Ja, sterben muss man, so gelesen bei Stefanie Sargnagel

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Statements wie Schlaglichter, kurze Dialoge und dazu die herrliche Gedankenstimme von Steffi Fröhlich, Call-Center-Agentin. In Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für sie tun, geht es um Ansichten und Einsichten auf der anderen Seite des Hörers. Das 2014 erschienene Buch von Stefanie Sargnagel In der Zukunft sind wir alle tot wurde jetzt erweitert um die Refugee McMoments, die sich, klug beobachtet, der Hilfe und dem Furor des Helfens widmen. mikrotext Verlag: „…Die Facebookposts der Wiener Kult-Autorin Stefanie Sargnagel lassen nichts aus, sind witzig und mischen sich ein. Perfekte Einsteiger-Lektüre in ihr Werk. …“

Refugee McMoments

Das konnte jeder schon an sich selbst verspüren, Helfen ist nicht nur eine altruistische Handlung, es hinterlässt auch ein gutes Gefühl in der Magengegend. Frau Sargnagel entgeht nicht, dass es an Bahnhöfen in 2015 noch nie so leicht war, gemocht zu werden und das auch zu glauben. Sie horcht in sich hinein, stutzt und stellt fest, dass es sich gut anfühlt, neben Essen, Schlafen, Trinken auch eine positive Persönlichkeit zu sein – es stützt, gibt Kontur. Sie bemerkt, dass Hilfe zu einem überwiegenden Teil weiblich ist; genau wie sie sieht, dass – als die Hilfe organisatorisch und logistisch aufgebrezelt wird, die Kommandoposten sofort männlich dominiert werden– und Frauen sich unterordnen. So weit, so bekannt, das Neue ist das lakonische, schnelle Draufhinweisen.

!… 1. September 2015 Nicht dass es wichtig wäre, aber den ganzen Tag haben hier vor allem Frauen geackert und geschwitzt und es hat bestens funktioniert, und jetzt kommt ein alter Typ und schafft allen an und gibt Befehle, damit das nicht so ein Chaos ist. …“

… Ich war 2015 oft davon abgestoßen, dass ein gutes Gewissen, eine helfende Hand so schnell diktatorisch wurde, in ungeheurer Schnelligkeit wurden aus guten Facebook-Gruppen, aus netten Bekannten Feldwebel, in der Sache richtig, aber im Ton streberhaft bis diktatorisch, dieses gebellte … Steh auf und hilf! Und dann wieder das:

„…5. September 2015 Bin nur am Westbahnhof Tabak kaufen. Ein Typ sitzt fertig mit seinem Rucksack abseits in einer Nische. Eine alte Frau mit einem langen Mantel kommt mit vollen Taschen, holt einen Polster raus und schiebt ihn ihm unter den Hintern. …“

Und das ist das Besondere an den Refugee McMoments … Stefanie Sargnagel sieht nicht nur die Haare in der Suppe Hilfsbereitschaft, sie macht sich ehrlich, spricht es an: Helfen löst einen Lustgewinn aus. Das sind ihre und meine und unsere Refugee McMoments. Mehr noch. Sie spürt sich nach, wie sie innerlich davon profitiert. Hier wird das Helfen der heiligen Handlung entkleidet – warum nicht, es bleibt ja trotzdem Hilfe. Es ist eine mutige Schreibe und nur nebenbei: Die meisten Schriftsteller würden daraus einen oder zwei Gesellschaftsromane machen, die ökonomisch begabteren Naturen würden kichernd feststellen, dass sie hier ein weites Feld vor sich haben, dass sie beackern könnten weit bis über das siebzigste Lebensjahr hinaus. Stefanie Sargnagel genügen Facebookposts. Was für eine lustige Verschwendung von großem Stoff.

Und dann gibt es da noch die Rufnummernauskunft.

Wenn ich Streit will, rufe ich die Auskunft an. Will ich den Auseinandersetzungen körperlichen Charakter verleihen, bisschen schubsen, dann fahre ich Bus, da empfehle ich den Berliner M41. Für pöbeln … Callcenter. Der philosophische Sinn dieser ausgelagerten Stätten des Neoliberalismus ist, Dienen und Servilität customerwärts gerichtet als Normverhalten zu verkaufen. Nur klappt das nie, denn zwischen den Wünschen von Unternehmen und dem Customer sitzen Angestellte. Arbeitende Menschen, denen beschieden wurde, dass ein Sonntag kein Feiertag ist, dass geregelte Arbeitszeiten nur etwas für Menschen sind, die eben nicht im Callcenter anschaffen. Verständlich, dass Callcentermitarbeiter nicht die maximalen Gründe haben, stets und ständig gute Laune on phone zu schieben, denn sie haben Mindestlohn. … Und dann hebt die Ich-Erzählerin ab und führt vor, was genau gemeint ist, wenn sie sagt: Am Orsch.

…13. Oktober 2013 „Rufnummernauskunft, Stefanie Fröhlich, was kann ich für Sie tun?“ „Ich such so ne Frittenbude im 22. Bezirk … an so ner Ecke zur Viktorstraße … Das sind so irgendwelche Kanaken.“ „Ähem … okay … naja, da gibt’s halt unter Imbisse das Wiener Schnitzelhaus.“ „Ja, genau, das mein ich.“…

Dem Neoliberalismus sei Dank:  Es ist ein Figurentypus wiederauferstanden, von dem ich dachte, dass er mausetot sei – Der Diener und die Dienerin. Die oft ausgestattet sind mit einer passiven Widerstandshaltung, was sie in Literatur, Theater und Film so beliebt machte. Film und Theater, für das Theo Lingen ein Paradebeispiel der subversiven Dienerfigur ist, der das schlitzohrige Sich-dumm-stellen kultivierte. Herrlich, wie bei Shakespeare die Diener den Handlungen oft einen Tritt geben durch Verwechslung, Verstellung, Faulheit und List. Die Erweiterung des Dieners ist der Sklave, der dadurch, dass er noch nicht einmal mehr sich selbst besitzt, zumindest in neuzeitlichen Dramen einen tragischen Gehalt bekommt. Was bei In der Zukunft so frappiert, ist, dass die Autorin sich die Perspektive der Dienenden aneignet, sie durch das einfache Agieren der Steffi Fröhlich ausgesprochen politisch macht, ohne mit dem Zeigefinger drauf zu verweisen. Mich hingegen macht es sprachlos, dass die ungebremste Marktwirtschaft Diener/Dienerin wieder möglich machten.

An Tragik gewinnt In der Zukunft  auch dadurch, weil die Autorin den an sich deprimierenden Gehalt von Szenen aus dem Blickwinkel des Humors  erzählt. Man muss sich das mal vorstellen: überall sitzen schlecht bezahlte Menschen und sollen effizient und freundlich am besten gestern helfen. Und vollends dramatisch wird die Not der Steffi Fröhlich, wenn sie im Leben einen Sinn sucht. Der komische Grund ist die rührende Selbstverständlichkeit für Steffi, dass Leben einen Sinn haben soll. Es schließen sich herzige Versuche der Sinnsuche an – mal mit Bier, mal mit Verlieben – aber das geht nicht, denn wer sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens macht, der ist ein Zweifler. Merksatz für Steffi Fr.: An das Leben muss man glauben wie eine Zeugin Jehovas mit dem Wachtturm in der Hand.

In der Zukunft sind wir alle tot, eine Anordnung von Sichten. Mein Fazit: Stefanie Sargnagel erzählt von einer sich verändernden Welt, in der das Recht auf Glück und Wahlmöglichkeiten  nicht mehr selbstverständlich sind. Das wäre alles zum Weinen, aber St. Sargnagel bewältigt die triste Handlung mit so viel Lakonie, Witz und  Querdenkertum – das mich an Karl Valentin erinnert – dass es mir eine große Freude war. 

In der Zukunft sind wir alle tot, von Stefanie Sargnagel,
erschienen Mitte März 2014, 2. aktualisierte Version Juni 2016
ca. 110 Seiten auf dem Smartphone, mit einem Vorwort der Autorin
ISBN 978-3-944543-13-0
Erhältlich bei:
Amazon beam Buecher.de Hugendubel Google Play iTunes Kobo Thalia und in vielen anderen Webshops sowie im Buchhandel.
Ab Ende Juni 2016 auch in erweiterter Form mit zusätzlichen Texten als Buch:
ISBN 978-3-944543-37-6, 8,99 EUR.

 

 

Literatur ja oder nein? Stefanie Sargnagel wird zu Recht viel besprochen, hier eine schöne Besprechung von Kulturgeschwätz, in der auch der Frage nach dem Literaturgehalt nachgegangen wird. Ratlos im Beisl, eine Kritik von 2014, erschienen bei Fixpoetry, behandelt das Ursprungswerk der Autorin, die 2016er Ausgabe, die sich bespreche, ist eine erweiterte Ausgabe. Hier stellt der Kritiker fest, dass Facebookeintragungen keine Literatur sind. Ich meine auch, dass 99 % aller Fb-posts keine Literatur sind, wie 99 % aller von Kinderhand gezeichneter Einkaufslisten keine Kunst sind. Aber von Facebookposts auf Literatur oder eben nicht zu schließen, ist der falsche Ansatz.

2 Gedanken zu „Ja, sterben muss man, so gelesen bei Stefanie Sargnagel

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