I am not animal

Aus leider aktuellem Anlass möchte ich wieder auf das herausragende Buch I am not animal von Hammed Khamis hinweisen. Ein wütender bedrückender Bericht. Aber gleichzeitig freue ich mich, weil hier denjenigen, die im Dschungel von C. hausen müssen, eine Stimme,  Menschsein zugestanden wird.

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schreit eine eritreische Frau bei einer Demonstration. Hammed Khamis gehen diese Worte nicht aus dem Kopf, der Aufschrei wird Teil der Triebkraft, der in den Augenzeugenbericht, I’m not animal, Die Schande von Calais, erschienen bei Frohmann /An einem Tisch, mündet. Der verzweifelte Ausruf einer Frau bei einer Demonstration auf einer Autobahn ist Auftakt und Anlass dieses bemerkenswerten E-Books.

Calais, Flüchtlingslager. Plastisch, aber auch pejorativ wurde das Lager Der Dschungel von Calais genannt. Die Fahrt durch den Eurotunnel dauert zwischen 35 -45 min, wem es zu unheimlich ist, unterhalb des Ärmelkanals zu fahren, der bucht eine Fahrt auf einer Fähre, die einfache Strecke ist für 40,00 Euro zu haben. So fährt der, der Papiere, Personalausweis, Pass hat.

Für die Einwohner des Dschungels ist die kurze Strecke keine Reise, sondern eine Odyssee: Vom Lager zum Eurotunnel sind es einfache Strecke zwei bis drei Stunden Fußmarsch, vorbei an Patrouillen mit Hundestaffeln und über viele Zäune, der letzte elektrisch geladen. Warten an der Stelle, wo die Züge mit vierzig Stundenkilometern in den Eurotunnel rauschen. Dann steht der Versuch an, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Hat das geklappt, muss man sich fünfzig Kilometer gut festhalten, bis man am Ziel -England- ist.

Es ist schön, dass ich wieder ein sehr direktes, unmittelbar berührendes Buch mit einer schönen Perspektive lesen durfte. Die Sichtachse macht das Buch so berührend, wie auch die Autorenperspektive von Hammed Khamis, der seine Betroffenheit und Wut nicht zügelt. Er leidet mit, wenn er sieht, wie Menschen versuchen, hinter allem anderen, dass sie verloren haben, nicht auch noch ihres Menschseins verlustig zu gehen. Zu Recht der Untertitel Die Schande von Calais.

Khamis will Zeugnis ablegen, er sprengt die Medienhaltung der Draufsicht, indem er mir Menschen nahe bringt. Abdelrahman, ein zehnjähriger Junge aus Darfur, seit zwei Tagen mit seiner Familie im Camp und noch ohne Schlafplatz. In Abdelrahmans Schlepptau ein kleines Mädchen, das nicht zu ihnen gehört, die mitgenommen wurde. Woher? Wo sind ihre Eltern? Was ist geschehen? Die Fragen, die sich angesichts des Schicksals des Mädchens türmen, sind ungeheuerlich.

In I’m not animal treten mir Menschen entgegen. Amjad aus Libyen, der sich im Dschungel ein zweistöckiges Haus aus Holzpaletten baute. Das Haus hat mich sprachlos gemacht, denn die Initiative, etwas Dauerhaftes im Temporären konstruieren zu wollen, heißt Hoffnung. Wie die Plastikkirche, die heißt auch Hoffnung. Und dann gibt es noch die Afghanen, die im Lager Läden und Lokale betreiben, Menüs anbieten. Im pakistanischen Späti, kann man Zigaretten für zehn Cent kaufen, der so Arbeitsplätze schafft. Und dann gibt es noch Prostituierte für zehn Euro und einen Flüchtlingsfriedhof auf dem Friedhof, auf denen die Gräber sehr oft keine Namen, sondern Nummern tragen.

Ich wünsche mir für I’m not animal viele Leser und eine große Reichweite. Klar, wie ohne Filter, treten mir in den Beschreibungen gestrandete, hoffende und verzweifelte Menschen entgegen. Die dokumentarische Schreibhaltung ist ein Gewinn, es wird nicht literarisch verbrämt, nicht auf der kunstvoll geschilderten Wiedergabe der beobachteten Szene liegt der Fokus. Und der Autor gibt an mich, die Lesende, einen Teil seiner Bedrängnis ab, ich merke, wie ihm die Luft wegbleibt angesichts Unrechts, dass die Insassen im Lager fest umspannt, ihnen Luft und Leben wegschnürt.

Der Autor: Hammed Khamis, Jg 1981, lebt in Berlin, leitet dort eine Integrationsschule. Als Khamis zum ersten Mal auf You-Tube die Plastikkirche im Dschungel sah, war das sein Antrieb zu einer Fahrt nach Calais. Daraus entstanden Freundschaften, die Organisation von Spenden und es entstand I’m not animal – Die Schande von Calais, 4,99 Euro als EPUB und MOBI, broschiert für 13,00 Euro.

Das Debüt, LeseEindrücke zum Bloggerpreis, Teil 2

Auf der Homepage Das Debüt, mehr als nur ein Literaturblog, ist immer noch eine schön repräsentative Auswahl von mehr als zwei Dutzend Debütromanen des letzten Jahres, Ausgangssprache Deutsch, versammelt. Hier meine Leseeindrücke, wobei die Ausgangsfrage war: Würde ich das Buch auch nach der Leseprobe weiterlesen wollen?  — Mein subjektiver Querschnitt —

jpeg_1632_151209Anna Galkina und Das kalte Licht der fernen Sterne, Frankfurter Verlagsanstalt. Besser kann ein Beginn, wie die ersten vier Sätze im kalten Licht der fernen Sterne, kaum gestaltet werden:  …Der Ort meiner Kindheit ist ein Städtchen unweit von Moskau. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich bin wieder hier. Unser Haus brannte bald nach unserem Wegzug ab.  …  Das nächste Kapitel ein Rückgriff, die Beschreibungen bleiben schön, plastisch, sind gleichzeitig distant, was als Lakonie ankommt. Manchmal Kleinst-Irritationen, welcher Art ist die Sprache der Ich-Erzählerin? Ist das Kindersprache? Nein. Und doch. Unentschieden.

Es bleibt beschreibend, ein Dorf am Rand von großer, weiter Welt wird erzählt. Da ist ein Junge, der mitansehen muss,  wie seine Mutter geliebte Hundewelpen ertränkt. Es gibt ein Klohäuschen und es gibt Aggregatzustände von Exkrementen. Alles, auch die Jahreszeiten sind so erzählt, als würde ich Hand in Hand mit der Ich-Erzählerin durch das Dorf streifen. Aber ich stelle fest, dass sich keine lineare Geschichte entfaltet, meine Erwartungen werden nicht befriedigt. Zu Erwartenshaltung und -befriedigung von Lesern ist sicher noch nicht die letzte Bachelorarbeit geschrieben, aber mich haben die ersten vier Sätze konditioniert. Das sind Fragen entstanden, ich habe eine Geschichte erwartet, die mir erklärt, warum die Familie oder das Mädchen ging. Die Schönheit der ersten Sätze kollidieren mit den wunderschönen Beschreibungen, stehen quer zu meiner Erwartung. Würde ich das Buch weiterlesen? Selbstverständlich. Erstmal in der Mitte rumblättern und nach Momenten suchen, die erklären, warum die Familie nicht mehr in dem Häuschen mit Außenklo lebt.Würde ich mir das Buch kaufen? Ja, denn die Beschreibungen sind herrlich, die Stimmung ist einmalig. Einschränkung: Wie riechen benutzte Kondome, die auf einer Müllkippe vor sich hingammeln?

cv_harter_weissblende_webSonja Harters Debüt heißt Weißblende und gibt es über den Luftschacht Verlag zu erwerben. Nachdem ich der Ich-Erzählerin im ersten Kapitel Sätze wie„…Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch….“ verzeihen musste und eigentlich gar keine Lust mehr hatte auf das zweite Kapitel, kam die Wende. Es geht um das Werden eines Mädchens, die Beobachtungen stimmen mit einem Mal, die Bombast-Sätze fallen gottlob weg.  Die Wechsel in der Erzählzeit passen; im Jetzt ist sie eine junge Frau in der Psychiatrie, im Davor Heranwachsende in einem Leben wie hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Dazwischen  wallen Phasen, in denen die junge Frau sich in ihrem neuen psychiatrischen Zuhause verorten muss und beobachtet, sinniert. Da geraten mir die Sätze zu groß, die Metaphern zu schwer. Sehr gut gelungen, weniger geschraubt, sind die Passagen, in denen die Heranwachsende mit ihrem Vater an der Hauptstraße von Unteraubach wohnt. Vater, Mutter, Kind, die Mutter ist als Foto präsent. Es hat eine schöne Stimmung, wie die Ich-Erzählerin unaufgeregt,  aber voller Zweifel die Welt beobachtet. Sie weiß noch nicht genau, was das mit dem Leben auf sich hat, aber sie ahnt, dass das, was sich so Leben nennt, kein Spaziergang sein wird.  Würde ich das Buch weiterlesen? Ja. Hat mir insgesamt sehr gut gefallen.Würde ich mir das Buch kaufen? Ja.

produkt-11919 Liebesgrüsse aus Minsk …. von Nadine Lashuk, Malik Verlag Dieses Folklore-Cover zog mich nicht an. Der Titel auch nicht. Aber vielleicht versteckt sich Prosa hinter dem Cover und ich bin das Opfer meiner eigenen Vorurteile?  … Aber dann kam der Inhalt: Eine junge Frau, deren Lebensplanung es ist, einen kultivierten Franzosen zu heiraten, Kinderchen zu bekommen, die dann in der schönsten Sprache der Welt (Französisch) parlieren. Damit nicht genug, die junge Frau möchte Weltpräsidentin (!) werden. Gottlob ist es noch nicht so weit, erstmal ist sie in Minsk. Was tut sie dort? Sie ist Teil einer Delegation der Europäischen Kommission. In vertraulichem Tonfall werde ich weiter überinformiert; dieses leicht scherzende Parlieren geht mir jetzt schon auf den Geist. Auftritt Alfredo, unklar, ob er die Knallcharge ist, als die er schraffiert ist oder ob er tatsächlich einen italienischen Diplomaten vorstellen soll. „…Belarus, so muss man wissen“, dozierte Alfredo, „ist als Nationalstaat…“  Steckt ihm je ein Brockhaus links und rechts in den Backentaschen? Habe dann auf Seite acht Schluss gemacht.  Würde ich das Buch weiterlesen? … Würde ich das Buch kaufen? Ja. Denn ich habe ein paar Freundinnen, die gern Frauenliteratur light lesen – und für die könnte das Buch ein Gewinn sein. 

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—Allen Autoren, die am DEBÜT 2016 teilnehmen, wünsche ich das Beste und viel Erfolg;)  auch weiterhin, nach dem Debüt—  

Teilnehmende Autoren, Das Debüt 2016, Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne, Andrea Fischer Schulthess:Motel Terminal, Petra Piuk: Lucy fliegt, Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit, Katharina Winkler: Blauschmuck, Inge Kutter:Hippiesommer, Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern, Nicole Brausendorf: Die einzige Art, Spaghetti zu essen, Manuela Obermaier: Verletzung, Laura Vogt: So einfach war es also zu gehen, Marion Johannig: Aelia, die Kämpferin, Heike Hübscher: Tödlicher Hundekurs, Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen, Markus Mittmannsgruber – Verwüstung der Zellen,Stephan Reich – Wenn’s brennt, Christoph Reicho – Schlaraffenland, Sabine Hunziker – Flieger stören Langschläfer,Simone Hirth – Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft, Frank Schliedermann – Die Trauerfeier, Iris Blauensteiner – Kopfzecke, André Mumot – Muttertag, Johannes Ehrmann – Großer Bruder Zorn, Birgit Birnbacher – Wir ohne Wal, Marie Malcovati –Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte, Emanuel Bergmann – Der Trick, Stevan Paul – Der große Glander, Katja Buschmann – Alles, was Sie über Philine Blank wissen müssen, Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern, Rebecca C. Schnyder – Alles ist besser in der Nacht, Ursula Hahnenberg – Teufelstritt, Markus Liske – Glücksschweine , Lena Elfrath – Die Liebe ist ein Schmetterling, Isabelle Lehn – Binde zwei Vögel zusammen, Candy Bukowski – Wir waren keine Helden, Michael Kraske –Vorhofflimmern, Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Paula Fürstenberg –Familie der geflügelten Tiger, Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute, Philip Krömer – Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel, Astrid Sozio – Das einzige Paradies, Nadine Lashuk – Liebesgrüße aus Minsk. Wo die Babuschka regiert und Heringe Pelzmäntel tragen, Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen, Daniel Breuer –nathanroad.rec, Bastian Asdonk – Mitten im Land, Sonja Harter – Weißblende

Das Debüt, LeseEindrücke zum Bloggerpreis, Teil 1

Mittlerweile haben sich auf der Homepage das Debüt, mehr als nur ein Literaturblog, mehr als zwei Dutzend Debütromane des letzten Jahres, Ausgangssprache Deutsch, versammelt. Hier meine Leseeindrücke zum Debüt, meine Frage war: Würde ich das Buch auch nach der Leseprobe weiterlesen wollen?  — Ein subjektiver Querschnitt — Voraussetzung für meine Auswahl (Teil2 und 3) wird weiterhin sein, dass ich die Bücher nicht kenne, auch nicht den Klappentext, also gänzlich unbeleckt in die Leseprobe falle. Mal sehen, wie viele Leseprobeneindrücke ich schaffe, bevor die Klappe fällt.

 

salis_afs_motelterminal_cover_web Ich beginne mit Andrea Fischer Schulthess, Motel Terminal, Salis Verlag. Die Autorin beginnt mit Merets Tagebuch, ein paar Seiten, ein kleines Mädchen spricht über Geheimnisse, sie scheint krank zu sein, die  Information läuft über die Kapitelüberschrift. Nach ein paar Seiten über Meret folgt der Prolog,  ein Ich-Erzähler oder Erzählerin sinniert beim Anblick eines toten Kindes. Dann ab ins erste Kapitel, zeitlich gesehen zum Prolog eine Rückblende.

In Motel Terminal stürzt sofort einiges an Rätselspannung auf mich los, die ergibt sich aber nicht aus den Andeutungen, dem Sinnieren der Figuren, sondern aus der Anordnung der Autorin. Was ist das nur für eine dysfunktionale Familie? Was ist das für ein eigenartiges Dorf? Ich würde darauf tippen, dass Wurzel allen Übels die Familie ist. Da ich mich aber ständig neu verorten muss – wer spricht – und wieso, empfand ich das Buch als unruhig. Ich bin Fan der analytischen Fabel, also: alle Handlungen sind begangen, sie müssen nur gleichsam enthüllt werden, die Katastrophe ist schon erledigt, sie muss nu bekannt werden. Leider hatte ich den Eindruck, dass einfach nur aus allen Richtungen erzählt wird. Das ist aber keine analytische Fabel, sondern Autorenmaßnahme, eine Collage. Würde ich das Buch weiterlesen? Die Beschreibungen sind gelungen, plastisch, drastisch. Außerdem wird die Leseprobe schon von ziemlich eigenartigen Dorfbewohnern bevölkert – komische, schrullige Figuren, die ihren Reiz entwickeln könnten. Fazit: Würde ich mir das Buch kaufen? Für den Sommerurlaub, Strandliege, Reader – ja.

 

traurige-freiheit_8031Friederike Gösweiner mit Traurige Freiheit, aus dem Literaturverlag Droschl. Eine lustig kurze Leseprobe, knapp eine Seite lang. Ich entnehme der LP, dass Hannah die Hauptfigur (?) ist, lustig, sie sinniert so rum, eine Seite lang, aber da ist einiges, was mich berührt. Zum Beispiel dieser Satz: .„..Es musste also jemanden geben, der Pech hatte, jemanden, der verlor. Sie hatte nur nie gedacht, dass sie einmal zu den Verlierern zählen könnte. …“  Da appelliert die Autorin ziemlich geschickt an meine/ an unser aller Affekte. Und flugs entwickele ich Mitgefühl, denn: Waren wir nicht alle schon einmal irgendwie Verlierer, egal auf welcher Ebene? Bei Hannah scheint es im Job nicht so zu laufen, irgendwas mit Zeitungen, Schreiben. Armes Ding. Würde ich Traurige Freiheit weiterlesen? Ja. Ich würde mir nur wünschen, dass sich irgendetwas entwickelt, eine Geschichte, dass Traurige Freiheit weiter geht als eine selbstbespiegelnde Maßnahme, dass es vom Ich zum Du geht und von da aus meinetwegen weiterdekliniert würde. Würde ich mir das Buch kaufen? Ich würde mir Traurige Freiheit gern schenken lassen und das Buch lesen, wenn es draußen immer dunkler und kälter wird.

 

Wenns brennt von Stephan ReichMeine Impression zu Stephan Reich, Wenn’s brennt, DVA Verlag. Die Schreibschrift des Titels: Familienroman, denke ich mir — Aber dann kommen  Finn, ein Nelson, Möller und ein Ich-Erzähler. Sie reden so darüber, wie sie die Sommerferien planen würden. Es enthüllt sich schnell, dass ich es mit Jungs zu tun habe, die nichts in der Hand haben außer Nachts unter der Bettdecke ihre Penisse. Sie schwafeln,  protzen, stoßen sich gegenseitig von den Fahrrädern. In ihrem Dorf ist es langweilig, sie langweilen sich, es könnte spannend werden, was aus dem Hang zu Machotum und Mutproben für Katastrophen erwachsen. Leider kann ich mich für die Figuren nicht wirklich interessieren. Es wird etwas passieren, so viel ist klar, denn: „…Dass wir überhaupt stehen, wo wir stehen, mit dieser Pistole von Endpunkt auf der Brust, das kam so: Vor ein paar Monaten ist Finn runter …“, erklärt mir Ich-Erzähler. Die aufgesetzt- aufgedrehte Sprache des Teenager-Jungen kriegt mich nicht, sie stresst mich sogar es ist, als würde einer neben mir an der Bushaltestelle stehen und seine Freunde vollbrabbeln – und ich müsste mithören, solange bis der Bus kommt und ich mich weit entfernt von dem Jungen mit Logorrhöe setzte.  Würde ich Wenn’s brennt weiterlesen? Nein.Würde ich mir das Buch kaufen? Nein, aber ich kenne ein paar Leute, denen ich es gern schenken würde, die Wenn’s brennt bestimmt sehr viel mehr abgewinnen können als ich.

Bloggerpreis 2016

 

—Allen Autoren, die am DEBÜT 2016 teilnehmen, wünsche ich das Beste und viel Erfolg;)  auch weiterhin, nach dem Debüt—  

Teilnehmende Autoren, Das Debüt 2016, Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne, Andrea Fischer Schulthess:Motel Terminal, Petra Piuk: Lucy fliegt, Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit, Katharina Winkler: Blauschmuck, Inge Kutter: Hippiesommer, Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern, Nicole Brausendorf: Die einzige Art, Spaghetti zu essen, Manuela Obermaier: Verletzung, Laura Vogt: So einfach war es also zu gehen, Marion Johannig: Aelia, die Kämpferin, Heike Hübscher: Tödlicher Hundekurs, Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen, Markus Mittmannsgruber – Verwüstung der Zellen,Stephan Reich – Wenn’s brennt, Christoph Reicho – Schlaraffenland, Sabine Hunziker – Flieger stören Langschläfer,Simone Hirth – Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft, Frank Schliedermann – Die Trauerfeier, Iris Blauensteiner – Kopfzecke, André Mumot – Muttertag, Johannes Ehrmann – Großer Bruder Zorn, Birgit Birnbacher – Wir ohne Wal, Marie Malcovati – Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte, Emanuel Bergmann – Der Trick, Stevan Paul – Der große Glander, Katja Buschmann – Alles, was Sie über Philine Blank wissen müssen, Pierre Jarawan – Am Ende bleiben die Zedern, Rebecca C. Schnyder – Alles ist besser in der Nacht, Ursula Hahnenberg – Teufelstritt, Markus Liske – Glücksschweine , Lena Elfrath – Die Liebe ist ein Schmetterling, Isabelle Lehn – Binde zwei Vögel zusammen, Candy Bukowski – Wir waren keine Helden, Michael Kraske – Vorhofflimmern, Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Paula Fürstenberg – Familie der geflügelten Tiger, Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute, Philip Krömer – Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel, Astrid Sozio – Das einzige Paradies, Nadine Lashuk – Liebesgrüße aus Minsk. Wo die Babuschka regiert und Heringe Pelzmäntel tragen, Olaf Trunschke – Die Kinetik der Lügen, Daniel Breuer – nathanroad.rec, Bastian Asdonk – Mitten im Land, Sonja Harter – Weißblende

Ministerium für öffentliche Erregung

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von Amanda Lee Koe. Wer denkt bei Singapur nicht als Erstes an Singapur-Airlines? An Stewardessen mit adretten Frisuren, die Mütze leicht kess schräg auf dem Haar, lieblich lächelnd ein Tablett der Kamera entgegen streckend?  Meine zweite Assoziation zu Singapur hat mit dem Wort Tigerstaat zu tun,  Wirtschaft, Finanzzentrum. Das ist nicht richtig: Der Name Singapur stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Löwenstadt. Meine Bilder von glücklich devoten Frauen und Tigern im Sprung kann ich einmotten, denn ich habe das zu Recht viel beachtete Debüt von Amanda Lee Koe, das Ministerium für öffentliche Erregung, gelesen.

Frau sind der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Short Story in diesem Buch. Sie leiden, lachen, meist aber leben sie vor sich hin, von einem Tag zum nächsten, oder sie sind nur noch in der Erinnerung glücklich, manche erwarten auch nichts vom Leben und sind mit ihrer Wunschlosigkeit sehr zufrieden. Dieses Buch bietet eine Vielzahl an Miniaturen von Frauen, die  in diesen genau beobachteten Short Stories zu großen Charakteren aufblühen.

A. Lee Koe erzählt Geschichten,  sie präsentiert glücklicherweise nicht Beobachtungen und Erlebtes einer jungen Frau, die sich sucht und finden muss – nein, hier herrscht die erzählerische Kraft, sich anderen zuzuwenden. Daneben war auf der stilistischen Ebene die Sprache bemerkenswert. Fast immer unaufgeregt und unaufdringlich, kaum Autorenkommentare. Diese Zurückhaltung der Erzählerin ist ein gutes Stilmittel, denn sie stärken diese Kleinode um Sehnsucht und Hoffnung, setzen einen schönen Kontrast, große Gefühle, gleichmäßig erzählt. Alle Geschichten haben etwas Beiläufiges, aber nichts Flüchtiges, so wie die  Geschichte um Delia:

Delia arbeitet irgendetwas mit Akten vor sich hin, aber darum geht es nicht. Die Arbeitshaltung der jungen Frau wird lediglich skizziert; nicht das Erwerbsleben von Frauen steht im Fokus, es geht ganz simpel um weibliches Aussehen und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Delia ist hässlich. Delias Hässlichkeit ist für sie aber kein Stigma, sondern ein Fakt, ein allesbeherrschender Hierarchiebestimmer. Delia, die noch bei ihren Eltern wohnt, fügt sich in ihr vorgezeichnetes Schicksal, bis sie an dem schmuddeligen Imbiss, an dem sich die Hässlichen ihr fettiges Mittagessen holen – sie müssen nicht so auf sich achten wie die Hübschen –  auf den schönen jungen Lei, einen Einwanderer aus China trifft. Schnell gibt Delia ihren Eltern weniger Geld für Kost und Logis, was sie verdient, geht für Lei drauf, der recht prekär in einem Wohnheim lebt. Um Lei zu gefallen, presst sich Delia in ein zu enges Kleid,  schminkt sich clownshaft und hält ihn aus, den Mann, der bald nicht viel mehr als Verachtung für sie übrig hat. Delia, eine Figur, angelegt wie ein trauriger Clown, eine Frau, die nie im Rampenlicht steht,  ein Antityp, die bei einem Autorentyp wie Carson McCullers für das Maximum an Rührung gesorgt hätte. Bei Lee Koe besitzt diese Frau Delia  – sie muss es sich nicht erringen –  ein Selbstbewusstsein, das bemerkenswert ist. Was eigentlich eine traurige Geschichte von einer ungleichen Beziehung wäre, in der die Eine mehr liebt als der Andere, wird hier geschickt gebrochen, denn Delia kennt, befolgt und beherrscht einen anderen durch die Gesetze des Kapitals.

Dieses Buch ist feministisch, ohne es zu forcieren, dieses Buch hat eine Lakonie, die ich unglaublich schön fand – die Geschichten von Frauen in diesem multiethnischen Singapur sind fast durch die Bank weg großartig. Genauso interessant ist zu lesen, wie dieser Stadtstaat mit seinen vier Amtssprachen – die ehemalige Kolonialsprache Englisch, Chinesisch, Tamil und Malaiisch – mit seinen vielen Ethnien umgeht, mit den Gegensätzen zu leben scheint, sie aushält. Aber das ist nicht das gedankliche Zentrum der Autorin, sie hat es mit der Liebe und den Beziehungen, aber ein europäischer Leser wird nicht umhin kommen zu bemerken, mit welcher Unaufgeregtheit Miteinander und Nebeneinander beschrieben wird.

Fazit: Frauen, Liebe, Leid, Glück und Unglück – so geht es. Und immer wieder. Und immer weiter. Im Ministerium für öffentliche Erregung werden Menschen auf das Schönste porträtiert, in den Miniaturen von Amanda Lee Koe scheint eine ganze Welt auf, die am genauesten mit einem Lieblingssatz aus diesem Buch beschrieben werden kann: „… Ich wischte die schlechten Gefühle lieber weg, wie ein Schwamm das Schweineschmalz. …“ (aus: Liebe ist keine große Wahrheit) Unglaublich lesenswert, dieses Buch.

Amanda Lee Koe lebt in New York und Singapur, ihr Debüt Ministerium für … wurde mit zahlreichen Preisen bedacht und ist eines der zehn besten Bücher Singpurs der letzten fünfzig Jahre.

 

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. (Ministry of Moral Panic, 2013.) Aus dem Englischen von Zoë Beck. Hardcover. CulturBooks unplugged, September 2016. 240 Seiten. 22,00 Euro. ISBN 978-3-95988-018-3 / eBook: 14,99 Euro, VÖ 4. Oktober 2016.
Leseprobe (PDF) CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Amanda Lee Koe in Deutschland.

 

 

 

Wir blieben strittig an diesem Tag

 

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Nachtrag zum 03.10. Dann war da Dresden, mir klingelte dieser lange nicht mehr gehörte, nun grotesk entfremdete Satz Wir sind das Volk  ständig in den Ohren. — Und dann stieß ich wieder auf  dieses interessante Buch des klugen Hannes Bajohr mit dem Titel: Wir blieben strittig an diesem Tag.

Hannes  Bajohr sagt: „… Wir ist ein gewalttätiges Wort. Nicht nur, weil ein Wir immer auch ein Ihr oder ein Sie braucht, das es ausschließt. Die Gewalt im Wir ist auch eine einschließende. Wer „Wir“ sagt, verleibt sich die ein, die er mitmeint. Ein Wir verspeist. Und doch scheint einem Wir nur ein anderes Wir Widerstand leisten zu können….“

Es gab einmal ein Projekt mit Namen Wendekorpus Ost + West des Instituts für Deutsche Sprache. Knapp 3.500 Texte, die sich zusammen setzen aus Zeitungstexten, Flugblättern, Interviews, Reden und Plenarprotokollen. Zeugnisse des ehemaligen Ost- und Westdeutschland, aus der Zeit der Kakophonie, entstanden zwischen Mitte 1989 und Ende 1990.

Unter Anleitung von Hannes Bajohr wollte ich dem Wir des Satzes Wir sind das Volk genauso wie Wir blieben strittig an diesem Tag auf die Spur kommen.  Um eine Aussage zu generieren,  hat Bajohr alle Texte des Wendekorpus untersuchen lassen, und diejenigen, die mit einem Wir starten, auswerfen lassen. Zweite Bedingung: Die mit dem Wir beginnenden Sätze dürfen nicht länger als 6 Worte sein, weil die Sätze dann lang genug für ein Statement, eine Aussage, eine Negation sind.

Was dabei herausgekommen ist, beschreibt dieses Buch von der Wende -und der Titel? Ja, der Titel nimmt die Antwort vorweg, was das Lesevergnügen nicht schmälert, im Gegenteil. Denn durch dieses eigenwillige Vorgehen, wie das Wir aus einem Textkorpus geschält und in einen neuen Rahmen gesetzt wird, kristallisiert sich eindringlich die Frage heraus: Was wird bezweckt und ist gemeint, wenn einer laut ruft: Wir

Äußerst lesenswert. Wendekorpus, von Hannes Bajohr, Hannes Bajohr, VÖ 2014, 7651 Zeichen,

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Noch lesenswert von Hannes Bajohr bei Frohmann Verlag