Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

West-Berlin, 1980 – Lob des Imperfekts, von Käthe Kruse

Ein neuer mikrotext: „…Abgeschottet hinter der Mauer entstand in den 1980er Jahren in Berlin eine radikal moderne Künstler- und Musikszene, die auch international beachtet wurde: experimentierfreudig, provokativ, selbstorganisiert. Die ehemalige Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris erzählt. …“

Es ist Käthe Kruse, die im Lob des Imperfekts  von einer Zeit im Aufbruch, Umbruch, erzählt. Weg mit der Professionalisierung, erstmal Aufstehen, sich Bewegen, Handeln. Im Prozess des Machens fand sich der Weg zur Kunst. Oder eben nicht. Dieses Konstrukt des Handelns erstreckte sich auf alle Bereiche des Lebens, im Lob des Imperfekts veranschaulicht an den Lebensbereichen Wohnen, Kunst, Bauen. Vorwort und Texte entstammen Interviews, Aufsätzen oder sind Teilstücke von Vorträgen; z.B. Käthe Kruse über die Genialen Dilletanten, vorgetragen 2017.  Mal erinnert sich Käthe Kruse, dann ist es die Vorstellung einer Lebenswelt anhand eines Vortrags, mal ein entspanntes Interview. Das Lob des Imperfekts kommt zwangslos daher und es fällt beim Lesen auf, wie unglaublich viel – Mensch, Werte, Moral –  sich seitdem verändert haben.

Wer es nicht mehr kennt, das Berliner Feuchtbiotop der Siebziger, Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der findet in diesem eBook viel  verschwundene Kultur. Man trifft auf die Generation der Nach-68er, die sich schwer einordnen und abgrenzen lässt, eben weil  sie die Individualität zum beherrschenden Maßstab alles Seins erhob. Am ehesten werden all diese Leute noch unter dem Begriff Hausbesetzer verallgemeinert (Hausbesetzer ist unrichtig, Instandbesetzer trifft es in weiten Teilen besser), aber wer sich zu der Zeit in Berlin herumtrieb, der merkte, dass ein instandbesetztes Haus sich von dem Nächsten zu annähernd einhundert Prozent unterscheiden konnte.

Was waren die Ursachen der Besetzerbewegung? Anfang der 80er Jahre standen rund 27 000 Wohnungen in West-Berlin leer, und 80 000 Wohnungssuchende hatten keine feste Bleibe. Die herrschende Wohnungspolitik geriet darob in ihre bislang schwerste Legitimationskrise. Ein Korruptionsskandal um den Bauunternehmer Dietrich Garski brachte den SPD-Senat zu Fall. Erst das damit entstandene Machtvakuum ermöglichte die nun folgende enorme Zunahme von Hausbesetzungen.

(https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/19/berlin-hauserkampf-und-stadterneuerung/)

Leerstand in  Berlin. In Kreuzberg, Neukölln, dem Wedding, auch Moabit. Hausbesitzer hatten kein Interesse an Vermietungen, denn Altbauten waren mietpreisgebunden, was sie zu billigen Behausungen machte. Im Kreuzberg meiner Kindheit gab es viele Häuser mit vernagelten Fenstern, im Vorderhaus wohnten noch zwei Omas und ein Trinker und im Seitenflügel Türken. Es gab Firmen, die sich auf Entmietungen spezialisiert hatten; was hieß Glühbirnen im Treppenhaus zerschlagen, Briefkästen demolieren. Wenn dann noch die notwendigen Renovierungen ausblieben oder die Kosten für die Müllabfuhr nicht bezahlt wurde, sich Ratten in den stillgelegten Toiletten auf der Halbtreppe tummelten, konnte eine Abrissgenehmigung erteilt werden. Für die Altbausubstanz in Berlin waren die Instandbesetzer ein Glücksfall, sonst würde die Stadt heute aussehen wie Osnabrück in hässlich.

Die Musik oder das Sich-Ausprobieren wie hier die Tödliche Doris oder die Genialen Dilletanten, konnte spannend, interessant oder uninteressant sein, auch nervig, aber das, was immer im Subtext zu erspüren war, war der Wille zur Freiheit. Was zur Folge hatte, das ziemlich schräge Acts stattfanden, die keinerlei Mehrwert boten. Aber von dem Denken, dass Kunst einen Mehrwert böte, ein Erleben mit evtl. sittlicher Hebung, musste man sich verabschieden. Das Aufbrechen von Darstellendem, Dargestelltem und Publikum fand statt. Diese Art des Denkens war radikal anders und machte Spaß. Und darum geht es doch im Leben.

Im Interview zu neuen Lebensmöglichkeiten,  durchläuft Käthe Kruse den Weg von der Instandbesetzung zum ökologisch verträglichen Mieter bis zum Mehrgenerationenhaus. Gleichzeitig zeigt das Interview, wie fordernd es sein konnte, in einem Haus zu wohnen, in der die Rolle Vermieter, Mieter aufgehoben war; auf Kleinsträumen, im gelebten hierarchielosen Miteinander sollten Träume gelebt werden, letztlich stand immer die Toleranz auf dem Prüfstand.

Mein Lesetipp: Das Lob des Imperfekts leuchtet wie ein Schlaglicht auf die seltsamen Jahre der Vorwendezeit, in der entweder alles Aufbruch oder Stagnation war. Schöne Einblicke in eine Szene, die es heute in Berlin nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Denn dafür braucht es Menschen, die Zeit haben. Lob des Imperfekts ist eine Zeitreise. Wer Berlin der 80er Jahre nicht kennt, der kann es lesen wie Geschichten aus Vineta oder wie ein Märchen.

 

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts, mikrotext Verlag:  Erschienen am 26. Juli 2017
ca. 130 Seiten auf dem Smartphone, mit Fotos
ISBN 978-3-944543-52-9
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

 

 

Irgendwas mit Schreiben: Ein lesenswerter Relaunch

 

Interessante Themen erledigen sich nicht von selbst. mikrotext sagt dazu:

„…Sie waren Youtube-Sternchen, Messeköchin oder VorBand, sie sind Tänzerin, Blogger, Professor: eine vielseitige Sammlung zu Arbeitsstrategien von studierten Autorinnen und Autoren aus den Studiengängen und Schreibkursen …“

Zwei Themen treiben diese lesenswerte, in der ersten Fassung 2014 im mikrotext Verlag erschienene Anthologie immer noch um. Zum Einen: Die wechselseitige Beziehung von Herkunft und Erfolg.

Wenn das richtig ist, dann ist nicht nur der Glauben an sich selbst, das für Autorinnen und Autoren so wichtige Beharren an ihrem Text, der Glauben an die Notwendigkeit ihres Schaffens, erfolgsbestimmend. – Ich meine erst einmal nicht den Erfolg in Verkaufszahlen gemessen, sondern den Weg von der Idee zum Skript zum Endprodukt.

Florian Kessler hat auf die Beziehung von Herkunft und Erfolg mit seinem Essay „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“  aufmerksam gemacht und eine breite Literaturdebatte angestoßen. Julia Friedrich in „Gestatten: Elite“, verweist auf Michael Hartmann, der in einer Langzeitstudie Lebensläufe von Promovierenden auswertete. Fazit des Elitenforschers ist, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor von beruflichen Aufstiegschancen ist.

Erstaunlich sind nicht die Befunde, die allerorten getroffen werden, erstaunlich war die breitflächig feuilletonistische Erregung, die nach dem Aufsatz: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ losbrach.  Auch die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) kommt gleich in den ersten Sätzen auf den Punkt.

„…Von 100 Akademikerkindern studieren 77; von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an eine Hochschule. Die soziale Selektivität beim Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist weiterhin stabil. …“

Daher haben die mythischen Geschichten, die die vom Tellerwäscher-zum-Schriftsteller/Millionär/Professor handeln,  solch eine Zugkraft. Da ist der Ausreißer der Norm zu besichtigen, der die Wahrscheinlichkeit durch Kraft, Geschick und Talent besiegt.

Und wieso sollte es an Schreibschulen anders sein? Sind Schreibschulen kein Abbild der Gesellschaft? Ich meine, an Schreibschulen ist die soziale Selektivität noch höher. Auch wenn einige Schreibschulen oder Kunstuniversitäten das Abitur nicht als ausschließliches Kriterium voraussetzen, lesen und schreiben muss der sich Bewerbende schon können. Wenn die Eltern und Verwandtschaft nicht liest oder Kinder keinen Zugang zu Lesestoff haben, dann wird es schon schwerer. Aber danach gibt es noch eine zusätzliche Hürde, die heißt Aufnahmeverfahren. Ich will nicht sagen, dass Professoren Zeitarbeitstochter von Lehrersohn scheiden, aber ich meine, dass sich durch Schwellenängste einige Kandidaten schon von selbst erlegen.

Zurück zu Herkunft und Erfolg am Beispiel: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ Dieser mikrotext ist auch deshalb so unterhaltsam, denn dieses Beziehungsgeflecht betrifft nicht nur Autoren und AutorInnen, denn das höhere Management in Deutschland entstammt in weiten Teilen dem Establishment und zwar mit steigendem Rang immer öfter. Was vielfach zählt, ist der soziokulturelle Habitus, vergröbert gesagt, das Auftreten, und das können  Schreibschulen ganz gut lehren. Und der wird ganz einfach durch das Ausschlussverfahren hergestellt oder wie Professoren sagen: „Wir nehmen nur die Besten.“ Die ehrlichste Aussage einer Professorin fand ich bei Doris Dorrie, die einmal sinngemäß sagte, das sie in den Aufnahmeverfahren immer eine Heidenangst hätte, einen sehr guten Kandidaten zu übersehen, nicht angemessen wahrzunehmen.

 

Der zweite, sehr zentrale Punkt, dem sich die Autoren in der Anthologie stellen, lautet: Gibt es ein Leben hinter dem Diplom? Was tun, was werden als Diplom-Autor?

Stefan Mesch, mit:  Stefan Mesch ist krass drauf hat sich einen 100-Punkte-Plan aufgestellt. Punkt 083_ verdichtet für mich alles,  was ein Schreiber, Autor erreichen können/wollen/müsste: ...Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum. Davon sollte man T-Shirts drucken.

Dieser 100-Punkte-Plan ist hilfreich für die, die unter Schreibhemmung leiden. Daneben noch gut geeignet für die Zweifler, die sich am Schreibtisch fragen, ob irgendjemand das lesen will, was gerade produziert wird. Zugegeben, der 100-Punkte-Plan ist so rau, als würde man an einem Felsen lecken. Aber;  die vielen Vorsätze von Stefan Mesch eignen sich gegen Ängste – jeder Art. Auch wenn manche Punkte beim Lesen sehr selbstzentriert daherkommen, haben sie doch das Potential eines großen Mantras oder einer frühkindlichen Beschwörung, was ich positiv meine, denn die tragen die größten Kräfte in sich.

100-Punkte. Ein Therapieplan der besonderen Art. Bitte nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten von Mirko Wenig. Darin geht es um den kleinen Mirko, der Online-Redakteur einer Versicherungszeitung ist. Einfach nur schön, voller lauter kleiner Kostbarkeiten, die ich einfach zitieren möchte. Auf dem Weg zur Arbeit geht es um Igeltode:

„… Er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt, und sein Mund, an dem verkrustetes Blut klebte, stand offen. Man konnte die vielen Zähne sehen, die dem Igel nun nichts mehr nützten …“

Eine kurze Geschichte, wie aus Kinderperspektive geschrieben, mit einer ganz eigentümlichen Schönheit zum Leben jenseits der Kindheit.

 

 

Anmerken möchte ich noch aus eigener Erfahrung, dass diese wunderbare Anthologie auch das Problem von Schreibschule streift. Die dort entwickelten Texte sind wunderbar, aber sie wurden nicht in freier Wildbahn geschrieben, sondern gehegt und gepflegt von Dozenten und Kommilitonen, immer wieder gegen den Strich gebürstet durch unzählige Diskussionen.

Werden Texte gehegt und gepflegt wie Rotwild im Zoo, kann es zu Problemen mit dem Inhalt kommen. Der kann dünn geraten. Denn es macht sich bemerkbar, wenn die Woche an der Uni verbracht wird – wenn ein Großteil der Zeit draufgeht, andere Texte zu lesen -wenn in Vorlesungen alles an Systemen und Theorien vorgestellt wird, und die eigenen Texte daran gemessen werden – wenn die Studierenden sich nebenher meist noch für die hauseigene Literaturzeitschrift engagieren oder das Studentenfilmfestival – wenn sie sich Abends mit Kommilitonen treffen und diskutieren. Über alles – das heißt, Schreiben. Das ist Leben in einer Blase. Da fehlt was: Leben. Also. Leben. Tänzerin sein, Blogger, Verkäuferin, Professor. Und daneben schreiben.

 

Mikrotext hat die Sammlung in 2017 neu aufgelegt und um viele interessante Positionen erweitert. Mein erster Eindruck: Die Ehrlichkeit der Aufsätze, die Lakonie und der Humor berührten mich sehr.  Und es ist mehr als Schreibschule, vielfach traf ich hinter all dem die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dieses Eriginal kann mehr. Es kann berühren. Der mediale Ausgangspunkt ist die ewige Diskussion, die schon im Berufsbildungszentrum anfängt: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn der Job  keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

 

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Erschienen am 17. Mai 2017
292 Seiten, 17,99€, Taschenbuch, in jeder Buchhandlung bestellbar, online auch bei Amazon, Buecher.de, Hugendubel, Osiander, Thalia. Auch als E-Book erhältlich. Lieferbar!
ISBN 978-3-944543-51-2

Mit Beiträgen von Luise Boege, Michael Fehr, Jan Fischer, Martina Hefter, Luba Goldberg-Kuznetsova, Ianina Ilichetva, Florian Kessler, Thomas Klupp, Thorsten Krämer, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Jacqueline Moschkau, Alexandra Müller, N.N., Barbara Peveling, Stephan Porombka, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lena Vöcklinghaus, Lino Wirag, Mirko Wenig.

„… Es gibt kein Zentrum der europäischen Moderne. Wir reiten alle auf Eseln und suchen das Glück. …“ Istanbul Notizen, von Mely Kiyak

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Wo soll es enden? Das war 2016 der letzte Satz meines Versuchs der Beschreibung des eindringlichen Reiseberichts von Mely Kiyak, die mit einem Literaturstipendium nach Istanbul geht. Unvermutet bündeln sich Proteste, finden ihr Ziel und ihren Kundgebungsort im Gezi-Park. Die Autorin mittendrin, sie beginnt, die vielfältige Menge zu porträtieren, die sich vor vier Jahren zusammen schloss, um gegen das Regime von Erdogan auf die Straße zu gehen.

Ich möchte diesen Text vom Aufbruch der Proteste aus der Mitte der Gesellschaft noch einmal posten, auf die Istanbul Notizen hinweisen, denn die Veränderungen und das Auseinanderdriften von Positionen in der Türkei haben eine unglaubliche Geschwindigkeit erreicht. Tag eins nach dem Referendum.

Die sehr lesenswerten Istanbul Notizen führen zurück in das Jahr 2013? Wie fing es an?

…2013 beginnen die Istanbuler Notizen als ein Reisebericht, schnell wandelt sich das Format in ein  politisches Sachbuches. Das Postskriptum: „… Es gibt kein Zentrum der europäischen Moderne. Wir reiten alle auf Eseln und suchen das Glück. …“

  1. Ein Literaturstipendium zieht die Autorin Mely Kiyak leicht unlustig  nach Istanbul, angekommen, muss sie sich einfinden in die siebzehn Millionen-Stadt. Die Stadt prallt auf sie, laut sind die tumultarischen Impressionen,  Klänge, Geräusche, Lautstärken, sogar der Maiskolbenverkäufer hat seinen eigenen Sound. Die Autoren lebt sich ein, findet sich – hat Spaß, freundet sich an mit Istanbul  … und dann geht was los.
  2. Proteste. Kiyak beschreibt, wer da alles auf der Straße ist: JournalistInnen, SchriftstellerInnen, FeministInnen; politische AktivistInnen, es sind so viele, die etwas fordern, jede mit einem Anliegen, auf die Spitze getrieben heißt das Demokratie. Kiyaks  Eindrücke, die sich mit einem Mal  als politische Journalistin wiederfindet, die erst einmal selbst verorten muss, was passiert? Die dringend aus dem Ausland gebeten wird zu erklären: Warum diese Proteste? Was war der Auslöser? Wer steht da mit Schildern auf der Straße? Das Motto changiert: Kaum bin ich hier, will in Ruhe arbeiten, dann das.

Istanbuler Notizen –  So viele Hoffnungen in 2013. … Wir haben gerade das Jahr 2015 passiert,  gute Wünsche für 2016 gefasst, ich werde vielleicht einige davon beherzigen. So viel los in so wenig Zeit, seit ich die friedlichen Proteste in Istanbul, die Demonstrationen als Zeichen zum Aufbruch, zu einer positiven Veränderung hin begriff.  Auch der Ton in den Istanbuler Notizen dreht, das Motto verliert sich, als Wasserwerfer kommen und Rezepte kursieren, was hilft gegen Reizgas? Oder Pfeffergas?

(…) Wie fing es an?  Bürger, die auf der Straße auf ihre Rechte  hinweisen. Die immer wieder aufstehen, Reizgas, Wasserwerfer hin oder her, nebenher klein und nett beschrieben, wie ältere gutbürgerliche Damen  ihre Campingstühle und ihre Strickarbeit zum Demonstrieren mitbringen. Daneben geht das Leben weiter. Wo soll es enden?

Die Autorin: Mely Kiyak, arbeitet als Schriftstellerin und Publizistin, ua. auch als Theaterkolumnistin für das Gorki-Theater. …

 

Die Istanbul Notizen von Mely Kiyak, erschienen bei shelff books handeln . Leider finde ich den Verlag nicht mehr, hier ein Link zu shelff books.  Die Istanbul Notizen sind auf Lager bei Amazon und  Thalia 3.99 Euro.  EPub, ca. 120 Seiten.

 

Zur e-rstausgabe

Vor ein paar Wochen sprach mich Christiane Frohmann vom Frohmann Verlag an, ob ich Lust hätte, die e-rstausgabe, ein Facebookmag, zu betreuen.

Klar, habe ich Lust. E-rstausgabe ist nicht neu, aber wie das so ist bei einer Facebook-Pflanze, sie möchte gepflegt werden und ich mag virtuell gärtnern. Bei e-rstausgabe sollen kontinuierlich e-Book-Erstausgaben vorgestellt werden, ebenso wie Eriginals aller Sparten. Angesprochen sind unabhängige Verlage, genau wie die digitalen Departments klassischer Verlage.

E-rstausgabe will sein: Bündelung und Wahrnehmung von ambitionierten digitalen Originalausgaben und Digital-only-Titeln. Wenn zum Beispiel Blogger einen Digital-only-Titel besprechen, dann würde ich den gern mit Verweis auf den Blog einstellen. Seit fast drei Jahren blogge ich über eBooks und in der Zeit -ja, es ist ein kleines Resümee- hat sich die Akzeptanz  dem digitalen Buch gegenüber nur wenig verändert. Wenn ich auf Auseinandersetzungen zum E-Book stoße, dann geht es am Anfang, in der Mitte oder am Ende immer um Buch ./. Buch, was einfach langweilig ist. Kulturstarre Positionen. Vielleicht bricht e-rstausgabe das ein bisschen auf.

Vorschläge sind immer sehr willkommen. Entweder per Mail an cf@orbanism.com oder t.bezzenberger@gmx.net.

Berlin, den 09. April 2017, Tania Folaji

 

Nachtrag I:

Bei diesem Link des Goethe-Instituts werden Fachfragen wie How to buy–  und how to read an E-Book äußerst kurzweilig von Christiane Frohmann beantwortet.

 

Nachtrag II: Aufruf zur Einreichung

„…Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegen zu bringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren.

Wir laden euch herzlich ein, uns – am liebsten bis zum 10. April – weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein passendes Foto, bei dem ihr die Rechte besitzt, per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte keine Texte unter Pseudonym einreichen. …“

Wer heute also nicht nur auf der Couch liegen mag, oder wer einfach Zeit hat, wem etwas Berührendes zu Gastfreundschaft einfällt,  der könnte doch dieses E-Book-Projekt bereichern.

http://orbanism.com/2017/03/30/abgeholt-ein-text-zur-gastfreundschaft-von-anne-matuschek/

Mit satanischen Gesten ist nicht zu spaßen

… denn sie zeigen an, dass ein Pakt mit dem Teufel eingegangen wurde. Das erklärte ein Exzorzist der Journalistin Nadine Wocjik, die sich, nachdem sie auf die exorbitant hohe Zahl von 130 professionellen Teufelsaustreibern in Polen stieß, fragte: Was geht da ab? Warum dieses Bedürfnis? Wo der Teufel wohnt, erschienen im mikrotext Verlag.

Wussten Sie, dass Harry Potter, Hello Kitty, Yoga und die Band Nirvana satanischen Ursprungs sind? Davon gehen namhafte polnische Exzorzisten aus. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Warum Menschen aus allen Schichten und Verhältnissen eher zum Exzorzisten gehen als zum Psychologen und warum Psychologen und Exzorzisten oft in einer Beratungsstelle anzutreffen sind, sich die Klienten gegenseitig überweisen – auch das schildert die Beobachterin mal amüsiert, stellenweise fassungslos.

Die Journalistin Nadine Wojcik, aufgewachsen in Velbert und katholisch sozialisiert von der Großmutter,  fährt nach Polen und beginnt zu recherchieren. Sie trifft auf Pfarrer, die ihr erklären, dass der Teufel natürlich Gottes Schöpfung ist. Und wo Gott ist,  da ist Gottes Kreatur – der Teufel – auch nicht weit. Nadine Wojcik versucht zu interviewen, ihr wird nicht getraut, sie wird hingehalten, abgewimmelt, bis sie mit Hilfe des Regisseurs Konrad Szolajski zu der jungen Frau Karolina findet, die sich im  gerade entstandenen, in Deutschland noch nicht erschienen Film Kampf mit dem Satan interviewen ließ.

Das Gespräch zwischen Karolina und Nadine Wojcik, in Krakau geführt, ist mehr als beklemmend. Da ist eine junge Frau, die einige Themen hat, die den Namen tragen könnten: Migration, Heranwachsen, Mutterlosigkeit, gleichgeschlechtliche Liebe. Es macht sprachlos, dass eben dieses junge Mädchen erklärt,  dass ihr jahrelange Exzorzismen gut getan haben. „… „Ich leide unter homosexuellen Gedanken“, erzählt da Karolina, sichtlich aufgelöst. „Die treten immer dann auf, wenn ich Ärger oder Eifersucht empfinde, besonders in Bezug auf Schwester Rosa. „In meinen Fantasien trete ich dann in die männliche Rolle, küsse die Nonne, ziehe sie aus, schmeiße sie auf einen Tisch und falle über sie her.“ Ein junger Pfarrer fragt: „Und sie glauben, dass Ihnen nur noch ein Exzorzist helfen kann?“ Karolina bricht in Tränen aus. Ja.“ … „

Rollback der Religionen Beim Lesen der Lektüre schummeln sich meine Fragen zwischen die Zeilen. Sind heute viele Menschen derart abgestoßen oder angenervt von der Zivilisation, dass der Rückzug in korsetthafte Systeme, hier Glaubenssysteme, vorgenommen wird? Ist Zivilisation beängstigend?  Natürlich hat der Glaube dem Denken eins voraus: Es gibt keinen Zweifel. Nur richtig und falsch. Europäer leben mehrheitlich gut mit oder ohne Religion,  Glaube und dessen Ausübung sind eher Privatsache, so wird Frau Wocjik und mit ihr die Leser von einer postsäkularisierten Gesellschaft total überrascht.  Vom Teufel besessen sein, sich den Teufel austreiben lassen. Brauchen wir da noch den freien Willen?

Jesus im Stadion. Unterzeile: Nationale Besinnungstage Ein wichtiger Teil der Reportage widmet sich einem Erweckungsgottesdienst an einem schönen Sonnentag, Prediger ist der ugandische Pfarrer John Boshabora, in Polen ein Kirchenstar. 20.000 Gläubige sind gekommen, Nonnen tanzen über die Festwiese, Frauen fallen um, am Rand des Festivals werden von Pfarrern Beichten abgenommen, es gibt aber auch die Möglichkeit, sich von freiwilligen Helfern den spirituellen Weg im Gebet weisen zu lassen. Die Autorin wundert sich, denn viele Teile der Predigt des John Boshabora sind nicht katholischen Ritus, sondern entstammen der Pfingstbewegung. In der Pfingstbewegung findet nicht nur Ansprache an die Gläubigen statt, da ist Rede und Antwort, Motivation, Begeisterung, schlussendlich Erweckung. Mit dem Höchsten auf Du und Du, das ist Ziel, der Allmächtige kümmert sich um – dich. Die Kundgebung auf der Wiese, die zeitweise Züge einer Massenhysterie trägt, endet mit einer Verlesung der Wunder Boshaboras, die seit seiner letzten Großkundgebung geschahen. Verlorengegangene Söhne riefen also wieder bei ihrer Mutti an, Alkoholiker ließen von der Flasche, viele Heilungen schwerer Krankheiten und Wunder über Wunder. Auch John Boshabora ist ein kleines Wunder, denn es geht von ihm die Erzählung, dass, als er noch ein kleines Waisenjunges war, die böse Tante, die ihn loswerden wollte, ihm einen vergifteten Brei zu essen gab. Aber John betete flugs und die Schüssel mit dem Giftbrei zersprang. Heute ist John Boshabora Predigerstar in einem Land, dass sich beharrlich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen.

Am Ende: … Diese sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Wo der Teufel wohnt, liefert keine endgültige Erklärung dafür, warum sich der Teufel gerade in Polen, überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den den Zeilen erzählt dieses Buch von Angst, ist eine gute Zustandsbeschreibung eines Zivilisationsüberdrusses – und von der Suche nach einfachen Antworten und klaren Regeln. Große Empfehlung.

Epilog:  „Wenn Sie Ende 30 sind und viele Stunden im Internet verbringen, gehören Sie zu denjenigen, die am meisten unter Seinem Einfluss stehen.“  (Zitat: Jan Szymborski, Exzorzist, Warschau).

Erschienen am 16. November 2016, bald auch als Buch erhältlich,ca. 200 Seiten auf dem Smartphone, ISBN 978-3-944543-39-0, erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel. 27. November, 12.30 Uhr: Feature Teufel, komm raus, Deutschlandradio Kultur

 

Weiterführendes:

Kampf mit dem Satan,  Regie: Konrad Szolajski, Dokumentarfilm 2015, ZK Studio (in Deutschland noch nicht erschienen)

Die Brüder Karamasoff, Dostojewski, I. Buch, Die gläubigen Weiber, (Piper Ausgabe 1977, ÜS: E.K. Rahsin, S. 76-77) Darin findet sich eine Episode über eine Klikuscha, Schreiende, Heulende, hysterische Frau, die im Volksmund als verhext galten. „…Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche Kranke gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten manchmal wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets für einige Zeit.“„…sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine altbekannte Wahrheit, dass der unreine Geist, de sich der Kranken bemächtigt hatte, diese verlassen müsse, weil er es nicht in ihr aushalte, wenn man sie zum Altar führe und sie vor der Hostie niederknie ..“

Interessant hierbei ist, das die vielen Fälle der Klikuschi in der öffentlichen Wahrnehmung um 1880 (VÖ Brüder Karamasoff) kaum noch als Besessenheit gedeutet wurde, sondern schon  medizinisch-psychologisch Erklärungsmodelle zur Bewertung herangezogen wurden.

Weiterhin ein schönes Wochenende!

Sie möchten ein E-Book lesen, aber Sie wissen nicht, wie?

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… finden Sie ein paar Tipps und Links zu kostenlosen Downloads für Programme, die Ihnen das E-Book-Lesen auf unterschiedlichen mobilen und stationären Geräten ermöglichen: Smartphone, Tablet, E-Reader oder Computer/PC.

Haben Sie ein Smartphone oder ein Tablet?

Wenn Sie ein iPhone oder ein iPad besitzen:
1. Suchen Sie im App Store die kostenlose App iBooks und installieren Sie sie. Danach sehen Sie das iBooks-Zeichen auf ihrem Desktop. In diesem Programm können Sie alle mikrotexte lesen.
2. Falls Sie direkt bei iTunes kaufen wollen: Klicken Sie auf das iBooks-Zeichen (ein aufgeschlagenes Buch). Wenn das Programm sich geöffnet hat, sehen Sie erstmal ein leeres Bücherregal. Oben in der Ecke steht das Wort STORE: Darauf klicken Sie.
3. Suchen Sie in den vom iBookstore vorgegebenen Listen (unten auf Ihrem Gerät) oder im Suchfeld (Lupe) nach einem Autor, einem Titel oder einem Verlag, zum Beispiel nach mikrotext.
4. Kaufen Sie ein E-Book per Klick auf den Preis. Meistens müssen Sie noch Ihr Passwort für den iTunes-Store angeben. Danach lädt sich das Buch von selbst und legt sich automatisch in Ihr Bücherregal.
5. Wenn Sie noch nie etwas direkt für Ihr Gerät gekauft haben, müssen Sie sich erst ein Konto bei iTunes anlegen. Dazu brauchen Sie Ihre Kreditkartendaten und das Administratorkennwort Ihres Geräts.
6. Wenn Sie nicht bei iTunes kaufen wollen, sondern in unabhängigen E-Book-Stores wie minimore, dann klicken Sie nach dem Kaufvorgang auf die Datei und dann auf das Icon “Öffnen mit”. Ihnen wird iBooks vorgeschlagen, das klicken Sie an – und das E-Book ist fortan in Ihrem iBooks-Regal zu finden.
7. Bewerten Sie doch auch das E-Book im iTunes-Store, das ist für andere Leser hilfreich.

Wenn Sie ein Smartphone oder ein Tablet haben, das auf Android läuft:
1. Nutzen Sie den Zugang zu dem E-Book-Store, den der Hersteller Ihres Geräts Ihnen anbietet, zum Beispiel Google Play für den Nexus.
2. Kostenlose Leseapps für Android sind etwa Aldiko oder Moon Reader.
3. Auch hier können Sie die E-Books, die Sie gekauft haben, bewerten.

Sie haben einen E-Reader mit E-Ink? Oder Sie wollen einen kaufen? (Hier ein Überblick mit Tests von gängigen Geräte)
1. Eigentlich sollte Ihr Reader mit einem Store verbunden sein, über den Sie per Klick einkaufen können, etwa mit dem Kobo Store für den Kobo oder der Kindle Store für den Kindle.
2. Oft werden E-Books nach dem Kauf auch als Dateilink verschickt. Schließen Sie dann Ihren Reader per USB-Kabel oder Speicher-Karte an Ihren Rechner an und legen Sie die ePub-Datei (das E-Book) in den E-Book-Ordner Ihres Geräts, der meist “E-Books” heißt.

Sie haben kein Lesegerät, aber einen Computer (Mac oder PC)?
Kein Problem: Sie können auch auf Ihrem Computer E-Books lesen.
1. Laden Sie etwa das kostenlose Programm Adobe Digital Editions oder Calibre herunter und installieren Sie es auf Ihrem Rechner. Mit einem Mac-Computer können Sie direkt bei iBooks die E-Books lesen.
2. Öffnen Sie gekaufte E-Books (ePub) über eines der installierten Programme.
3. Wenn Sie bei Amazon einkaufen wollen, installieren Sie das passende Kindle für PC-Programm für Ihren Computer. Amazon schickt die gekauften Ebooks dann direkt zu Kindle für PC. 

Viel Spaß beim E-Lesen! ..

…gut oder; die Anleitung drucke ich aus und verschenke die gleich laminiert mit. 

Und: Beachtenswert:  Die sehr spannende Reportage von Nadine Wojcik, Wo der Teufel wohnt. Exzorzisten und Besessene in Polen. Das werde ich besprechen, denn es gehen Ideen und Meinungen um in Polen, die mir selbst polnische Freunde nicht angemessen erklären können. Der Beginn war die 2015er Parlamentswahl in Polen, seitdem ist keine linke Partei mehr im Parlament vertreten, die Nationalkonservativen können allein regieren. Überall wurde die Wahl Triumph der Europaskeptiker genannt, 2016 legte das Parlament einen Vorstoß zur Verschärfung des Abtreibungsrechts vor, eines elementaren Frauenrechts, das unter anderem eine fünfjährige Haftstrafe bei Abtreibungen vorsah. Gottlob regte sich landesweiter Protest – und jetzt kommt die Dokumentation Wo der Teufel wohnt in der es um den unglaublichen Anstieg von Teufelsaustreibungen in Polen geht. Was geht vor im Nachbarland?

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohnt

Erscheint am 16. November 2016
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-39-0

PREMIERE ist am 15. November im Berliner Club der polnischen Versager. Lesung, Gespräch und Ausschnitte aus dem polnischen Dokumentarfilm Kampf mit dem Satan von Konrad Szolajski.