West-Berlin, 1980 – Lob des Imperfekts, von Käthe Kruse

Ein neuer mikrotext: „…Abgeschottet hinter der Mauer entstand in den 1980er Jahren in Berlin eine radikal moderne Künstler- und Musikszene, die auch international beachtet wurde: experimentierfreudig, provokativ, selbstorganisiert. Die ehemalige Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris erzählt. …“

Es ist Käthe Kruse, die im Lob des Imperfekts  von einer Zeit im Aufbruch, Umbruch, erzählt. Weg mit der Professionalisierung, erstmal Aufstehen, sich Bewegen, Handeln. Im Prozess des Machens fand sich der Weg zur Kunst. Oder eben nicht. Dieses Konstrukt des Handelns erstreckte sich auf alle Bereiche des Lebens, im Lob des Imperfekts veranschaulicht an den Lebensbereichen Wohnen, Kunst, Bauen. Vorwort und Texte entstammen Interviews, Aufsätzen oder sind Teilstücke von Vorträgen; z.B. Käthe Kruse über die Genialen Dilletanten, vorgetragen 2017.  Mal erinnert sich Käthe Kruse, dann ist es die Vorstellung einer Lebenswelt anhand eines Vortrags, mal ein entspanntes Interview. Das Lob des Imperfekts kommt zwangslos daher und es fällt beim Lesen auf, wie unglaublich viel – Mensch, Werte, Moral –  sich seitdem verändert haben.

Wer es nicht mehr kennt, das Berliner Feuchtbiotop der Siebziger, Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der findet in diesem eBook viel  verschwundene Kultur. Man trifft auf die Generation der Nach-68er, die sich schwer einordnen und abgrenzen lässt, eben weil  sie die Individualität zum beherrschenden Maßstab alles Seins erhob. Am ehesten werden all diese Leute noch unter dem Begriff Hausbesetzer verallgemeinert (Hausbesetzer ist unrichtig, Instandbesetzer trifft es in weiten Teilen besser), aber wer sich zu der Zeit in Berlin herumtrieb, der merkte, dass ein instandbesetztes Haus sich von dem Nächsten zu annähernd einhundert Prozent unterscheiden konnte.

Was waren die Ursachen der Besetzerbewegung? Anfang der 80er Jahre standen rund 27 000 Wohnungen in West-Berlin leer, und 80 000 Wohnungssuchende hatten keine feste Bleibe. Die herrschende Wohnungspolitik geriet darob in ihre bislang schwerste Legitimationskrise. Ein Korruptionsskandal um den Bauunternehmer Dietrich Garski brachte den SPD-Senat zu Fall. Erst das damit entstandene Machtvakuum ermöglichte die nun folgende enorme Zunahme von Hausbesetzungen.

(https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/19/berlin-hauserkampf-und-stadterneuerung/)

Leerstand in  Berlin. In Kreuzberg, Neukölln, dem Wedding, auch Moabit. Hausbesitzer hatten kein Interesse an Vermietungen, denn Altbauten waren mietpreisgebunden, was sie zu billigen Behausungen machte. Im Kreuzberg meiner Kindheit gab es viele Häuser mit vernagelten Fenstern, im Vorderhaus wohnten noch zwei Omas und ein Trinker und im Seitenflügel Türken. Es gab Firmen, die sich auf Entmietungen spezialisiert hatten; was hieß Glühbirnen im Treppenhaus zerschlagen, Briefkästen demolieren. Wenn dann noch die notwendigen Renovierungen ausblieben oder die Kosten für die Müllabfuhr nicht bezahlt wurde, sich Ratten in den stillgelegten Toiletten auf der Halbtreppe tummelten, konnte eine Abrissgenehmigung erteilt werden. Für die Altbausubstanz in Berlin waren die Instandbesetzer ein Glücksfall, sonst würde die Stadt heute aussehen wie Osnabrück in hässlich.

Die Musik oder das Sich-Ausprobieren wie hier die Tödliche Doris oder die Genialen Dilletanten, konnte spannend, interessant oder uninteressant sein, auch nervig, aber das, was immer im Subtext zu erspüren war, war der Wille zur Freiheit. Was zur Folge hatte, das ziemlich schräge Acts stattfanden, die keinerlei Mehrwert boten. Aber von dem Denken, dass Kunst einen Mehrwert böte, ein Erleben mit evtl. sittlicher Hebung, musste man sich verabschieden. Das Aufbrechen von Darstellendem, Dargestelltem und Publikum fand statt. Diese Art des Denkens war radikal anders und machte Spaß. Und darum geht es doch im Leben.

Im Interview zu neuen Lebensmöglichkeiten,  durchläuft Käthe Kruse den Weg von der Instandbesetzung zum ökologisch verträglichen Mieter bis zum Mehrgenerationenhaus. Gleichzeitig zeigt das Interview, wie fordernd es sein konnte, in einem Haus zu wohnen, in der die Rolle Vermieter, Mieter aufgehoben war; auf Kleinsträumen, im gelebten hierarchielosen Miteinander sollten Träume gelebt werden, letztlich stand immer die Toleranz auf dem Prüfstand.

Mein Lesetipp: Das Lob des Imperfekts leuchtet wie ein Schlaglicht auf die seltsamen Jahre der Vorwendezeit, in der entweder alles Aufbruch oder Stagnation war. Schöne Einblicke in eine Szene, die es heute in Berlin nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Denn dafür braucht es Menschen, die Zeit haben. Lob des Imperfekts ist eine Zeitreise. Wer Berlin der 80er Jahre nicht kennt, der kann es lesen wie Geschichten aus Vineta oder wie ein Märchen.

 

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts, mikrotext Verlag:  Erschienen am 26. Juli 2017
ca. 130 Seiten auf dem Smartphone, mit Fotos
ISBN 978-3-944543-52-9
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