Der Herbst und das bunte Sterben

Wer allein ist// sagt Gottfried Benn, ist auch im Geheimnis, immer steht er in der Bilder Flut// ihrer Zeugung,ihrer Keimnis// selbst die Schatten tragen ihre Glut.//

Das und noch mehr trifft auf Sprachlosigkeiten zu, ein kleiner Band mit E-Erzählungen von Florian Tietgen. Scheitern inbegriffen, auch in der Liebe, nein, Korrektur: Scheitern in der Liebe ist der Normalfall bei Florian Tietgen. Die Geschichten schaffen eine zusätzlich nett melancholische Stimmung inmitten von Herbstlicht, fallenden Blättern und sich entzaubernden Bäumen. Die Stimmung in fast allen Kurzgeschichten ist getragen, die Beobachtungen sind präzise, weil der Autor wie eine Katze auf weichen Samtpfoten schreibt. Sprachlosigkeiten ist kein Buch der großen Konflikte, das ist kein Buch, das mit der Tragik eines gewaltigen Erdbebens in das Leben der Helden einbricht. Es sind Geschichten von Menschen hinter Wohnungstüren, so wie Du und Ich. In Film aufgelöst wäre Sprachlosigkeiten ein Werk, dass die Naheinstellung bevorzugt, sich von der menschlichen Pore angezogen fühlt.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Protagonisten alle mehr erleiden als erleben, aber mein Gott, ist ja auch meist so; das Leben kann auf Parallelstraßen an uns vorüberziehen, ohne dass wir tätig handelnd einschreiten, nicht wie das dramatische Individuum, das die Frucht seiner Taten stets selbst pflückt, aber doch … ein wenig Aktion, nicht nur Reaktion ist ja auch nicht verkehrt; aber das ist, wie gesagt eben ein Eindruck von mir.

Alle Richtungen. Ein einsamer Mensch in Hamburg, Samstagnachmittag, das Wetter scheint auch nicht so dolle zu sein, trifft der Erzähler auf einen jungen Mann. Der hält auf der Straße ein Schild hoch,auf dem Ich liebe dich steht. Wie es dann kommt, dass der einsame Mann ihn anspricht und der mit seinem Schild mitkommt und die beiden was essen  -Currywurst, Kaffee- und beide zweisam bei ihrem frugalen Mahl ihre Einsamkeit viel stärker spüren. Vor lauter Verlegenheiten hebt Schweigen an. In einer glücklichen Sekunde, fast ohne ihr Zutun, bricht das Eis, sie werfen das Schild weg und haben den Mut, sich kennen zulernen. Vielleicht wird etwas aus den Beiden, ich weiß es nicht, denn die Geschichte war dann zu Ende. Und das Ende sitzt gut, wie bei allen sechs Kurzgeschichten.

Der Autor und Theaterpädagoge Florian Tietgen, bloggt und veröffentlicht bei Qindie, Droemer Knaur und neobooks.

Fazit: Lesenswert. Vielleicht nicht im allertiefsten Winter, aber sonst schon. Sprachlosigkeiten, Erzählungen, Florian Tietgen, 1,49 Euro, ISBN: 978-3-8476-0407-5