Liebe, Rauch und Leid: Das Zigarettenmädchen von Ratih Kumala

2015 ist Indonesien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Indonesien, Land der drittgrößten Twitter- und Facebook-Gemeinde, Land mit schätzungsweise 360 ethnischen Gruppierungen und Sprachen. Ein Land, dessen Staatsform die präsidentielle Demokratie ist: dieses Land erzählt und bespielt der Roman von Ratih Kumala, Das Zigarettenmädchen, erschienen bei culturbooks.

In dem Zigarettenmädchen geht es um die Geschichte einer, wie es sich dann herausstellt, zweier Familien, vor dem Hintergrund indonesischer Zeitläufte. Teile des heutigen Indonesiens waren über 350 Jahre eine Kolonie der Niederlande. Von 1942 – 1945 besetzten Japaner Niederländisch-Indien, was mit der japanischen Kapitulation im 2.Weltkrieg ein Ende hatte. Im August 1945 wurde Indonesien unabhängig. Zwanzig Jahre scheinbarer Ruhe, 1965 ein Putschversuch des Militärs, Niederschlagung des Aufstandes. Was dann folgte, war ein Massaker an den Anhängern der kommunistischen Partei PKI, die mit dem Putschversuch nicht das Geringste zu tun hatten. Nach einer Schätzung von Amnesty International fanden in den lang andauernden, weitreichenden Massakern eine Million Menschen den Tod.

Der Roman beginnt mit dem Sterben. Der Patriarch der Familie, die große Zigarettenhersteller sind, murmelt ähnlich wie Citizen Kane einen Namen. Er ruft nicht Rosebud, sondern Jeng Yah. Einer seiner Söhne, Lebas, der familienintern die Vorstellung des missratenen Sohnes gibt, er ist Filmemacher, macht sich auf die Suche nach Jeng Yah, die eine große Liebe des Vaters gewesen sein muss, gemessen an dem Wutausbruch seiner ihn pflegenden Ehefrau. Ein Familienroman um Liebe und Zeitgeschichtliches, mit Zügen des Roadmovie, quer durch Indonesien, zurück in der Zeit, hebt an.

Politische Umwälzungen sind es, die im Zigarettenmädchen wie Naturkatastrophen über die Protagonisten hereinbrechen. Eben noch verliebt, dann im Lager. Geschickt, wie die Autorin die Handlung der Figuren immer wieder mit der großen Welt, mit der Politik verstrickt, wobei es für den Leser eben den zweischneidigen Reiz erhöht, dass die Figuren wenig bis keine Ahnung davon haben, was gerade als Damoklesschwert über ihren Köpfen hängt. Sie wollen leben, lieben und streben erst einmal nach der vollkommenen Mischung für eine Maisblattzigarette. Stehen vor der erstaunlicherweise verschlossenen Tür des Druckereigeschäftes, wie der Held, Idris Moeira, der das Logo seiner Zigarettenschachtel optimieren will. Zwei Wimpernschläge weiter ist er Strafgefangener in einem japanischen Lager, während seine Frau Roemaisa so sehr auf ihn wartet, dass sie ein Kind vor der Zeit tot gebiert. In einem Interview gab Ratih Kumala zur Auskunft, dass sie sich als Erstes vom Plot inspirieren ließ, nicht figurenzentriert arbeitete. Diese epische Technik presst die große weite Welt in ein kleines E-Buch, und lässt sie bei Wischbewegung über die erste Seite wieder auferstehen. Der Nachteil ist, dass bei der plotzentrierten, epischen Betrachtung die Figuren bisweilen wie Holzschnittkraniche durch große Kulisse staksen können.

Ich hätte gedacht, dass es schwer sein würde, einen Raucherroman zu schreiben, denn es rauchen alle in dem Buch, hingebungsvoll, mit großer Kennerschaft. Frauen und Männer haben stets eine Zippe im Mund. Das Mädchen Dasiyah, Tochter von Idris Moeria und seiner Frau Roemaisa, besitzt süßen Speichel, wie eine große mythologische Figur Javas, Roro Mendut. Kaum angeleckt, werden Dasiyah ihre Selbstgedrehten von den Lippen gerissen, sie betört Männer mit ihren Nelkenzigaretten, mit ihrer Spucke. Das mutet nur jetzt eigenartig an, aber die Raucherstrecke in dem Roman Zigarettenmädchen schafft es, sich den Tabakkonsum ganz ohne Banderole Rauchen gefährdet …. vorzustellen. Nebenher, ganz klein, richtig hübsch das Geräusch, dass die zerstoßenen Nelken in den Zigaretten machen, kretek – kretek. Im Original heißt das Zigarettenmädchen Gadis kretek.

Der Roman läuft in Sprüngen, nicht chronologisch, aber da ist noch etwas Interessantes: Das Zigarettenmädchen steht in der Nähe eines Drehbuchs, durch den steten Wechsel der Erzählperspektiven. Es ist selten geworden in Büchern, die multiperspektiven Sichten scheinen zurzeit Film und Fernsehen vorbehalten, denn das switchen von Einem zum Nächsten, husch in die Auktoriale, schubst aus dem Geschehen, der Leser hat sich zu konditionieren; daher gefürchtet. Diese Konvention, der sich Buch/E-Book-Schreibende scheinbar klaglos unterwerfen, wird von Frau Kumala munter ignoriert, was ich ungeheuer schätze.

Die Idee, die Sage um das Zigarettenmädchen Roro Mendut und die jüngere Geschichte Indonesiens in eins zu packen und das episch breit zu erzählen, angereichert durch biographische Hintergründe, der Großvater von Ratih Kumala war lokaler Gewürzzigarettenhersteller, machten das Buch zu einer kurzweiligen, interessanten Lektüre. Also: Liebe, Zigaretten und politische Umwälzungen in einem mir bisher fremden Land. Zwei interessant-schöne Nachmittage mit dem Zigarettenmädchen auf der Couch. Danke.

Hier ein Veranstaltungshinweis des Verlags:

Wir möchten Sie einladen zur Premiere von Ratih Kumalas „Das Zigarettenmädchen«, unserem ersten »unplugged«-Buch, am Donnerstag, 15.10.2015 im Frankfurter Nordend, um 19:00 Uhr im »Odyssee Kult Restaurant«, Weberstr. 77. Zoë Beck wird den deutschen Text lesen. Den es selbstverständlich auch ganz konservativ in der eBook-Version geben wird. Ratih Kumala wird dort sein und steht während der gesamten Buchmesse für Interviews zur Verfügung.

P.S. Culturbooks veröffentlichte bisher Kurzgeschichten, Novellen und Romane mit der griffigen Betitelung Single, Maxi und Longplayer. Ratih Kumala und ihr Zigarettenmädchen sind der erste Titel der CB unplugged Reihe, was Print für ausgewählte Projekte meint. Ich las das Zigarettenmädchen ganz traditionell als E-Book. Auch fein.

Das Buch: Ratih Kumala: Das Zigarettenmädchen. Roman. (Gadis Kretek, 2012). Aus dem Indonesischen von Hiltrud Cordes. Mit 10 Illustrationen von Iksaka Banu. CulturBooks unplugged, Oktober 2015. 308 Seiten, Klappenbroschur. 17,90 Euro. ISBN 978-3-95988-004-6. CulturBooks Longplayer, 11,99 Euro. eBook-ISBN 978-3-95988-016-9