52 Wochen – 52 Bücher! MEHR LESEN – AUS DEN PROGRAMMEN DER UNABHÄNGIGEN VERLAGE – Krimis von Culturbooks

 

—Damit der Spaß an den schönen Büchern der Indie-Verlage auch übers Jahr anhält, rufen wir dieses Jahr die #Indiebookchallenge aus:
52 Wochen – 52 Bücher – pro Woche ein Buch. Eine Reading Challenge – vom Indiebookday 2018 bis zum Indiebookday 2019. Wichtig ist nur: Jeder der gewählten Titel sollte aus einem unabhängigen Verlag stammen.

Das Großartige an Büchern und E-Books aus unabhängigen Verlagen: Dank vieler kleiner spezieller Programme ist die Literaturauswahl sehr vielfältig. Die Indiebook Reading Challenge möchte beim Entdecken helfen, Spaß machen und den Austausch unter Gleichgesinnten ermöglichen. —

In dieser Krimiwoche zwei sehr empfehlenswerte Krimis aus dem Verlag Culturbooks: 

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist. Kriminalroman. Culturbooks 2018, Originalverlag: Ariadne

In Gudrun Lerchbaums Kriminalroman sind es die Figuren, die anziehen, die den Sog dieses Romans ausmachen. Sehr bewusst, sehr sensibel werden die Figuren gezeichnet, sehr genau  die Gefühle ihres ungleichen, auf mehreren Ebenen gehandicapten  Ermittlertrios geschildert.

Die Spielhandlung beginnt auf einer Beerdigung, denn: Can Toprak, investigativer Journalist, der eine brisant politische Enthüllungsgeschichte recherchierte, liegt im Grab. Auf dem Sarg liegen Blumen, Rose, Gerbera, da eskalieren ein Stockwerk höher die interfamiliären Verhältnisse zwischen Cans teils tiefreligiöser Familie und seiner Exfrau Olga Schattenberg.

Olga Schattenberg, Cans Exfrau, glaubt der unauffälligen Todesursache nicht. Ihr Leben als Aktivistin, als Hausbesetzerin hat sie misstrauisch gemacht, sie glaubt der Todesursache nicht, denn Can eckte häufig an …

Zwar sind sie und Can und längst nicht mehr das toxische Ehepaar, das gemeinsam das Establishment anging und genauso hart im Privaten mit Cans Untreue kämpfte oder: mit unterschiedlichen Vorstellungen zu Ehe und Zweisamkeit.

Die Kämpfe mündeten in Scheidung. Vergangenheit. Geschieden, aber beste Freunde, die Exfrau Olga sitzt im Rollstuhl, hat MS und kämpft gegen ihren versagenden Körper, kämpft um Selbstbestimmung und versucht, nicht zynisch zu werden, nicht zu verzweifeln, z.B. an gleichgültigen Sozialassistenten. Auf der Suche nach Cans Mördern bekommt Olga Unterstützung, als da wären: Adrian, Grabredner mit Helfersyndrom. Daneben, mit einer extrem starken, berührenden Stimme, Olgas neue Sozialassistentin Kiki, deren oberflächliches Label psychisch instabile Mörderin, zwölf Jahre Knast, lauten würde.

Im Außen ist die gesellschaftliche Stimmung in Wien aggressiv, der politische Rechtsdrall zeigt Wirkung auf die Menschen. Plötzlich tauchen Staatsdiener auf, die wissen möchten, was aus Can Topraks letzten Recherchen geworden ist …

Die Autorin lässt uns teilhaben an den ganz eigenen, sich stark voneinander absetzenden Stimmen dieses ungewöhnlichen Trios, Olga, Kiki und Adrian. Die Art, wie sie denken, fühlen und – ja auch ermitteln machen aus einem Kriminalroman, der ein langweiliger Politthriller hätte werden können, ein vielschichtiges Drama und hochdynamischen Kriminalroman.

Ecken und Kanten, Widerstand auf allen Ebenen, Abhängigkeitsverhältnisse – Olga Schattenberg, kämpft mit ihrem Rollstuhl gegen Bordsteinkanten, den Rechtsdrall in der Gesellschaft, gegen dubiose Machenschaften zwischen Politik und rechtsgerichteten Aktivitäten. Kiki und Adrian unterstützen sie. Mit Wo Rauch ist, ist Gudrun Lerchbaum ein spannendes Vexierspiel um das Leben, den Tod und die Zeit dazwischen gelungen.

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist. Kriminalroman. CulturBooks Longplayer. Digitale Lizenz. Circa 288 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-120-3

Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, ua.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre der dreizehn Kriminalkurzgeschichten in Berlin Noir bleibt als Erstes festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden, darüber hinaus hinaus das Bekanntwerden mit lange nachhallenden Figuren.

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“ (Vorwort, Thomas Wörtche)

Die Stadt als Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat. In Berlin Noir sind Einzelschicksale vor großer Kulisse ausgeleuchtet.

Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, nein: die Kurzgeschichten werfen Schlaglichter, bilden das Hier und Jetzt ab. Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden …“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte Überstunden eine Figur in einer Trostlosigkeit von Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In Überstunden sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen eines aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere auf knappstem Raum, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen. Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Die Kriminalgeschichten zeichnen sich besonders durch ihre besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro

 

 

 

Ein gutes Verbrechen, von Magdalena Jagelke

… Ich war ganz allein mit mir…“ S.52

Darum geht es. Ein gutes Verbrechen, 2018 erschienen bei Voland und Quist, hat das Verlassen- und Verlorensein zum Thema. Einsamkeit, ungefiltert in und um das Mädchen Tara herum, in der sie immer wieder zu ertrinken droht.

Magdalena Jagelke hat keine vergnügliche Schelmengeschichte geschrieben. Tara versucht ein Leben nach der Großkatastrophe – eigentlich ein Verbrechen. Ein gutes Verbrechen? Aus der Perspektive von Tara, versucht der Leser anhand von hingestreuten Brotkrümeln zu ergründen, ob es nicht irgendjemanden geben könnte, der sich um eine Halbwüchsige kümmert. Nur wenig Biografisches wird geboten: Aus der Perspektive des Mädchens erfahren wir, dass der Vater bei der Armee ist, die Fürsorge der Mutter sich in regelmäßigen monatlichen Zahlungen erschöpft, Freunde, andere Verwandte: Fehlanzeige. Der Titel wirft Fragen auf. Ein gutes Verbrechen. Kann es ein gutes Verbrechen sein, sein halbwüchsiges Kind zu verlassen? Das ist pauschal so wenig zu beantworten, wie die Frage, ob Käse schmeckt. Aber der Titel steuert Spannung bei, denn die Antwort, ob es eine gute Tat sein kann, sein Kind zu verlassen, wird in der Erzählung gesucht.

Am Ende ist Tara dreiundzwanzig, warum die Mutter gegangen ist, bleibt unklar. Am Ende aber ist klar, dass die Erzählung nicht auf Wertung aus ist, es geht darum, wie ein Mensch ein Trauma verkraftet – oder eben nicht. Bei Tara vollzieht sich die soziale Anpassungsleistung nur an der Oberfläche. Sie verwandelt sich nicht in eine sozial Randständige, sie eskaliert nicht. Stattdessen ist ein Mensch zu sehen, der sich panzert, Seele und Gefühle hinter einer Milchglastür versteckt. In leisen Tönen, klaren schnörkellosen Sätzen wird der Leser dazu eingeladen, wie und ob nach einem Trauma, Studium, Beruf und Liebe zu gestalten sind – auch durchgespielt anhand einer Liebesaffäre zu einem Filmvorführer, die wie ein kaputter Kreisel eine eigenartige Dynamik entfaltet.

Ein gutes Verbrechen ist wunderbar konzentriert und dicht geschrieben, wie alles von Magdalena Jagelke, ohne Ausschweifungen. Dadurch erhält die Erzählung etwas Durchscheinendes, einen ganz eigenen lyrischen Klang. Dagegen sind Betrachtungen gerade an Kapitelenden mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wenn zu oft eingesetzt, wirken sie wie das Raunen einer blinden Seherin auf einer Klippe in Cornwall in einem MTV-Video aus den Achtzigern, gewollt, künstlich.

Der Erstling von M. Jagelke, Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, ist ein Eriginal voll unglaublich schöner Kurzgeschichten, plus der ihm eigenen Ton. Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, herausgegeben von Culturbooks, war handlungszentrierter, wie das geniale Wiedertreffen zweier Freundinnen nach Jahren, von denen die eine tiefgläubig wurde und mit einer Unverblümtheit fundamentalste Glaubensauffassungen zum Besten gibt, dass es nur so knallt. Lebensvoll wurde diese Sammlung Kurzgeschichten durch den eigenen Ton – und weil so nah an der Wirklichkeit geschrieben wurde.

Diese Seinswirklichkeit umgeht Jagelke geschickt in Ein gutes Verbrechen, indem sie sich ausgiebig der Innenschau ihrer Hauptfigur widmet. Tara hat Anflüge von Ähnlichkeiten mit Catherine Deneuve in Ekel, wobei die Filmfigur in ihrem Auf Wiedersehen zur Wirklichkeit sehr viel weitergeht. Hier wird ein in seiner Entwicklung stehen gebliebenes Kind gezeigt. Das Bedrückende ist, dass Tara so gar nicht in die Jetztzeit passt, z.B in unseren Neoliberalismus. In Zeiten, in denen ein Mensch besonders gut bei sich sein muss, in Zeiten, in denen sich die Grenzen von Beruf und Privatem auflösen, das Eine in das andere fließt, wirkt dieses zarte Mädchen, das darum kämpft, nach der Mutter sich selbst nicht auch noch zu verlieren, besonders schutzbedürftig. Das nimmt sehr für sie ein. Allerdings muss die Gegenwart selbst imaginiert werden, und das ist der Nachteil.

Das Ende hat mich stutzen lassen, es ist rasch herbeigeschrieben, aber nicht inplausibel. Schaut man genauer hin, auch nicht überraschend, aber radikal. Eben Magdalena Jagelke. Lesenswert!

 

 

Über die Autorin
Magdalena Jagelke, 1974 in Polen geboren, lebt seit 1986 in Deutschland. Sie hat Anglistik und Bibliotheks-/Informationswissenschaft studiert. Merck-Stipendiatin 2013. Bei CulturBooks erschienen: Sich in Polen einen Bob schneiden lassen. Storys. Digitales Original. CulturBooks Album, Januar 2015. 55 Seiten. 3,99 Euro. Zum Buch. Bei Voland & Quist erschienen: Ein gutes Verbrechen, 2018, 120 Seiten, 16,00 Euro.

 

 

Termine mit Magdalena Jagelke

  • 21.09.2018  20:00, Traumathek, Köln

  • 11.10.2018  17:00, OPEN BOOKS im Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main

Eine tiefschwarze Liebeserklärung an Berlin


13 Kurzgeschichten, 13 Blickwinkel, 13 Stadtviertel – und 13 faszinierende Teile eines größeren Puzzles. Berlin Noir, erschienen bei culturbooks

Von der Faszination der Großstädte. Der Herausgeber Thomas Wörtche schreibt in seinem Vorwort über die Faszination der Großstädte:

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“

Ob Franz Hessel als Flaneur durch Berlin, Christopher Isherwood als Beobachter und Teilnehmer städtischer Subkulturen, Gottfried Benn und seine Gedichte aus der Morgue über Menschen, deren Leben in Berlin beendet ist, die sich als Leichen auf dem Seziertisch wiederfinden, mit Schlingpflanzen im Haar und Ratten, die in ihnen nisten.  Und Joseph Roth beobachtet und beschreibt genau, voller Liebe im Scheunenviertel Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben, einer Bleibe, einem Platz: Juden auf Wanderschaft.

Die Stadt ist ein Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat, und wenn es nur eine Parkbank ist. Gleichzeitig behandelt Stadt den Einzelnen achtloser, gibt es ein Nebeneinander zwischen Reich und Arm, trifft arm auf besitzend, krank auf gesund. Miteinander, Gegeneinander. In Berlin Noir wird der Einzelne herausgehoben. Einzelschicksale vor großer Kulisse.

Die Vorliebe des Krimis für das dunkle und Abseitige ist der Kriminalgeschichte zu eigen, und es ist Grundmotivation für den Kauf und das Lesen solch einer – und Berlin Noir gibt dem Affen Zucker. Meine größte Sorge war, in Berlin Noir auf Geschmacklosigkeiten zu treffen, die mir seit Jahren das Krimilesen verleiden: Null motivierte Verhaltensweisen bei Serienschlächtern, es wird ausgeweidet, was das Zeug hält, aber weit und breit kein Motiv oder Grund für die Taten. Genauso schlimm oder noch schlimmer: Die gute alte Zeit, Kriminalromane, die gern in den Dreißiger Jahren spielen, voll mit Flüsterkneipen, Koks und einer Sprache, die sich blechern anhört. Gute Nachricht. Keine der Kurzgeschichten in dem vorliegenden Band ist so aufgezogen.

Die Kriminalgeschichten in Berlin Noir sind nach Bezirken geordnet. Es muss nicht ein Mord im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht deren Aufklärung. Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, Ermittelnder, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist aber nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, sondern oft ein Schlaglicht, der Versuch eines Abbildes im Hier und Jetzt. Der Beginn von RAMMELBULLEN, Kai Hensel, ist eine Fotografie, die das Benehmen der Berliner Polizisten auf dem letztjährigen Hamburger G20 Gipfel zum Anlass abbildet:

„…einer der größten Polizeiskandale der vergangenen Jahre. Drei Berliner Einsatzhundertschaften sind von der Hamburger Polizei aus der Hansestadt verwiesen worden. Grund: Ungebührliches Verhalten! …“

Gezeigt werden die persönlichen Auswirkungen auf die schmähliche Heimsendung an von zwei Familien. Hier wird Entgleisung geschildert, mit einem knalligen Schluss. RAMMELBULLEN ist mehr eine Kurz-, denn Kriminalgeschichte; die Heimsendung lässt eheliche Konflikte in zwei Polizistenfamilien aufbrechen, Hensel zeigt ein Dilemma auf: zu viel zu tun, zu wenig Geld, Erschöpfung. Das am Ende ein Gesuchter dingfest gemacht wird, hat nichts mit Polizeiarbeit, nichts mit ermittlungstaktischer Arbeit zu tun, eher etwas mit dem Autorenwillen zum Happy-End. Der Leser atmet auf: Denn so sympathisch wurde die Polizei selten beschrieben.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre von Berlin Noir bleibt festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist auch ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden.

Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden ….“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte ÜBERSTUNDEN eine Figur in einem trostlosen Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In ÜBERSTUNDEN sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen das eine aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories durchgängig figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere tun sich auf, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen.

 

Fazit: Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Berlin Noir zeichnet sich besonders durch eine besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

 

Über das Buch: Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger, Miron Zownir. Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro

#verlagegegenrechts

Zoë Beck

Es war fürchterlich anstrengend. Das Bündnis auf die Beine zu stellen und sich quasi von Tag 1 an gegen Anfeindungen (aus allen Richtungen) wehren zu müssen, die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mit 13 Podien zu planen, Materialien zu organisieren, Interviews zu geben, Kampagnenarbeit zu leisten … Natürlich war es anstrengend. Dazu die Anspannung, die durch die täglich eintreffenden Drohungen (von Rechts) beständig wuchs, und ganz nebenbei haben alle von uns noch ihre übliche Arbeit zu leisten. Kurz vor der Messe hätten wir schon Urlaub gebraucht, ein halbes Jahr mindestens, einsame Insel, von mir aus auch Finnland, da sprechen die Menschen wenigstens nicht so viel.29315196_557763147929902_8758297322888101888_n

Und jetzt, hinterher, sind wir glücklich und froh und irgendwie auch ein wenig stolz, dass alles so wundervoll gelaufen ist, viel besser, nein: sehr viel besser, als wir auch nur zu hoffen gewagt hatten.

Die Kundgebung auf dem Augustusplatz am Mittwoch vor der offiziellen Eröffnung…

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Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

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Den Anlass zur Befragung gibt eine Tat des B., deren Umstände beleuchtet werden, im besten Fall, so scheint es anfangs, soll eine Nachvollziehbarkeit der Ereignisse angestrebt werden, die zu dieser ein wenig unsinnigen, trotzdem strafbar zu ahndenden Tat trieben. Die Frage, die sich stellt: Ist der Endpunkt –die Tat- logisch oder verfehlt, aber folgerichtig?

Der P. befragt den B. Das ist Inhalt, Ordnung und Struktur in der Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffers erste Prosaarbeit. Das Ende der Spielhandlung sind die Siebziger Jahre der Bundesrepublik. Es schließt sich eine Erzählung über Lebensweisen, über Sinnsuche und Sinnhaftigkeit an. Der Justizbeamte nimmt Systeme hin, der andere lehnt sich dagegen auf, findet seinen einen Platz im Leben nicht. Die Befragung erstreckt sich über mehrere Tage,  B. gibt sich und dem Justizbeamten Auskunft über seine Menschwerdung, über den Zweifel und das Scheitern. B. erleichtert sich geradezu. Er legt alles offen, zum Beispiel, was er über seine Zeugung hörte, ein Unfall, aber naja – er ist von einer Offenheit, von einer Bekenntnislust, die bei allen Abschweifungen für ihn einnimmt.

Dem B. sitzt P. gegenüber – Justizbeamter. Zwei fremde Lebenswelten. Der P. strukturiert den Ablauf. Jeden Abend nach Hause, er geht ein Bier trinken, wenn er zu früh Feierabend hat, weil er den Rhythmus seiner Frau nicht stören will, die ihn zwar nicht zu spät erwartet, aber auch nicht zu früh. Hat der B. sich selbst von seinen ausschweifenden Betrachtungen fesseln und mitreißen lassen, dann geht P. mit einem leisen Bedauern nicht in die Gastwirtschaft, um eben nicht zu spät zu kommen, weil zu spät kommen auch störend wäre im Tagesablauf seiner Frau. P. wirkt blass, weil der Leser ihn nur über seine Pflichten, Arbeit, Heimweg, Eheleben wahrnimmt, die allesamt von Rücksichten geprägt sind, die der Justizbeamte nicht hinterfragt, nicht hinterfragen möchte, weil es sicherer für ihn ist.

B. hingegen hat sich der Frage gestellt. Warum und vor allen Dingen: Wozu? Das alles?

«…Die heutige Befragung wird beendet und ihre Fortführung auf den Mittag des folgenden Tages festgesetzt. …»

In der sehr lesenswerten Nachbemerkung, entstanden im Sommer 2017, nennt Wolfgang Schiffer die Befragung des Otto B. sein erstes literarisches Werk (Erstveröffentlichung 1974, Claassen Verlag) und geht auf die Entstehung und jetzige Wiedererscheinung im digitalen Format und biographisches Schreiben ein. Der Autor bekennt sich zu den autobiographischen Zügen, die das Werk hat, mehr noch: Er sagt aus,  dass dieses Prosastück die Möglichkeit war, sich eine mögliche Existenz zu denken, sie auf dem Papier vorweg zu nehmen, auszuleben. Die Befragung des Otto B. ist aber mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

Der Autor schlägt in der Nachbemerkung den Bogen zur Jetzt-Zeit; wäre ein solcher Held noch denkbar, in einem Kosmos, in dem sich der Freiheitsbegriff so unglaublich gewandelt hat – in dem Freiheit mit Freizeit verwechselt wird? Der Autor beantwortet die Frage nicht ausdrücklich, sondern gibt sie an den Leser weiter,  verleugnet dabei seinen kulturpessimistischen Standpunkt nicht.

Lesenswert.

Die Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffer, E-Book
Preis: 2,99 €

Zur Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag. Die Edition Elektrobibliothek wurde 2017 als E-Book-Format ins Leben gerufen, mit den Worten:

«…Für die Edition Elektrobibliothek gilt: In der Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag erscheinen nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren. Es geht um Gegenwart.

In der Edition Elektrobibliothek werden ausschließlich Romane, Erzählungen und weitere epische Formen sowie Essais veröffentlicht.

In der Edition Elektrobibliothek erscheinen ausschließlich auf Deutsch verfasste Texte, was nicht heißen muss…. »

Der Name Edition Elektrobibliothekt ist einem Statement ist des russischen Konstruktivisten El Lissitzky entliehen, der 1923 so seine Topographie der Typographie ankündigte. Am 25.Januar 2018 wird ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier  im Radikal Light, Berlin, stattfinden, auf dem er das Programm der Edition Elektrobibliothek vorstellt und sich zur Radikalität von EBooks verhalten wird.

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

 

In Zeiten des Terrors

 

Ist eine Bombe der Anfang. Delhi, 1996. Ein Markt. Unter den Toten zwei halbwüchsige Jungs, Brüder, Tushar und Nakul Khurana. Ihr Freund, Mansoor, den die Jungs mit auf den Markt nahmen, überlebt. Das ist der Auftakt In Gesellschaft kleiner Bomben von Karan Mahajan erschienen im culturbooks Verlag.

Die in einem Auto deponierte Bombe, setzt ihre zerstörerische Energie nicht nur auf dem Markt frei, sie zersplittert Leben, pulverisiert Beziehungen.

„… Es ist besser, großzügig zu töten, als dabei zu geizen …“.

Am Anfang steht Zufall plus Zufall, was Schicksal wird.

Karan Mahajan nimmt In Gesellschaft kleiner Bomben verschiedene Sichten ein, er erzählt mit großen Zeitsprüngen von den tragischen Verstrickungen, die das Leben der Beteiligten, Opfer und Täter in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. K. Mahajan wählte eine episodenhafte Struktur, die Erlebnisse werden unabhängig voneinander geschildert. Was alle Figuren eint: Die Bombe. Delhi. Hindu oder Muslim.

Nach dem Anschlag, dem Tod ihrer Kinder werden die Eltern, Deepa und Vikas Khurana, durch ihre Trauer, Ohnmacht, Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung zu anderen Menschen. Denn als sie ihre Meinungen und Lebensweisen noch selbst wählen konnten, waren die Eltern Khurana überzeugte indische Liberale, ironisch bezeichnet der Autor Deepa und Vikas als einem speziellen Zirkel der Weltgewandten zugehörig, zum Beispiel halten sie sich muslimische Alibifreunde, sind strikt gegen eine Etablierung von McDonalds in Delhi -weil es schon Wimpy gibt- und würden auf keinen Fall die rechtsgerichtete India Today lesen. Die Bombe reißt Kulturleistungen ein, lässig, aber großartig genau gezeichnet, legt Mahajan die dünne Lackschicht Kultur bloss. Deepa und Vikas zeugen unter anderem ein Kind, eine Tochter, die sie nicht beachten, denn es gibt in ihrer Seele mehr keinen Platz für Liebe. Der Spitzname der Tochter Anusha lautet: Tochter der Bombe.

Anders ergeht es Mansoor, den muslimischen Freund der getöteten Jungs. Anfangs wird ihm nicht geglaubt. Er, ein muslimischer Junge, wird Opfer eines Attentats? Die Eltern Khuranas zürnen ihm zwischendurch immer wieder – wieso hat er überlebt, mit nur ein paar Kratzern? Aber die Bombe lässt Mansoor nicht aus ihren Fängen, sie wird durch Krankheitsschübe immer wieder gegenständlich, zwingt ihn, sein Studium in Amerika abzubrechen, nach Indien zurückzukehren.

„… Er wollte nicht in Indien, aber auch nicht in den USA sein. Er wollte an einem Ort ohne Schmerz und Tragödie sein …“

In dem Versuch zu begreifen, das Geschehen auf dem Markt zu verarbeiten, in dem Versuch, seine Krankheit (die Bombe) loszuwerden und leben zu können, in dem Versuch, die Gesellschaftsordnung Hindus-Muslime zu verstehen, tritt er einer Gruppe bei, Peace for all, und erkennt schließlich, was ihn zu einem Kranken hat werden lassen: Verwestlichung. Mansoors Suche nach Halt, nach Orientierung gehört zu den bewegensten Momenten in dem Buch. Er wird zu einem gläubigen Muslim. Als er fünfmal am Tag betet, als er den Schmerz loslassen kann, heilt er. Er findet Freunde, er findet sich, er bleibt aber ein netter, aufrichtiger, hilfsbereiter junger Mann. Was ihm zum Verhängnis wird. Mansoor wird Opfer der tragischsten Verkettung in dem Roman.

Und ein Opfer, der Täter sein soll: Malik, Student der Universität Kaschmir, Mitglied der Jammu and Kashmir Islamic Force. Er wird verhaftet, er soll der Attentäter sein. Die Behörden wollen es so. Malik wird gefoltert, angeklagt und verurteilt. Auf der Suche nach Erlösung besuchen Deepa und Vikas Khurana ihn im Gefängnis, aber angesichts dieses mageren Mannes verlieren ihre Rachefantasien ihr Ziel. Als Malik für die Khuranas ausgezogen und geschlagen wird, geht ihnen auf, dass ihr Gesuch, Malik zu sehen,  von der Gefängnisleitung nur gewährt wurde, in der Hoffnung, ein Geständnis aus ihm herauszubekommen. Da kommt kein Geständnis.

Was die Eltern Khurana übergeordnet in der Prügelszene sehen, ist das Bedürfnis eines Systems, das einen Schuldigen braucht. Aber so wie es das eine Opfer nicht gibt, sondern viele Einzelschicksale, gibt es auch nicht den einen Schuldigen.  Während alle –ob Hindu oder Muslim -in dem großartigen Roman In Gesellschaft kleiner Bomben leben und leiden, wird eine Frage an den Leser weitergereicht – Was tun?-

Fazit: Über die verschiedenen Sichten, die verschiedenen Figuren, die der Autor virtuos nachzeichnet, wandelt sich die Bombe. Sie ist nicht der Ausgangspunkt für eine tragische Geschichte,  sondern deckt Strudel, Differenzen und kollisionsträchtiges Material in Gesellschaften auf. Die eingeschobenen Episoden, wie der schräge Immobiliendeal von Mansoors Familie, tragen ihren Teil dazu bei, eine aufgeklärte Gesellschaft und Vorurteile zu zeigen. Es ist das unkommentierte Nebeneinander von allem, das so berührt.

Sachlich und überraschenderweise sehr humorvoll beleuchtet dieses Buch eine tief zerrissene Gesellschaft,  beleuchtet Differenzen und widmet sich ausgiebig der dünnen Lackschicht Kultur. Karan Mahajan zeigt In Gesellschaft kleiner Bomben virtuos in vielen  Situationen und Begebenheiten dem Leser, in welch grundsätzlichem Konflikt wir uns befinden. Der Roman bleibt dem Realismus so verhaftet, dass er keine Lösung bietet, bieten kann. Es ist immer wieder eine Bombe, die alles ändert.

 

Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der »Best Young American Novelists« 2017. Sein erster Roman, »Family Planning« (»Das Universum der Familie Ahuja«), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers.
»In Gesellschaft kleiner Bomben« stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017.Eines der 10 besten Bücher 2016 (New York Times)
Auf den Jahresbestenlisten von
Washington Post, TIME, Esquire, Buzzfeed, Huffington Post, Vulture.com u.a. (Quelle: culturbooks)

 

 

Irgendwas mit Schreiben: Ein lesenswerter Relaunch

 

Interessante Themen erledigen sich nicht von selbst. mikrotext sagt dazu:

„…Sie waren Youtube-Sternchen, Messeköchin oder VorBand, sie sind Tänzerin, Blogger, Professor: eine vielseitige Sammlung zu Arbeitsstrategien von studierten Autorinnen und Autoren aus den Studiengängen und Schreibkursen …“

Zwei Themen treiben diese lesenswerte, in der ersten Fassung 2014 im mikrotext Verlag erschienene Anthologie immer noch um. Zum Einen: Die wechselseitige Beziehung von Herkunft und Erfolg.

Wenn das richtig ist, dann ist nicht nur der Glauben an sich selbst, das für Autorinnen und Autoren so wichtige Beharren an ihrem Text, der Glauben an die Notwendigkeit ihres Schaffens, erfolgsbestimmend. – Ich meine erst einmal nicht den Erfolg in Verkaufszahlen gemessen, sondern den Weg von der Idee zum Skript zum Endprodukt.

Florian Kessler hat auf die Beziehung von Herkunft und Erfolg mit seinem Essay „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“  aufmerksam gemacht und eine breite Literaturdebatte angestoßen. Julia Friedrich in „Gestatten: Elite“, verweist auf Michael Hartmann, der in einer Langzeitstudie Lebensläufe von Promovierenden auswertete. Fazit des Elitenforschers ist, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor von beruflichen Aufstiegschancen ist.

Erstaunlich sind nicht die Befunde, die allerorten getroffen werden, erstaunlich war die breitflächig feuilletonistische Erregung, die nach dem Aufsatz: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ losbrach.  Auch die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) kommt gleich in den ersten Sätzen auf den Punkt.

„…Von 100 Akademikerkindern studieren 77; von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an eine Hochschule. Die soziale Selektivität beim Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist weiterhin stabil. …“

Daher haben die mythischen Geschichten, die die vom Tellerwäscher-zum-Schriftsteller/Millionär/Professor handeln,  solch eine Zugkraft. Da ist der Ausreißer der Norm zu besichtigen, der die Wahrscheinlichkeit durch Kraft, Geschick und Talent besiegt.

Und wieso sollte es an Schreibschulen anders sein? Sind Schreibschulen kein Abbild der Gesellschaft? Ich meine, an Schreibschulen ist die soziale Selektivität noch höher. Auch wenn einige Schreibschulen oder Kunstuniversitäten das Abitur nicht als ausschließliches Kriterium voraussetzen, lesen und schreiben muss der sich Bewerbende schon können. Wenn die Eltern und Verwandtschaft nicht liest oder Kinder keinen Zugang zu Lesestoff haben, dann wird es schon schwerer. Aber danach gibt es noch eine zusätzliche Hürde, die heißt Aufnahmeverfahren. Ich will nicht sagen, dass Professoren Zeitarbeitstochter von Lehrersohn scheiden, aber ich meine, dass sich durch Schwellenängste einige Kandidaten schon von selbst erlegen.

Zurück zu Herkunft und Erfolg am Beispiel: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ Dieser mikrotext ist auch deshalb so unterhaltsam, denn dieses Beziehungsgeflecht betrifft nicht nur Autoren und AutorInnen, denn das höhere Management in Deutschland entstammt in weiten Teilen dem Establishment und zwar mit steigendem Rang immer öfter. Was vielfach zählt, ist der soziokulturelle Habitus, vergröbert gesagt, das Auftreten, und das können  Schreibschulen ganz gut lehren. Und der wird ganz einfach durch das Ausschlussverfahren hergestellt oder wie Professoren sagen: „Wir nehmen nur die Besten.“ Die ehrlichste Aussage einer Professorin fand ich bei Doris Dorrie, die einmal sinngemäß sagte, das sie in den Aufnahmeverfahren immer eine Heidenangst hätte, einen sehr guten Kandidaten zu übersehen, nicht angemessen wahrzunehmen.

 

Der zweite, sehr zentrale Punkt, dem sich die Autoren in der Anthologie stellen, lautet: Gibt es ein Leben hinter dem Diplom? Was tun, was werden als Diplom-Autor?

Stefan Mesch, mit:  Stefan Mesch ist krass drauf hat sich einen 100-Punkte-Plan aufgestellt. Punkt 083_ verdichtet für mich alles,  was ein Schreiber, Autor erreichen können/wollen/müsste: ...Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum. Davon sollte man T-Shirts drucken.

Dieser 100-Punkte-Plan ist hilfreich für die, die unter Schreibhemmung leiden. Daneben noch gut geeignet für die Zweifler, die sich am Schreibtisch fragen, ob irgendjemand das lesen will, was gerade produziert wird. Zugegeben, der 100-Punkte-Plan ist so rau, als würde man an einem Felsen lecken. Aber;  die vielen Vorsätze von Stefan Mesch eignen sich gegen Ängste – jeder Art. Auch wenn manche Punkte beim Lesen sehr selbstzentriert daherkommen, haben sie doch das Potential eines großen Mantras oder einer frühkindlichen Beschwörung, was ich positiv meine, denn die tragen die größten Kräfte in sich.

100-Punkte. Ein Therapieplan der besonderen Art. Bitte nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten von Mirko Wenig. Darin geht es um den kleinen Mirko, der Online-Redakteur einer Versicherungszeitung ist. Einfach nur schön, voller lauter kleiner Kostbarkeiten, die ich einfach zitieren möchte. Auf dem Weg zur Arbeit geht es um Igeltode:

„… Er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt, und sein Mund, an dem verkrustetes Blut klebte, stand offen. Man konnte die vielen Zähne sehen, die dem Igel nun nichts mehr nützten …“

Eine kurze Geschichte, wie aus Kinderperspektive geschrieben, mit einer ganz eigentümlichen Schönheit zum Leben jenseits der Kindheit.

 

 

Anmerken möchte ich noch aus eigener Erfahrung, dass diese wunderbare Anthologie auch das Problem von Schreibschule streift. Die dort entwickelten Texte sind wunderbar, aber sie wurden nicht in freier Wildbahn geschrieben, sondern gehegt und gepflegt von Dozenten und Kommilitonen, immer wieder gegen den Strich gebürstet durch unzählige Diskussionen.

Werden Texte gehegt und gepflegt wie Rotwild im Zoo, kann es zu Problemen mit dem Inhalt kommen. Der kann dünn geraten. Denn es macht sich bemerkbar, wenn die Woche an der Uni verbracht wird – wenn ein Großteil der Zeit draufgeht, andere Texte zu lesen -wenn in Vorlesungen alles an Systemen und Theorien vorgestellt wird, und die eigenen Texte daran gemessen werden – wenn die Studierenden sich nebenher meist noch für die hauseigene Literaturzeitschrift engagieren oder das Studentenfilmfestival – wenn sie sich Abends mit Kommilitonen treffen und diskutieren. Über alles – das heißt, Schreiben. Das ist Leben in einer Blase. Da fehlt was: Leben. Also. Leben. Tänzerin sein, Blogger, Verkäuferin, Professor. Und daneben schreiben.

 

Mikrotext hat die Sammlung in 2017 neu aufgelegt und um viele interessante Positionen erweitert. Mein erster Eindruck: Die Ehrlichkeit der Aufsätze, die Lakonie und der Humor berührten mich sehr.  Und es ist mehr als Schreibschule, vielfach traf ich hinter all dem die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dieses Eriginal kann mehr. Es kann berühren. Der mediale Ausgangspunkt ist die ewige Diskussion, die schon im Berufsbildungszentrum anfängt: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn der Job  keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

 

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Erschienen am 17. Mai 2017
292 Seiten, 17,99€, Taschenbuch, in jeder Buchhandlung bestellbar, online auch bei Amazon, Buecher.de, Hugendubel, Osiander, Thalia. Auch als E-Book erhältlich. Lieferbar!
ISBN 978-3-944543-51-2

Mit Beiträgen von Luise Boege, Michael Fehr, Jan Fischer, Martina Hefter, Luba Goldberg-Kuznetsova, Ianina Ilichetva, Florian Kessler, Thomas Klupp, Thorsten Krämer, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Jacqueline Moschkau, Alexandra Müller, N.N., Barbara Peveling, Stephan Porombka, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lena Vöcklinghaus, Lino Wirag, Mirko Wenig.