Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

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Den Anlass zur Befragung gibt eine Tat des B., deren Umstände beleuchtet werden, im besten Fall, so scheint es anfangs, soll eine Nachvollziehbarkeit der Ereignisse angestrebt werden, die zu dieser ein wenig unsinnigen, trotzdem strafbar zu ahndenden Tat trieben. Die Frage, die sich stellt: Ist der Endpunkt –die Tat- logisch oder verfehlt, aber folgerichtig?

Der P. befragt den B. Das ist Inhalt, Ordnung und Struktur in der Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffers erste Prosaarbeit. Das Ende der Spielhandlung sind die Siebziger Jahre der Bundesrepublik. Es schließt sich eine Erzählung über Lebensweisen, über Sinnsuche und Sinnhaftigkeit an. Der Justizbeamte nimmt Systeme hin, der andere lehnt sich dagegen auf, findet seinen einen Platz im Leben nicht. Die Befragung erstreckt sich über mehrere Tage,  B. gibt sich und dem Justizbeamten Auskunft über seine Menschwerdung, über den Zweifel und das Scheitern. B. erleichtert sich geradezu. Er legt alles offen, zum Beispiel, was er über seine Zeugung hörte, ein Unfall, aber naja – er ist von einer Offenheit, von einer Bekenntnislust, die bei allen Abschweifungen für ihn einnimmt.

Dem B. sitzt P. gegenüber – Justizbeamter. Zwei fremde Lebenswelten. Der P. strukturiert den Ablauf. Jeden Abend nach Hause, er geht ein Bier trinken, wenn er zu früh Feierabend hat, weil er den Rhythmus seiner Frau nicht stören will, die ihn zwar nicht zu spät erwartet, aber auch nicht zu früh. Hat der B. sich selbst von seinen ausschweifenden Betrachtungen fesseln und mitreißen lassen, dann geht P. mit einem leisen Bedauern nicht in die Gastwirtschaft, um eben nicht zu spät zu kommen, weil zu spät kommen auch störend wäre im Tagesablauf seiner Frau. P. wirkt blass, weil der Leser ihn nur über seine Pflichten, Arbeit, Heimweg, Eheleben wahrnimmt, die allesamt von Rücksichten geprägt sind, die der Justizbeamte nicht hinterfragt, nicht hinterfragen möchte, weil es sicherer für ihn ist.

B. hingegen hat sich der Frage gestellt. Warum und vor allen Dingen: Wozu? Das alles?

«…Die heutige Befragung wird beendet und ihre Fortführung auf den Mittag des folgenden Tages festgesetzt. …»

In der sehr lesenswerten Nachbemerkung, entstanden im Sommer 2017, nennt Wolfgang Schiffer die Befragung des Otto B. sein erstes literarisches Werk (Erstveröffentlichung 1974, Claassen Verlag) und geht auf die Entstehung und jetzige Wiedererscheinung im digitalen Format und biographisches Schreiben ein. Der Autor bekennt sich zu den autobiographischen Zügen, die das Werk hat, mehr noch: Er sagt aus,  dass dieses Prosastück die Möglichkeit war, sich eine mögliche Existenz zu denken, sie auf dem Papier vorweg zu nehmen, auszuleben. Die Befragung des Otto B. ist aber mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

Der Autor schlägt in der Nachbemerkung den Bogen zur Jetzt-Zeit; wäre ein solcher Held noch denkbar, in einem Kosmos, in dem sich der Freiheitsbegriff so unglaublich gewandelt hat – in dem Freiheit mit Freizeit verwechselt wird? Der Autor beantwortet die Frage nicht ausdrücklich, sondern gibt sie an den Leser weiter,  verleugnet dabei seinen kulturpessimistischen Standpunkt nicht.

Lesenswert.

Die Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffer, E-Book
Preis: 2,99 €

Zur Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag. Die Edition Elektrobibliothek wurde 2017 als E-Book-Format ins Leben gerufen, mit den Worten:

«…Für die Edition Elektrobibliothek gilt: In der Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag erscheinen nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren. Es geht um Gegenwart.

In der Edition Elektrobibliothek werden ausschließlich Romane, Erzählungen und weitere epische Formen sowie Essais veröffentlicht.

In der Edition Elektrobibliothek erscheinen ausschließlich auf Deutsch verfasste Texte, was nicht heißen muss…. »

Der Name Edition Elektrobibliothekt ist einem Statement ist des russischen Konstruktivisten El Lissitzky entliehen, der 1923 so seine Topographie der Typographie ankündigte. Am 25.Januar 2018 wird ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier  im Radikal Light, Berlin, stattfinden, auf dem er das Programm der Edition Elektrobibliothek vorstellt und sich zur Radikalität von EBooks verhalten wird.

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

 

Ein Gedanke zu „Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

  1. schifferw

    Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    „Die Befragung des Otto B.“ ist (…) mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

    Welch eine Überraschung: Meine erste Publikation ist nicht nur neu aufgelegt worden – sie wurde nach 44 Jahren sogar noch einmal kritisch in Augenschein genommen! Ganz herzlichen Dank!

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