Auf See, von Michaela Maria Müller

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Die Autorin und Journalistin Michaela Maria Müller widmet sich in Auf See – Die Geschichte von Ayan und Samir, Frohmann Verlag eindrücklich dem Punkt, an dem aus dem schnöden Wort Flüchtlinge – Menschen, Menschen die flüchten – werden.

Zu Beginn ein aufgelassenes Schiff auf Lampedusa. Und eine Journalistin, die in dem Schiffsrumpf  eine Tasche, Geld, ein Babytragetuch, den Ausweis einer Hilfsorganisation, darauf verwaschen der Name Ayan steht, findet. … Die Geschichte von Ayan und Samir wird aus mehreren Richtungen erzählt, denn die Autorin bedient sich der Reportage, dem Bericht und Essay und vernachlässigt die Fabel um die beiden Menschen, die anfangs Liebende sind, Eltern werden, nicht. … Noch lange nicht am Ende des  furchtbaren Weges, der ihr noch bevorsteht, wird  Ayans Sein auf den Begriff Flüchtling reduziert, am Ende bleibt von ihrem Leben anscheinend (es ist Auslegungssache) nur eine Tasche, gefunden von der Journalistin.

Die vielen Ebenen, mal geschickt konstruiert, mal aufgesetzt, stellen für mich die Erzählung um ein Liebespaar in einen größeren Zusammenhang. Dadurch wird die Kausalkette von Ursache und Folge nicht mehr so dringend benötigt, für mich als Leserin fühlte es sich so an: Veränderungen im gesellschaftlichen wie im politischen Rahmen können so schleichend geschehen, sind so diffus und zu komplex, das es Einzelne überrollt, dass es jeden treffen kann. Was für mich heißt: Flüchtling sein, ist kein Zustand, in den du dich begibst, du wirst zum Flüchtling gemacht. …Was helfen kann, ist ein gewachsenes Verständnis, als Mensch, als Bürger, als Teil einer Gemeinschaft. Wie das erreichen? Wie es bewahren?

Um die Wirklichkeit im Heute einzufangen, spannt M. Müller den Rahmen ihrer Erzählung weit. Natürlich geht es um Ayan und Samir, es geht um Flucht, wichtig sind aber immer die Fluchtgründe – und da kommt die Recherche der Autorin zum Tragen, wie zum Beispiel die Auswirkungen um die Entführung  einer Passagiermaschine 1977 durch RAF-Terroristen – und deren anschließende die Befreiung in Mogadischu, woraus Hilfe  für Somalia wurde. Das hat auch mit heutigen somalischen Verhältnissen zu tun; einem Land, das zu den gefährlichsten Orten der Welt gezählt wird.

Ayans Geschichte beginnt in Kismaayo, einer Hafenstadt am Indischen Ozean in Somalia. Als Ayan schwanger wird, nimmt ihr Mann Samir eine neue Stelle in Mogadischu an. Das geschieht  auf Vermittlung eines alten Bekannten, der, aus dem Londoner Exil zurück gekehrt, zu einem strenggläubigen Muslim mutierte. Für Ayan werden die Zeiten als Frau in Somalia, als arbeitende Frau, härter. Bei einem Besuch in Mogadischu, verschwindet Zahra, eine Freundin von Ayan.Sie wurde entführt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit umgebracht. Ayan wird bedroht. Was hat sie sich zuschulden kommen lassen? Nichts. Außer dass sie eine für somalische Verhältnisse gebildete und als Übersetzerin arbeitende Frau ist. Sie macht sich auf den Weg. Ihr Mann Samir hingegen nimmt einen anderen Weg. Wird er seiner Frau helfen können? Eher nicht.

Fazit: Michaela M.Müller ist mit Auf See, die Geschichte von Ayan und Samir ein gut komponiertes, nicht linear geschriebenes Buch gelungen, um eine Liebe, die nicht stattfinden kann und viele Leben, die nicht stattfinden können. Einfach so. Aus vielen Gründen. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine große Verbreitung und angemessene Wahrnehmung für dieses wohlabgewogene Buch. Und nicht zuletzt, eigentlich käme es zuerst: Das Cover ist wunderschön.

Zur Autorin: Michaela Maria Müller, geboren 1974 in Dachau, wuchs auf einem Bauernhof auf. Sie studierte an der Humboldt Universität Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaften sowie Geschichte Südasiens. Als Journalistin und Publizistin schreibt sie für die Neue Zürcher Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, für Emma, Emotion und Deutsche Welle.

Nächste Lesungen mit M.M. Müller: Samstag, 18. Juni, 13 Uhr: Lesung im Ocelot, Berlin, und auf der Electric Book Fair 2016, Samstag, 25. Juni, 20.00 Uhr in der Colonia Nova, EBF 16 unter dem Motto: Migration und Fiktion – Drei Autorinnen erfinden Gegenwelten. Ich moderiere und ich freue mich!

 

Erste Auflage Frohmann Verlag Berlin 2016 frohmann.orbanism.com
© 2016 Frohmann Verlag Christiane Frohmann, Walhallastr. 7, 13156 Berlin Lektorat : Asal Dardan, Christiane Frohmann Gestaltung und Satz : Ursula Steinhoff
ISBN: 978-3-944195-82-7, Gebundene Ausgabe EUR 19,90, E-Book EUR 5,99

Bezugsquellen: Gebundene Ausgabe: online bestellbar u. a. bei Ocelot, Osiander, Schweitzerund Amazon
ePub: Apple, bol, Ocelot, Osiander, Buch.de. und Schweitzer
Kindle-mobi: Amazon

Ein Bericht von Spiegel Online unter Berufung des UNHCR vom 29.05.16

3 Gedanken zu „Auf See, von Michaela Maria Müller

    1. Tania Folaji

      Das freut mich, Claudia! Dann bin ich sehr gespannt auf deine Eindrücke – für mich war beim Lesen so schön, dass die Fluchtthematik wie in einen grösseren Rahmen gespannt war – viele Grüße von Tania

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  1. Pingback: Auf See, Notizen zur Gartenlesung | meermoabit

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