Ministerium für öffentliche Erregung

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von Amanda Lee Koe. Wer denkt bei Singapur nicht als Erstes an Singapur-Airlines? An Stewardessen mit adretten Frisuren, die Mütze leicht kess schräg auf dem Haar, lieblich lächelnd ein Tablett der Kamera entgegen streckend?  Meine zweite Assoziation zu Singapur hat mit dem Wort Tigerstaat zu tun,  Wirtschaft, Finanzzentrum. Das ist nicht richtig: Der Name Singapur stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Löwenstadt. Meine Bilder von glücklich devoten Frauen und Tigern im Sprung kann ich einmotten, denn ich habe das zu Recht viel beachtete Debüt von Amanda Lee Koe, das Ministerium für öffentliche Erregung, gelesen.

Frau sind der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Short Story in diesem Buch. Sie leiden, lachen, meist aber leben sie vor sich hin, von einem Tag zum nächsten, oder sie sind nur noch in der Erinnerung glücklich, manche erwarten auch nichts vom Leben und sind mit ihrer Wunschlosigkeit sehr zufrieden. Dieses Buch bietet eine Vielzahl an Miniaturen von Frauen, die  in diesen genau beobachteten Short Stories zu großen Charakteren aufblühen.

A. Lee Koe erzählt Geschichten,  sie präsentiert glücklicherweise nicht Beobachtungen und Erlebtes einer jungen Frau, die sich sucht und finden muss – nein, hier herrscht die erzählerische Kraft, sich anderen zuzuwenden. Daneben war auf der stilistischen Ebene die Sprache bemerkenswert. Fast immer unaufgeregt und unaufdringlich, kaum Autorenkommentare. Diese Zurückhaltung der Erzählerin ist ein gutes Stilmittel, denn sie stärken diese Kleinode um Sehnsucht und Hoffnung, setzen einen schönen Kontrast, große Gefühle, gleichmäßig erzählt. Alle Geschichten haben etwas Beiläufiges, aber nichts Flüchtiges, so wie die  Geschichte um Delia:

Delia arbeitet irgendetwas mit Akten vor sich hin, aber darum geht es nicht. Die Arbeitshaltung der jungen Frau wird lediglich skizziert; nicht das Erwerbsleben von Frauen steht im Fokus, es geht ganz simpel um weibliches Aussehen und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Delia ist hässlich. Delias Hässlichkeit ist für sie aber kein Stigma, sondern ein Fakt, ein allesbeherrschender Hierarchiebestimmer. Delia, die noch bei ihren Eltern wohnt, fügt sich in ihr vorgezeichnetes Schicksal, bis sie an dem schmuddeligen Imbiss, an dem sich die Hässlichen ihr fettiges Mittagessen holen – sie müssen nicht so auf sich achten wie die Hübschen –  auf den schönen jungen Lei, einen Einwanderer aus China trifft. Schnell gibt Delia ihren Eltern weniger Geld für Kost und Logis, was sie verdient, geht für Lei drauf, der recht prekär in einem Wohnheim lebt. Um Lei zu gefallen, presst sich Delia in ein zu enges Kleid,  schminkt sich clownshaft und hält ihn aus, den Mann, der bald nicht viel mehr als Verachtung für sie übrig hat. Delia, eine Figur, angelegt wie ein trauriger Clown, eine Frau, die nie im Rampenlicht steht,  ein Antityp, die bei einem Autorentyp wie Carson McCullers für das Maximum an Rührung gesorgt hätte. Bei Lee Koe besitzt diese Frau Delia  – sie muss es sich nicht erringen –  ein Selbstbewusstsein, das bemerkenswert ist. Was eigentlich eine traurige Geschichte von einer ungleichen Beziehung wäre, in der die Eine mehr liebt als der Andere, wird hier geschickt gebrochen, denn Delia kennt, befolgt und beherrscht einen anderen durch die Gesetze des Kapitals.

Dieses Buch ist feministisch, ohne es zu forcieren, dieses Buch hat eine Lakonie, die ich unglaublich schön fand – die Geschichten von Frauen in diesem multiethnischen Singapur sind fast durch die Bank weg großartig. Genauso interessant ist zu lesen, wie dieser Stadtstaat mit seinen vier Amtssprachen – die ehemalige Kolonialsprache Englisch, Chinesisch, Tamil und Malaiisch – mit seinen vielen Ethnien umgeht, mit den Gegensätzen zu leben scheint, sie aushält. Aber das ist nicht das gedankliche Zentrum der Autorin, sie hat es mit der Liebe und den Beziehungen, aber ein europäischer Leser wird nicht umhin kommen zu bemerken, mit welcher Unaufgeregtheit Miteinander und Nebeneinander beschrieben wird.

Fazit: Frauen, Liebe, Leid, Glück und Unglück – so geht es. Und immer wieder. Und immer weiter. Im Ministerium für öffentliche Erregung werden Menschen auf das Schönste porträtiert, in den Miniaturen von Amanda Lee Koe scheint eine ganze Welt auf, die am genauesten mit einem Lieblingssatz aus diesem Buch beschrieben werden kann: „… Ich wischte die schlechten Gefühle lieber weg, wie ein Schwamm das Schweineschmalz. …“ (aus: Liebe ist keine große Wahrheit) Unglaublich lesenswert, dieses Buch.

Amanda Lee Koe lebt in New York und Singapur, ihr Debüt Ministerium für … wurde mit zahlreichen Preisen bedacht und ist eines der zehn besten Bücher Singpurs der letzten fünfzig Jahre.

 

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. (Ministry of Moral Panic, 2013.) Aus dem Englischen von Zoë Beck. Hardcover. CulturBooks unplugged, September 2016. 240 Seiten. 22,00 Euro. ISBN 978-3-95988-018-3 / eBook: 14,99 Euro, VÖ 4. Oktober 2016.
Leseprobe (PDF) CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Amanda Lee Koe in Deutschland.

 

 

 

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