Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
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