Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein culturbook von Cornelius Adebahr

Vor dem Hintergrund der jüngsten landesweiten Proteste im Iran, beginnend im Dezember 2017 las ich den Reise- eher Aufenthaltsbericht, des Politikwissenschaftlers Cornelius Adebahr, Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, ca. 361 Seiten, erschienen im November 2017 bei culturbooks.

Die Proteste 2017/18 im Iran waren wie immer schwer zu rezipieren. Durch die Zensur sind Nachrichten, Features und Stimmungsbilder oft gar nicht vorhanden. Sofort wurden in den Nachrichten Vergleiche mit den Protesten 2009 im Iran heraufbeschworen, deren kollektives Sinnbild Sterben einer jungen Frau ausmachte.

Aber anders als 2009, als die Gründe für den Marsch auf die Straße Wahlbetrug hießen, sind die Ursachen der jüngsten Proteste, die dieses Mal vom Land in die Städte stießen, andere: Eine hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen, gestiegene Lebenshaltungs- und Konsumkosten, bedingt durch den Wegfall von Subventionen. Inflation und Wassermangel nicht zu vergessen.

Aber der Iran muss mehr sein als Streiks und Proteste, die eine ungleich große Aufmerksamkeit erfahren. Der Iran muss mehr sein als der andauernde Streit um das Atomwaffenprogramm, mehr als der Sturz des letzten Schahs, mehr als der Ayatollah Khomeini. Das unvollständige Bild in den Medien zum Rezipienten sucht Cornelius Adebahr zu ergänzen.

Vor dem Hintergrund der Knapp- und Kargheit zu Informationen aus dem Iran ist das Buch Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, mit atemberaubenden Bildern, ein Gewinn. Der Autor hielt sich im Iran ab 2011 als mitreisender Ehegatte und betreuender Vater von zwei Kleinkindern im Iran auf. Diesen Reisebericht, dieses Sachbuch zu lesen, ist wie durch den Vorhangspalt auf eine Bühne zu schauen.

Es ist ein Stilmix aus faktenbasiertem Wissen; in den Kapiteln zum Atomprogramm und dem theologischen Exkurs zwischen den Glaubensrichtungen der Schiiten und Sunniten ist die Handschrift des Wissenschaftlers zu spüren. Diese Kapitel bieten einen breiten Exkurs, um die jetzige Rolle des Iran und des Iran im Nahen Osten zu verstehen. Es wird aber auch ein Blick auf Familien gewährt, die zerrissen sind, wie die Familie einer Mutter, die ihr letztes Kind von fünf nach Amerika verabschiedet. Es wird über Nationalstolz und Verhaltensregeln geschrieben und auch darüber, zu welchen Blüten und Kuriositäten eine Zensur fähig ist. Es erinnerte ein wenig an die DDR. Am besten wird dieser politische Kulturführer, wenn der Autor dieses riesige Land bereist, auf Menschen trifft und er eine Ahnung bekommt, wie unvollständig sein (unser) Wissen zum Iran bisher war.

…Er wartet, dass etwas in diesem Land passiert, etwas, das auch seinem Leben neue Freiheit, neue Möglichkeiten, eine Richtung geben wird. Er ist bestens über die Neuigkeiten des Tages informiert: Heute wieder Kriegsschiffe in der Straße von Hormus. Die Regierung sagt, die Sanktionen hätten keinerlei Wirkung. Sein Freund von den Ölfeldern im Süden wurde aber nach Hause geschickt, weil dort nichts mehr läuft. Die Währung verfällt, der Dollar ist auf einem Allzeithoch. Wieder wurden Journalisten verhaftet, wieder ist das Internet gesperrt.

Doch obwohl in Iran so vieles schiefläuft, wie er sagt, will er nicht in Europa wohnen. Dafür ist ihm seine Heimat zu wichtig. »Ich liebe Iran, und mein Job ist hier …

Der Autor macht sich daran, dem Leser eine ungewohnte Blickrichtung zu eröffnen. Vom Iran auf die USA und Europa. Konfrontationen der Weltpolitik aus einer angenehm ungewohnten Perspektive. Der Autor lebte von 2011 bis 2016 in Teheran und dann in Washington, D.C. Als Politikwissenschaftler, Ehemann einer deutschen Diplomatin und Vater zweier heranwachsender Söhne. Die Schnippsel und Episoden über das Auswärtige Amt blieben für mich blass,  denn ich wollte etwas über den Iran erfahren, nicht über das Gefühl von Diplomatenfamilien auf Auslandseinsätzen; aber es lässt sich mit einer Leichtigkeit über diese Reminiszenzen hinwegsteigen.

Am 25. Januar 2018 wird eine Lesung und anschließendes Gespräch mit dem Autor Cornelius Adebahr im Radikal Light, Berlin, s.u. stattfinden.

Cornelius Adebahr: Im Iran. Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein Reisebericht und Kulturführer. Digitales Original. CulturBooks Longplayer, Oktober 2017. Circa 200 Seiten. 5,99 Euro. ISBN 978-3-95988-083-1
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Ab 20. November 2017 erhältlich u.a. bei
CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Dr. Cornelius Adebahr (Autor, Politikwissenschaftler, culturbooks) Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.