Das Debüt, LeseEindrücke zum Bloggerpreis, Teil 2

Auf der Homepage Das Debüt, mehr als nur ein Literaturblog, ist immer noch eine schön repräsentative Auswahl von mehr als zwei Dutzend Debütromanen des letzten Jahres, Ausgangssprache Deutsch, versammelt. Hier meine Leseeindrücke, wobei die Ausgangsfrage war: Würde ich das Buch auch nach der Leseprobe weiterlesen wollen?  — Mein subjektiver Querschnitt —

jpeg_1632_151209Anna Galkina und Das kalte Licht der fernen Sterne, Frankfurter Verlagsanstalt. Besser kann ein Beginn, wie die ersten vier Sätze im kalten Licht der fernen Sterne, kaum gestaltet werden:  …Der Ort meiner Kindheit ist ein Städtchen unweit von Moskau. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich bin wieder hier. Unser Haus brannte bald nach unserem Wegzug ab.  …  Das nächste Kapitel ein Rückgriff, die Beschreibungen bleiben schön, plastisch, sind gleichzeitig distant, was als Lakonie ankommt. Manchmal Kleinst-Irritationen, welcher Art ist die Sprache der Ich-Erzählerin? Ist das Kindersprache? Nein. Und doch. Unentschieden.

Es bleibt beschreibend, ein Dorf am Rand von großer, weiter Welt wird erzählt. Da ist ein Junge, der mitansehen muss,  wie seine Mutter geliebte Hundewelpen ertränkt. Es gibt ein Klohäuschen und es gibt Aggregatzustände von Exkrementen. Alles, auch die Jahreszeiten sind so erzählt, als würde ich Hand in Hand mit der Ich-Erzählerin durch das Dorf streifen. Aber ich stelle fest, dass sich keine lineare Geschichte entfaltet, meine Erwartungen werden nicht befriedigt. Zu Erwartenshaltung und -befriedigung von Lesern ist sicher noch nicht die letzte Bachelorarbeit geschrieben, aber mich haben die ersten vier Sätze konditioniert. Das sind Fragen entstanden, ich habe eine Geschichte erwartet, die mir erklärt, warum die Familie oder das Mädchen ging. Die Schönheit der ersten Sätze kollidieren mit den wunderschönen Beschreibungen, stehen quer zu meiner Erwartung. Würde ich das Buch weiterlesen? Selbstverständlich. Erstmal in der Mitte rumblättern und nach Momenten suchen, die erklären, warum die Familie nicht mehr in dem Häuschen mit Außenklo lebt.Würde ich mir das Buch kaufen? Ja, denn die Beschreibungen sind herrlich, die Stimmung ist einmalig. Einschränkung: Wie riechen benutzte Kondome, die auf einer Müllkippe vor sich hingammeln?

cv_harter_weissblende_webSonja Harters Debüt heißt Weißblende und gibt es über den Luftschacht Verlag zu erwerben. Nachdem ich der Ich-Erzählerin im ersten Kapitel Sätze wie„…Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch….“ verzeihen musste und eigentlich gar keine Lust mehr hatte auf das zweite Kapitel, kam die Wende. Es geht um das Werden eines Mädchens, die Beobachtungen stimmen mit einem Mal, die Bombast-Sätze fallen gottlob weg.  Die Wechsel in der Erzählzeit passen; im Jetzt ist sie eine junge Frau in der Psychiatrie, im Davor Heranwachsende in einem Leben wie hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Dazwischen  wallen Phasen, in denen die junge Frau sich in ihrem neuen psychiatrischen Zuhause verorten muss und beobachtet, sinniert. Da geraten mir die Sätze zu groß, die Metaphern zu schwer. Sehr gut gelungen, weniger geschraubt, sind die Passagen, in denen die Heranwachsende mit ihrem Vater an der Hauptstraße von Unteraubach wohnt. Vater, Mutter, Kind, die Mutter ist als Foto präsent. Es hat eine schöne Stimmung, wie die Ich-Erzählerin unaufgeregt,  aber voller Zweifel die Welt beobachtet. Sie weiß noch nicht genau, was das mit dem Leben auf sich hat, aber sie ahnt, dass das, was sich so Leben nennt, kein Spaziergang sein wird.  Würde ich das Buch weiterlesen? Ja. Hat mir insgesamt sehr gut gefallen.Würde ich mir das Buch kaufen? Ja.

produkt-11919 Liebesgrüsse aus Minsk …. von Nadine Lashuk, Malik Verlag Dieses Folklore-Cover zog mich nicht an. Der Titel auch nicht. Aber vielleicht versteckt sich Prosa hinter dem Cover und ich bin das Opfer meiner eigenen Vorurteile?  … Aber dann kam der Inhalt: Eine junge Frau, deren Lebensplanung es ist, einen kultivierten Franzosen zu heiraten, Kinderchen zu bekommen, die dann in der schönsten Sprache der Welt (Französisch) parlieren. Damit nicht genug, die junge Frau möchte Weltpräsidentin (!) werden. Gottlob ist es noch nicht so weit, erstmal ist sie in Minsk. Was tut sie dort? Sie ist Teil einer Delegation der Europäischen Kommission. In vertraulichem Tonfall werde ich weiter überinformiert; dieses leicht scherzende Parlieren geht mir jetzt schon auf den Geist. Auftritt Alfredo, unklar, ob er die Knallcharge ist, als die er schraffiert ist oder ob er tatsächlich einen italienischen Diplomaten vorstellen soll. „…Belarus, so muss man wissen“, dozierte Alfredo, „ist als Nationalstaat…“  Steckt ihm je ein Brockhaus links und rechts in den Backentaschen? Habe dann auf Seite acht Schluss gemacht.  Würde ich das Buch weiterlesen? … Würde ich das Buch kaufen? Ja. Denn ich habe ein paar Freundinnen, die gern Frauenliteratur light lesen – und für die könnte das Buch ein Gewinn sein. 

bloggerpreis-2016

—Allen Autoren, die am DEBÜT 2016 teilnehmen, wünsche ich das Beste und viel Erfolg;)  auch weiterhin, nach dem Debüt—  

Teilnehmende Autoren, Das Debüt 2016, Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne, Andrea Fischer Schulthess:Motel Terminal, Petra Piuk: Lucy fliegt, Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit, Katharina Winkler: Blauschmuck, Inge Kutter:Hippiesommer, Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern, Nicole Brausendorf: Die einzige Art, Spaghetti zu essen, Manuela Obermaier: Verletzung, Laura Vogt: So einfach war es also zu gehen, Marion Johannig: Aelia, die Kämpferin, Heike Hübscher: Tödlicher Hundekurs, Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen, Markus Mittmannsgruber – Verwüstung der Zellen,Stephan Reich – Wenn’s brennt, Christoph Reicho – Schlaraffenland, Sabine Hunziker – Flieger stören Langschläfer,Simone Hirth – Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft, Frank Schliedermann – Die Trauerfeier, Iris Blauensteiner – Kopfzecke, André Mumot – Muttertag, Johannes Ehrmann – Großer Bruder Zorn, Birgit Birnbacher – Wir ohne Wal, Marie Malcovati –Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte, Emanuel Bergmann – Der Trick, Stevan Paul – Der große Glander, Katja Buschmann – Alles, was Sie über Philine Blank wissen müssen, Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern, Rebecca C. Schnyder – Alles ist besser in der Nacht, Ursula Hahnenberg – Teufelstritt, Markus Liske – Glücksschweine , Lena Elfrath – Die Liebe ist ein Schmetterling, Isabelle Lehn – Binde zwei Vögel zusammen, Candy Bukowski – Wir waren keine Helden, Michael Kraske –Vorhofflimmern, Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Paula Fürstenberg –Familie der geflügelten Tiger, Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute, Philip Krömer – Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel, Astrid Sozio – Das einzige Paradies, Nadine Lashuk – Liebesgrüße aus Minsk. Wo die Babuschka regiert und Heringe Pelzmäntel tragen, Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen, Daniel Breuer –nathanroad.rec, Bastian Asdonk – Mitten im Land, Sonja Harter – Weißblende