Wie soll ich einen Igel an mein Herz drücken?

fragt Ruth Herzberg in der Kurzgeschichte Mein Ex gehört mir. Wie ich schon vor Wochen sagte, belle et triste hat es zur Zeit schwer, bei den Tagesaktualitäten Gehör zu finden, aber Frau Herzberg (bitte klicken) hat es mit Wie man mit einem Mann glücklich wird, ein mikrotext, geschafft.

Wir haben: Einen programmatischen Titel, eine Frau und diverse Probleme. Innehalten: Ein kurzer Überblick über das Frauenromanwesen: Frau auf der Suche (Sex and the city, Fisch sucht Fahrrad), die Frau als Helferin –Mutter- oder Krankenschwester- (Schwarzwaldklinik, Die Trapp-Familie), die Lehrerinnenthematik kann ich nicht der Frau als Helferin zuschlagen, denn die verortet sich aufgrund von Konsumentenwünschen? eher Richtung Porno, anderes Fach. Und zuletzt, aber nicht zuletzt gibt es noch das Genre der verlassenen Frau entweder mit Rache im Sinn und/oder auf dem Weg der Selbstfindung (Club der Teufelinnen usw). Ich berücksichtige ganz bewusst nicht die Frauensachbücher mit Lebenserfahrung, Spriritualität oder ganz allgemein einer Hildegard von Bingen Thematik oder Frau und fiftyshadeslalalErotik.

Da hat Frau Herzberg sich aber ein undankbares Genre ausgesucht, sie ist ja fast zu bemitleiden. Denn auch in Wie man mit einem Mann … geht es um Liebe vor dem Anfang und nach deren Beerdigung, ganz leicht zuckt die Hoffnung. Die Heldinnen der Kurzgeschichten, Beobachtungen oder Reflexionen hoffen, verzweifeln, begehren auf. Sind auf der Hut vor dem Brandzeichen des Trostpreises. Argwöhnisch mustern sie das Leben aus zusammengekniffenen Augen. Bevor es um Liebe geht, geht es um Anfänge des Zueinander-Verhaltens, oft blinkt das Verkehrszeichen Sackgasse deutlichst auf.

Wie bewältigt Frau Herzberg diese todesschmalen GeschmacksKlippen, denn das Gerüst, Mann liebt Frau und das geht gründlich schief, bevor es gutgeht, klingt ja erstmal so, wie ein Plot von Hera Lind und dem gesamten Sat 1-Redaktionsteam. Ruth Herzberg geht weiter. Von der persönlichen Beobachtung, dem Seelenzustand schafft sie es ins Allgemeine, ins Leben. Oder: Die Ich-Erzählerin(nen) erscheinen durch die Thematik erst typisiert, ein Dreh in der Sichtweise und es werden Figuren, so wie du und ich. Und diese Kunst scheut die allgemeine Frauenschmonzette wie der Teufel das Weihwasser. Da ist der Unterschied.

Die Herzbergschen Heldinnen befinden sich in einem LebensDazwischen. Lavieren sich durch eine Großstadt der verletzten Gefühle, sie kommen mir bisweilen vor, als würden sie mit einem Speer durch PrenzlauerBergStraßen rennen und noch bevor das scheue Reh Mann zaudern kann, etwa links in die Lychener Str. oder doch rechts in den Spätkauf für drei Flaschen Bier, da wird es abgeschossen. Frauen in einem Lebensalter nach der Erkenntnis, dass alles richtig geil wird, wenn man erst wählen darf aber noch zaudernd, das neue Kapitel sich vermehren, in GEV-Sitzungen zu engagieren oder richtig Rotweintrinken zu lernen, in ihrer Lebensthematik aufzuschlagen. Noch mehr Qualitäten dieses kleinen, fluffigen eBuches: Die Sichtweise. Die Erzählstimme. Die verknappte Sprache und ein existierendes Bewusstsein, dass es ein Luxus ist, sich über Dinge wie Liebe, Leben zu verhalten. Was für eine großartige Nichtigkeit die Liebe ist. Weil die Heldinnen sich ernst nehmen, soweit es ihnen möglich ist, also nicht immer.

Gerafft: Wie man mit einem Mann glücklich wird sind wunderschöne Stadtgeschichten für die SBahn in der Früh, mit einem Kaffee in der Hand von der CroBackStube, der nach Eisen riecht, weil er so frisch ist, wie die Verkäuferin mir stets geduldig erklärt.

Ich möchte zum Schluss noch die Frage beantworten: Wie soll ich einen Igel an mein Herz drücken? Einfach machen, es blutet nur ein bisschen.

Ruth Herzberg. Wie man mit einem Mann glücklich wird. Beobachtungen, mikrotext, ISBN 978-3-944543-26-0, 2,99 Euro

2 Gedanken zu „Wie soll ich einen Igel an mein Herz drücken?

  1. Muriel

    Ich hätte ja mit dem Titel und dem darin durchscheinenden Konzept echt ein Problem. Das schreit schon so Geschlechterklischees, dass es mich sofort abeschrecken würde.
    Finden sich dann im Buch aber nicht so schlimm wieder?

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