Mary wäre keine Flexitarierin

mary-farbe…und auch keine Wechseljuicerin (Slang: A. Taschen), sondern einfach nur schön öko. Oder Psychogretel, so wird die junge Frau, die erstmal sehr unbedarft daherkommt, genannt.  Mary ist die Figur, an der sich alle abarbeiten, weil sie mit ihrer Unbedarftheit dazu einlädt, die aber, wie die klassische Naive eben, ein sturzharter Brocken ist. Insgesamt ist Eva Strasser mit Mary, erschienen 2013 im Verlag  Das Beben,  ein Roman gelungen, den ich liebe.

„… Ein normaler Mensch in Berlin auf einer Dachterrasse, das hat man nicht oft. …“. 

Vier gute Freunde: Isa und David, Käthe und Hans. Sie sind jung, urban, haben gute Jobs, oder das, was sie dafür halten – oder sie sind auf dem Weg zu guten Jobs; denn um halbwegs dabei zu sein, muss ein Job her, aber ein guter.

Erzählt wird aus der Perspektive jeder der fünf Personen. Sie leben ihr Leben, dass sich folgerichtig nur um sie dreht. Jedes Kapitel fängt mit dem Namen des Sprechenden an, was gut ist, denn Eva Strasser setzt die Sprachen sind nicht extrem voneinander ab. Bei Isa, Malerin ist, geht es um ihr Ego und ihre nächste Ausstellung und leider, als die sich in ihr Leben drängt, um ihre Schulfreundin Mary. Dann gibt es Käthe, Studentin an der Kunsthochschule Weissensee, die darum kämpft, ihre selbstgehäkelte Babystramplerkollektion in den Größen 50 – 62 fertigzustellen, trotz lästig aufplatzender Fingerkuppen, die die schnuckelige Wollware vollblutet. Käthe hat Fragen an ihre Beziehung und zwischendurch immer wieder Mühe, ihren Verstand zu behalten. Ihr Freund Hans, für mich die zynischste Figur in dem Ensemble der Eitelkeiten, hat ein großes Interesse an Drogen, anderen Frauen und Männern und nicht an seinem Studium, er bekommt aber trotzdem ein Stipendium hinter her geworfen. Der Satz, der ein gutes Schlaglicht auf  Hans wirft, ist folgender: „…Käthe fand den (Hund) süß, aber ich sehe ja Hunde mit anderen Augen, seit ich da in Korea mal aus Versehen einen gegessen habe. …“ David, Isas Freund, arbeitet im Gesundheitsministerium an einer Studie, die ihn nicht interessiert, die mit Zahlen von Lobbyisten geschönt wird, was ihn verwundert, mehr nicht, für ihn wichtiger: er raucht , seitdem er im Ministerium ist, Zigarillo. „…

Dieser Roman könnte mit den vieren allein schon unglaublich viel Spaß machen, Eva Strasser will woanders hin.Sie fügt dem selbstverliebten Kleeblatt eine Komponente hinzu. Mary. David über Mary: „…Also ich hab ja gar nichts gegen alternative Herangehensweisen an die Welt (…) aber wenn man das bei Tageslicht betrachtet, ist das in meinen Augen genauso eine Realitätsflucht, wie wenn ich jetzt das ganze Wochenende irgendwo versacke… .“

Mary möchte dazu gehören. Ihre neuen Freunde können sie nicht ausstehen. Mary wird geschnitten, beleidigt, abgehängt. Willensstarke Mary nimmt, um ihren neuen Freunden zu imponieren, mit ihnen nicht näher gekennzeichnete, von Hans zusammengepanschte Drogen. Mary stirbt. War das klettenhaft zutrauliche Mädchen vorher nur ein Ärgernis in selbstgebatikter Kleidung, wird sie als Tote zu einem handfesten Problem. Denn sofort erscheint Marys überfürsorgliche Mutter auf dem Plan, und nun beginnen sich die Probleme zu türmen. Haben Isa und David sich bisher überwiegend gepflegt und gehätschelt, poppen nun existenzielle Probleme auf. Nicht der fahrlässigen Tötung belangt zu werden. Nicht mit Leichen-Mary in Verbindung gebracht werden. Sie wollen weiter ihr friedliches fancy Mitte-Leben leben, Mary darf nicht der Stolperstein ihrer Karriere werden.

Und da habe ich ein kleines Manko gefunden. Die Geschichte von vier Narzissten war mir an sich schon ausreichend. Es ist ein spitz überzeichneter Gesellschaftsroman, der Leben ohne Bodenhaftung karikiert. Nach Marys Ableben verlagert sich bei vor allem bei Isa und Hans der Akzent. Sie können nicht mehr sich und die Welt gelangweilt beobachten, sie stehen unter dem Zwang, eine Leiche loszuwerden, müssen dann jedem Verdacht aus dem Weg gehen, der nur irgendwie auf sie fallen könnte. Mir hätte die Geschichte der Narzissten gereicht.

Am Ende, das ich nicht verraten kann, stellt eine Überraschung die Geschichte von den vier Freunden, die nie welche waren, abermals auf den Kopf. Meine Meinung: Dramaturgisch gesehen ist nichts gegen diese Überraschung einzuwenden, die Autorin hat sie auch gut vorbereitet, allein, ich brauchte sie nicht. Zu kräftig sind die Figuren, zu reizvoll die Erzählweise, dass mir eine sich am Ende enthüllende vollgültige Intrige ein wenig überladen vorkam. So ist das nun mal: Sehr plastische Figuren nehmen viel Raum ein und drücken die Fabel gegen die Wand.

Egal. Mary ist zuallererst ein herrlich-amüsantes, scharfzüngiges Buch, gut beobachtet, krude Egomanen, die am Ende über sich selbst, ihre Ansprüche und ihre Unfähigkeit stolpern. Käthe: „… eigentlich keine Lust, aber nach ein paar Lines von der Waschmaschine sieht das schon wieder ganz anders aus. …“. David: „… Und jetzt sitze ich im Gesundheitsministerium. Alle waren sehr erstaunt, warum nicht Justiz? Oder Wirtschaft? Aber hey, keine Ahnung, irgendwie hatte ich Bock auf Gesundheit. Vielleicht, weil mein Lebenswandel so ungesund ist. …“

Dem Verlag Das Beben mit seiner durchweg wundervollen Covergestaltung (Lisa Naujack) und den guten Titeln; mache ich nur einen Vorwurf: Sie sind zu wenig präsent. Man muss diesen Independent-E-Book-Verlag kennen und gezielt ansteuern. Natürlich ist das Leben kein Wunschkonzert, aber ich würde mir für Bücher wie Mary mehr Aufmerksamkeit wünschen.

Mary, Eva Strasser, 3.49 €, ISBN 978-3-944855-02-8, Verfügbare Formate: epub • epub-K • mobi • PDF, Veröffentlicht am Sept. 1, 2013

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Wissenswertes über die Autorin: Eva Strasser studierte in Wien und Berlin Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften. Anschließend dffb/ Drehbuch. Arbeit als Texterin,  ZDF-Telenovela-Redaktion und schrieb Fortsetzungsdrehbücher für ein Serienmagazin.

Hier beantwortet die Gestalterin, Lisa Naujack, ein paar Fragen zu Cover, Idee und Umsetzung.