Inhalt und Form, Die elektrische Lesenacht

Elektr.Lesenacht

Freitagabend im Literarischen Colloquium Berlin. Ich beginne mit dem Vermissen, mikrotext, shelff, culturbooks und der Frohmann-Verlag waren da, stellten sich nett vor, ließen ihre Autoren lesen oder lasen selbst – aber: Der Verlag Das Beben glänzte durch Abwesenheit; schade, denn ich hätte zu gern Eva Strasser, Frank Dukowski oder Margarethe Grimma gehört.

Ich saß also da und hörte zu; nebenbei: Im LCB haben es Vortragende schwer, sie konkurrieren mit einem traumschönen, so gar nicht berlinschen Panorama. Also schaute ich nach draußen und an die Decke, bewunderte die Siebziger-Jahre-Lampen, als ich mich wieder konzentrierte, da kam mir die Frage, E-Book im Vergleich zum Print, wo ist die Abgrenzung? Inhalt und Form, die elektrische Lesenacht.

Muss es eine Abgrenzung geben?

Nein.

Ein deutliches E-Book liefert Gregor Weichbrodt, Mitglied bei 0x0a, einem SchreiberKollektiv für digitale Lektüren mit seinem Titel I don’t know, erschienen im Frohmann Verlag, ab. Aboud Saeed, Autor bei mikrotext, treibt mit seinem zweiten Buch der Statusmeldungen, in Form von Reflexionen, Weisheiten und Sentenzen mit Datumsangaben namens Lebensgroßer Newsticker  Statusmeldungen die digitalen Möglichkeiten des Publizierens  und der Kommunikation mit dem Textempfänger voran. Die Bücher wirken nicht mehr eindimensional geschrieben vom Autor – zum Leser hin, für mich vervielfältigt sich Sprache. Bei einem starken Interesse an Bonmots und schrägen Betrachtungen ist Lebensgroßer Newsticker unbedingt zu empfehlen. Bei anderen Texten gibt es inhaltlich gesehen keine Unterschiede zum Print, aber wenn ich aber bedenke, was ich täglich in meiner Tasche habe, dann neige ich dazu, meine Unterwegslektüre auf dem Handy zu versammeln, um Last,  zu sparen.

Unterwegslektüre kann, muss aber nicht kurz sein, im besten Fall ist sie immer prägnant. An dieser Stelle setzt richtigerweise culturbooks an. Die Titel, die ein wesentliches Ordnungsprinzip über die Längenbeschreibung erfahren -Single – Longplayer-System-, bieten eine optimale Kaufhilfe für ein book-to-go, allerdings ist  Kürze-Länge nicht das Auswahlkriterium von culturbooks, eher das gute Buch. Ich bin, und das kann ich nicht genug betonen, bis heute begeistert von Magdalena Jagelkes Kurzgeschichtenband Sich in Polen einen Bob schneiden lassen.

Es las Michaela Maria Müller aus ihrem Buch Vor Lampedusa. Offensichtlich wird bei Vor Lampedusa der electro-Bereich genutzt, um im Print unterzukommen. So kann ein Buch schon auf seine Gängigkeit überprüft werden. Vor Lampedusa kam mir gut recherchiert vor, sauber geschrieben, die Betrachtungen haben eine Nahtendenz; allerdings fielen mir sofort mehrere Zeitungsartikel aus den vergangenen Wochen ein, in denen Journalisten auf die Insel einfielen und ebenfalls herzzerreißend schrieben. Einerseits ist der Spot auf die europäisch-katastrophale Flüchtlingspolitik dringend notwendig, andererseits hat das Streben nach Lampedusa einen Geruch von Wandertag. Jagd nach traurigen Sensationen.

Ein schöner Abend, mit sehr interessanten E-Books. Ich hatte alle zum Kaufen gern. Und am Samstag ging es weiter: