Am Ende bleiben die Zedern

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Samirs Leben wird seit dem Verschwinden seines Vaters von einer großen Traurigkeit überschattet. Denn Brahim El-Hourani verlässt die Mutter, die kleine Schwester und Samir wortlos, verschwindet spurlos. Das Verschwinden des Vaters ist für den Sohn das Rätsel, das ihn am Leben hindert.

Am Anfang des Romans, Am Ende bleiben die Zedern, liegt Samir in Beirut, ein Messer zwischen den Rippen, Trost bietet allenfalls nur noch der warme Asphalt. Geld weg, Ausweis weg, Flugticket auch, genauso wie die letzten Erinnerungen an den Vater: sein Tagebuch und ein Bild. Bevor Samir ohnmächtig wird, gilt der letzte Gedanke dem Vater.

Zurück in der Zeit: 1983, Beirut brennt, Samirs Eltern migrieren nach Deutschland. Das Ankommen der Familie in einer Turnhalle, Samirs Geburt, ihr Sich-Einfinden in Deutschland, daneben immer  die große Sehnsucht nach dem Libanon, die vor allem den Vater beherrscht. Der Fixstern in Samirs Leben ist der Vater. Seine Anwesenheit, seine Geschichten, seine Liebe zu den Zedern, zu dem Land, dem er entstammt, überträgt er eins zu eins auf den Jungen. Der Vater nährt den Jungen mit seiner Sehnsucht, nebenher ist er ein großer Geschichtenerzähler, er erzählt ihm fabelähnliche Geschichten von Tieren, mit menschlichen Charakterzügen. Mit einem Mal ist der Vater, nachdem er Samir eine lang erwartete Geschichte erzählt, fort. Die Trauer, die über den Zehnjährigen hereinbricht, ist in ihrer Wucht, mit der sie das Kind trifft, seine Sicht auf das Leben prägt und in ihrer Differenziertheit bedrückend gut und genau geschildert. Lange Zeit wird Samir von der großen Angst heimgesucht, dass er die Gesichtszüge des Vaters vergessen könne, was der Junge sich anlasten würde, seiner Vergesslichkeit, seiner Nachlässigkeit, er würde es für ein Zeichen mangelnder Sohnesliebe  nehmen.

Warum ist der Vater verschwunden – und wohin? Lebt er noch? Diese Fragen müssen hinten angestellt werden, die Mutter schlägt sich ohne Mann, dafür mit zwei Kindern durchs Leben, alle machen irgendwie weiter, schauen nicht nach vorn, sehen nicht hoch. Samirs Leben bleibt auch weiterhin nicht von furchtbaren Schicksalsschlägen verschont, im Lesen drängt sich der Eindruck auf, warum passiert gerade diesem armen Jungen so viel Schlimmes, ist es eine Art Hiob-Roman? Nein. Ist es nicht. Samir ist irgendwie erwachsen geworden –lebt ein zurückgezogenes Leben ohne Ambitionen, mit Hornhautschwarte auf der Seele. Das Einzige, was ihn noch an die Welt bindet, ist die Liebe zu einem Mädchen. Und die schickt ihn los, in den Libanon, den Vater suchen oder zumindest eine Spur des Vaters finden; eine Erklärung für sein Verschwinden zu finden.

Samir beginnt dort, wo die Geschichte ihren Anfangspunkt nahm, im Libanon. Und findet Hinweise, Personen und Merkwürdigkeiten, die ihm eine Erkenntnis bescheren, die er als Jugendlicher nicht hat machen dürfen: Eltern sind nur aus der Kinderperspektive Eltern und geliebte Autoritätspersonen, danach sind sie ganz schnöde Menschen.

Pierre Jarawan, geb. 1985, Autor, Slam Poet, Deutscher Meister desselben im Jahrgang 2012, erzählt in seinem Debütroman nicht nur die Suche nach dem Vater, sondern auch das Auf und Ab des Libanons. Aber bis auf die Überfülle, die mehr Begrenzung verlangt hätte, ist die Geschichte um einen, der auszieht, wieder leben und lieben zu lernen, wunderschön.

Die Stärke des Romans liegt  in der Perspektive des Samir, ich folgte ihm gern durch das Buch. Und nicht nur nebenher breitet Pierre Jarawan groß und kenntnisreich die Geschichte des Libanon, des Nahen Osten  aus. In wundervollen Tempi-Wechseln mit wunderschönen Dialogen, die sitzen, die die Menschen gar nicht beschreiben müssen, sondern die die sprechenden Personen mühelos durch Dialog erzählt.

Warm und herzlich schafft es der Erzähler, das Schicksal der Familie El-Hourani im Libanonkrieg zu zeigen, die nach Deutschland fliehen, dessen Auswirkungen eine Generation weiter an der gesamten Familie spürbar sind. Das gelingt Pierre Jarawan im Wechsel durch Beoachtung, Dialog und Erzähltempo. Alles gelungen.

 

Aber welcher Struktur folgt Am Ende bleiben die Zedern? Und da wird es voll wie auf einer Party im Studentenwohnheim: Es ist ein coming-of-age Roman, die Werdung von Samir und es ist ein Detektivroman auf der Suche nach dem verschwundenen Vater und seinen Motiven. Es ist ein Gesellschaftsroman, insbesondere auf der Ebene dessen, was die Familie El-Hourani im Libanon erlebte, wird zu ihrer Biographie in Deutschland, wird durch die Sehnsucht, die der Vater dem Sohn einimpft, tragisch. Denn ein ungebrochenes Verhältnis zum Libanon, ein Sein im Libanon, wird Samir nie mehr erreichen können. Er ist in Deutschland sozialisiert. Dadurch hat Am Ende bleiben die Zedern auch die Haltung des amerikanischen Einwanderungsroman, wie Amy Tan ihn schreibt. Pierre Jarawan garniert diese Fülle noch mit Fabeln, die der Vater seinem Sohn zur Gute-Nacht erzählt. Diese Fabeln stehen aber nicht für sich allein, sie sind ernst zunehmende Hinweise für den Detektivstrang der Geschichte. Noch nicht zu guter Letzt gibt es eine vorsichtige Liebesgeschichte, die zwar ohne große Entwicklungen verläuft, aber für Samir den entscheidenden Anstoß zur Suche gibt. So weit, so gut; aber zum Ende hin begibt sich der Roman noch auf ein neues Terrain: Neue Figuren werden eingeführt, neues Setting, neue Problemstellung, die Fabel nimmt in Richtung Thriller Fahrt auf.

Durch den letzten Wechsel werden es zu viele Geschichten, die ineinander greifen – denn es ist kein episches Erzählen wie bei 1001 Nacht, der Urmutter der Geschichten, wo die Geschichten wie eine Kette aufeinanderfolgen mit einer entschieden episodischen Struktur. In Am Ende bleiben die Zedern beziehen sich die Geschichten dramatisch aufeinander, sie können nicht für sich allein stehen, was die ergreifende Geschichte um Samir und die nicht minder berührende Geschichte des Libanons schwächt.

Hat Am Ende bleiben die Zedern ein Happy End? Ja und nein. Auf inhaltlicher Ebene klärt sich alles, trotzdem ist es kein glückliches Ende. Die Figuren werden für mich nicht nur entzaubert, nein, eine Figur enttäuscht mich massiv. Es ist nicht Samir, der zaudernde Held, trotzdem da auch ein Einwand ist – zum Ende hin wird Samir derart duldsam, dass er in der diesjährigen Titelanwartschaft als weltbester Märtyrer glatt den ersten Preis gewinnen könnte.

Aber: Das sind Einwände, die die starke Geschichte mit den anschaulichen Figuren, die sich wunderschön erzählt, nur wenig eintrüben können. Zwei Seelenzentren machen das Buch aus: Den Libanon und die Vatersuche, die immer auch die Suche nach sich selbst ist. Am Ende bleiben die Zedern hat die Kraft, ein Buch zu werden, dass viele berührt, auch deshalb, weil Pierre Jarawan den Begriff Flüchtling aufspaltet und richtigerweise in die Begrifflichkeit Mensch überführt.

Am Ende bleiben die Zedern

ROMAN

Erschienen am 01.03.2016
448 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1302-6
€ 22,00 [D], € 22,70 [A], sFr 29,90
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