52 Wochen – 52 Bücher! MEHR LESEN – AUS DEN PROGRAMMEN DER UNABHÄNGIGEN VERLAGE – Krimis von Culturbooks

 

—Damit der Spaß an den schönen Büchern der Indie-Verlage auch übers Jahr anhält, rufen wir dieses Jahr die #Indiebookchallenge aus:
52 Wochen – 52 Bücher – pro Woche ein Buch. Eine Reading Challenge – vom Indiebookday 2018 bis zum Indiebookday 2019. Wichtig ist nur: Jeder der gewählten Titel sollte aus einem unabhängigen Verlag stammen.

Das Großartige an Büchern und E-Books aus unabhängigen Verlagen: Dank vieler kleiner spezieller Programme ist die Literaturauswahl sehr vielfältig. Die Indiebook Reading Challenge möchte beim Entdecken helfen, Spaß machen und den Austausch unter Gleichgesinnten ermöglichen. —

In dieser Krimiwoche zwei sehr empfehlenswerte Krimis aus dem Verlag Culturbooks: 

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist. Kriminalroman. Culturbooks 2018, Originalverlag: Ariadne

In Gudrun Lerchbaums Kriminalroman sind es die Figuren, die anziehen, die den Sog dieses Romans ausmachen. Sehr bewusst, sehr sensibel werden die Figuren gezeichnet, sehr genau  die Gefühle ihres ungleichen, auf mehreren Ebenen gehandicapten  Ermittlertrios geschildert.

Die Spielhandlung beginnt auf einer Beerdigung, denn: Can Toprak, investigativer Journalist, der eine brisant politische Enthüllungsgeschichte recherchierte, liegt im Grab. Auf dem Sarg liegen Blumen, Rose, Gerbera, da eskalieren ein Stockwerk höher die interfamiliären Verhältnisse zwischen Cans teils tiefreligiöser Familie und seiner Exfrau Olga Schattenberg.

Olga Schattenberg, Cans Exfrau, glaubt der unauffälligen Todesursache nicht. Ihr Leben als Aktivistin, als Hausbesetzerin hat sie misstrauisch gemacht, sie glaubt der Todesursache nicht, denn Can eckte häufig an …

Zwar sind sie und Can und längst nicht mehr das toxische Ehepaar, das gemeinsam das Establishment anging und genauso hart im Privaten mit Cans Untreue kämpfte oder: mit unterschiedlichen Vorstellungen zu Ehe und Zweisamkeit.

Die Kämpfe mündeten in Scheidung. Vergangenheit. Geschieden, aber beste Freunde, die Exfrau Olga sitzt im Rollstuhl, hat MS und kämpft gegen ihren versagenden Körper, kämpft um Selbstbestimmung und versucht, nicht zynisch zu werden, nicht zu verzweifeln, z.B. an gleichgültigen Sozialassistenten. Auf der Suche nach Cans Mördern bekommt Olga Unterstützung, als da wären: Adrian, Grabredner mit Helfersyndrom. Daneben, mit einer extrem starken, berührenden Stimme, Olgas neue Sozialassistentin Kiki, deren oberflächliches Label psychisch instabile Mörderin, zwölf Jahre Knast, lauten würde.

Im Außen ist die gesellschaftliche Stimmung in Wien aggressiv, der politische Rechtsdrall zeigt Wirkung auf die Menschen. Plötzlich tauchen Staatsdiener auf, die wissen möchten, was aus Can Topraks letzten Recherchen geworden ist …

Die Autorin lässt uns teilhaben an den ganz eigenen, sich stark voneinander absetzenden Stimmen dieses ungewöhnlichen Trios, Olga, Kiki und Adrian. Die Art, wie sie denken, fühlen und – ja auch ermitteln machen aus einem Kriminalroman, der ein langweiliger Politthriller hätte werden können, ein vielschichtiges Drama und hochdynamischen Kriminalroman.

Ecken und Kanten, Widerstand auf allen Ebenen, Abhängigkeitsverhältnisse – Olga Schattenberg, kämpft mit ihrem Rollstuhl gegen Bordsteinkanten, den Rechtsdrall in der Gesellschaft, gegen dubiose Machenschaften zwischen Politik und rechtsgerichteten Aktivitäten. Kiki und Adrian unterstützen sie. Mit Wo Rauch ist, ist Gudrun Lerchbaum ein spannendes Vexierspiel um das Leben, den Tod und die Zeit dazwischen gelungen.

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist. Kriminalroman. CulturBooks Longplayer. Digitale Lizenz. Circa 288 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-120-3

Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, ua.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre der dreizehn Kriminalkurzgeschichten in Berlin Noir bleibt als Erstes festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden, darüber hinaus hinaus das Bekanntwerden mit lange nachhallenden Figuren.

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“ (Vorwort, Thomas Wörtche)

Die Stadt als Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat. In Berlin Noir sind Einzelschicksale vor großer Kulisse ausgeleuchtet.

Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, nein: die Kurzgeschichten werfen Schlaglichter, bilden das Hier und Jetzt ab. Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden …“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte Überstunden eine Figur in einer Trostlosigkeit von Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In Überstunden sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen eines aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere auf knappstem Raum, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen. Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Die Kriminalgeschichten zeichnen sich besonders durch ihre besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro