Ein gutes Verbrechen, von Magdalena Jagelke

… Ich war ganz allein mit mir…“ S.52

Darum geht es. Ein gutes Verbrechen, 2018 erschienen bei Voland und Quist, hat das Verlassen- und Verlorensein zum Thema. Einsamkeit, ungefiltert in und um das Mädchen Tara herum, in der sie immer wieder zu ertrinken droht.

Magdalena Jagelke hat keine vergnügliche Schelmengeschichte geschrieben. Tara versucht ein Leben nach der Großkatastrophe – eigentlich ein Verbrechen. Ein gutes Verbrechen? Aus der Perspektive von Tara, versucht der Leser anhand von hingestreuten Brotkrümeln zu ergründen, ob es nicht irgendjemanden geben könnte, der sich um eine Halbwüchsige kümmert. Nur wenig Biografisches wird geboten: Aus der Perspektive des Mädchens erfahren wir, dass der Vater bei der Armee ist, die Fürsorge der Mutter sich in regelmäßigen monatlichen Zahlungen erschöpft, Freunde, andere Verwandte: Fehlanzeige. Der Titel wirft Fragen auf. Ein gutes Verbrechen. Kann es ein gutes Verbrechen sein, sein halbwüchsiges Kind zu verlassen? Das ist pauschal so wenig zu beantworten, wie die Frage, ob Käse schmeckt. Aber der Titel steuert Spannung bei, denn die Antwort, ob es eine gute Tat sein kann, sein Kind zu verlassen, wird in der Erzählung gesucht.

Am Ende ist Tara dreiundzwanzig, warum die Mutter gegangen ist, bleibt unklar. Am Ende aber ist klar, dass die Erzählung nicht auf Wertung aus ist, es geht darum, wie ein Mensch ein Trauma verkraftet – oder eben nicht. Bei Tara vollzieht sich die soziale Anpassungsleistung nur an der Oberfläche. Sie verwandelt sich nicht in eine sozial Randständige, sie eskaliert nicht. Stattdessen ist ein Mensch zu sehen, der sich panzert, Seele und Gefühle hinter einer Milchglastür versteckt. In leisen Tönen, klaren schnörkellosen Sätzen wird der Leser dazu eingeladen, wie und ob nach einem Trauma, Studium, Beruf und Liebe zu gestalten sind – auch durchgespielt anhand einer Liebesaffäre zu einem Filmvorführer, die wie ein kaputter Kreisel eine eigenartige Dynamik entfaltet.

Ein gutes Verbrechen ist wunderbar konzentriert und dicht geschrieben, wie alles von Magdalena Jagelke, ohne Ausschweifungen. Dadurch erhält die Erzählung etwas Durchscheinendes, einen ganz eigenen lyrischen Klang. Dagegen sind Betrachtungen gerade an Kapitelenden mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wenn zu oft eingesetzt, wirken sie wie das Raunen einer blinden Seherin auf einer Klippe in Cornwall in einem MTV-Video aus den Achtzigern, gewollt, künstlich.

Der Erstling von M. Jagelke, Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, ist ein Eriginal voll unglaublich schöner Kurzgeschichten, plus der ihm eigenen Ton. Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, herausgegeben von Culturbooks, war handlungszentrierter, wie das geniale Wiedertreffen zweier Freundinnen nach Jahren, von denen die eine tiefgläubig wurde und mit einer Unverblümtheit fundamentalste Glaubensauffassungen zum Besten gibt, dass es nur so knallt. Lebensvoll wurde diese Sammlung Kurzgeschichten durch den eigenen Ton – und weil so nah an der Wirklichkeit geschrieben wurde.

Diese Seinswirklichkeit umgeht Jagelke geschickt in Ein gutes Verbrechen, indem sie sich ausgiebig der Innenschau ihrer Hauptfigur widmet. Tara hat Anflüge von Ähnlichkeiten mit Catherine Deneuve in Ekel, wobei die Filmfigur in ihrem Auf Wiedersehen zur Wirklichkeit sehr viel weitergeht. Hier wird ein in seiner Entwicklung stehen gebliebenes Kind gezeigt. Das Bedrückende ist, dass Tara so gar nicht in die Jetztzeit passt, z.B in unseren Neoliberalismus. In Zeiten, in denen ein Mensch besonders gut bei sich sein muss, in Zeiten, in denen sich die Grenzen von Beruf und Privatem auflösen, das Eine in das andere fließt, wirkt dieses zarte Mädchen, das darum kämpft, nach der Mutter sich selbst nicht auch noch zu verlieren, besonders schutzbedürftig. Das nimmt sehr für sie ein. Allerdings muss die Gegenwart selbst imaginiert werden, und das ist der Nachteil.

Das Ende hat mich stutzen lassen, es ist rasch herbeigeschrieben, aber nicht inplausibel. Schaut man genauer hin, auch nicht überraschend, aber radikal. Eben Magdalena Jagelke. Lesenswert!

 

 

Über die Autorin
Magdalena Jagelke, 1974 in Polen geboren, lebt seit 1986 in Deutschland. Sie hat Anglistik und Bibliotheks-/Informationswissenschaft studiert. Merck-Stipendiatin 2013. Bei CulturBooks erschienen: Sich in Polen einen Bob schneiden lassen. Storys. Digitales Original. CulturBooks Album, Januar 2015. 55 Seiten. 3,99 Euro. Zum Buch. Bei Voland & Quist erschienen: Ein gutes Verbrechen, 2018, 120 Seiten, 16,00 Euro.

 

 

Termine mit Magdalena Jagelke

  • 21.09.2018  20:00, Traumathek, Köln

  • 11.10.2018  17:00, OPEN BOOKS im Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main