Wir blieben strittig an diesem Tag

 

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Nachtrag zum 03.10. Dann war da Dresden, mir klingelte dieser lange nicht mehr gehörte, nun grotesk entfremdete Satz Wir sind das Volk  ständig in den Ohren. — Und dann stieß ich wieder auf  dieses interessante Buch des klugen Hannes Bajohr mit dem Titel: Wir blieben strittig an diesem Tag.

Hannes  Bajohr sagt: „… Wir ist ein gewalttätiges Wort. Nicht nur, weil ein Wir immer auch ein Ihr oder ein Sie braucht, das es ausschließt. Die Gewalt im Wir ist auch eine einschließende. Wer „Wir“ sagt, verleibt sich die ein, die er mitmeint. Ein Wir verspeist. Und doch scheint einem Wir nur ein anderes Wir Widerstand leisten zu können….“

Es gab einmal ein Projekt mit Namen Wendekorpus Ost + West des Instituts für Deutsche Sprache. Knapp 3.500 Texte, die sich zusammen setzen aus Zeitungstexten, Flugblättern, Interviews, Reden und Plenarprotokollen. Zeugnisse des ehemaligen Ost- und Westdeutschland, aus der Zeit der Kakophonie, entstanden zwischen Mitte 1989 und Ende 1990.

Unter Anleitung von Hannes Bajohr wollte ich dem Wir des Satzes Wir sind das Volk genauso wie Wir blieben strittig an diesem Tag auf die Spur kommen.  Um eine Aussage zu generieren,  hat Bajohr alle Texte des Wendekorpus untersuchen lassen, und diejenigen, die mit einem Wir starten, auswerfen lassen. Zweite Bedingung: Die mit dem Wir beginnenden Sätze dürfen nicht länger als 6 Worte sein, weil die Sätze dann lang genug für ein Statement, eine Aussage, eine Negation sind.

Was dabei herausgekommen ist, beschreibt dieses Buch von der Wende -und der Titel? Ja, der Titel nimmt die Antwort vorweg, was das Lesevergnügen nicht schmälert, im Gegenteil. Denn durch dieses eigenwillige Vorgehen, wie das Wir aus einem Textkorpus geschält und in einen neuen Rahmen gesetzt wird, kristallisiert sich eindringlich die Frage heraus: Was wird bezweckt und ist gemeint, wenn einer laut ruft: Wir

Äußerst lesenswert. Wendekorpus, von Hannes Bajohr, Hannes Bajohr, VÖ 2014, 7651 Zeichen,

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