Politische Liebesromane

sind eher selten anzutreffen. Entweder gibt es Romane mit politischen Ereignissen als Hintergrund einer Romanze oder politische Ereignisse greifen durch in das Leben der Menschen, beeinflussen oder zerstören sie wie zum Beispiel in Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, bei dem der Kollisionsgeber Napoleons Russlandfeldzug von 1812 ist.

Ganz anders packt Barbara Cartland die Thematik an. Für Cartland, Botschafterin der pinkfarbenen, mit Zuckerwatte gefüllten Herzen, die einen Gesamtverkauf von über einer Milliarde Bücher vorweisen kann, ist Politik das Rattengift der Romanze. In ihrer Glanzzeit fabrizierte Frau Cartland alle 14 Tage einen Roman, in dem das höchste der politischen Andeutungen ist, dass ein Sire zu seiner Königin oder dem König  einbestellt wird. Laut Cartland müssen Liebesromane von Wirrungen leben. Das ist nicht ganz richtig, denn bei den Cartlandschen Liebesromanzen ist die Handlung nicht von Wirrungen bestimmt, denen die Helden ausgesetzt sind, sondern speisen sich oft aus der Verwirrtheit der Heldinnen. Kommt dann noch ein Held dazu, der alles notorisch falsch versteht, dann sind Zerwürfnisse vorprogrammiert.

Also ist eine leicht verwirrte Heldin keine gute Voraussetzung, wenn es um handfeste politische Fragen der Jetzt-Zeit geht. Arunika Senarath stellt sich in ihrem Roman: Diese eine Nacht, erschienen bei mikrotext genau diesem Problem. Die Schreibe ist einfach, locker, das Dialogische stärker als das Beschreibende.

Nur diese eine Nacht ist eine wirbelige Geschichte um Sten und Amina. Für die hübsche, dunkelhaarige Amina ist es das erste Semester in Dresden. Sie lebt sich nur oberflächlich in der Elbstadt ein, denn Amina ist zögerlich, zweifelnd und grübelnd aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses ihrer Vorvergangenheit. Ihre männliche Ergänzung ist Sten, ein intelligenter und gutaussehender BWL-Student mit eisblauen Augen. Die Schöne und der Teutone.Eine Anziehung ist da. Es knistert.

So weit, so trivial. Das ist nicht abwertend gemeint, denn triviale Erzählformen brauchen eine starke Bauform und werden dann zu großartigen Werken,  wenn sie den Sachverhalt um etwas Unerwartetes bereichern. Und genau das macht die Autorin. Denn Sten ist intelligent, ein Kavalier und rechts. Die Autorin stellt die Figuren in eine Stadt, die immer wieder von sich reden macht, wie jüngst mit Demonstrationen gegen Skulpturen und lässt den Helden, den jungen Sten seiner Fast-Freundin Amina, die Deutsch/Algerischer Abstammig ist, erklären, warum er den Zuzug von Ausländern kategorisch ablehnt.

Dadurch killt Senarath zwar ihren Darling, kommt aber zu einer berückenden Gegenwärtigkeit. Denn Sten ist nicht nur rechts, er engagiert sich auch noch in einer Gruppierung namens Ante Noctem, die ausländerfeindliche Aktionen plant. Es wäre und könnte ein  Gesellschaftsroman sein, aber leider weist Stens Ausländerfeindlichkeit Züge einer Inselbegabung auf; der Konflikt ist ins Private gezogen, weil sich Amina berechtigt und in Variationen die Frage stellt, ob sie, als Deutsch-Algerierin mit einem Nazi befreundet sein kann.

Das diese Frage auf Seite 50 ganz klar nicht mit einem Nein beantwortet werden darf, versteht sich von selbst, denn dann wäre der schöne Roman ja schon aus. Daher wird die Liebesgeschichte angereichert um ein Ereignis, dass die Autorin in die Vorvergangenheit von Amina gelegt hat. Amina wurde wie die Marquise von O. schwanger, gepaart mit dem ganzen Nichtwissen um die Entstehung des Kindes. Entgegengesetzt zur  Marquise von O., die ihren Vergewaltiger lieben lernt und heiratet, beseelen Amina ganz andere Gefühle. Dieses Nichtwissen, was in der Nacht passierte, macht aus Amina eine andere Person. Aber auch hier muss in der notwendigen Fortsetzung entschieden und geklärt werden, wer der Vater ist – auch in bezug zum Haupthelden. Das ist das Konfliktpotential von Amina, an dem sie aber nicht wächst, sondern das sie ausmacht.

Um Sten und den Machenschaften seiner Gruppe Ante Noctem auf die Schliche zu kommen, wird Amina zur Detektivin. Sie möchte ihren Freund und seine Kumpanen überraschen -wobei, was nicht schon klar wäre? Dass Amina ermittelt und dann im Zuge ihrer dilettantischen Schnüffelarbeit etwas findet, was zügig zum Ende des ersten Teil des Romans führt, ist nicht gelungen; die Handlung bekommt kolportagehafte Züge, was den Realismusgehalt des Textes killt.

Ja, der Schluss ist unverständlich wie unbefriedigend, es ist kein Schluss, sondern ein Cliffhanger. Gottlob ist ein zweiter Teil in Planung, der die ganze Sache mit der Liebe um Amina und Sten bis zum Ende behandelt. So gesehen ist Nur diese Nacht ein Zweiteiler, und am Anfang des zweiten Teils müsste erklärt werden, was das für ein Anschlag war, den die Gruppe Ante Noctem plante.

 

Zur Autorin: Arunika Senarath wurde 1993 in Colombo, Sri Lanka geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Sie studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden und wohnt in Berlin. Diese eine Nacht ist ihr Debütroman. Sie schreibt an einer Fortsetzung, die demnächst bei mikrotext erscheinen wird.(Quelle: mikrotext)

Mein Fazit: Ein Liebesroman mit politischen Dimensionen in Elbflorenz. Die Zutaten zu diesem Roman sind toll. Ein schöner Einfall, dass für eine beginnende Liebe die größte Hürde und die größte Möglichkeit des Scheiterns darin liegt, dass der männliche Held alles ist – und ein Nazi . Eine wunderschöne Konstellation von Menschen, Liebe und Leidenschaft in Sachsen. Die Schwächen sind, dass die Figuren sich nicht so sehr bewegen, noch nicht die Tiefe haben, dass die sie beherrschenden Konflikte richtig aus der Bahn schleudern. Trotzdem: Auch dank der flotten Schreibe durchaus ein lesenswertes Buch in 2017.

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Ein Gedanke zu „Politische Liebesromane

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