Seifenblasen, Kurt Tucholsky

978-3-644-05391-5

Ich habe mich beschenkt – mit der Filmerzählung, im Eigentlichen eine schlanke Kurzgeschichte, Seifenblasen von Kurt Tucholsky.

Geburtstagsgeschenke, Weihnachtsgeschenke, Muttertag, Vatertag, Mitbringsel und hohe Feiertage. Ich verschenke gern Bücher, leider habe ich noch nie ein EBook verschenkt, Heute das Erste, und das ging an mich, denn bei Rowohlt Rotation, der EBook-Angelegenheit aus der Verlagsgruppe Rowohlt, ging das ganz einfach.  Manko: mein Geschenk war preislich ausgewiesen, egal: Die Beschenkte war ich.

Rowohlt Rotation hat ein kleines, aber feines Angebot aus Altbewährtem und Gutlaufendem, große Namen dominieren; es kommt ein wenig ehrwürdig daher: Vladimir Nabokov, über Klaus Mann & Heinrich Mann, Jonathan Franzen und so weiter. Was wird insgesamt geboten? Rowohlt Rotation hat die nicht ganz so berühmten Erzählungen, Geschichten, die wie Mauerblümchen im Schatten großer Erzählungen leben, Biografisch-Erhellendes und Vorläufergeschichten.

Bei meinem Geschenk handelt es sich um die in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung Seifenblasen, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Auch im Angebot die interessante Vorläufergeschichte, die den Titel Der Bezauberer trägt, von Vladimir Nabokov, dem die gleiche Thematik wie Lolita zugrunde liegt. Und wem zum Beispiel der ökologisch-ornithologische Strang in Jonathan Franzens Freiheit noch nicht genügt  hat, der kann bei Rotation mit J. Franzens Aufsatz, Die Klimaklemme, zum Overkill schreiten.

Also Seifenblasen. Filmerzählung. Filmerzählung strebt dem E-Book entgegen. Die Kürze und die Konzentration auf das Wesentliche, das einen möglichen Film ausmacht – es kann immer nur das erzählt werden, was im Bild erscheint – und – jeder Film hat ein Ende, der immer genau vor dem Abspann liegt, bei einem Roman ist ein Ende nicht zwingend erforderlich – stehen dem E-Book nah. Da Tucholsky sich Anmerkungen, Seitenhiebe und Schwadronieren nicht nehmen lässt und gottlob Anweisungen wie 1.Szene, Außen-Tag, Barbara und Bruder auf Parkbank, vermeidet, also alles gelöst in knapper Erzählung aufscheint, die sich dem Bild unterordnet, ist Seifenblasen leicht und gut lesbar.

Inhalt: Es ist die Geschichte um das Mädchen Barbara, das einen Herren spielt und als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird, der Damen und Herren mächtig an- und aufregt.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms tritt Barbara als gefeierte Travestiekünstlerin, die eigentlich keine ist, im Lido auf, was Anlass zu Gesang gibt. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, um sein Berlin und Typen in der Art von Herrn Wendriner und Gattin auszustellen. Wie im Vorbeigehen lässt er Berliner Schnauze zu seinem Recht kommen und begreift gut, dass dem Film das Flüchtige liegt. Zum Beispiel eine Szene, die verdeutlichen soll, wie weit es Barbara als Herr Paulus gebracht hat. Bis ins Radio, ein Star! Herr Paulus, eigentlich Barbara singt in ein fremdes Wohnzimmer hinein, die Familie ist ganz ungeniert: – … „Da wärst du auch was Rechtes“, sagt die Frau. „Hätt ich dich nicht geheiratet, dann wär ich heute von Kopf bis Fuß auf Liebe …“ – das geht im Gezänk und im Krach unter er haut auf den Tisch, und sie geht raus und knallt die Tür und kommt wieder herein, und die älteste Tochter spielt unterdessen ein bißchen Klavier, und der Sohn neckt den Papagei und spricht ihm ununterbrochen vor. „Freiheil“ – „Frontheil!“ und der Papagei hört sich das eine Weile mit an, und kreischt dann plötzlich: „Du kannst mir mal!“ und nun fallen alle über den Sohn her, wie er dem Papagei …- dieses Dazwischengequatsche, dass mit der Haupthandlung nichts zu tun hat,  nutzt Tucholsky für bissige Autorenkommentare, für uns Leser im Jetzt machen sich breite Bezüge zum Blauen Engel und aufkommenden Naziunheil auf.

Zum einen unterliegen die Seifenblasen einer strengen Dramaturgie, wie jede ordentliche Komödie, besonders die Verwechslungskomödie. Heute gelesen, spielt sich die Erzählung vor einer historischen Folie ab, es ist nicht nur eine Filmerzählung, es ist ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig. 1929 hatte Tucholsky seinen Wohnsitz nach Schweden verlegen müssen,  er hatte Deutschland über, aber auch wegen des Weltbühnen-Prozesses, der sich gegen Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete. Das Gericht verzichtete darauf, Kurt Tucholsky mit anzuklagen, sein berühmt gewordener Satzes Soldaten sind Mörder  war der Grund. Und da hat es für mich beim Lesen dieser Herren-Damen-Hosenrollen-Nummer eine todtraurige Note, weil Tucholsky sich aus der Ferne an das Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, heranschrieb.

Ende 1931, im Entstehungszeitraum von Seifenblasen, wurde Carl von Ossietzky  wegen Spionage zu achtzehn Monaten Haft verurteilt. Tucholsky blieb in Schweden und lastete es sich in den vier Jahren, die er noch lebte, an, den Freunden im Prozess nicht beigestanden zu haben. Kurt Tucholsky verstarb an den Folgen eines Suizids am 21. Dezember 1935.

Die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky die Seifenblasen schrieb, lassen sich von der dalberigen Komödie um Mädchen, das einen Herrn spielt, der ein Travestiekünstler sein soll, der ein Mädchen spielt, nicht mehr trennen. Einerseits geht es um den Kritiker, Feuilletonisten und Schriftsteller Tucholsky, der verzweifelte, andererseits geht es in den Seifenblasen auch und nicht nur nebenher um eine Zeit, einen Ort und viele Leben, die Tucholsky vermisste –es geht um eine Zeit, die 1933 zerstört wurde. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Denn es ist aus der Behandlung des Sujets herauszuspüren, dass Kurt Tucholsky dem Film ablehnend Tucholsky dem Film gegenüberstand.  Auch in dem lesenswerten Nachwort von Michael Töteberg ist das ein Thema; Tucholsky akzeptierte, wie die Mehrheit der Deutschen, lediglich das Buch, die Oper und das Theater als Kulturgut. Der Film war Zeitvertreib der kleinen Leute, man sieht es auch an dem herablassenden Titel von Siegfried Kracauer Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino sehen. Deutschland und seine Kulturgüter. Was auch dazu führte und führt, dass Deutschland in Filmentwicklungen bis heute – außer dem Expressionismus- nichts Bahnbrechendes geleistet hat. Dem E-Book geht es ähnlich. Die Innovation wird nicht begriffen. Nun gut.

Für einen Menschen, der Filme nicht mochte, sitzen seine Dialoge, das System der Verwechslungskomödie, in dem der Zuschauer immer das größte Vorwissen hat, ist dem Schwank entlehnt.  Die Lieder, Chansons und Couplets sind herrlich …

 „… Man weiß bei dir nie, wie man dran ist –

Ob du ein Mädchen oder ein Mann bist –

Ich rate rechts, ich rate links –

Kleine Sphinx! Kleine Sphinx! …“

Auch die Montage handhabt Tucholsky souverän, er bringt Gleichzeitigkeiten, Überlappungen, die er locker nach Filmzeit organisiert. Die Urmutter der filmischen Bewegung, die Verfolgungsjagd mit Auto ist ein wenig unmotiviert zum Ende hin aufgesetzt, egal. Also: Tucholsky hätte Film schreiben können, er wollte es aber nicht.  Aus der Nachbemerkung Michael Tötebergs mit dem Titel Kurt Tucholsky und das Kino lässt er Tucholsky sprechen: „… Er (K.Tucholsky) hatte den nicht unbegründeten Verdacht: „Sie wollen einen Film mit meinem Namen und dem Inhalt von der Courths-Mahler“. …“

Angemerkt: Kurt Tucholsky hat Seifenblasen auf Grundlage einer Idee des Produzenten G.W. Pabst geschrieben.

Fazit: Die Zeit und ihre Umstände machen aus der 115 Seiten langen Verwechslungskomödie eine ernste Angelegenheit.  Trotzdem Kurt Tucholsky Film an sich nicht ernst nahm, ist ihm mit den Seifenblasen eine temporeiche Verwechslungskomödie wie wie Viktor und Viktoria oder Tootsie gelungen, angereichert mit großartig Liedern.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro