#ebooklove

Ein schöner Termin!  Eine gute Aktion, die die Kraft hat zu zeigen, wie gut E-Books, ihre Schreiber und die Macher geworden sind, wie vielfältig die Themen sind; an dieser Stelle fallen mir als Erstes die unglaublich politisch aktuellen E-Books ein, die ich las und deren Strahlkraft ich bemerke.

Nun gut. Die E-Book-Verlegerinnen Zoë Beck, Christiane Frohmann und Nikola Richter wollen unter dem Dach des Orbanism Festivals  gemeinsam auftreten, um ihre schöne Haltung ‚Mitmachen, nicht miesmachen‘ zu demonstrieren.

Zitat: „…Statt sich über unsachliche Artikel zu Marktentwicklung und Schwächen von E-Books zu ärgern, publizieren Verlage wie Culturbooks, mikrotext und Frohmann unbeirrt auf eine Weise digital, die im Print nicht möglich wäre. …“

Die drei Sie lesen in Berlin und im Netz aus in ihren Verlagen erschienenen Titeln, die ihnen ab jetzt unter ‪#‎ebooklove‬ auf Facebook oder Twitter genannt werden können.

Mir fallen sofort Titel ein, aber ich frage noch einmal nach, damit es nicht zu Maleschen kommt: Nennungen nur von culturbooks, mikrotext und frohmann-Verlag?

Also, wem etwas einfällt, Titel nennen unter: #ebooklove ‪#‎fil15‬

Das Orbanism Festival: 28. + 29.11.2015 in Berlin, und im Netz

Der Herbst und das bunte Sterben

Wer allein ist// sagt Gottfried Benn, ist auch im Geheimnis, immer steht er in der Bilder Flut// ihrer Zeugung,ihrer Keimnis// selbst die Schatten tragen ihre Glut.//

Das und noch mehr trifft auf Sprachlosigkeiten zu, ein kleiner Band mit E-Erzählungen von Florian Tietgen. Scheitern inbegriffen, auch in der Liebe, nein, Korrektur: Scheitern in der Liebe ist der Normalfall bei Florian Tietgen. Die Geschichten schaffen eine zusätzlich nett melancholische Stimmung inmitten von Herbstlicht, fallenden Blättern und sich entzaubernden Bäumen. Die Stimmung in fast allen Kurzgeschichten ist getragen, die Beobachtungen sind präzise, weil der Autor wie eine Katze auf weichen Samtpfoten schreibt. Sprachlosigkeiten ist kein Buch der großen Konflikte, das ist kein Buch, das mit der Tragik eines gewaltigen Erdbebens in das Leben der Helden einbricht. Es sind Geschichten von Menschen hinter Wohnungstüren, so wie Du und Ich. In Film aufgelöst wäre Sprachlosigkeiten ein Werk, dass die Naheinstellung bevorzugt, sich von der menschlichen Pore angezogen fühlt.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Protagonisten alle mehr erleiden als erleben, aber mein Gott, ist ja auch meist so; das Leben kann auf Parallelstraßen an uns vorüberziehen, ohne dass wir tätig handelnd einschreiten, nicht wie das dramatische Individuum, das die Frucht seiner Taten stets selbst pflückt, aber doch … ein wenig Aktion, nicht nur Reaktion ist ja auch nicht verkehrt; aber das ist, wie gesagt eben ein Eindruck von mir.

Alle Richtungen. Ein einsamer Mensch in Hamburg, Samstagnachmittag, das Wetter scheint auch nicht so dolle zu sein, trifft der Erzähler auf einen jungen Mann. Der hält auf der Straße ein Schild hoch,auf dem Ich liebe dich steht. Wie es dann kommt, dass der einsame Mann ihn anspricht und der mit seinem Schild mitkommt und die beiden was essen  -Currywurst, Kaffee- und beide zweisam bei ihrem frugalen Mahl ihre Einsamkeit viel stärker spüren. Vor lauter Verlegenheiten hebt Schweigen an. In einer glücklichen Sekunde, fast ohne ihr Zutun, bricht das Eis, sie werfen das Schild weg und haben den Mut, sich kennen zulernen. Vielleicht wird etwas aus den Beiden, ich weiß es nicht, denn die Geschichte war dann zu Ende. Und das Ende sitzt gut, wie bei allen sechs Kurzgeschichten.

Der Autor und Theaterpädagoge Florian Tietgen, bloggt und veröffentlicht bei Qindie, Droemer Knaur und neobooks.

Fazit: Lesenswert. Vielleicht nicht im allertiefsten Winter, aber sonst schon. Sprachlosigkeiten, Erzählungen, Florian Tietgen, 1,49 Euro, ISBN: 978-3-8476-0407-5

Señoritas

Nicht wirklich ein E-Book, aber hübsch. Empfehlenswerte Gedichte zu Bild mit Damen.

parasitenpresse

Am Anfang war das Bild Señoritas des argentinischen Künstlers Gastón Liberto. Auf seine Einladung hin haben die deutschen Autoren Kathrin Schadt und Christian Ingenlath unabhängig voneinander jeweils fünf Gedichte zu diesem Bild geschrieben. Die Texte wurden im weiteren Schritt mit und von der argentinischen Schriftstellerin Esther Andradi ins Spanische übersetzt. Libertos Arbeit ist eine Hommage an Pablo Picassos Les Demoiselles d’Avignon aus dem Jahr 1907, das als epochemachendes Werk in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

Die Zusammenarbeit in Text und Bild erscheint nun als zweisprachiges Booklet (deutsch/spanisch).

Gastón Liberto, 1976, Argentinien. Studierte Kunst und Philosophie und gründete eine Zirkusgruppe, die bis heute aktiv ist. Zirkus und Karneval sind seit seiner Kindheit Inspirationsquelle für seine Bilder, sein ästhetisches Paradigma, in dem er seine Vision einer Verbindung zwischen Mensch, Maschine und Tier vereint. 2000-12 lebte er in Barcelona, heute wieder in Argentinien.

Christian Ingenlath, 1974, Deutschland. Er ist Mitveranstalter des Kultursalons Madame Schoscha und Autor der gleichnamigen Monatskolumne auf FIXPOETRY sowie Herausgeber der Anthologie Ragufeng (tauland-verlag). Er lebt in…

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Gratulation: Die #vsp15 Shortlist

An alle, die mitgemacht haben.

Es konnte -wie im letzten Jahr- gestimmt werden für: Ansteckenste Kampagne, Ansteckenste Strategie/Plattform, Ansteckenste Idee, Team des Jahres und Persönlichkeit des Jahres. Hier die Nomimierten. Jetzt übernehmen die Juroren.

Für die Gewinner gibt es den Virenschleuderpreis auf der Frankfurter Buchmesse am 16.10.2015 ab 18.30 Uhr, Freigetränke, Snacks, alles da.  Die Moderation übernehmen Karla Paul und Leander Wattig. Der Veranstalter ist orbanism.

Liebe, Rauch und Leid: Das Zigarettenmädchen von Ratih Kumala

2015 ist Indonesien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Indonesien, Land der drittgrößten Twitter- und Facebook-Gemeinde, Land mit schätzungsweise 360 ethnischen Gruppierungen und Sprachen. Ein Land, dessen Staatsform die präsidentielle Demokratie ist: dieses Land erzählt und bespielt der Roman von Ratih Kumala, Das Zigarettenmädchen, erschienen bei culturbooks.

In dem Zigarettenmädchen geht es um die Geschichte einer, wie es sich dann herausstellt, zweier Familien, vor dem Hintergrund indonesischer Zeitläufte. Teile des heutigen Indonesiens waren über 350 Jahre eine Kolonie der Niederlande. Von 1942 – 1945 besetzten Japaner Niederländisch-Indien, was mit der japanischen Kapitulation im 2.Weltkrieg ein Ende hatte. Im August 1945 wurde Indonesien unabhängig. Zwanzig Jahre scheinbarer Ruhe, 1965 ein Putschversuch des Militärs, Niederschlagung des Aufstandes. Was dann folgte, war ein Massaker an den Anhängern der kommunistischen Partei PKI, die mit dem Putschversuch nicht das Geringste zu tun hatten. Nach einer Schätzung von Amnesty International fanden in den lang andauernden, weitreichenden Massakern eine Million Menschen den Tod.

Der Roman beginnt mit dem Sterben. Der Patriarch der Familie, die große Zigarettenhersteller sind, murmelt ähnlich wie Citizen Kane einen Namen. Er ruft nicht Rosebud, sondern Jeng Yah. Einer seiner Söhne, Lebas, der familienintern die Vorstellung des missratenen Sohnes gibt, er ist Filmemacher, macht sich auf die Suche nach Jeng Yah, die eine große Liebe des Vaters gewesen sein muss, gemessen an dem Wutausbruch seiner ihn pflegenden Ehefrau. Ein Familienroman um Liebe und Zeitgeschichtliches, mit Zügen des Roadmovie, quer durch Indonesien, zurück in der Zeit, hebt an.

Politische Umwälzungen sind es, die im Zigarettenmädchen wie Naturkatastrophen über die Protagonisten hereinbrechen. Eben noch verliebt, dann im Lager. Geschickt, wie die Autorin die Handlung der Figuren immer wieder mit der großen Welt, mit der Politik verstrickt, wobei es für den Leser eben den zweischneidigen Reiz erhöht, dass die Figuren wenig bis keine Ahnung davon haben, was gerade als Damoklesschwert über ihren Köpfen hängt. Sie wollen leben, lieben und streben erst einmal nach der vollkommenen Mischung für eine Maisblattzigarette. Stehen vor der erstaunlicherweise verschlossenen Tür des Druckereigeschäftes, wie der Held, Idris Moeira, der das Logo seiner Zigarettenschachtel optimieren will. Zwei Wimpernschläge weiter ist er Strafgefangener in einem japanischen Lager, während seine Frau Roemaisa so sehr auf ihn wartet, dass sie ein Kind vor der Zeit tot gebiert. In einem Interview gab Ratih Kumala zur Auskunft, dass sie sich als Erstes vom Plot inspirieren ließ, nicht figurenzentriert arbeitete. Diese epische Technik presst die große weite Welt in ein kleines E-Buch, und lässt sie bei Wischbewegung über die erste Seite wieder auferstehen. Der Nachteil ist, dass bei der plotzentrierten, epischen Betrachtung die Figuren bisweilen wie Holzschnittkraniche durch große Kulisse staksen können.

Ich hätte gedacht, dass es schwer sein würde, einen Raucherroman zu schreiben, denn es rauchen alle in dem Buch, hingebungsvoll, mit großer Kennerschaft. Frauen und Männer haben stets eine Zippe im Mund. Das Mädchen Dasiyah, Tochter von Idris Moeria und seiner Frau Roemaisa, besitzt süßen Speichel, wie eine große mythologische Figur Javas, Roro Mendut. Kaum angeleckt, werden Dasiyah ihre Selbstgedrehten von den Lippen gerissen, sie betört Männer mit ihren Nelkenzigaretten, mit ihrer Spucke. Das mutet nur jetzt eigenartig an, aber die Raucherstrecke in dem Roman Zigarettenmädchen schafft es, sich den Tabakkonsum ganz ohne Banderole Rauchen gefährdet …. vorzustellen. Nebenher, ganz klein, richtig hübsch das Geräusch, dass die zerstoßenen Nelken in den Zigaretten machen, kretek – kretek. Im Original heißt das Zigarettenmädchen Gadis kretek.

Der Roman läuft in Sprüngen, nicht chronologisch, aber da ist noch etwas Interessantes: Das Zigarettenmädchen steht in der Nähe eines Drehbuchs, durch den steten Wechsel der Erzählperspektiven. Es ist selten geworden in Büchern, die multiperspektiven Sichten scheinen zurzeit Film und Fernsehen vorbehalten, denn das switchen von Einem zum Nächsten, husch in die Auktoriale, schubst aus dem Geschehen, der Leser hat sich zu konditionieren; daher gefürchtet. Diese Konvention, der sich Buch/E-Book-Schreibende scheinbar klaglos unterwerfen, wird von Frau Kumala munter ignoriert, was ich ungeheuer schätze.

Die Idee, die Sage um das Zigarettenmädchen Roro Mendut und die jüngere Geschichte Indonesiens in eins zu packen und das episch breit zu erzählen, angereichert durch biographische Hintergründe, der Großvater von Ratih Kumala war lokaler Gewürzzigarettenhersteller, machten das Buch zu einer kurzweiligen, interessanten Lektüre. Also: Liebe, Zigaretten und politische Umwälzungen in einem mir bisher fremden Land. Zwei interessant-schöne Nachmittage mit dem Zigarettenmädchen auf der Couch. Danke.

Hier ein Veranstaltungshinweis des Verlags:

Wir möchten Sie einladen zur Premiere von Ratih Kumalas „Das Zigarettenmädchen«, unserem ersten »unplugged«-Buch, am Donnerstag, 15.10.2015 im Frankfurter Nordend, um 19:00 Uhr im »Odyssee Kult Restaurant«, Weberstr. 77. Zoë Beck wird den deutschen Text lesen. Den es selbstverständlich auch ganz konservativ in der eBook-Version geben wird. Ratih Kumala wird dort sein und steht während der gesamten Buchmesse für Interviews zur Verfügung.

P.S. Culturbooks veröffentlichte bisher Kurzgeschichten, Novellen und Romane mit der griffigen Betitelung Single, Maxi und Longplayer. Ratih Kumala und ihr Zigarettenmädchen sind der erste Titel der CB unplugged Reihe, was Print für ausgewählte Projekte meint. Ich las das Zigarettenmädchen ganz traditionell als E-Book. Auch fein.

Das Buch: Ratih Kumala: Das Zigarettenmädchen. Roman. (Gadis Kretek, 2012). Aus dem Indonesischen von Hiltrud Cordes. Mit 10 Illustrationen von Iksaka Banu. CulturBooks unplugged, Oktober 2015. 308 Seiten, Klappenbroschur. 17,90 Euro. ISBN 978-3-95988-004-6. CulturBooks Longplayer, 11,99 Euro. eBook-ISBN 978-3-95988-016-9