegt werden und ich mag virtuell gärtnern. Bei e-rstausgabe sollen kontinuierlich e-Book-Erstausgaben vorgestellt werden, ebenso wie Eriginals aller Sparten. Angesprochen sind unabhängige Verlage, genau wie die digitalen Departments klassischer Verlage.

E-rstausgabe will sein: Bündelung und Wahrnehmung von ambitionierten digitalen Originalausgaben und Digital-only-Titeln. Wenn zum Beispiel Blogger einen Digital-only-Titel besprechen, dann würde ich den gern mit Verweis auf den Blog einstellen. Seit fast drei Jahren blogge ich über eBooks und in der Zeit -ja, es ist ein kleines Resümee- hat sich die Akzeptanz  dem digitalen Buch gegenüber nur wenig verändert. Wenn ich auf Auseinandersetzungen zum E-Book stoße, dann geht es am Anfang, in der Mitte oder am Ende immer um Buch ./. Buch, was einfach langweilig ist. Kulturstarre Positionen. Vielleicht bricht e-rstausgabe das ein bisschen auf.

Vorschläge sind immer sehr willkommen. Entweder per Mail an cf@orbanism.com oder t.bezzenberger@gmx.net.

Berlin, den 09. April 2017, Tania Folaji

 

Nachtrag I:

Bei diesem Link des Goethe-Instituts werden Fachfragen wie How to buy–  und how to read an E-Book äußerst kurzweilig von Christiane Frohmann beantwortet.

 

Nachtrag II: Aufruf zur Einreichung

„…Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns – am liebsten bis zum 10. April – weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte keine Texte unter Pseudonym einreichen. …“

Wer heute also nicht nur auf der Couch liegen mag, oder wer einfach Zeit hat, wem etwas Berührendes zu Gastfreundschaft einfällt,  der könnte doch dieses E-Book-Projekt bereichern.

http://orbanism.com/2017/03/30/abgeholt-ein-text-zur-gastfreundschaft-von-anne-matuschek/

Wo kommen nur all die schönen Bücher hin?

Buchmesse, Leipzig, fast vorbei. Und schon jetzt tut es mir leid um die vielen schönen Bücher, die ich gesehen hätte, wäre ich dort gewesen. Denn diese vielen Bücher bekomme ich noch nicht einmal im Ansatz im stationären Handel zu sehen, weil der viel zu eng und klein ist. Ich möchte das an einer Begebenheit verdeutlichen:

Samstag. Eine fast übersehene Einladung. Ein Geburtstag. Er mag Bücher. Kein Problem in einer Stadt wie Berlin, in der es alles gibt. Ich dachte, es reicht, Samstags, um 17.00 Uhr ins KaDeWe zu fahren und ein schönes Buch zu kaufen. Das müsste reichen, um Abends ganz entspannt auf dem Geburtstag ein hübsch verpacktes Präsent abgeben zu können.

Meine Kalkulation wurde noch entspannter, denn:  Wenn es das Wunschbuch im KaDeWe nicht gäbe, dann laufe ich einfach ein Stück den KuDamm rauf und gehe in dieses riesige Buchkaufhaus. Die haben alles. Und die Verkäufer wissen alles.

Soweit so gut. Dann stand ich im größten Kaufhaus Deutschlands und musste sehen, dass die wohlsortierte CD-Abteilung verschwunden war und die wohlsortierte Buchabteilung – auch weg. Was ich sah,  war eine Verkaufsfläche von der Größe einer Parklücke. In der Mitte ein Gabentisch auf dem die Spiegel-Bestseller aufgetürmt waren, um sie herum schematisch vorkategorisierte Chartstürmer. Ich verstand die Anordnung sofort: Handelte es sich um Krimis, dann war das Cover, weiß, rot und schwarz. Mit historischen Romanen könnte man gut unartige Kinder erschlagen, denn jeder historische Roman war dick wie ein Wackerstein. Historische Romane haben viel Wind (Sturm) auf dem Cover, der sich in den Haaren der Protagonistin verfängt. Und Frauenromane in rosa, im keckes Bein im Anschnitt. Ich stand ein paar Minuten da und schaute. Die Verkäufer und ich, wir blieben unter uns.

„Haben Sie Musikbücher?“, fragte ich.

Er nickte und zeigte auf den Notausgang. Da standen ein paar Bücher in einer Art Hobbyregal. Merke: Im KaDeWe kann ich fressen, bis ich platze, ich kann jedes Parfüm erstehen, aber kaum noch Bücher. Ich habe mich nicht nur für dieses Kaufhaus geschämt. Ich habe mich grundsätzlich geschämt.

Ich bin gegangen, Stimmung angeschlagen, aber noch zuversichtlich, denn ich wusste, es gibt ja noch dieses Buchkaufhaus zwei Ecken weiter, das mit den netten Verkäufern. Stockwerke voll mit Büchern. Zehn Minuten später wusste ich mehr. Kein Buchkaufhaus mehr.

Als ich im Untergeschoss von Karstadt am U-Bahnhof Kurfürstendamm landete, da war mir traurig. Im Untergeschoss  Lebensmittel, Lotto, Schreibwaren;  da war auch eine Sitzecke für Kaffee und Kuchen. Und wie dazwischen geschummelt, ein bisschen Buch. Auftritt wie im KaDeWe: Spiegel-Bestseller-Liste, bisschen Kinderbuch, bisschen Krimi. Die Buchabteilung sah aus wie Falschgeld.

„O weh“, sagte ich zu dem Verkäufer. „Haben Sie auch Literatur über Musik?“

Hatte er. Beatles und  Rio Reiser. Wir schauten einem älteren Pärchen zu, das an einem der gegenüberliegenden Tische langsam eine Knackwurst mit Senf aß. Es sah gemütlich aus. „Wo ist das Buchkaufhaus abgeblieben“, fragte ich.

„Die Mieten waren zu hoch. – Es müssten mehr Bücher gekauft werden. In Buchläden.“

Wir nickten nachdenklich. Ich habe dann Schnaps verschenkt.

 

Der Traum vom schönen Sterben

Madonna, Abtreibung, Sterben. Zu diesen drei Themen hat jeder Mensch auf diesem Planeten eine eigene Meinung. Das schöne Buch Heaven’s Gate von dem Autor und Konzeptkünstler Tommy Schmidt , erschienen im culturbooks Verlag, widmet sich erst in satirischer, dann tragischer Form dem Ableben.

Heaven’s Gate soll das Sterben, vielmehr dem Wunsch nach  dem organisierten und selbstbestimmten Verlauf des Ablebens regeln. Noch mehr, Heaven’s Gate soll eine Oase des Sterbens werden, wenn es nach dem Erfinder, dem Eventveranstalter Lasse Wiesenthal ginge.  Jeder, der einmal ein Pflegeheim besucht oder Angehörige in Heimen hat, wird sich seine Gedanken über diese komisch riechenden Verwahranstalten und das schlecht ausgebildete, miserabel bezahlte Personal gemacht haben. An jeder Ecke Schmerzen und Bedürftigkeit, die ignoriert werden, garniert mit Entmündigung und allgemeiner Würdelosigkeit im Umgang mit den zu pflegenden Menschen. Die Grundidee des Baus, der sich am Anfang des Romans in Planung befindet: Es soll mehr sein als ein Sterbehospiz, es soll eben ein Eventcenter werden, in dem Customer einchecken können, wenn sie es leid sind, das Leben. Und nicht nur der Umstand, dass Heaven’s Gate von der Kranken- und Rentenversicherungen mitfinanziert wird, ruft Gegner wie Lebensschützer auf den Plan. Aber Lasse Wiesenthal treibt konsequent seinen Plan voran: Menschen sollen nicht mehr ängstlich den Tod erwarten, im Gegenteil, es soll Menschen durch Heaven’s Gate ermöglicht werden, den Zeitpunkt des Ablebens aktiv zu bestimmen.

Die Hauptfigur, gleichzeitiger Erzähler ist Lasse Wiesenthal, Witwer und Eventunternehmer, der nicht ganz uneigennützig in seinem Streben nach Eröffnung von Heaven’s Gate ist. Bei ihm ist eine unheilbare Krankheit diagnostiziert worden, deren üble Begleitumstände der fortschreitende Verfall bei vollem Bewusstsein sind. Wiesenthals Entourage und Förderer sind sein Sohn und eine illustre Zahl an Personen.

„…Tja, und jetzt, wo die Sozialknete knapp wird, da kommen die Wiesenthals gerade recht mit ihrer Idee, lebensunwertes Leben einfach durch ein Himmelstor zu schleusen…“, ist eine der Gegenstimmen, die dem Projekt ablehnend gegenüberstehen.

Die Kundschaft, die Ersten, die sich über einen Frühbucherrabatt ihr Plätzchen zum Sterben ausgesucht haben und auf der Homepage von Heaven’s Gate vorgestellt werden sind unter anderem: Karl, ein achtundsiebzigjähriger Mann, der weder seine Kinder noch die Gesellschaft mit seiner Pflege belasten möchte. Oder Kamil, Pädophiler, der weiß, dass es für ihn keine Heilung gibt. Und dann Susanne, die an ein Leben nach dem Tod glaubt und in den Himmel möchte, zu ihren Kindern, die ihr Mann umbrachte, als sie sich mit ihrem Liebhaber traf.

Die Story startet im Berlin der ganz nahen Zukunft, 2020. Es gibt irgendwie eine nicht genauer erklärte Wasserknappheit und völlig unglaubwürdigerweise ist der neue Flughafen Schönefeld in Betrieb genommen worden. Die Handlung erstreckt sich von Beginn der Krankheit des Helden, Lasse Wiesenthal, bis zu seinem … . Wiesenthal gehört als Ü50Jähriger einer Generation an, unter deren Ägide Kinderläden, Hospize und Geburtshäuser entstanden, einer tatkräftigen, naturliebenden Generation, deren Schattenseite eine tiefgreifende Humorlosigkeit ist. Wiesenthal ist Witwer, seine verstorbene Frau war eine Mandala tätowierende Künstlerin, zudem ist er Vater von zwei erwachsenen, wohlgeratenen Kindern, die so biodynamisch-korrekt daherkommen, das es eine wahre Lust ist. Immer wieder drängt sich der Verdacht auf, dass gerade dieses Ökospießeridyll ernstgemeint ist. Darüber hinaus gibt Herr Wiesenthal den ausschweifenden Erzähler seiner Welt, seines Lebens, seiner Events, die er in den letzten dreißig Jahren absolvierte und überlebte, ganz im Gegensatz zu anderen, wie die Drummerin Wendy, die im Wachkoma liegt und ab und an nach ihrem Dealer ruft. Es gibt niemanden auf weiter Flur, der Wiesenthals Redeschwall stoppen könnte, selbst der Autor scheint machtlos.

Tatsächlich streut Wiesenthal in die von Höhen und Tiefen ausgestaltete Geschichte um den Bau seines Event-Sterbe-Centers Betrachtungen, es rieseln aus einem Füllhorn Erinnerungen, Meinungen und Anschauungen, dass es – hemmend wirkt. Hätte Wiesenthal einen auktorialen Erzähler, dann würde er bisweilen nicht so penetrant wirken und die Nebenfiguren -alle sind Arrangement für Herrn Wiesenthal – hätten auch mal Zeit für einen Satz, der ihrer wäre. Einerseits nimmt Wiesenthal sich bierernst, andererseits ist er eine Fachkraft der zynischen Betrachtung. Er kommt in Anflügen so daher wie der Herr Wendriner von Kurt Tucholsky, der zuerst die Backen aufbläst, dann sagt: …Mit mir nicht, meine Herren, nicht mit Herrn Wendriner … Herr Wiesenthal ist ein zutiefst ambivalenter Charakter, er erscheint zunächst nicht sympathisch, was auch an einer ausgeprägten Logorrhöe liegt. Er ist ein Mensch, der den Raum betritt und alles dauerbeschwallt, wer er ist, dass früher alles besser war (von Hausbesetzungen bis Punkbands) bis die Lichter ausgehen. Aber dann – dann dreht es.

Und alles wird gut. Und zwar in dem Moment, an dem die Krankheit greift, sich Körperteile von Herrn Wiesenthal seiner Kontrolle entziehen und er mit seinen Einschränkungen leben lernen  muss. Wiesenthal wird klarer. Schrumpfendes Leben. Beispielsweise, als er nicht mehr aus der Badewanne herauskommt, lange auf die Pflegerin wartet und immer wieder heißes Wasser nachlaufen lässt. Schrumpelige Körperteile. Als die Pflegerin kommt und ihn abgetrocknet hat, steckt sie ihn gleich ins Bett. Der sicherste Ort, wenn alles zu schwer wird, aber eben auch nicht selbstbestimmt, und das am Nachmittag. Der Text spürt den Situationen nach, an dem dem Wiesenthal Teile seiner Selbstbestimmtheit abgenommen werden. Da kommen Figur und Roman auf den Punkt. Die Satire berührt die Tragik. Als die weißen Flecken in Wiesenthals Leben größer werden und die finale Frage näher rückt, wird Heaven’s Gate zu einem berührenden Roman, der trifft. Da ist die Not eines Menschen, und da ist das Heaven’s Gate. Die Frage wird an den Leser weitergereicht: Wie sehr darf eine Gesellschaft anderen vorschreiben, wann und wie gestorben wird?

Die Zuspitzung liegt in Form, Zweck und Vorschriften von Bauvorhaben, von dem das Heaven’s Gate in voller Bandbreite getroffen wird, die da wären: Proteste, schützenswerte Feldhamster und naturschützende Hamsterpaten, Pfusch, Schwarzarbeiter, Mafia, Bombenblindgänger, afrikanische Flüchtlinge, Betrug. Alles, was passieren kann, passiert. Währenddessen steuert Wiesenthal’s  Leben unabänderlich auf die Klimax zu. Schafft Wiesenthal es, selbstbestimmt zu sterben?

 

Mein Fazit: Der Autor wagt in seinem Roman einiges: Er denkt konsequent über das mit vielen Tabus belegte Thema Sterben nach. Der Weg zur Gestaltung des Endes ist satirisch gelöst, was das Buch groß macht, ist die dem Thema inneliegende Tragik. Als die weißen Flecken in Wiesenthals Leben größer werden und die finale Frage näher rückt, wird Heaven’s Gate zu einem berührenden Roman, der trifft. Da ist die Not und die Angst eines Menschen, und da ist das Heaven’s Gate. Die Frage nach der Ausgestaltung des Ablebens wird an den Leser weitergereicht: Wie sehr darf eine Gesellschaft anderen vorschreiben, wann und wie gestorben wird. Sehr lesenswert! Einen Einwand habe ich. Ich finde, die E-Book-Version hätte gekürzt werden können.

 

Heaven’s Gate ist bei culturbooks erschienen, einem Verlag, der es schafft, mich immer wieder positiv zu überraschen. Tommy Schmidt: Heaven’s Gate. Satirischer Roman. Klappenbroschur. März 2017. 356 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,40 Euro (A). ISBN 978-3-95988-021-3. eBook: 9,99 Euro

DIE NOVELLE bittet um Einsendungen für die Ausgabe #8:

Zentrale für Experimentelles

#8: SELTSAMKEITSFORSCHUNG

DIE NOVELLE – ZEITSCHRIFT FÜR EXPERIMENTELLES bittet um Einsendungen für die Ausgabe #8:

  • Es dürfen unveröffentlichte und veröffentlichte Werke eingereicht werden. Bei veröffentlichten Werken liegt es in der Verantwortung des Autors, etwaige Rechtsverletzungen im Vorfeld auszuräumen, die Werke müssen also frei von Rechten Dritter sein.
  • Thema der Ausgabe #8: SELTSAMKEITSFORSCHUNG
  • Erwünscht sind experimentelle Werke aller Genres und Gattungen (Lyrik, Essays, Flash-Fiction, Rezensionen, Comics, Interviews, Inserate, Berichte, Doppelspaltversuche etc.); die Herausgeber freuen sich besonders über Einreichungen, die das rein Textliche überschreiten.
  • Maximale Textlänge: 2.017 Wörter
  • 1 Einreichung pro Autor
  • Grafische Arbeiten in Farbe (oder Schwarzweiß), mindestens 300 dpi
  • Dateiformate: doc / docx / rtf / tiff / jpeg / bmp / png
  • Alle veröffentlichten Autoren erhalten ein digitales Belegexemplar. Ein Honorar kann leider nicht gezahlt werden.
  • Die Werke sind bis zum 31.6.2017 an redaktion@novelle.wtf mit dem Betreff „Novelle #8“ einzusenden.
  • Bitte auch Kurzvita (ca. 2–3 Zeilen) mit Namen, E-Mail und Anschrift beifügen.

Wir freuen uns auf kreative/exzentrische/eigenwillige/kühne Großartigkeiten!

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© 2017 NOVELLE

Politische Liebesromane

sind eher selten anzutreffen. Entweder gibt es Romane mit politischen Ereignissen als Hintergrund einer Romanze oder politische Ereignisse greifen durch in das Leben der Menschen, beeinflussen oder zerstören sie wie zum Beispiel in Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, bei dem der Kollisionsgeber Napoleons Russlandfeldzug von 1812 ist.

Ganz anders packt Barbara Cartland die Thematik an. Für Cartland, Botschafterin der pinkfarbenen, mit Zuckerwatte gefüllten Herzen, die einen Gesamtverkauf von über einer Milliarde Bücher vorweisen kann, ist Politik das Rattengift der Romanze. In ihrer Glanzzeit fabrizierte Frau Cartland alle 14 Tage einen Roman, in dem das höchste der politischen Andeutungen ist, dass ein Sire zu seiner Königin oder dem König  einbestellt wird. Laut Cartland müssen Liebesromane von Wirrungen leben. Das ist nicht ganz richtig, denn bei den Cartlandschen Liebesromanzen ist die Handlung nicht von Wirrungen bestimmt, denen die Helden ausgesetzt sind, sondern speisen sich oft aus der Verwirrtheit der Heldinnen. Kommt dann noch ein Held dazu, der alles notorisch falsch versteht, dann sind Zerwürfnisse vorprogrammiert.

Also ist eine leicht verwirrte Heldin keine gute Voraussetzung, wenn es um handfeste politische Fragen der Jetzt-Zeit geht. Arunika Senarath stellt sich in ihrem Roman: Diese eine Nacht, erschienen bei mikrotext genau diesem Problem. Die Schreibe ist einfach, locker, das Dialogische stärker als das Beschreibende.

Nur diese eine Nacht ist eine wirbelige Geschichte um Sten und Amina. Für die hübsche, dunkelhaarige Amina ist es das erste Semester in Dresden. Sie lebt sich nur oberflächlich in der Elbstadt ein, denn Amina ist zögerlich, zweifelnd und grübelnd aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses ihrer Vorvergangenheit. Ihre männliche Ergänzung ist Sten, ein intelligenter und gutaussehender BWL-Student mit eisblauen Augen. Die Schöne und der Teutone.Eine Anziehung ist da. Es knistert.

So weit, so trivial. Das ist nicht abwertend gemeint, denn triviale Erzählformen brauchen eine starke Bauform und werden dann zu großartigen Werken,  wenn sie den Sachverhalt um etwas Unerwartetes bereichern. Und genau das macht die Autorin. Denn Sten ist intelligent, ein Kavalier und rechts. Die Autorin stellt die Figuren in eine Stadt, die immer wieder von sich reden macht, wie jüngst mit Demonstrationen gegen Skulpturen und lässt den Helden, den jungen Sten seiner Fast-Freundin Amina, die Deutsch/Algerischer Abstammig ist, erklären, warum er den Zuzug von Ausländern kategorisch ablehnt.

Dadurch killt Senarath zwar ihren Darling, kommt aber zu einer berückenden Gegenwärtigkeit. Denn Sten ist nicht nur rechts, er engagiert sich auch noch in einer Gruppierung namens Ante Noctem, die ausländerfeindliche Aktionen plant. Es wäre und könnte ein  Gesellschaftsroman sein, aber leider weist Stens Ausländerfeindlichkeit Züge einer Inselbegabung auf; der Konflikt ist ins Private gezogen, weil sich Amina berechtigt und in Variationen die Frage stellt, ob sie, als Deutsch-Algerierin mit einem Nazi befreundet sein kann.

Das diese Frage auf Seite 50 ganz klar nicht mit einem Nein beantwortet werden darf, versteht sich von selbst, denn dann wäre der schöne Roman ja schon aus. Daher wird die Liebesgeschichte angereichert um ein Ereignis, dass die Autorin in die Vorvergangenheit von Amina gelegt hat. Amina wurde wie die Marquise von O. schwanger, gepaart mit dem ganzen Nichtwissen um die Entstehung des Kindes. Entgegengesetzt zur  Marquise von O., die ihren Vergewaltiger lieben lernt und heiratet, beseelen Amina ganz andere Gefühle. Dieses Nichtwissen, was in der Nacht passierte, macht aus Amina eine andere Person. Aber auch hier muss in der notwendigen Fortsetzung entschieden und geklärt werden, wer der Vater ist – auch in bezug zum Haupthelden. Das ist das Konfliktpotential von Amina, an dem sie aber nicht wächst, sondern das sie ausmacht.

Um Sten und den Machenschaften seiner Gruppe Ante Noctem auf die Schliche zu kommen, wird Amina zur Detektivin. Sie möchte ihren Freund und seine Kumpanen überraschen -wobei, was nicht schon klar wäre? Dass Amina ermittelt und dann im Zuge ihrer dilettantischen Schnüffelarbeit etwas findet, was zügig zum Ende des ersten Teil des Romans führt, ist nicht gelungen; die Handlung bekommt kolportagehafte Züge, was den Realismusgehalt des Textes killt.

Ja, der Schluss ist unverständlich wie unbefriedigend, es ist kein Schluss, sondern ein Cliffhanger. Gottlob ist ein zweiter Teil in Planung, der die ganze Sache mit der Liebe um Amina und Sten bis zum Ende behandelt. So gesehen ist Nur diese Nacht ein Zweiteiler, und am Anfang des zweiten Teils müsste erklärt werden, was das für ein Anschlag war, den die Gruppe Ante Noctem plante.

 

Zur Autorin: Arunika Senarath wurde 1993 in Colombo, Sri Lanka geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Sie studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden und wohnt in Berlin. Diese eine Nacht ist ihr Debütroman. Sie schreibt an einer Fortsetzung, die demnächst bei mikrotext erscheinen wird.(Quelle: mikrotext)

Mein Fazit: Ein Liebesroman mit politischen Dimensionen in Elbflorenz. Die Zutaten zu diesem Roman sind toll. Ein schöner Einfall, dass für eine beginnende Liebe die größte Hürde und die größte Möglichkeit des Scheiterns darin liegt, dass der männliche Held alles ist – und ein Nazi . Eine wunderschöne Konstellation von Menschen, Liebe und Leidenschaft in Sachsen. Die Schwächen sind, dass die Figuren sich nicht so sehr bewegen, noch nicht die Tiefe haben, dass die sie beherrschenden Konflikte richtig aus der Bahn schleudern. Trotzdem: Auch dank der flotten Schreibe durchaus ein lesenswertes Buch in 2017.

Diese Eine Nacht, E-Book, zu beziehen bei:
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Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goethe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton aber gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunter zu brechen. Aber es ist so: Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, miteinander zu verbinden, also Europa ideell auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – stellenweise mutet es an wie ein bürgerliches Reisetagebuch des 19. Jhdts., aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das Miteinander, Durcheinander ist erfrischend, die Skizzenhaftigkeit erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin ich bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

Wenn Leser mit entscheiden

Totenläufer. Der Blog der Autorin Mika Krüger bietet eine gute Übersicht über die Gestaltwerdung dieses Sci-Fi-Romans. Ganz anders als SchreiberInnen, die sich von inneren Eingebung leiten lassen, denen egal ist und egal sein muss, was mögliche Leser von dem Werk in Werden halten, ließ Mika Krüger ihre künftigen Leser teilhaben. Zum Einen ist es  Marketing, zum anderen kennzeichnet dieses Vorgehen die Wasserscheide zwischen Literatur und Genre. Totenläufer, Im Namen der Sicherheit, erschienen im November 2016, ist Science Fiction, eine -und das ist das Schlimme- gar nicht fremde Dystopie, die sich zuerst der Frage widmet: Wer darf leben? Im Umkehrschluss: Wer wird ausgerottet? Danach wird durchdekliniert: Wer hat die Macht und welche Rechte räumt Macht automatisch ein?

Tania Folaji: Mika, Du hast potentielle Leser sehr an der Erstellung Deines Romans teilhaben lassen, sind Ideen von Lesern eingeflossen? Entwicklungen, Wendungen im Skript, die Du vorher nicht so beabsichtigt hattest? 
Mika Krüger: … Zum Beispiel habe ich Rinas Einstellung zu ihrer Angst überdenken müssen, da einige Testleser angemerkt haben, sie sei schwer nachzuempfinden und dadurch anstrengend. In der Ur-Version war sie also noch viel ängstlicher. Ähnlich ist es wohl auch mit dem Fakt, dass überhaupt eine ganz zarte Liebesbeziehung angedeutet wird. Hätten sich das nicht viele Leser nach den Sieben Raben gewünscht, hätte ich wohl erneut darauf verzichtet. … Ich bin wirklich jemand, der gern gemeinsam Ideen entwickelt. Darum nutze ich auch Autorengruppe und stelle Fragen, wenn ich nicht weiterkomme. In Band II wird es auch eine Figur geben, die eigentlich jemand anderes erfunden hat.
Genau diese Liebesgeschichte moniere ich, sie ist mir zu  Unentschieden. Mir kamen die Figuren nicht geführt vor, was sehr gut daran liegen kann, dass die AutorIn sich entweder mit Handlung und/oder Figur nicht identifizieren kann, oder nicht genau weiß, worüber sie schreibt. Ich würde Ersteres annehmen.
T.F.: Ich erinnere mich auch daran, dass du auf Deinem Blog hast abstimmen lassen, Namen und ähnliches, ist das richtig?
Ja, es ging um den Namen der Rebellengruppe. Es standen mehrere Sachen zur Wahl und REKA ist es dann geworden. Da habe ich mich tatsächlich nach der Mehrheit gerichtet. 
T.F:  Hast du auch Schauplätze zur Diskussion gestellt?
Mika Krüger: Nein, ich habe nur vorgestellt, wie ich es mache. Aber es gab eine Diskussion über Neel Talwar (Totenläufer, TF) und ob er nicht als Hauptfigur ungeeignet ist, da zu zynisch und überheblich.
T.F: Wie haben deine potentiellen Leser abgestimmt?
M.K. Die mögen Neel, aber durch die Diskussion hat sich folgendes bestätigt: Es war eine gute Entscheidung, ihn erst nach einem Drittel des Buches auftauchen zu lassen, weil er sonst ggfs. zu unsympathisch gewesen wäre. Aber das ist Spekulation. Damals hatte ich ihn ja nur auf dem Blog als Figur vorgestellt.
 …

So viel zum Mitspracherecht des Lesers. Zum Inhalt: Die Regierung der Insel Red-Mon-Stadt darf totalitär genannt werden. Die Bevölkerung scheint Diktaturen zu begrüßen, weil die Einwohner das Gefühl haben (das geschürt wird) dass nur eine starke Hand sie besser vor Gefahren im Allgemeinen und Gefahren im Besondern, Lorca, beschützen kann.  Der Schauplatz ist die Insel Red-Mon-Stadt, darauf werden Lorca, also Menschen mit blasser Haut,  goldenen Augen und bisweilen ausgestattet mit einer telepatischen Spezialfähigkeit (Lorcaism), ausgerottet. Für das Ausrotten ist ein in den Medien gefeierter Jäger, der Totenläufer, zuständig. Es gibt einen Gegenpol zur willkommenen Diktatur – das sind naturgemäß Rebellen, so auch in Mika Krügers Roman.

Die Hauptfigur ist Rina, ein Lorca-Mädchen. Gleich am Anfang bekommt der Leser über Verfolgungssequenzen aufgezeigt, was die allesbeherrschende Konstante in Rinas Leben ist. Flucht, Angst und Todesangst. Keine Sicherheit. Kein Ort nirgends (Zitat: Aber von wem?)

Der Totenläufer genießt eine Tartuffsche Einführung, d.h. Figur tritt noch nicht auf, aber  alle reden über die Figur, woraus sich ein widersprüchliches Bild ergibt. Es ist eine sehr schöne Art der Figurenpräsentation. Aus der Sicht der Gejagten Rina ist der Totenläufer das personifzierte nahe Ende. Weil Repräsentant des Systems, haben die Rebellen den Totenläufer auf der Liste, da ist er Bedrohung und Gejagter.

Ein kurzes Wort zu den Rebellen: Sie kämpfen für einen diffusen, nicht näher erläuterten Freiheitsbegriff. Einfach mal Freiheit. Mit den Rebellen hatte ich nicht auf der Figurenebene, sondern als Systembegriff meine Probleme; denn ich habe nirgendwo gefunden, was die Rebellen denn nun anders machen wollen. Sie kamen mir auch irgendwie totalitär vor. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin mir genau das sagen wollte, aber  ich fand Analogien zur Jetzt-Zeit.

Als der Totenläufer gefangen genommen wird, da wird er figürlich, das Monster ist ein Mensch. Ein Opfer.Wer steht wo? Und warum fühlt sich Rina zu dem Totenläufer hingezogen? Es bleibt spannend.

Fazit: Der Totenläufer hat einen linear erzählten Plot: Es läuft auf die Befreiung Red-Mon-Stadts durch die Rebellen hinaus oder eben auf deren Untergang. Der Totenläufer gehorcht dem Genre des Science-Fiction, ist zudem aufgefächert wie ein Thriller, in dem die Leser über ein fast gottgleiches Vorwissen in Bezug auf Absichten und Motive der kämpfenden Parteien verfügen. Was ich schätzte: Die AutorIn beherrscht ihr Genre,  der Entwurf einer durchtechnisierten Welt in 2075 ist ihr absolut gelungen; sie fühlt sich im Sci-Fi wohl. Wichtigster Punkt: Ihre Hauptfiguren sind gelungen. Was ich nicht so sehr mochte: Der Totenläufer ist sehr genau erzählt mit einer Liebe zum Detail, aber da ich eine Handlungsleserin bin, werden mir manch zuviel an Schnörkel zugemutet, -die reden einfach zu lange – bis ich wieder zu handlungstreibenden Elementen komme. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Science-Fiction, History- und Fantasy-Lesern immer nachgesagt wird: Die Liebe zum Detail. Die ist da. FazitFazit: Wer Dystopien mag, die irgendwie an Blade Runner erinnern, der wird Totenläufer mögen.

Zielgruppe: junge Erwachsene, hier eine lesenswerte Rezension von Buchstabenträumerei.

 

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