Mehr Feminismus: C. Ngozi Adichie

u1_978-3-10-403523-9Mehr Feminismus. Ein Manifest und vier Stories. Mein Anlass, mich dem Manifest und den vier Short Stories dieser hervorragenden Schriftstellerin zu widmen, war das Urteil, dass gegen Frau Lohfink erging. Ich las auch deshalb Mehr Feminismus, weil Richterspruch, Zeitungsartikel, besonders aber Kommentare unter Internet-Artikeln viel von der gesellschaftlichen Bigotterie und dem Hass auf nichtkonforme Frauen blicken ließen. Ich war fassungslos über Kommentare, in denen die Meinung bespielt wurde, dass eine Schlampe eben nicht zu vergewaltigen sei. Es wurde in einer Art und Weise über eine Frau gerichtet, die mich mehr als betroffen machte. Was mich auch stutzig machte, war eine Auffassung, die von etlichen Teilen der Gesellschaft wurde, die ich überwunden glaubte – die von der Ungleichheit der Geschlechter …

Das war der Auslöser, Chimamanda Ngozi Adichie, ihr Manifest und ihre Short Stories zu lesen,  erschienen im Fischer Verlag als E-Book. Eselsohr: Korrigieren muss ich noch meine naive Auffassung, dass Recht nicht statisch ist, sondern eine Haltung und Lebensweise, die immer wieder behauptet, im schlimmsten Fall erkämpft werden will.

Zum Buch: Im Manifest beobachtet das KinderIch Adichies Frauen, Mütter, Tanten. Eine Tante sticht besonders heraus, Tante Chinwe, die Bewundernswerte, die sich darin aufopfert, es allen recht zu machen – bis der gar nicht so kindliche Blick wahrnimmt, dass ein Ideal zu sein auch seinen Preis hat. Die Tante ist entzaubert. Als Teenager weist Adichie der Tante die Schuld an ihrem Sein zu, erst später wird ihr klar, dass die Gesellschaft stark schuldhaft ist, „…das es Kräfte in der Welt gab, die Frauen veranlassen, sich selbst klein zu machen. Tante Chinwe hat mich gelehrt, dass Reichtum nicht vor diesen Kräften schützt. Ebenso wenig Bildung oder Schönheit. Sie half mir bei der Entscheidung, meine Weiblichkeit als die glorreiche und komplexe Sache auszuleben, die sie ist. … „

Chinechelum, Dozentin für Literatur in Neuengland, soll in Der Schmerz Fremder,  nach einem neun Jahre zurückliegenden Unglück wieder am Leben teilnehmen. Ihre besorgte nigerianische Mutter, die nur das Beste für die Tochter will, also einen Mann, nötigt die Tochter, auf Brautschau zu gehen. Noch ist die Ich-Erzählerin Chinechelum Opfer ihrer traurigen Vergangenheit, eine Geisel mütterlicher Erwartung, Mitwisserin um traurige, entwürdigende Lebensläufe in der Diaspora. Gerade als ich mich frage, warum bricht die Hauptfigur nicht aus? Ist sie eine Puppe? Sind die Zwänge, die Chinechelums Umwelt für sie bereithält, nicht Anachronismen, von denen sie sich befreien sollte, überholt, weil sie sich von traditionell nigerianischen Strukturen weit entfernt hat?

So einfach macht es sich Adichie nicht, sie dreht den Konflikt und das Dilemma, in dem sich Chinechelum befindet, nein, genauer: sie erweitert den Konflikt: Denn die Umwelt, in ihrem Fall die weiße Umwelt, hat ebenfalls stereotype Erwartungen an die junge Literaturdozentin, wie das Mittagessen mit einem netten, älteren Herren der Oberschicht beweist.  Hatte ich mich am Anfang noch in der Geschichte ein wenig gelangweilt und wollte sie schon abtun als eine dieser Geschichten, in denen Eine/r der Mehrheitsgesellschaft versucht, eine andere Kultur nahezubringen, war dieser Dreh wuchtig. Es zeigte sich: Eine Frau umstanden von Erwartungen. Diese Short Story zu lesen war wie Rückwärtsgehen in der Moderne.

Mein Fazit: Auch die anderen Kurzgeschichten, die ich las, sind kurz genug, um sie in die Bahn mitzunehmen, aber gehaltvoll genug, um mich länger damit zu beschäftigen. Im Allgemeinen dreht sich alles um das Sein, um unser Bewusstsein in einer Welt, die schön schrecklich ist. Auch um zugewiesene Rollen auf jeder Ebene. Wie der und die Einzelnen in den Geschichten mit ihrem Leben umgehen, ist nuanciert, gradlinig und schnörkellos geschrieben. Ein Gewinn.

 

Über die Autorin: Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren, lebt in Lagos und den USA.  Ihr Roman ›Blauer Hibiskus‹ war für den Booker-Preis nominiert, ›Die Hälfte der Sonne‹ erhielt den Orange Prize for Fiction 2007.  Mit ›Americanah‹, gewann Adichie den Heartland Prize for Fiction und den National Book Critics Circle Award.

Literaturpreise:

The Chicago Tribune 2013 Heartland Prize for Fiction
National Book Critics Circle Award for Fiction 2013

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