Rasha Abbas und die Erfindung der deutschen Grammatik. Geschichten

 

Rasha Abbas hat mit Die Erfindung der deutschen Grammatik,  -ein wunderbarer Titel!- aus dem mikrotext Verlag, ein erfrischend groteskes Elektrobuch vorgelegt, in dem sich  Erzählungen, Beobachtungen und Situationen wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen.

Denke ich oder denken wir heutzutage an Syrien oder Syrer, dann sind die kollektiven inneren Bilder z.B. die nicht mehr vorhandene Skyline von Homs, Flüchtlingslager, Menschen, die Straßen entlang laufen und unter Umständen noch das Bild eines Busses mit der Aufschrift Reisegenuss. Dem setzt Rasha Abbas eine wunderbar andere Haltung entgegen:

Das AutorenIch sieht ihren Antrag auf Asyl als ein Computerspiel und jede zermürbende Phase des Prozederes nicht als  Hürde, sondern als Test für das nächste Level eines Adventure-Games. Wer gewillt ist, sich darauf einzulassen, dem bietet dieses EBuch NICHT die bekannte, zur Zeit sehr abgefragte Sicht eines Flüchtlings, sondern humorvolle Erzählungen. Zudem ist die naive Sicht sehr dominant, ohne diesen Blick wäre das Buch tieftraurig. Und so wimmelt es in Die Erfindung der …  nur so von Beobachtungen, die zu Begebenheiten werden, Satirisches gibt Groteskem die Hand. Am Anfang sind es komische Grundsituationen, dann stapeln sich die Situationen genau wie die Verkennungen, drehen ab, werden grotesk.

Abbas dreht den Spieß um, sie beobachtet  Deutschland und deren Einwohner, Sitten und Gebräuche genau, während sie versucht, sich zurecht zu finden. In manchen Kurzgeschichten flaniert sie durch die Stadt wie Franz Hessel in Flanieren in Berlin und verzweifelt ähnlich wie Mark Twain an der deutschen Sprache, was schon mit den Merkwürdigkeiten der Artikel beginnt. Diese Außensicht, wie sieht Deutschland eigentlich für den aus, der neu hierherkommt, macht das Buch ungemein lustig.

In der Kurzgeschichte Sag niemals Jobcenter fällt der Icherzählerin auf, dass sie die vielen skurrilen Beschreibungen, die über native Deutsche im Umlauf sind, gar nicht nachprüfen kann, weil sie in Berlin-Neukölln lebt. Sie kann über Deutsche schlichtweg nichts sagen. Was sich auf einer Fahrt zum Jobcenter ändert. Nachdem das muntere AutorenIch in der S7 nach Ahrensfelde in eine  Faszinationsstarre verfällt – „… während mein Blick staunend über die Unmengen an blondem Haar wanderte. So viel Blond in einer derartigen Dichte, an einem Ort geballt, …. Das sind sie also, die Deutschen. Endlich! …“  – wird geklärt, warum man niemals Jobcenter sagen sollte. Lieber Arbeitszentrum. Oder Crew. Alltagsrassismus beißt sich an Lakonie die Zähne aus.

Die Dialoge kommen schnell und leicht daher, sie suchen das Gegenüber und sind aus der Perspektive der nur scheinbar naiven Autorensicht köstlich. Der singende Ton der Erzählstimme und ihre liebenswürdige  Naivität haben großen Anteil daran,  dass die Stories nicht  in ein plattes  Ihr gegen Wir verfallen. Die Sprachhaltung und die gelungene Übersetzung weisen der Erfindung der deutschen Grammatik eine interessante Flirrigkeit im Hier und Jetzt zu.  

Mein Fazit: Es kostet Mut, Aber trotzdem! zu sagen und zu lachen. Und es kostet Kraft, Menschen, Dingen und Situationen ihre manchmal unerklärliche Heiterkeit des Seins abzugewinnen. Beides schafft Rasha Abbas.

Erschienen am 8. März 2016
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
ca. 200 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-30-7

Erhältlich bei:
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Gedruckt erhältlich ab Ende März 2016 bei Orlanda, ISBN 978-3944666-25-9, 12,50€, Klappenbroschur.

Rasha Abbas, Autorin und Journalistin, veröffentlichte 2008 ihren ersten Kurzgeschichtenband, Adam hasst das Fernsehen.

Die Übersetzung besorgte Sandra Hetzl, Kopf des 10/11 Kollektivs. 10/11 hat es  sich zum Ziel gemacht, Texte junger arabischer Autoren sichtbar zu machen. Mehr Informationen 10/11.

 

2 Gedanken zu „Rasha Abbas und die Erfindung der deutschen Grammatik. Geschichten

  1. rcscherzy

    Tolles Buch. Ich habe den Blick hinein gewagt, die erste Geschichte gelesen und es mir gleich gekauft. Das ist die Art von Literatur, die dem Leser hilft, seinen Standpunkt zu wechseln, um die Welt (ein bisschen) besser zu verstehen. Mit Humor.

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    1. Tania Folaji

      Ja, du hast absolut recht. Der Perspektivwechsel hat mir gut getan, ich bin manchmal wie festgefahren, ach: Nicht chronologisch lesen, das Blättern und das Innehalten war schön!

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