Eine tiefschwarze Liebeserklärung an Berlin


13 Kurzgeschichten, 13 Blickwinkel, 13 Stadtviertel – und 13 faszinierende Teile eines größeren Puzzles. Berlin Noir, erschienen bei culturbooks

Von der Faszination der Großstädte. Der Herausgeber Thomas Wörtche schreibt in seinem Vorwort über die Faszination der Großstädte:

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“

Ob Franz Hessel als Flaneur durch Berlin, Christopher Isherwood als Beobachter und Teilnehmer städtischer Subkulturen, Gottfried Benn und seine Gedichte aus der Morgue über Menschen, deren Leben in Berlin beendet ist, die sich als Leichen auf dem Seziertisch wiederfinden, mit Schlingpflanzen im Haar und Ratten, die in ihnen nisten.  Und Joseph Roth beobachtet und beschreibt genau, voller Liebe im Scheunenviertel Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben, einer Bleibe, einem Platz: Juden auf Wanderschaft.

Die Stadt ist ein Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat, und wenn es nur eine Parkbank ist. Gleichzeitig behandelt Stadt den Einzelnen achtloser, gibt es ein Nebeneinander zwischen Reich und Arm, trifft arm auf besitzend, krank auf gesund. Miteinander, Gegeneinander. In Berlin Noir wird der Einzelne herausgehoben. Einzelschicksale vor großer Kulisse.

Die Vorliebe des Krimis für das dunkle und Abseitige ist der Kriminalgeschichte zu eigen, und es ist Grundmotivation für den Kauf und das Lesen solch einer – und Berlin Noir gibt dem Affen Zucker. Meine größte Sorge war, in Berlin Noir auf Geschmacklosigkeiten zu treffen, die mir seit Jahren das Krimilesen verleiden: Null motivierte Verhaltensweisen bei Serienschlächtern, es wird ausgeweidet, was das Zeug hält, aber weit und breit kein Motiv oder Grund für die Taten. Genauso schlimm oder noch schlimmer: Die gute alte Zeit, Kriminalromane, die gern in den Dreißiger Jahren spielen, voll mit Flüsterkneipen, Koks und einer Sprache, die sich blechern anhört. Gute Nachricht. Keine der Kurzgeschichten in dem vorliegenden Band ist so aufgezogen.

Die Kriminalgeschichten in Berlin Noir sind nach Bezirken geordnet. Es muss nicht ein Mord im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht deren Aufklärung. Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, Ermittelnder, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist aber nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, sondern oft ein Schlaglicht, der Versuch eines Abbildes im Hier und Jetzt. Der Beginn von RAMMELBULLEN, Kai Hensel, ist eine Fotografie, die das Benehmen der Berliner Polizisten auf dem letztjährigen Hamburger G20 Gipfel zum Anlass abbildet:

„…einer der größten Polizeiskandale der vergangenen Jahre. Drei Berliner Einsatzhundertschaften sind von der Hamburger Polizei aus der Hansestadt verwiesen worden. Grund: Ungebührliches Verhalten! …“

Gezeigt werden die persönlichen Auswirkungen auf die schmähliche Heimsendung an von zwei Familien. Hier wird Entgleisung geschildert, mit einem knalligen Schluss. RAMMELBULLEN ist mehr eine Kurz-, denn Kriminalgeschichte; die Heimsendung lässt eheliche Konflikte in zwei Polizistenfamilien aufbrechen, Hensel zeigt ein Dilemma auf: zu viel zu tun, zu wenig Geld, Erschöpfung. Das am Ende ein Gesuchter dingfest gemacht wird, hat nichts mit Polizeiarbeit, nichts mit ermittlungstaktischer Arbeit zu tun, eher etwas mit dem Autorenwillen zum Happy-End. Der Leser atmet auf: Denn so sympathisch wurde die Polizei selten beschrieben.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre von Berlin Noir bleibt festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist auch ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden.

Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden ….“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte ÜBERSTUNDEN eine Figur in einem trostlosen Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In ÜBERSTUNDEN sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen das eine aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories durchgängig figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere tun sich auf, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen.

 

Fazit: Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Berlin Noir zeichnet sich besonders durch eine besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

 

Über das Buch: Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger, Miron Zownir. Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro