Ich packe meinen Koffer …

… habe ich früher gern gespielt und oft verloren. Zuerst geht es zur Summer School 2016 nach Südtirol, diesjähriges Motto: Dramatisches und Essayistisches Schreiben, Unsere Utopien. Dann weiter an einen  See zwischen Bergen – und da gibt es kein Internet. Zeit zum Entsuchten und optimale Gelegenheit, alles zu lesen, was ich will. … Ich packe meinen Koffer und nehme an Sommerbüchern mit:

 

jarngard-colZwei neue Titel sind beim E-BookNovellenVerlag Das Beben herausgekommen.  Der Chor der Anarchie und Järngard und die kommen mit.  Järngard ist eine klar geschriebene Horrornovelle, die Hauptfiguren sind ein freundliches, mittelaltes deutsches Aussteigerpärchen mit ökologischem Gewissen, die Annalisa und der Rainer. Die beiden kehrten also Deutschland den Rücken und machen es sich in Schweden in einem schönen Holzhaus, sehr abgelegen in einer Gegend, in der früher Erz abgebaut wurde, gemütlich. Eines Tages sitzt der junge Jarrik auf der Straße. Und wie das Erz und ein zitternder Junge, alte Stollengänge, eigenartige Dorfbewohner und plötzlich auftretendes geschlechtliches Verlangen zusammenhängen, das erzählt Ruben Philipp Wickenhäuser gekonnt, detailreich und gut recherchiert in seiner Horrornovelle Järngard. Mein liebster Horrorsatz im Buch:

„So ein Unwetter“, sagte Rainer. „So aus dem Nichts.“

So fängt es immer an. Eine Empfehlung, ich werde noch einmal reinlesen, denn die Sache mit den Runensteinen möchte ich noch einmal auf mich wirken lassen.  Danach dann den Chor der Anarchie.

Erschienen am 11.Juli 2016, Ruben Philipp Wickenhäuser, Järngard: Der Fluch des Erzes, ISBN 9783944855165, 3,49 Euro

 

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Ich hatte einmal die Gelegenheit, auf einer Lesung Stefan Adrians Drinklyrik Der Gin des Lebens zu lauschen und ein Mixgetränk zu verkosten. Es war beides sehr nett. Und da jetzt Sommer ist und ich frei habe, darf es auch ein Cocktail mehr sein. Also: Ich packe in meinen Koffer den Gin des Lebens und spreche eine warme Empfehlung für den ersten Lyrikband der Welt aus, in dem sich nicht nur die Protagonisten oder der Autor dem Genuss von Alkohol widmet. Short Stories mit Rezept also. Ich freue mich und werde berichten.

Erschienen am 14. Juli 2016, 36 Rezepte, als E-Book und  Taschenbuch erhältlich 
ISBN 978-3-944543-35-2
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Dieses Buch, Besenkammer mit Bett, habe ich schon länger auf dem Handy, ich habe es angelesen, die Erzählung ist dicht und atmosphärisch, Cata tritt mir als Hauptfigur entgegen, eine junge Frau aus einem peruanischen Dorf. Am Anfang des Buches hat Cata sich in Lima mit einem Familien-Kredit den Traum ihres Lebens erfüllt. Ein Restaurant. Und dann geht es los. Cata und ihr Ringen um ein zufriedenes Leben rührte mich. Ihr Schicksal erinnerte mich an die epischen Niedergänge der Frauengestalten bei Zola, zum Beispiel die Wäscherin Gervaise oder ihre Tochter Nana. Viel Hoffnung, viel Strampeln, aber immer wieder mischen Schicksalsschläge wie Blitze das Leben von Existenzen -hier Cata- völlig auf. Auf jeden Fall in meinem Koffer.

Erschienen am 01. Oktober 2013 Besenkammer mit Bett, Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika. 245 Seiten. 4,99 Euro. 1.10.2013. ISBN 978-3-944818-06-1

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tumblr_inline_o4lxgskovv1ryyflu_500 Ich bin in letzter Zeit öfter über den Namen Akkordeonistin gestolpert, und ihr Buch Sitze im Bus. Was hat mich dazu gebracht, den Titel zu kaufen? Zuallererst einmal das Titelbild, was sich im Inneren verbirgt, darauf freue ich mich. Sitze im Bus beharrt darauf, dass Busfahren interessant sei, was stimmt, aber man muss offen dafür sein, die Akkordeonistin ist es auf jeden Fall. —Habe eben in Sitze im Bus hineingeblättert, das ist was für mich: Wenn man Eines nur lang genug anschaut, dann ist es so vertraut, wenn man noch länger hinguckt, völlig surreal. So blickt die Akkordeonistin auf Menschen, Situationen und nimmt sich dabei nicht aus. Sie hat nebenbei bemerkt, die gleichen Gedanken wie höchstwahrscheinlich wir alle in Bussen, aber sie nimmt sich, uns und ihr Gegenüber wichtig. Wie Wimpernschläge, in denen ein ganzes Leben steckt. Ich höre jetzt auf zu Lesen und mache im Urlaub weiter. Gehört aber sehr in meinen Koffer.

Akkordeonistin, Sitze im Bus, (ePub, mobi) EUR 2,99/CHF 3,50, ISBNePub: 978-3-944195-63-6, ISBNmobi: 978-3-944195-64-3
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ePub: Apple, Dussmann, Hugendubel, Mayersche, Minimore, Minimore, Ocelot,Osiander, Thalia, Schweitzer, Weltbild.

Kindle-Mobi: Amazon

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Zum Schluss noch einen Regionalkrimi. Tanja Litschel mit Traubenblut. Im E-Book-Segment versuche ich Krimis und Thriller zu vermeiden, denn die sind mir oft (nicht immer) zu einsträngig geschrieben,  Morde und Mordverhalten wird fast unnatürlich sensationsheischend ausgestellt, von Ermittlungsarbeit keine Spur. Oft dominiert der Typus Psychopath, ein Figurentyp, der sich schnell abnutzt, weil er keine Fallhöhe besitzt. -Ich bin abgrundtief böse und dass mit Freude, macht noch keinen Charakter-. Egal. T. Litschel schreibt genauer. Sie kennt Sinn und Zweck von Recherche und Rätselspannung, das A und O eines Krimis. Auch verlassen die Figuren nicht das Genre, des weiteren schreibt Frau Litschel ein verlässlich gutes Deutsch. Also freue ich mich auf Traubenblut, da wird eine Studentin tot im Bremer Ratskeller aufgefunden. Was ist passiert werde ich mir denken und an einem ziemlich roten Cocktail von Stefan Adrian schlürfen. Dann will ich so lange lesen, bis die Murmeltiere pfeifen (und tags drauf eine Rezension schreiben, wenn ich keinen Kater habe).

Das alles kommt in meinen Koffer. Was nehmt ihr mit?

#Weihnachten14, Nr. 3, Nachtigall im Winter, von Ralph B. Mertin

Nachtigall im Winter, Thriller, Ralph B. Mertin, Knaur eBook, 2014,  4,99

Harry Brydan, Journalist, alkoholkrank, beschattet eine Gruppe von achtzehn überaus erfolgreichen Männern. Der Reporter kannte die Männer schon, als sie noch allein gelassene, verwahrloste Jungs eines deutschen Waisenhauses waren. Rund um den Erfolg der Kriegswaisen wittert Brydan, dessen Schicksal mit den Männern durch einen Unfalltod verknüpft ist, ein Geheimnis, dass es zu lüften gilt.

Im Schlepptau hat Harry einen Mann, einen Ex-Sträfling, der  ihm die Geschichte der jetzigen Wirtschaftsmagnaten erzählt. Das ist die Klammer.

Rückgriff, Einsetzen der Spielhandlung. Anfang der 50er Jahre in Deutschland, Ort: die Königspfalz. Nach 1945 sollten die Kriegswaisen dort einen temporären Unterschlupf finden, mittlerweile lungern sie dort wie vergessen herum, werden gedemütigt und gequält von einem Internatsleiter, sie vollenden die Erniedrigungen auch gegenseitig.

Da betritt ein neuer Lehrer, Choran, das Internat. Flugs schmiedet er die Jungs zu einem Kader,  gibt ihnen ein Ziel, bietet Zusammenhalt, Schutz. Das ist die Grundsituation, die ich sehr interessant finde, die Ausarbeitung gefällt mir gut; orientierungslose Jugend, eine Autorität, die es vorgeblich gut mit den Kindern meint. Für mich hat sich der Sog des Weiterlesens über die gut ausgearbeiteten Figuren ergeben, deren widerstreitende Wünsche und Ziele. Chris und Felix, die Pfeifferzwillinge, Alexander und Martin. Es ist ein großes Ensemble, dass der Autor versammelt und die Szenen, in denen die Kinder zu Wort kommen, sind die, die mich am stärksten beeindruckt haben.

Eine Einschränkung: Den stark erzählenden Strang um die Herkunft des Lehrers Chorans Herkunft empfand ich als einen Ausflug in ein anderes Genre, nämlich in das der Fantasy. Ich hatte ich Probleme, mit der Geschichte mitzugehen, denn in einer realistischen Geschichte erwarte ich  Nachprüfbares.

 Fazit: Für mich ist die Nachtigall im Winter , erschienen bei Knaur eBook, präzise, mit einer starken Haupthandlung und  vielen Subplots, ob zu viel, ist Geschmackssache. Die ‚Mädchen in Uniform‘ oder ‚Der junge Törless‘; sie leben in Internaten, dominiert von Persönlichkeiten, die sich im Zwielicht des menschlichen Seins aufhalten. Zwänge und Destruktionen bestimmen ihren Alltag. Ein starkes Sujet für einen Roman, der einiges kann und viel hält.

Und – lieber Ralph B. Mertin: Es lebe der Flattersatz!

Relax, von Asta Müller

 

Asta Müller, Relax - das Ende aller Träume, 4,99, VÖ: 20.08.14
Asta Müller, Relax – das Ende aller Träume, 4,99, VÖ: 20.08.14

Vor ein paar Tagen startete ich die Reise in das Wunderland Relax von Asta Müller. Hauptfigur ist die junge, alleinstehende Zarah. Eingangs wird sie als Repräsentantin einer Werbeagentur eingeladen, um die Markteinführung der Wunderpille Relax mitzugestalten, eines Mittels, dass Menschen jünger, schöner und effizienter werden lässt. Okay, dachte ich, was wird das: Chick-Lit?

Auf jeden Fall unterhaltend, ich war  gespannt wie ein Flitzebogen, was der liebenswerten Hauptfigur gleich in Form eines dicken Plot Points in den Weg grätschen würde. Und da klingelte es prompt an Zarahs Wohnungstür: Auftritt Karihm, der gut aussehende, schwer hilfsbereite Nachbar. Ganz klar, dachte ich mir: Vorhang auf für Liebesroman.

Falsch: Karihm ist nur pro forma ihr Nachbar, eigentlich ist er ein Wesen ganz besonderer Art, aber das muss selber gelesen werden, das verrate ich nicht. Nur: Hier dreht sich das Genre auf  äußerst unterhaltsame Art und Weise.

Zarah erfährt, wer Karihm ist, als er, sie und ihre beste Freundin entführt – und die drei in der Firmenzentrale von Relax gefangen gehalten werden. Was ist das, frage ich mich. Entführung – vielleicht ein Krimi?

Vorhang auf für Hektor G., den großen Gegenspieler und da trudele ich in einen Thriller hinein und lerne mit Hektor einen Verrückten der Sonderklasse kennen, eine Figur, die durchaus mit Gert Fröbe in der Rolle des Goldfinger mithalten kann. Ja, ich weiß, die Autorin Asta Müller hat Hektor als ein durchaus ansehnlich männliches Exemplar kreiert; trotzdem liege ich bei Goldfinger richtig, denn beide, Hektor und Goldfinger wollen durch einen perfiden Plan nichts weniger als was? Die Weltherrschaft natürlich.

Ist Hektor zu stoppen?

Das wird sich zeigen, ob Zarah und Karihm der Aufgabe gewachsen sind. Denn die beiden mühen sich, obwohl Gefangene von Hektor, ihrem Liebesverlangen zu widerstehen, beide aus sehr unterschiedlichen Gründen. Das hat auch mit Ahnen und Göttern zu tun. Ich möchte hier unbestimmt bleiben, denn allzu viel darf ich nun wirklich nicht ausplaudern, außerdem habe ich jetzt einen guten Überblick über die Struktur des Romans gegeben. Deshalb wende ich mich der sympathischen Hauptfigur zu:

Zarah, in der Werbung tätig, mit gesundem Menschenverstand und einem optimistischen Wesen gesegnet, eignet sich gut als Hauptfigur, freundlich, hilfsbereit und mit einigen Macken gesegnet, die sie noch menschlich-netter machen. Zarahs Grundstimmung würde ich als gut gelaunt bezeichnen, was manchmal für mich unversehens zum Problem mutieren konnte. Beispiel: Zarah trifft auf einen Greis und ein sprechendes Baby, das der Greis in den Armen hält. Beide sind eine Mutation oder Fehlentwicklung der Wunderpille Relax. Zu diesem bedrückenden Umstand wollte Zarahs humorige Art für mich nicht recht passen.  Unter Umständen wäre da eine genauere Sicht auf die Haltung der Figuren angezeigt gewesen.

Ich habe vor einem Jahr schon einmal die Leseprobe von Relax für den Neobooks- Wettbewerb gelesen und mit sehr gut bewertet. Schon damals amüsierte ich mich wie Bolle auf dem Milchmarkt und das hat keinesfalls nachgelassen. Young Adult, Liebe, Krimi, Thriller, Science Fiction – und das alles für 4,99 bei feelings – emotional eBooks. Da kann man nicht meckern.

Leichenernte, von W. J. Krefting

 

 

LeichenernteLogline:  Nachts im beschaulichen Rodenfeld. Im Sturm klappert die Tür des Schweinestalles unmäßig, die Tiere werden unruhig, Bauer Schulze Rodenfeld geht nach dem Rechten schauen, um kurze Zeit später eine Mistgabel in die Brust gerammt zu bekommen. Hohe Zeit für Hauptkommissar Wilfried Kötter, mit seiner Ermittlungsarbeit in Leichenernte loszulegen. Leider hat die ihm vertraute Kollegin XY einen Schnupfen, weshalb sich Kötter nach längerem Grübeln von dem ortsansässigen Herbert Schnitzler, seiner Aussage nach Dorfsheriff unterstützen lässt. Genregetreu trügt überall der Schein, häuft sich mit jedem Schritt die Zahl der Verdächtigen. Am Ende hat die gesamte Rodenfelder Dorfgemeinschaft – was aber nicht viele sind – ein handfestes Motiv.

Die Detektivgeschichte von W.J. Krefting gewinnt durch das Befragen von Zeugen im netten Münsterländle. Miträtseln und Kombinieren machen die Story rund um einen reichen Bauern und dessen gewaltsamen Ablebens zu einem Lesevergnügen, dass an der Tradition des Whodunit, ganz von fern an den ermittelnden Hercule Poirot erinnert. Ein bisschen kam ich mir vor wie Gretel mit dem Hänsel an der Hand auf der Spur nach den Brosamen-Hinweisen, die wie zufällig gestreut wurden. Und da fühlte ich manchmal die Scharniere der Dramaturgie quietschen, denn Verdächtige oder  verdächtige Handlungen werden wie Brotkrumen gestreut, um möglichst einen möglichst großen Täterkreis zu generieren.

Figuren: Wilfried Kötter wird komisch, wenn ihm einer an den Lack seines Autos kommt (wie z.B. Fahrradfahrer aus allen Richtungen). Das Auto ist das Einzige, was ihm seine Frau zur Scheidung nicht wegnehmen will. Wieso eigentlich nicht? Das Auto scheint wertvoll zu sein und die Ex in spe wird ja nicht nur Billiges haben wollen. Ja, Herr Kötter lebt in Scheidung. Einen Sohn und eine Tochter hat er auch, die rufen auch schon mal an. Aber sein Privatleben interessiert wenig, die Konzentration liegt woanders, dass ich für meinen Teil kein Bedürfnis danach hatte, denn die anstehende Scheidung, die ihn belastet,  spiegelt sich nirgendwo in Kötters Verhalten,  sondern wurde mir nur erklärt, also ordnete ich diesen Vorgängen auch keine Wertigkeit zu.

Ihm zur Seite steht der Herbert Schnitzler, der klassische zweite Mann in der Ermittlung. Ruhig und besonnen, wie er ist, kann er zwischen Kötter, dem Zugereisten, und der Dorfgemeinschaft vermitteln, für Kötter nicht Sichtbares erzählen, ihm im Beziehungsgefüges des Dorfes helfen. Schnitzler ist sympathisch, er ist Kötter beigeordnet, die Geschichte kommt mehrheitlich aus HK’s Kötters Perspektive – leider nimmt der Autor manchmal Perspektivwechsel vor, die mich stolpern ließen. Mit einem Mal ist Schnitzler der Erzähler. Sie dienten dem Zweck, Schnitzler als Verdächtigen aufzubauen oder Dinge zu erzählen, die Kötter nicht wissen kann. Trotzdem sehe ich das als Manko. Ab und an gibt es auch Momente, kleine Einsprengsel, in denen ein auktorialer Erzähler waltet, finde ich wie die Schnitzler-Sache nicht nötig, mir würde es reichen, dem Ermittler zu folgen und aus der Teilmenge der Informationen Schlüsse zu ziehen.

Rodenfeld, nahe bei Münster. Schön fand ich es, dass die Menschen wie Landschaft geschildert wurden. Die Rodenfelder erschienen langsam und maulfaul, dabei nicht unnett, aber dem Münsteraner Hauptkommissar nicht wohl gesonnen. Mir ist nicht klar geworden, ob die Rodenberger sich aus einer tiefsitzenden Depression heraus so benehmen oder ob sie einfach so sind. Und warum eigentlich Rodenberg? Kurz gesagt, der Ort ist austauschbar, steht wenig in Beziehung zur Handlung, außer: dass der Autor einen Ort brauchte, in dem industrielle Schweinemast betrieben wird. Das ist ein Punkt, den ich gern gelesen habe, den Öko-Strang um die Vermaisung des Landstriches mit all seinen negativen Folgen. Das finde ich an dem Krimi Leichenernte bemerkenswert, die fundierten Kenntnisse und/oder die gute Rechercheleistung des Autors.

Zielgruppe: Alle in und um Münster. Rätselfreunde, Sudoku-Fans. Oder Leser (so wie ich), die gern ohne eine Lisbeth Salander im Krimi auskommen.

Zusammenfassend: Der erste Grund Leichenernte zu kaufen, war das Titelbild. Finde ich gut. Ich wollte was lesen und habe mich durch Neuheiten bei (ich gestehe, Amazon) gedaddelt. Auf Listenplatz 16 der Amazon-Neuheiten wurde ich fündig: Und ich glaube, meine Kaufentscheidung lief über das Titelbild, das mir positiv auffiel zwischen dem ganzen Chick-Lit in Himmelblau und Blut-Gedöns. Hinter dem Titelbild hat mich Leichenernte aber gut unterhalten, nicht blendend, aber gut. Der Mord, die Verdächtigen und der Öko-Aspekt, ordentlich geschrieben, sauber gelöst, aber wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre, dann hätte ich  mir einen anderen Täter gewünscht.

475.000 Reads: Test 27

Test 27, 53 Teile

Logline: Für die Schüler der Klasse XY steht ein Ereignis an, von dem sie auf dem Internatsgelände schon munkeln hörten. Test 27. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich nicht um eine Klassenarbeit, sondern um …. Horror, Blut, Liebe, Psycho, Tod. Das sind die Tags, die die Autorin (?), die sich hübscherweise Secret777 nennt, setzte.  Es splattert im Kinderzimmer, fiel mir als Erstes  ein. Zweitens: Ich bin ein Lemming, natürlich will ich das E-Book auch lesen, wenn es so viele Reads hat.

Weiter: In einem labyrinthischen Gebäude neben der Schule werden die Schüler nacheinander gemeuchelt, wobei den Jugendlichen die Freiheit zugestanden wird, ihre Opfer selbst zu wählen. 27 Schüler betreten das Labyrinth, sie werden von der Lehrerin mit einem hämischen Grinsen und dem Satz „….Möge der Gewinner … äh … überleben.“

Hier mein persönlicher Lieblingssatz in den Kommentarfunktionen bei Wattpad: „OMG, ist die Kranke verheiratet?“:0 :D “

Sehr, sehr niedlich. Anmerkung: Die Intertextualität der Kommentarfunktionen sind sowieso oft das Beste.

Wer sollte Test 27 lesen?

Der, der sich von den Tags angesprochen fühlt, wird sehr zufrieden sein, eine Ausnahme: Die Liebesgeschichte kommt in Test 27 zu kurz, geht ja auch nicht anders, denn es müssen insgesamt 26 Personen auf teilweise sehr bizarre Art getötet werden. Und selbstverständlich treibt die im Labyrinth eingesperrten  Jugendlichen  ein nachvollziehbarer Wissensdurst um, wer oder was und warum ihnen ständig ans Leder will – also fällt die Liebesgeschichte im Labyrinth ein wenig ab, bzw. kann gar nicht glaubhaft zwischen dem ganzen Gehacke und Gemetzel gestaltet werden.

Ist Test 27 ein faszinierendes E-Book? 

Dazu die Autorin:  OMG 475.000 Reads Danke Ich liebe Euch.

Es werden bestimmt etliche der Leser Test 27 richtig gut finden. Aber da schwimmen Haare in der Suppe. Es sind zu viele Figuren. Da ständig einer stirbt, interessiere ich mich nicht sonderlich für sie. Die Aufgaben sind dem Horror angemessen, bewegen sich schon im Splatter-Bereich, wie folgende Tötung: In einer Aufgabe  muss eine Tür geöffnet werden, was nur mithilfe einer menschlichen, weiblichen Wirbelsäule geht, wobei das extrahierte Rückrat nicht mehr als fünf Minuten an der frischen Luft verbleiben darf! Da sind die Schüler gefordert.

Und es gibt große Logikschwächen: Alice begegnet ehemaligen Mitschülern im Labyrinth, die den Test schon hinter sich haben – ist den Schülern nie aufgefallen, dass regelmäßig  ein ganzer Jahrgang ausgelöscht wird? Und das in diesem Labyrinth-Gebäude auf dem Internatsgelände untote Kinder hausen? Hmm.

Zusammenfassend: Es gibt da einige Fragen, über die die Autorin (?) von Test 27 noch nachdenken könnte, die betreffen aber nicht die abwechslungsreichen Tötungsarten. Die Rechtschreibung ist für Wattpad richtig gut, vor allen Dingen ist der Ausdruck recht reif,  was mich ins Grübeln bringt: Werden jetzt auf Wattpad viele Sachen als Teen-Autoren-Erstling herausgegeben und die Schreiber sitzen gar nicht mehr nägelkauend in ihren Kinderzimmern und hacken ihren Erstling ins Handy? Dann splattert es ja doch nicht im Kinderzimmer?! Fragen über Fragen, die so ein kleines Elektro-Ding aufwirft.

Nur noch eine kleine Anmerkung: Ich bin kein Fan der ganzen Autoren-Pseudonyme, wer schreibt, kann seinen Namen runtersetzen.

»Orientierungslos« von Stephanie Drescher

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Seiten 203 ISBN-13 978-3-8476-7696-6 Veröffentlicht am: 24.02.2014 Aktualisiert am 11.04.2014

Logline: Orientierungslos ist ein Krimi, bzw. Thriller, Spielort die deutsche Hauptstadt der Jetzt-Zeit. Hauptakteurin ist die Journalistin Julia van Sauten, die es sich nicht erklären kann, warum sie mit der Tatwaffe in der Hand neben einer Ermordeten, deren Fußsohlen tätowiert sind, im Grunewald gefunden wird. Die entsetzte Julia ist voll mit blauen Flecken und –wie eine spätere Blutanalyse zeigt – bis unter die Hutkrempe voll mit LSD. Der gut gestaltete Auftakt des Romans Orientierungslos beginnt mit einer Befragung, die Tim Sander, Kriminalkommissar mit der nicht orientierungslosen, aber schwer verwirrten Julia van Sauten führt. Der Journalistin dämmert, gerade wegen ihrer Amnesie die letzte Nacht betreffend, dass sie in einer üblen Lage steckt … .

So beginnt der gut gestaltete Auftakt von Orientierungslos. Fräulein  van Sauten befindet sich in einer Lage, die seit König Ödipus als der dramatische Musterfall der Ermittlungen gilt. Ein unwissender Täter ermittelt mit dem Ziel, einen Verbrecher oder Mörder zu finden, etwas aufzuklären, sich von vermeintlicher Schuld reinzuwaschen. Bis die Ermittlungen sich gegen ihn richten. Die junge Journalistin beginnt, sich selbst auf die Spur des Mordes hin zum Mörder zu begeben, ihre Triebkraft ist der natürliche Wunsch, sich zu entlasten. Darüber will Julia Antworten auf Familiengeheimnisse. Und natürlich treibt Julia, die von der Autorin auch als Ehrgeizling gezeichnet wird, die Frage um: War sie einer großen Story auf den Fersen? Wenn ja, welcher? Welchen Bezug hat ein vor Jahren geschehener Mord an einem Kind? Und ein verurteilter Täter, der immer beteuerte, dass er unschuldig ist?

Stephanie Drescher schafft es, durch Konflikt plus pittoreske Schauplätze eine schöne Schubkraft zu erzeugen. Und es entsteht eine Vorwärtsspannung, wobei ich als Leserin die Gesamtmenge aller Teile bewegen darf. Die schnelle Dialogführung tut ihr Übriges. Manchmal hatte ich in der Sprache einen Anflug von Drehbuch, aber ich mag das gern, die Aussparung von Unwesentlichem – das halte ich nicht nur bei einem Krimi für vorteilhaft.

Der Ermittler Tim Sander, der ein wenig lustlos ermittelt, aber die Hauptverdächtige irgendwie mag, ist nicht nur im Privatleben Migränepatient. Ich persönlich hätte mich nicht an einem Ermittler gestört, der zur Abwechslung mal so normal wie Kommissar Maigret oder meinetwegen Miss Marple wäre. Ich bin ein wenig ermüdet von den ganzen Versehrten, die gebrochen die Seite des Rechts repräsentieren. Es würde mich nicht stören, wenn diese Mode ihren Zenit überschritten hätte. Mit der Julia van Sauten hat die Autorin mir eine Figur erschlossen, die ich am Anfang nett unsympathisch fand. Und da mir schnell klar gemacht wird, dass Julia den Mord nicht begangen haben kann, tut sie mir leid, bin ich bei ihr, obwohl die Frau außer einem hochfahrenden, schnippischen Wesen noch so an einigem trägt, dass aus ihr keine Spitzen-Kandidatin für die Top-10-Beste-Freundinnen-Liste macht. Aber dann öffnen sich die Figuren und es ist zu merken, dass hinter dem Erwartbaren Menschen in den Talsenken ihrer Psyche hausen.

Berlin. Wer sein Mordopfer im Wiener Blut arbeiten lässt, der sollte sich schon auskennen in der Stadt. Das tut die Autorin. Konnte in Gedanken die Ecken nachfahren, wie der Kommissar auf dem Fahrrad zum Urban-Krankenhaus. Schön.

Cover: Bedenkliche Waldstimmung. Zwar wird die Julia ohne Erinnerung im Grunewald gefunden und der Mord findet auch im Wald statt, aber es ist ein Großstadtroman, daher finde ich diese Urzeitfarne vllt. nicht ganz richtig gewählt, aber das könnte auch Geschmackssache sein.

Zusammenfassend: Ein grausamer Mord im Grunewald und ein nur scheinbar gelöster Mordfall vor Jahren, das alles vor Berliner Kolorit, rau anmutend, mit einer schönen Dialoghaltung. Ich las Orientierungslos gern, weil es sich behutsam einem Verbrechen nähert, das unter dem Register die Schuld der Väter laufen könnte. Ich war erfreut, im EBook-Krimi-Bereich ein Machwerk zu finden, dass ohne übelste Psychopathen (…ich bin doch nur wegen Mutti so zu Frauen!…) auskommt. Für mich einer der Mit-Haupt-Pluspunkte ist auch die gut recherchierte Berlin-Szene ohne aufgepfropfte Hauptstadt-Feier-Mentalität. Nörgelei: Die Möglichkeit für Kürzungen scheint mir gegeben.

 

Sieben Raben von Mika M. Krüger

Sieben Raben von Mika M. Krüger
Seiten 147 ISBN-13 978-3-8476-8492-3 Veröffentlicht am: 17.04.2014 Aktualisiert am 10.06.2014

 Das Geheimnis um ihre Herkunft fängt das Mädchen Frana an zu beschäftigen, nachdem eine Krähe in ihr Zimmer hüpft und aus der elterlichen Kommode Franas Geburtsurkunde zerrt. Die Geburtsurkunde weist Frana auf das hin, was sie schon ahnte, nämlich, dass es ein anderes Leben vor ihrem behüteten Leben gab. Die Spur führt nach Tschechien. Wie der Titel schon sagt, sind es sieben Raben, die das Mädchen begleiten und Teil ihrer schrecklichen Biografie sind.

Das Mädchen oder die junge Frau Frana ist ruhig, zurückhaltend und hat einen unspektakulären Job. Dabei machte sie auf mich den Eindruck, als könne sie mehr als in einer Druckerei arbeiten – ein kleines Fragezeichen, denn diese Arbeit „….war eine einfache Arbeit für ein einfaches Mädchen…“ Da gehe ich nicht mit der Autorin konform, denn ich finde, dass Franas Zielstrebigkeit, ihre Intelligenz, ihr Mut, auch der Starrsinn, den sie an den Tag legt, sie für diese Arbeit und ihr wie von der Welt abgeschnittenes Sein, schlicht nicht passen.  Wirkt vllt. ein wenig starr. Anders das Figurenensemble in den Rückblenden. Die sind sehr lebendig.

Die Struktur der Sieben Raben gefällt mir sehr, erscheint mir logisch und organisch. Ein zurückliegendes Ereignis, das die Lösung für Franas heutiges Leben und das der Raben in sich trägt, muss gelöst werden. In der Vergangenheit liegt die Antwort.

Weil die Geschichte eine Rätselspannung trägt und zeitlich hüpft, hat die Autorin gut daran getan, sich um Geradlinigkeit zu bemühen. Ich finde es gelungen. Manchmal noch kleine Formulierungsschnitzer, wie z.B.: S. 9, unten: „…Der Vogel tat unverwandt einen Schritt zur Seite und machte….“.

Zusammenfassend: Bei den Sieben Raben, aufgezeichnet von den Gebrüdern Grimm, werden die Raben vom Vater verwünscht, weil sie nicht rechtzeitig mit dem Taufwasser für die jüngste Schwester heimkommen. Die kleine Schwester der Raben nimmt es auf sich, ihre Brüder zu erlösen, was sie zum Mond, zur Sonne und zu einem Glasberg führt, von dem Verlust ihres Fingers ganz zu schweigen.

Ähnlich bei den Sieben Raben von Mika Krüger, auch hier ist es Aufgabe der Jüngsten, ihre Brüder zu retten. Mythologisch gesehen ist es eine Seelenreise, die in Raben verwandelten Brüder als Symbol und der Weg des Mädchens zur Rettung ihrer Brüder und Aufdeckung weit zurückliegender Geschehnisse eine klassische coming-of-age-Story. Dank der behutsamen Sprache las ich es sehr gern – und es interessierte mich wirklich: Was geschah damals in Tschechien? … Aber ich will auch nicht verschweigen, dass ich mein Gedächtnis in punkto tschechischer Geschichte der Post-Wende-Zeit durchforstete, auf der Suche nach ethnischen Vertreibungen oder ähnlichem, denn: So historisch sind die 90er des letzten Jhdts. nicht, als das nicht Leser überlegen, ob das, was Familie Nemec passierte, nicht real war.