Ich <3 SelfPublisher

14045331_10210385363409659_803640781_oJa. Denn es gibt wohl kaum eine Berufung, über die mehr gelächelt, gelacht oder gespottet wird als über den gemeinen SelfPublisher und seine Schreibwut. Außer vielleicht noch über Buchblogger, die Sternenstaub oder eventuell magische Runenzeichen auf der Webseite haben. Die finde ich auch toll. Denn ich mag fast alles, das mit Freude und Begeisterung betrieben wird.

SelfPublisher setzen sich hin und schreiben. Da ist dann ein Ding im Entstehen, von dem er meint, dass es das mögliche Gegenüber zum Lachen und Weinen, mindestens aber zum Schmunzeln bringt. Der Schreibende ist sich in jeder Phase seiner Kreativität und mit jeder Faser seines Seins sicher, etwas Unglaubliches abzuliefern. Hängt er oder hadert er mit seinen Figuren oder mit dem Plot, dann gibt es viel Trost und Zuspruch in vielen Internet-Gruppen und Foren.  Da lache ich nicht, dass ist der normale Weg von einer Idee zum Buch – manchmal gelingt es sogar.

Auch deshalb lese ich gern SelfPublisher, ich liebe die Verrückten, die ihre Freizeit, Geld, viel Schweiß und Nachtruhe in etwas investieren, das erst einmal nur ihnen am Herzen liegt. Das ist ein emotionaler Grund, es gibt aber noch mehr: Hier habe ich es oft mit Stoffen im Rohzustand zu tun, die noch nicht auf die Frage getrimmt wurden: WAS IST DEIN ZIELPUBLIKUM? WAS IST DEIN GENRE? WIE VIEL SEITEN muss dein Buch haben bezogen auf dein Genre … diese Marketing- und Vertriebsmaßnahmen, die in ein Werk eingreifen, und viel von dem formalistischen Zeug fallen weg, so dass ich viel über das Anliegen, das ein Buch entstehen lässt, lese.

Hier einige interessante Werdegänge von Self-Publishern:

img_calais_cover-400x600Der Streetworker, Schulleiter und Autor Hammed Khamis brachte 2014 sein erstes Buch als Self-Publisher heraus,  einen biographischen Titel,  Ansichten eines Banditen – Das Schicksal eines Migrantenjungen, dem seine streckenweise rohen und unfertig wirkenden Passagen einen Authentieschub verleihen. Da wird eine Beichte zum Buch. 2016, dann,  I’m not animal. Die Schande von Calais das nächste Romanessay, ein Protokoll darüber, wie es ist, ein von der Weltgemeinschaft ausgestoßenes Wesen zu sein. Ich rezensierte da Buch und  merke jetzt beim Schreiben, dass viele Szenen aus dem Buch in mir immer noch nachhallen. Die Kirche im Lager, die Restaurants, die vielen Schicksale, die durch Khamis ein Gesicht bekommen. Da ist kein Reporter auf Durchreise, da ist einer, der sich seinem Gegenüber widmet, denen eine Stimme gibt, die an Zügen entlanglaufen und versuchen, aufzuspringen. In I’m not animal treten mir Menschen entgegen. Amjad aus Libyen, der sich im Dschungel ein zweistöckiges Haus aus Holzpaletten baute. Das Haus hat mich sprachlos gemacht, denn die Initiative, etwas Dauerhaftes im Temporären konstruieren zu wollen, heißt Hoffnung. Wie die Plastikkirche, die heißt auch Hoffnung. Und dann gibt es noch die Afghanen, die im Lager Läden und Lokale betreiben, Menüs anbieten. Im pakistanischen Späti, kann man Zigaretten für zehn Cent kaufen, der so Arbeitsplätze schafft. Und dann gibt es noch Prostituierte für zehn Euro und einen Flüchtlingsfriedhof auf dem Friedhof, auf denen die Gräber sehr oft keine Namen, sondern Nummern tragen.

Einem anderen Self-Publisher war das Glück nicht so hold. Krimiautor Frank Wündsch, hatte nicht den erhofften Erfolg mit seinem Buch Bier, Geld und Tomaten. 2008 zuerst bei Amazon erschienen, 2013 im Engelsdorfer Verlag relauncht. Leider ist der Engelsdorfer Verlag ein Druckkostenzuschussverlag, ob Herr Wündsch deshalb an einem kalten Januartag in einer Leipziger  Sparkasse auftauchte, wo er geschwind mit Waffengewalt 40.000 Euro erbeutete, das weiß ich nicht. Herr Wündsch ist zur Zeit für viereinhalb Jahre in Haft, denn das Gericht befand, dass sich sein Self-Publisher-Roman  wie eine Blaupause zu dem geschehen Überfall läse.  Herr Wündsch bedauert seine Tat aufrichtig und kündigte einen neuen Roman an. Ich wünsche ihm viel Glück und werde das Buch gern besprechen.

Die Tränen der Hexen2015 kam Uwe Grießmann mit seinem Buch Die Tränen der Hexen als Self-Publisher heraus, dass schnell bei Amzaon unter die Top50 kam. Dieser historische Stoff, der zur Zeit der Hexenverfolgung in Goslar spielt, weckte Interesse bei einem Verlag, auch, weil er kenntnisreich und leidenschaftlich geschrieben ist. Tanja Litschel ist mir wie zum ersten Mal mit ihren Krimis bei neobooks aufgefallen. Früher SPlerin, schreibt sie jetzt für die midnight Reihe der Ullstein Buchverlage. Ich gebe es zu, die großen Verlage mit ihren outgesourcten E-Book Dependancen schrecken oft ab, denn dort ist in der Regel unglaublicher Trash vertreten. Da tummeln sich Titel, die außer einem oberflächlichen Lektorat und einer schlampigen Covergestaltung eher keine Behandlung erfuhren – weil sie es auch nicht verdienen. — Tanja Litschel ragt mit ihren Regionalkrimis wie Traubenblut aus der Masse heraus. Nicht zuletzt durch die Figuren, die aus anfänglicher Typisierung heraustreten und eine Motivation offenbaren, wie auch durch den Plot, der über seine realen Orte und historischen Gegebenheiten eine Verbundenheit der Autorin mit ihrem Werk vermuten lässt.  Auch hat Frau Litschel sich über Polizeiarbeit Gedanken gemacht, sie versucht eine mangelnde Fachkenntnis nie durch unappetitliche Gräueltaten zu verschleiern, wie einige ihrer Ex-SP-Kollegen.csm_9783958190788_cover_ba73721cd1

Ich resümiere: Es bleibt spannend mit den Self-Publishern. Durch Foren, Leseplattformen und Communities bekomme ich Stoffe zu lesen, an die ich nie herangekommen wäre. Ich verstehe, dass es für die meisten SPler das höchste Ziel ist, einen Verlagsvertrag zu ergattern, der Grund liegt in den vielfältigen Anforderungen hinter dem Schreiben. Marketing, Werbung und Vertrieb. Nichtsdestotrotz: Bei Verlagen muss es immer um das Zielpublikum gehen, bei SelfPublishern nicht. Also Danke, ihr lieben Self-Publisher.

 

 

6 Gedanken zu „Ich <3 SelfPublisher

  1. Florian

    Liebe Tania, das ist ein schöner Artikel. Und alles, was du aufzählst, spricht in der Tat für die arme belächelte Spezies der Selfpublisher, Vor allem die Unabhängigkeit in der Themen- und Sujetwahl ist toll und sollte viel häufiger genutzt werden.
    Für Verlage spricht im Grunde vor allem, dass es gerade dann für Selfpblisher schwer wird, wenn sie diese Unabhängigkeit nutzen und mit ihren Stoffen keine Genres sondern die Entwicklungsromane bedienen. Man mag auf die Feuilletons pfeifen, aber sie sind leider nach wie vor ausschlaggebend für die Absätze und Vorbestellungen in den Buchläden.

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  2. mikakrueger

    Danke für diesen Beitrag. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten beinahe nur SP Bücher oder Bücher von Kleinverlagen gelesen und wurde meist nicht enttäuscht. Wohingegen ich so manches Verlagsbuch der „Großen“ weglegen musste, weil es im Grunde nichts Neues war. Schade eigentlich.
    +Mika+

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  3. Muriel

    Danke!
    Meine Erfahrung war zwar anders als von dir am Anfang geschildert, aber spannend finde ich es jedenfalls auch, und schön, dass man heute keine Verlage mehr braucht, um zu veröffentlichen. Was mir noch fehlt, ist ein besseres System für die Auswahl der tollen Sachen, aber wahrscheinlich geht das kaum. Die Verlage schaffens ja auch nicht für ihr Sortiment.

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