Wörter am Sonntag, #bloggerfuerfluechtlinge

Cover - Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge

Seit dem Sommer bemerke ich eine neue deutsche Sprache. Sprache, die Mitgefühl in sich trägt. Wut, die sich artikuliert,  Wut über Zustände wie z.B. am Berliner LaGeSo, Entsetzen und Unverständnis, dass in Hilfe umschlug und umschlägt. Die Zahl derer, die ihre Heimat verlassen müssen, steigt weiter – aber ich habe in Deutschland noch nie so viel zivile Hilfe und Hilfsbereitschaft erlebt.

Für mich bedeutete das Buch Enzyklopädie – Migration in Europa, Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart,  einen Trost, da konnte ich blättern und mich vergewissern, dass Krieg, Hunger, Vertreibung keine neumodischen Erfindungen sind. Vielleicht eigenartig, aber mich hat es beruhigt. Vor einer knappen Woche kam wieder ein Buch heraus, dass aber nicht wie die Enzyklopädie sedierende Tendenzen bei mir auslöst, es kam ein E-Book, dass mich anrührt. Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge aus dem mikrotext Verlag.

Da mischen sich auf  500 Seiten (Achtung, Smartphone) biographische Notizen, Erlebnisberichte und Facebook-Status-Meldungen. Manchmal sind Texte dabei, die ich kenne, die ich schon las, und bei denen ich mich freue, dass ich sie wiedertreffe – in durchweg guter Gesellschaft. Die Texte berühren das, was ich oben ansprach, Hilfsbereitschaft, den Willen, da zu sein, Mitleiden gegen Gleichgültigkeit. Zwei Texte, die ich heute früh las, möchte ich erwähnen:

Der Bericht von Aleksandra Hadzic, die über ihren Ehemann spricht, der 1992, weil er bosnischer Muslim war, fliehen musste. In dieser Lebensgeschichte hört nichts mit Flucht auf, im Gegenteil: Nach der Flucht fängt es an, die Suche nach dem Bleiben. Können. Dürfen. In dem Fall der Schwiegereltern von Frau Hadzic stellt die Rückkehr nach dem Krieg in die vormalige Heimat kein Ankommen dar, ihr Leben bleibt ein existentieller Drahtseilakt. — Beim Lesen ging mir durch den Kopf, dass ich schon lange nicht mehr dieses miese  Wort Wirtschaftsflüchtling gehört habe; es scheint angekommen zu sein, dass Menschen keine Neigung besitzen, in ihren Heimatländern zu verhungern, sie sich auf den Weg machen, was ein legitimer Fluchtgrund ist.

Oder der Text von Nora Hespes, die die Lebensgeschichte ihres Vaters und Großvaters skizziert und offen darüber spricht, wie traumatische Kriegserfahrungen als Urängste von Generation zu Generation weiter getragen werden. Es ist Zeit, manche Lichter zu löschen.

Mit Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge ist ein durchweg berührendes, mutmachendes Buch gelungen. Sämtliche Erlöse aus dem Verkauf gehen an die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge. Ich wünsche mir viele, viele Verkäufe. Denn leider: Die Gründe, derer geflüchtet wird, sind nicht behoben. Sie werden auch nicht mit Bomben behoben. Tania Folaji

 

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