Liebesbriefe am Valentinstag

cover-arthur-cravan-koenig-der-verkrachten-existenzen-mikrotext-2016-400pxÜber Anekdoten, Liebe und Briefe kann ein Leben aufscheinen, wie in dem kürzlich bei mikrotext erschienenen EBuch König der verkrachten Existenzen. Für mich stehen die Liebesbriefe im Vordergrund, die Arthur Cravan, Preisboxer, Prä-Dadaist und dann ziemlich schnell – ziemlich tot, seiner Flamme, seiner Liebe, seinem Sehnsuchtspunkt Mina Loy schrieb. Haben die Briefe sich mir deshalb so sehr in mein Bewusstsein geschoben, weil sich angesichts der manischen Schreiberei die Frage aufdrängte; sind das noch herzblutende Ergüsse oder ist das schon Stalking?

Das vorliegende EBuch ist ein Sample, die Gesamtausgabe des gutaussehenden Dichters, Preisboxers, Hoteldieb und Tausendsassa erschien 2015 bei der Edition Nautilus, mikrotext versammelt in der elektronischen Ausgabe ein best of als Textbündel, dass unbedingten Appetit auf die schillernd verkrachte Existenz des Arthur Cravan macht. In einer Anekdote beschreibt Cravan den absonderlichen Geiz des Herrn Gide, was ich andernorts plastischer und drastischer las, die Begegnungen mit Oscar Wilde gefallen mir noch, obwohl Cravan sich sehr in den Vordergrund schiebt. Er konnte natürlich nicht ahnen, dass in unserer Gegenwart eher die Figur des Oscar Wilde nach seinem Prozess, nach seiner Haftzeit, interessant ist – und eben nicht er, der Tausendsassa. Wie dem auch sei und das ist schade: Oscar Wilde bleibt flach, weil der Gegenstand von Cravans Interesse eben er selbst und seine humorigen Schilderungen sind.

Aber dann wechselt es jäh, die Erzählstimme ist wie ausgewechselt, denn Herr Cravan findet die Liebe. Er jault und bellt seinen Mond, Mina Loy, an. Der Preisboxer, Dichter, Hoteldieb,  großmäulige Herausgeber der Literaturzeitschrift Maintenant hat sich verliebt – in Mina Loy, eine amerikanische Malerin, Schriftstellerin und Lampendesignerin – und sie sich in ihn. Daher kein Stalking.

Arthur Cravans Leben findet einen Fixpunkt , sein Verlangen tritt unverhüllt hervor, sein ganzes Sein, sein Wohlbefinden ist abhängig von – IHR. Und dieses Schreiben, seine Briefe sind wunderschön zu lesen, der Zwang, originell zu sein, verfällt, er wird konzentriert, lustig die Drolligkeit, mit der er seinen Fixstern umkreist, gleichzeitig beklemmend zu lesen, was für eine Ausschließlichkeit sein Verlangen erringt. Wie Cravan sich der Liebe hingibt ist aufrichtig, klar und  heftig, geschrieben ohne Schnörkel, die Wucht ist überraschend und deshalb so liebens- und lesenswert.

Liebe hebelt einen Weltkrieg aus. Cravan schreibt die Briefe 1917, zur Weltsituation finden sich höchstens Nebensätze, obwohl seine Lebenssituation als Wehrdienstverweigerer, Deserteur, gestrandet  in Mexiko,  heftig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Egal, Cravan kennt nicht mehr Welt im Kriegszustand, er kennt nur noch Mina: „…übrigens habe ich das Keuschheitsgelübde abgelegt…““….es ist fürchterlich, wie ich dich vermisse…““…du musst kommen, sonst gehe ich nach New York oder begehe Selbstmord….““….Aber du selbst bist mehr als nur eine Frau…“ „…Wenn du an Gott glaubst, musst du kommen…“ 

Biografisches: Seit Romeo und Julia gibt es auf Seiten der Lesenden eine starke Erwartung an ein tragisches Ende, und auch die wird in der Lebens-Liebesgeschichte der beiden Exzentriker 1918 zuverlässig erfüllt –  Arthur Cravan und Mina Loy heiraten, kurz darauf ertrinkt Cravan vermutlich im Pazifischen Ozean. Demgegenüber steht die Schilderung des letzten Abschiedes, wie ihn Mina Loy ihrer Biografin erzählt: Sie steht am Strand, Cravan setzt Segel  auf einer kleinen Yacht, sie schaut ihm hinterher, bis sein Schiff hinter dem Horizont verschwindet. Loys Biografin merkt an, dass die Erzählerin stark dramatisierte Berichte schätzt. So oder so. Es endet 1918. Die Tochter von Arthur Cravan und Mina Loy wurde nach seinem Verschwinden/Tod geboren.

Alles in allem: Ein sehr lesenswerter Sample über die Liebe -nicht nur für den Valentinstag von mikrotext, die ungekürtzte Fassung ist erhältlich bei edition Nautilus.

Arthur Cravan, König der verkrachten Existenzen, ca. 150 Seiten auf dem Smartphone, mit 12 historischen Schwarz-Weiß-Fotos
ISBN 978-3-944543-33-8

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