Eine tiefschwarze Liebeserklärung an Berlin


13 Kurzgeschichten, 13 Blickwinkel, 13 Stadtviertel – und 13 faszinierende Teile eines größeren Puzzles. Berlin Noir, erschienen bei culturbooks

Von der Faszination der Großstädte. Der Herausgeber Thomas Wörtche schreibt in seinem Vorwort über die Faszination der Großstädte:

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“

Ob Franz Hessel als Flaneur durch Berlin, Christopher Isherwood als Beobachter und Teilnehmer städtischer Subkulturen, Gottfried Benn und seine Gedichte aus der Morgue über Menschen, deren Leben in Berlin beendet ist, die sich als Leichen auf dem Seziertisch wiederfinden, mit Schlingpflanzen im Haar und Ratten, die in ihnen nisten.  Und Joseph Roth beobachtet und beschreibt genau, voller Liebe im Scheunenviertel Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben, einer Bleibe, einem Platz: Juden auf Wanderschaft.

Die Stadt ist ein Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat, und wenn es nur eine Parkbank ist. Gleichzeitig behandelt Stadt den Einzelnen achtloser, gibt es ein Nebeneinander zwischen Reich und Arm, trifft arm auf besitzend, krank auf gesund. Miteinander, Gegeneinander. In Berlin Noir wird der Einzelne herausgehoben. Einzelschicksale vor großer Kulisse.

Die Vorliebe des Krimis für das dunkle und Abseitige ist der Kriminalgeschichte zu eigen, und es ist Grundmotivation für den Kauf und das Lesen solch einer – und Berlin Noir gibt dem Affen Zucker. Meine größte Sorge war, in Berlin Noir auf Geschmacklosigkeiten zu treffen, die mir seit Jahren das Krimilesen verleiden: Null motivierte Verhaltensweisen bei Serienschlächtern, es wird ausgeweidet, was das Zeug hält, aber weit und breit kein Motiv oder Grund für die Taten. Genauso schlimm oder noch schlimmer: Die gute alte Zeit, Kriminalromane, die gern in den Dreißiger Jahren spielen, voll mit Flüsterkneipen, Koks und einer Sprache, die sich blechern anhört. Gute Nachricht. Keine der Kurzgeschichten in dem vorliegenden Band ist so aufgezogen.

Die Kriminalgeschichten in Berlin Noir sind nach Bezirken geordnet. Es muss nicht ein Mord im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht deren Aufklärung. Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, Ermittelnder, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist aber nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, sondern oft ein Schlaglicht, der Versuch eines Abbildes im Hier und Jetzt. Der Beginn von RAMMELBULLEN, Kai Hensel, ist eine Fotografie, die das Benehmen der Berliner Polizisten auf dem letztjährigen Hamburger G20 Gipfel zum Anlass abbildet:

„…einer der größten Polizeiskandale der vergangenen Jahre. Drei Berliner Einsatzhundertschaften sind von der Hamburger Polizei aus der Hansestadt verwiesen worden. Grund: Ungebührliches Verhalten! …“

Gezeigt werden die persönlichen Auswirkungen auf die schmähliche Heimsendung an von zwei Familien. Hier wird Entgleisung geschildert, mit einem knalligen Schluss. RAMMELBULLEN ist mehr eine Kurz-, denn Kriminalgeschichte; die Heimsendung lässt eheliche Konflikte in zwei Polizistenfamilien aufbrechen, Hensel zeigt ein Dilemma auf: zu viel zu tun, zu wenig Geld, Erschöpfung. Das am Ende ein Gesuchter dingfest gemacht wird, hat nichts mit Polizeiarbeit, nichts mit ermittlungstaktischer Arbeit zu tun, eher etwas mit dem Autorenwillen zum Happy-End. Der Leser atmet auf: Denn so sympathisch wurde die Polizei selten beschrieben.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre von Berlin Noir bleibt festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist auch ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden.

Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden ….“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte ÜBERSTUNDEN eine Figur in einem trostlosen Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In ÜBERSTUNDEN sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen das eine aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories durchgängig figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere tun sich auf, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen.

 

Fazit: Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Berlin Noir zeichnet sich besonders durch eine besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

 

Über das Buch: Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger, Miron Zownir. Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro

Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein culturbook von Cornelius Adebahr

Vor dem Hintergrund der jüngsten landesweiten Proteste im Iran, beginnend im Dezember 2017 las ich den Reise- eher Aufenthaltsbericht, des Politikwissenschaftlers Cornelius Adebahr, Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, ca. 361 Seiten, erschienen im November 2017 bei culturbooks.

Die Proteste 2017/18 im Iran waren wie immer schwer zu rezipieren. Durch die Zensur sind Nachrichten, Features und Stimmungsbilder oft gar nicht vorhanden. Sofort wurden in den Nachrichten Vergleiche mit den Protesten 2009 im Iran heraufbeschworen, deren kollektives Sinnbild Sterben einer jungen Frau ausmachte.

Aber anders als 2009, als die Gründe für den Marsch auf die Straße Wahlbetrug hießen, sind die Ursachen der jüngsten Proteste, die dieses Mal vom Land in die Städte stießen, andere: Eine hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen, gestiegene Lebenshaltungs- und Konsumkosten, bedingt durch den Wegfall von Subventionen. Inflation und Wassermangel nicht zu vergessen.

Aber der Iran muss mehr sein als Streiks und Proteste, die eine ungleich große Aufmerksamkeit erfahren. Der Iran muss mehr sein als der andauernde Streit um das Atomwaffenprogramm, mehr als der Sturz des letzten Schahs, mehr als der Ayatollah Khomeini. Das unvollständige Bild in den Medien zum Rezipienten sucht Cornelius Adebahr zu ergänzen.

Vor dem Hintergrund der Knapp- und Kargheit zu Informationen aus dem Iran ist das Buch Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, mit atemberaubenden Bildern, ein Gewinn. Der Autor hielt sich im Iran ab 2011 als mitreisender Ehegatte und betreuender Vater von zwei Kleinkindern im Iran auf. Diesen Reisebericht, dieses Sachbuch zu lesen, ist wie durch den Vorhangspalt auf eine Bühne zu schauen.

Es ist ein Stilmix aus faktenbasiertem Wissen; in den Kapiteln zum Atomprogramm und dem theologischen Exkurs zwischen den Glaubensrichtungen der Schiiten und Sunniten ist die Handschrift des Wissenschaftlers zu spüren. Diese Kapitel bieten einen breiten Exkurs, um die jetzige Rolle des Iran und des Iran im Nahen Osten zu verstehen. Es wird aber auch ein Blick auf Familien gewährt, die zerrissen sind, wie die Familie einer Mutter, die ihr letztes Kind von fünf nach Amerika verabschiedet. Es wird über Nationalstolz und Verhaltensregeln geschrieben und auch darüber, zu welchen Blüten und Kuriositäten eine Zensur fähig ist. Es erinnerte ein wenig an die DDR. Am besten wird dieser politische Kulturführer, wenn der Autor dieses riesige Land bereist, auf Menschen trifft und er eine Ahnung bekommt, wie unvollständig sein (unser) Wissen zum Iran bisher war.

…Er wartet, dass etwas in diesem Land passiert, etwas, das auch seinem Leben neue Freiheit, neue Möglichkeiten, eine Richtung geben wird. Er ist bestens über die Neuigkeiten des Tages informiert: Heute wieder Kriegsschiffe in der Straße von Hormus. Die Regierung sagt, die Sanktionen hätten keinerlei Wirkung. Sein Freund von den Ölfeldern im Süden wurde aber nach Hause geschickt, weil dort nichts mehr läuft. Die Währung verfällt, der Dollar ist auf einem Allzeithoch. Wieder wurden Journalisten verhaftet, wieder ist das Internet gesperrt.

Doch obwohl in Iran so vieles schiefläuft, wie er sagt, will er nicht in Europa wohnen. Dafür ist ihm seine Heimat zu wichtig. »Ich liebe Iran, und mein Job ist hier …

Der Autor macht sich daran, dem Leser eine ungewohnte Blickrichtung zu eröffnen. Vom Iran auf die USA und Europa. Konfrontationen der Weltpolitik aus einer angenehm ungewohnten Perspektive. Der Autor lebte von 2011 bis 2016 in Teheran und dann in Washington, D.C. Als Politikwissenschaftler, Ehemann einer deutschen Diplomatin und Vater zweier heranwachsender Söhne. Die Schnippsel und Episoden über das Auswärtige Amt blieben für mich blass,  denn ich wollte etwas über den Iran erfahren, nicht über das Gefühl von Diplomatenfamilien auf Auslandseinsätzen; aber es lässt sich mit einer Leichtigkeit über diese Reminiszenzen hinwegsteigen.

Am 25. Januar 2018 wird eine Lesung und anschließendes Gespräch mit dem Autor Cornelius Adebahr im Radikal Light, Berlin, s.u. stattfinden.

Cornelius Adebahr: Im Iran. Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein Reisebericht und Kulturführer. Digitales Original. CulturBooks Longplayer, Oktober 2017. Circa 200 Seiten. 5,99 Euro. ISBN 978-3-95988-083-1
Tags: 
Ab 20. November 2017 erhältlich u.a. bei
CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Dr. Cornelius Adebahr (Autor, Politikwissenschaftler, culturbooks) Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

„… Es gibt kein Zentrum der europäischen Moderne. Wir reiten alle auf Eseln und suchen das Glück. …“ Istanbul Notizen, von Mely Kiyak

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Wo soll es enden? Das war 2016 der letzte Satz meines Versuchs der Beschreibung des eindringlichen Reiseberichts von Mely Kiyak, die mit einem Literaturstipendium nach Istanbul geht. Unvermutet bündeln sich Proteste, finden ihr Ziel und ihren Kundgebungsort im Gezi-Park. Die Autorin mittendrin, sie beginnt, die vielfältige Menge zu porträtieren, die sich vor vier Jahren zusammen schloss, um gegen das Regime von Erdogan auf die Straße zu gehen.

Ich möchte diesen Text vom Aufbruch der Proteste aus der Mitte der Gesellschaft noch einmal posten, auf die Istanbul Notizen hinweisen, denn die Veränderungen und das Auseinanderdriften von Positionen in der Türkei haben eine unglaubliche Geschwindigkeit erreicht. Tag eins nach dem Referendum.

Die sehr lesenswerten Istanbul Notizen führen zurück in das Jahr 2013? Wie fing es an?

…2013 beginnen die Istanbuler Notizen als ein Reisebericht, schnell wandelt sich das Format in ein  politisches Sachbuches. Das Postskriptum: „… Es gibt kein Zentrum der europäischen Moderne. Wir reiten alle auf Eseln und suchen das Glück. …“

  1. Ein Literaturstipendium zieht die Autorin Mely Kiyak leicht unlustig  nach Istanbul, angekommen, muss sie sich einfinden in die siebzehn Millionen-Stadt. Die Stadt prallt auf sie, laut sind die tumultarischen Impressionen,  Klänge, Geräusche, Lautstärken, sogar der Maiskolbenverkäufer hat seinen eigenen Sound. Die Autoren lebt sich ein, findet sich – hat Spaß, freundet sich an mit Istanbul  … und dann geht was los.
  2. Proteste. Kiyak beschreibt, wer da alles auf der Straße ist: JournalistInnen, SchriftstellerInnen, FeministInnen; politische AktivistInnen, es sind so viele, die etwas fordern, jede mit einem Anliegen, auf die Spitze getrieben heißt das Demokratie. Kiyaks  Eindrücke, die sich mit einem Mal  als politische Journalistin wiederfindet, die erst einmal selbst verorten muss, was passiert? Die dringend aus dem Ausland gebeten wird zu erklären: Warum diese Proteste? Was war der Auslöser? Wer steht da mit Schildern auf der Straße? Das Motto changiert: Kaum bin ich hier, will in Ruhe arbeiten, dann das.

Istanbuler Notizen –  So viele Hoffnungen in 2013. … Wir haben gerade das Jahr 2015 passiert,  gute Wünsche für 2016 gefasst, ich werde vielleicht einige davon beherzigen. So viel los in so wenig Zeit, seit ich die friedlichen Proteste in Istanbul, die Demonstrationen als Zeichen zum Aufbruch, zu einer positiven Veränderung hin begriff.  Auch der Ton in den Istanbuler Notizen dreht, das Motto verliert sich, als Wasserwerfer kommen und Rezepte kursieren, was hilft gegen Reizgas? Oder Pfeffergas?

(…) Wie fing es an?  Bürger, die auf der Straße auf ihre Rechte  hinweisen. Die immer wieder aufstehen, Reizgas, Wasserwerfer hin oder her, nebenher klein und nett beschrieben, wie ältere gutbürgerliche Damen  ihre Campingstühle und ihre Strickarbeit zum Demonstrieren mitbringen. Daneben geht das Leben weiter. Wo soll es enden?

Die Autorin: Mely Kiyak, arbeitet als Schriftstellerin und Publizistin, ua. auch als Theaterkolumnistin für das Gorki-Theater. …

 

Die Istanbul Notizen von Mely Kiyak, erschienen bei shelff books handeln . Leider finde ich den Verlag nicht mehr, hier ein Link zu shelff books.  Die Istanbul Notizen sind auf Lager bei Amazon und  Thalia 3.99 Euro.  EPub, ca. 120 Seiten.

 

Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goethe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton aber gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunter zu brechen. Aber es ist so: Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, miteinander zu verbinden, also Europa ideell auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – stellenweise mutet es an wie ein bürgerliches Reisetagebuch des 19. Jhdts., aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das Miteinander, Durcheinander ist erfrischend, die Skizzenhaftigkeit erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin ich bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

Mit satanischen Gesten ist nicht zu spaßen

… denn sie zeigen an, dass ein Pakt mit dem Teufel eingegangen wurde. Das erklärte ein Exzorzist der Journalistin Nadine Wocjik, die sich, nachdem sie auf die exorbitant hohe Zahl von 130 professionellen Teufelsaustreibern in Polen stieß, fragte: Was geht da ab? Warum dieses Bedürfnis? Wo der Teufel wohnt, erschienen im mikrotext Verlag.

Wussten Sie, dass Harry Potter, Hello Kitty, Yoga und die Band Nirvana satanischen Ursprungs sind? Davon gehen namhafte polnische Exzorzisten aus. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Warum Menschen aus allen Schichten und Verhältnissen eher zum Exzorzisten gehen als zum Psychologen und warum Psychologen und Exzorzisten oft in einer Beratungsstelle anzutreffen sind, sich die Klienten gegenseitig überweisen – auch das schildert die Beobachterin mal amüsiert, stellenweise fassungslos.

Die Journalistin Nadine Wojcik, aufgewachsen in Velbert und katholisch sozialisiert von der Großmutter,  fährt nach Polen und beginnt zu recherchieren. Sie trifft auf Pfarrer, die ihr erklären, dass der Teufel natürlich Gottes Schöpfung ist. Und wo Gott ist,  da ist Gottes Kreatur – der Teufel – auch nicht weit. Nadine Wojcik versucht zu interviewen, ihr wird nicht getraut, sie wird hingehalten, abgewimmelt, bis sie mit Hilfe des Regisseurs Konrad Szolajski zu der jungen Frau Karolina findet, die sich im  gerade entstandenen, in Deutschland noch nicht erschienen Film Kampf mit dem Satan interviewen ließ.

Das Gespräch zwischen Karolina und Nadine Wojcik, in Krakau geführt, ist mehr als beklemmend. Da ist eine junge Frau, die einige Themen hat, die den Namen tragen könnten: Migration, Heranwachsen, Mutterlosigkeit, gleichgeschlechtliche Liebe. Es macht sprachlos, dass eben dieses junge Mädchen erklärt,  dass ihr jahrelange Exzorzismen gut getan haben. „… „Ich leide unter homosexuellen Gedanken“, erzählt da Karolina, sichtlich aufgelöst. „Die treten immer dann auf, wenn ich Ärger oder Eifersucht empfinde, besonders in Bezug auf Schwester Rosa. „In meinen Fantasien trete ich dann in die männliche Rolle, küsse die Nonne, ziehe sie aus, schmeiße sie auf einen Tisch und falle über sie her.“ Ein junger Pfarrer fragt: „Und sie glauben, dass Ihnen nur noch ein Exzorzist helfen kann?“ Karolina bricht in Tränen aus. Ja.“ … „

Rollback der Religionen Beim Lesen der Lektüre schummeln sich meine Fragen zwischen die Zeilen. Sind heute viele Menschen derart abgestoßen oder angenervt von der Zivilisation, dass der Rückzug in korsetthafte Systeme, hier Glaubenssysteme, vorgenommen wird? Ist Zivilisation beängstigend?  Natürlich hat der Glaube dem Denken eins voraus: Es gibt keinen Zweifel. Nur richtig und falsch. Europäer leben mehrheitlich gut mit oder ohne Religion,  Glaube und dessen Ausübung sind eher Privatsache, so wird Frau Wocjik und mit ihr die Leser von einer postsäkularisierten Gesellschaft total überrascht.  Vom Teufel besessen sein, sich den Teufel austreiben lassen. Brauchen wir da noch den freien Willen?

Jesus im Stadion. Unterzeile: Nationale Besinnungstage Ein wichtiger Teil der Reportage widmet sich einem Erweckungsgottesdienst an einem schönen Sonnentag, Prediger ist der ugandische Pfarrer John Boshabora, in Polen ein Kirchenstar. 20.000 Gläubige sind gekommen, Nonnen tanzen über die Festwiese, Frauen fallen um, am Rand des Festivals werden von Pfarrern Beichten abgenommen, es gibt aber auch die Möglichkeit, sich von freiwilligen Helfern den spirituellen Weg im Gebet weisen zu lassen. Die Autorin wundert sich, denn viele Teile der Predigt des John Boshabora sind nicht katholischen Ritus, sondern entstammen der Pfingstbewegung. In der Pfingstbewegung findet nicht nur Ansprache an die Gläubigen statt, da ist Rede und Antwort, Motivation, Begeisterung, schlussendlich Erweckung. Mit dem Höchsten auf Du und Du, das ist Ziel, der Allmächtige kümmert sich um – dich. Die Kundgebung auf der Wiese, die zeitweise Züge einer Massenhysterie trägt, endet mit einer Verlesung der Wunder Boshaboras, die seit seiner letzten Großkundgebung geschahen. Verlorengegangene Söhne riefen also wieder bei ihrer Mutti an, Alkoholiker ließen von der Flasche, viele Heilungen schwerer Krankheiten und Wunder über Wunder. Auch John Boshabora ist ein kleines Wunder, denn es geht von ihm die Erzählung, dass, als er noch ein kleines Waisenjunges war, die böse Tante, die ihn loswerden wollte, ihm einen vergifteten Brei zu essen gab. Aber John betete flugs und die Schüssel mit dem Giftbrei zersprang. Heute ist John Boshabora Predigerstar in einem Land, dass sich beharrlich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen.

Am Ende: … Diese sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Wo der Teufel wohnt, liefert keine endgültige Erklärung dafür, warum sich der Teufel gerade in Polen, überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den den Zeilen erzählt dieses Buch von Angst, ist eine gute Zustandsbeschreibung eines Zivilisationsüberdrusses – und von der Suche nach einfachen Antworten und klaren Regeln. Große Empfehlung.

Epilog:  „Wenn Sie Ende 30 sind und viele Stunden im Internet verbringen, gehören Sie zu denjenigen, die am meisten unter Seinem Einfluss stehen.“  (Zitat: Jan Szymborski, Exzorzist, Warschau).

Erschienen am 16. November 2016, bald auch als Buch erhältlich,ca. 200 Seiten auf dem Smartphone, ISBN 978-3-944543-39-0, erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel. 27. November, 12.30 Uhr: Feature Teufel, komm raus, Deutschlandradio Kultur

 

Weiterführendes:

Kampf mit dem Satan,  Regie: Konrad Szolajski, Dokumentarfilm 2015, ZK Studio (in Deutschland noch nicht erschienen)

Die Brüder Karamasoff, Dostojewski, I. Buch, Die gläubigen Weiber, (Piper Ausgabe 1977, ÜS: E.K. Rahsin, S. 76-77) Darin findet sich eine Episode über eine Klikuscha, Schreiende, Heulende, hysterische Frau, die im Volksmund als verhext galten. „…Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche Kranke gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten manchmal wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets für einige Zeit.“„…sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine altbekannte Wahrheit, dass der unreine Geist, de sich der Kranken bemächtigt hatte, diese verlassen müsse, weil er es nicht in ihr aushalte, wenn man sie zum Altar führe und sie vor der Hostie niederknie ..“

Interessant hierbei ist, das die vielen Fälle der Klikuschi in der öffentlichen Wahrnehmung um 1880 (VÖ Brüder Karamasoff) kaum noch als Besessenheit gedeutet wurde, sondern schon  medizinisch-psychologisch Erklärungsmodelle zur Bewertung herangezogen wurden.

Weiterhin ein schönes Wochenende!