Elektro geht Print: Die Tränen der Hexen

 

Die Tränen der Hexen. Ein historischer Roman und sein spannender Werdegang im Netz. Ich habe dem Autor Uwe Grießmann ein paar Fragen gestellt. Denn neben seinem Roman, der auf historischen Begebenheiten fußt und die gelungen dramatisch wiederbelebt werden, interessiert mich, wie Uwe seinen Roman kommunizierte, welche Strategien er sich ausdachte, um in der riesigen Masse der Neuerscheinungen nicht unterzugehen. Auch: Ist eine Veröffentlichung, die elektrisch stattfand, für das Printgeschäft gestorben?

Die Tränen der Hexen
Die Tränen der Hexen, Uwe Grießmann

Ein Minenunglück 1499 in Goslar, für das eine Frau der Hexerei bezichtigt wird, bringt den fanatischen Dominikanermönch Institoris in die Stadt im Harz. Der Dominikanermönch erteilt dem Buchdruckermeister Wehrstett den Auftrag, den Hexenhammer nachzudrucken. Doch Wehrstett hadert,  für ihn bringt dieses Buch nur Tod und Verderben. Angefacht von dem Mönch greift eine Hysterie um sich, die im beschaulichen Goslar rasch zu einer Hexenjagd ausartet. Jede gefolterte Frau beschuldigt ihre Nächste. Kann der Buchdrucker Wehrstett diesen Wahnsinn aufhalten? Oder wird auch seine eigene Frau auf dem Scheiterhaufen hingerichtet?

Vom Self-Publisher zum Verlagsautoren

  1. Uwe, seit kurzer Zeit kannst du »Die Tränen der Hexen« in den Händen halten. Ist das ein anderes Gefühl, seinen Roman physikalisch (nicht physisch) zu empfinden als auf einem Reader?

»Ganz gewiss ist es so!«, würde mein Romanheld der Buchdruckermeister Wilhelm Wehrstett dazu sagen. Ja, es war eine ziemlich lange Zeit von der Unterschrift des Vertrags bis zum fertigen Buch, das ich endlich in den Händen halten kann. Es fühlt sich wunderbar an.

  1. Der Erfolg von »Die Tränen der Hexen« als E-Book war enorm. Was mich interessiert, Uwe: Wie hast du den Roman kommuniziert? Was war dein Engagement, deine Methoden?

Anfangs war der Roman ein Selbstläufer. Als er in den Top10 bei Amazon und Weltbild war, brauchte ich fast keine Werbung. Irgendwann rutschte er natürlich heraus, ab da habe ich für das E-Book geworben. Allerdings nicht so, wie es manche Zeitgenossen tun. Die glauben an das Motto der großen Konzerne, je mehr Werbung, desto besser ist der Umsatz. Also wird das eigene Werk auf Facebook wöchentlich hundertmal eingestellt. Ohne Rücksicht auf die Nerven der Leser… Oh ja, das kenne ich J, totposten ist m.E. nach absolut verkaufshemmend.

Gut: Wie genau hast du geworben.

Wenn ich geworben habe, habe ich mir jedes Mal einen neuen Text überlegt und das Ganze dann auf maximal 5 – 10 Werbeplattformen gepostet. Manchmal nahm ich auch eine aktuelle Rezension dafür. Meist tat ich das nur einmal die Woche und immer auf verschiedenen Plattformen. Alles andere wäre mir zu weit gegangen. Ich will meine Leser nicht nerven, sondern mitnehmen.

Besser als Werbung finde ich Aktionen zum Beispiel bei Lovelybooks. Wenn man da in Leserunden gute Kritiken bekommt, kaufen die Leute das Buch. Das ist besser, als das tägliche »Werbung-um-die-Ohren-Geballere«. Überhaupt, ich habe insgesamt über fünfzig Rezensionen bekommen, nur zwei davon negativ, der Rest mit vier oder fünf Sternen. Auch das bringt Verkäufe. Und ich denke, der Roman ist gelungen, sonst hätte ihn Prolibris nicht verlegt.

  1. War Selfpublishing für dich eine Zwischenstation auf dem Weg zum Verlagsvertrag, das erste Sichtbarmachen, ein Bewährungstest für deine Geschichte um Hexenprozesse?

Ich hoffe es, natürlich! Als ich den Roman zu Ostern 2015 veröffentlichte, dachte ich nicht daran, ihn einem Verlag anzubieten. Das kam erst, als er lange Zeit weit oben im Ranking von Amazon, Weltbild und Neobooks stand.

Prolibris und ich haben bereits kurz über einen Nachfolgeroman gesprochen. Der muss genauso gut werden wie die aktuelle Geschichte. Das ist meine Meinung. Ich habe einige Ideen, aber so ganz ausgereift sind sie bislang nicht. Ich vermisse derzeit einfach den Knüller in der Story. Bei »Die Tränen der Hexen« konnte ich einen Spannungsbogen aufbauen, der sich vom ersten Kapitel an, bis zum Ende hinzog und den ich immer mehr in die Höhe schrauben konnte. Genau das fehlt mir noch. Ich arbeite daran. Die besten Einfälle kommen eh, wenn man nicht dran denkt.

Selfpublishing ist, so denke ich, sehr wichtig für einen Autor, denn an einen Verlag zu geraten, ist ein absoluter Glücksfall. Ich habe seit Jahren keinen Verlag mehr angeschrieben. Beim ersten Roman ja, da dachte ich: »Wow ist der gut!«, deshalb schickte ich ihn an fünf oder sechs Verlage. Es gab nur Absagen. (Heute weiß ich, die Story ist gut, aber die Umsetzung. Na ja.)

Als erstes Sichtbarmachen würde ich es nicht beschreiben. Ich habe ja jahrelang so geschrieben und hatte einige kleine Erfolge als SPler. Leider wird der Markt immer härter oder vielmehr unübersichtlicher. Täglich werden unzählige Werke veröffentlicht, sodass man schnell in den Tiefen des Rankings versinkt. Wer auf Platz 5.729.384 steht, der bleibt in diesem Bereich. Da hilft dann auch keine ständige Präsenz auf den Werbeplattformen bei Facebook.

Bei Neobooks, dort war ich als SPler, fühlte ich mich eigentlich sehr wohl. Aber seit der Umstellung (die haben eine neue Seite, neue Konzepte und veranstalten keine Wettbewerbe mehr) habe ich mir schon oft überlegt, mich abzumelden. Sämtliche Romane habe ich jedenfalls rausgenommen. Es gibt somit nur noch ein Kochbuch, zwei Anthologien und einen Gitarrenratgeber von Frank Arlt, meinem früheren Pseudonym und »Die Tränen der Hexen« von Uwe Grießmann.

  1. Hat dein Verlag, bei dem du jetzt unterzeichnet hast, »Die Tränen der Hexen« gemacht, weil sich der Titel im Netz, in Elektrobuchverkaufsstationen, bewährt hat?

Elektrobuchverkaufsstationen, tolles Wort! Das muss ich mir merken! Ja, ich mag es auch.

Das war, denke ich, nur einer der Gründe dafür. Ein weiterer war der, dass Prolibris anders arbeitet. Prolibris ist ein kleiner Verlag, der nicht dem Strategiedenken der Großverlage unterliegt. Sie nehmen sich mehr Zeit für ihre Autoren, ich hatte sogar zwei Lektorinnen. Das, was sie verlegen, machen sie gründlich und ziemlich gut!

Eine Bekannte, ebenfalls Schriftstellerin mit mehr als zehn Werken auf dem Markt, hat die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, als ich ihr gesagt habe, dass ich »Die Tränen der Hexen« als Buch sehen möchte. »Dein Manuskript ist verbrannt«, sagte sie. »Egal, wie gut es ist, das nimmt niemand mehr!« Sie meinte das, weil es ja schon veröffentlicht war.

Ich war gefrustet und habe dennoch angefragt. Wie ich auf Prolibris gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr. Da dieser Verlag sich auf Regionalkrimis spezialisiert hat, habe ich denen eine Mail geschrieben, ob sie sich für einen historischen Roman interessieren würden, der einen regionalen Bezug zu Goslar hat. Dabei habe ich auch auf die Platzierung und die Rezensionen hingewiesen. Eine Antwort kam prompt. Am nächsten Tag sollte ich erst eine Leseprobe, ein paar Stunden später das komplette Manuskript einsenden. Den Vertrag hielt ich dann ein paar Wochen darauf in der Hand.

  1. Was ich noch unbedingt wissen möchte: Gibt es Veränderungen vom E-Book zum Print? Gab es Gewerke wie die Dramaturgie, Fonts oder die Covergestaltung, sich nicht Eins zu Eins übertragen ließen?

Ja klar, ich als SPler durfte in einem engen Rahmen machen, was ich wollte (hoffe ich jedenfalls). Nun ist der Roman ein gewerbliches Objekt OMG, klingt das gruselig!). Selbst Schriftarten unterliegen da anderen Regeln. Ich arbeitete mit »Handschriften«, die wir auf jeden Fall behalten wollten. Ich glaube, dass das auch Geld gekostet hat. Und der Satz (das ist die Datei, die dann an die Druckerei übergeben wird) wurde dadurch ziemlich schwierig.

Das wunderbare Cover der SP-Version (das von Jana Zenker und Elisabeth Marienhagen bearbeitet wurde) durften wir nicht nehmen, da es möglicherweise urheberrechtliche Probleme gibt. Es handelte sich ursprünglich um einen alten Schwarz-Weiß-Stich, der eigentlich gemeinfrei ist. Irgendjemand, vielleicht ein Museum, vielleicht auch eine Bild-Agentur könnte sich allerdings die Rechte gesichert haben. So, wie auch die Rechte an dem jetzigen Coverbild einer Agentur gehören. Es wurde teuer eingekauft.

Das neue Cover, darauf musste mich erst eine meiner Lektorin aufmerksam machen (!), zeigt eine Szene aus dem Roman. Der Richter und ein Mönch, die hinter einem Tisch sitzen. Ein roher Kerl, der dem Scharfrichter in der Story verdammt ähnlich ist, zerrt der Angeklagten das Kleid vom Leib. Dazu die Folterwerkzeuge und das Kohlebecken, es ist sehr gut, passend! Mir ist nur schleierhaft, warum der Scharfrichter Shorts, äh kurze Hosen trägt. Finde ich gut. Es müssen doch nicht immer nur Frauen halbnackt sein.

Die Geschichte selbst hat sich nicht geändert, gleichwohl wir hart an ihr gearbeitet haben. Da ging es meist um Satzanfänge und Wortwiederholungen. Ein paar Absätze sind an andere Stellen gewandert, ein paar Zeilen haben wir gestrichen und das ursprüngliche Vorwort ist nun Teil des Nachworts. Dafür ist ein Teil des Nachworts nun die Widmung am Anfang. Das kam daher, dass wir es wichtig fanden, den Zusammenhang mit dem Heute hervorzuheben. Die Widmung beginnt nämlich mit dem Satz: »Dieser Roman ist all jenen Menschen gewidmet, die im Namen gleich welchen Gottes gejagt, grausam gefoltert und hingerichtet wurden«. Und der letzte Satz lautet: »Religiöser und politischer Fanatismus haben viel mit dem Thema meines Buches zu tun. Dieser Roman ist als Zeichen dagegen zu verstehen«.

Die wichtigste Änderung war aber das Ende. Als das Lektorat mit dem Manuskript durch war, rief mich der Verlag an, dass sie den Roman aufnehmen wollen. Wir sprachen etwa eine Stunde über das Werk, darüber zum Beispiel, ob man damals wusste, dass stillende Frauen nicht schwanger werden (das kam in der ersten Fassung noch vor) oder ob das überhaupt stimmt. Auch über den Schluss redeten wir. Ich möchte jetzt keinesfalls darauf eingehen, um nichts zu verraten! Nur so viel: Meine Lektorin machte mir einen Vorschlag, den ich sofort umsetzte. Das kostete mich keine fünf Minuten. Das neue Ende habe ich dann auch für meine SP-Version, die ich noch bis September vertreiben durfte, übernommen. Es gefiel mir.

  1. Korrigiere mich bitte, Uwe, wenn ich falsch liege; aber ich las einmal, dass die »Tränen der Hexen« in einer Schreibgruppe entstanden ist. Meine Ansicht ist, dass Schreibgruppen nicht nur unter Selfpublishern ein Gewinn sind. Es ist hilfreich, Figuren und Plot immer wieder zur Diskussion zu stellen. Meine Frage, Uwe: Sollten sich Selfpublisher stärker untereinander vernetzen und nach Möglichkeit untereinander dramaturgisch arbeiten oder ist die Verlagssuche der bessere Weg?

Es ist richtig, dass die Idee und das erste Aufeinandertreffen von Wilhelm Wehrstett und dem Dominikanermönch Henricus Institoris in einer Gruppe entstanden ist. Wir, das sind ein paar lokale Autoren im südlichen Landkreis Hildesheims, verbrachten ein Arbeitswochenende in Goslar. Eine Stadtführung bei Nacht brachte die erste Idee. »Die Frau des Nachtwächters«, eine Lehrerin im Ruhestand, nahm uns mit in die unbekannten Ecken der Stadt und sie war ein Quell des Wissens (den ich begierig aufsog). Im Anschluss war eine Verkostung des Gose-Biers vorgesehen. Ein Glas für jeden. Es wurden einige Gläser. Die Stadtführerin blieb bei uns, weil sie uns »so interessant« fand. Auch ihr Mann, der sich wohl Sorgen um seine Frau gemacht hatte, gesellte sich schließlich dazu. Und sie erzählte und erzählte. Damals entstand der Grundgedanke an eine Kurzgeschichte, bei der es um einen Nachtwächter ging, der einen Mord aufklärt.

Kurz darauf, wir Autoren treffen uns immer jeden ersten Mittwoch im Monat, brachte jemand einen Druck mit. Das ist meist die Ausgangsbasis für Schreibübungen. Ein Gegenstand oder ein Memoryspiel, irgendetwas, das inspiriert, eine kurze Geschichte zu schreiben.

In diesem Fall war es ein Blatt der Schedel’schen Weltchronik, der Bau der Arche Noah. Erst konnte ich nichts damit anfangen, dann hatte ich eine Idee. Etwas mit Buchdruck. Ich surfte mit dem Smartphone eine Weile im Internet und stieß auf den Verfasser des Hexenhammers.

Ein Mönch betrat also in meiner KG die Werkstatt Wehrstetts und verlangte den Nachdruck seines Werks. Ich zögerte sehr lange hinaus, seinen Namen zu nennen und wie das Buch hieß, das der Buchdrucker drucken sollte. Als ich »Malleus maleficarum« vorlas, schnaufte nur eine der Autorinnen aus. Zum Schluss löste ich das Ganze auf, nannte Heinrich Kramer (Henricus Institoris) beim Namen und gab dem Buch den geläufigeren Titel »Hexenhammer«. Die Reaktionen waren seltsam, erst Ruhe, dann ein »Wow«, ich wusste jedenfalls, ich hatte meine Zuhörer gefangen. Die Szene habe ich noch ausgebaut, sie findet sich im ersten Kapitel des Romans.

Es ist so, dass wir jedes Mal Kurzgeschichten schreiben, maximal 15 Minuten Zeit haben wir dafür. Danach werden sie vorgelesen und rezensiert. Das bringt wirklich viel.

Manchmal nehmen wir uns auch die Romane einzelner Mitglieder vor. Dabei geben wir uns nichts. Wenn eine Geschichte nichts taugt, wird das so gesagt und wir suchen auch nach Lösungen, warum die Geschichte nicht gut ist. Das ist sehr wertvoll und lehrreich.

Ich kann mich an die erste Story erinnern, die ich für eine unserer Anthologie vorgetragen habe. Mein ganzer Stolz. Sie wurde regelrecht zerlegt. Die Perspektive stimmte nicht und es gab eine Menge logische Fehler. Daraus lernt man. Ob das übers Internet funktioniert, wage ich zu bezweifeln. Das geht nur, wenn man zusammen an einem Tisch sitzt, bei Kaffee und Gebäck. Aber eine Vernetzung ist dennoch sinnvoll. Wenn jemand deine Geschichte gegen liest und dir die Meinung paukt, dann ist das einfach wertvoll, solange derjenige ehrlich ist. Dieses Glück hatte ich, denn ich habe »Die Tränen der Hexen« vor Veröffentlichung einigen mir völlig unbekannten Leuten zum Testlesen gegeben. Die gehörten einer Gruppe von Liebhabern historischer Romane an.

Meine Autorengruppe hat ein Forum, in das ich zudem immer die neuesten Kapitel eingestellt habe. Da war zum Beispiel die erotische Szene, als ich das Eheleben der Wehrstetts einführte. Ohne die Kritik wäre sie nicht das geworden, was sie heute ist. Sie war nicht schlecht, aber so etwas hat man schon dutzende Mal gelesen. Also feilte ich ewig an ihr herum, bis sie richtig gut, vielleicht auch ein wenig seltsam wurde. Und Elsbeths Gedanken konnte ich zum Schluss noch einmal aufgreifen.

Lieber Uwe, vielen lieben Dank für die ausführliche Beantwortung meiner Fragen und weiterhin viel Erfolg mit deinen »Die Tränen der Hexen« Danke. 

Die Tränen der Hexen, ein historischer Roman von Uwe Grießmann, überall im Buchhandel – broschiert für 12,95 €, ISBN-13: 9783954751174, als E-Book auf allen bekannten Plattformen – für 8,99 €, ISBN-13: 9783954751228, erschienen beim Prolibris Verlag

In Kürze hier die Termine.  http://www.autor-uwe-griessmann.com/termine/

Wörter am Sonntag, #bloggerfuerfluechtlinge

Cover - Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge

Seit dem Sommer bemerke ich eine neue deutsche Sprache. Sprache, die Mitgefühl in sich trägt. Wut, die sich artikuliert,  Wut über Zustände wie z.B. am Berliner LaGeSo, Entsetzen und Unverständnis, dass in Hilfe umschlug und umschlägt. Die Zahl derer, die ihre Heimat verlassen müssen, steigt weiter – aber ich habe in Deutschland noch nie so viel zivile Hilfe und Hilfsbereitschaft erlebt.

Für mich bedeutete das Buch Enzyklopädie – Migration in Europa, Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart,  einen Trost, da konnte ich blättern und mich vergewissern, dass Krieg, Hunger, Vertreibung keine neumodischen Erfindungen sind. Vielleicht eigenartig, aber mich hat es beruhigt. Vor einer knappen Woche kam wieder ein Buch heraus, dass aber nicht wie die Enzyklopädie sedierende Tendenzen bei mir auslöst, es kam ein E-Book, dass mich anrührt. Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge aus dem mikrotext Verlag.

Da mischen sich auf  500 Seiten (Achtung, Smartphone) biographische Notizen, Erlebnisberichte und Facebook-Status-Meldungen. Manchmal sind Texte dabei, die ich kenne, die ich schon las, und bei denen ich mich freue, dass ich sie wiedertreffe – in durchweg guter Gesellschaft. Die Texte berühren das, was ich oben ansprach, Hilfsbereitschaft, den Willen, da zu sein, Mitleiden gegen Gleichgültigkeit. Zwei Texte, die ich heute früh las, möchte ich erwähnen:

Der Bericht von Aleksandra Hadzic, die über ihren Ehemann spricht, der 1992, weil er bosnischer Muslim war, fliehen musste. In dieser Lebensgeschichte hört nichts mit Flucht auf, im Gegenteil: Nach der Flucht fängt es an, die Suche nach dem Bleiben. Können. Dürfen. In dem Fall der Schwiegereltern von Frau Hadzic stellt die Rückkehr nach dem Krieg in die vormalige Heimat kein Ankommen dar, ihr Leben bleibt ein existentieller Drahtseilakt. — Beim Lesen ging mir durch den Kopf, dass ich schon lange nicht mehr dieses miese  Wort Wirtschaftsflüchtling gehört habe; es scheint angekommen zu sein, dass Menschen keine Neigung besitzen, in ihren Heimatländern zu verhungern, sie sich auf den Weg machen, was ein legitimer Fluchtgrund ist.

Oder der Text von Nora Hespes, die die Lebensgeschichte ihres Vaters und Großvaters skizziert und offen darüber spricht, wie traumatische Kriegserfahrungen als Urängste von Generation zu Generation weiter getragen werden. Es ist Zeit, manche Lichter zu löschen.

Mit Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge ist ein durchweg berührendes, mutmachendes Buch gelungen. Sämtliche Erlöse aus dem Verkauf gehen an die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge. Ich wünsche mir viele, viele Verkäufe. Denn leider: Die Gründe, derer geflüchtet wird, sind nicht behoben. Sie werden auch nicht mit Bomben behoben. Tania Folaji