Mein Akku ist gleich leer —Faiz, Julia Tieke — mikrotext

Mein Akku ist gleich leer

Das E-Book, Mein Akku ist gleich leer, im April 2015 erschienen bei mikrotext, handelt von dem Willen, Mensch zu bleiben und der Notwendigkeit, zu helfen. Ein Mann, eine Frau, Handys, Nachrichten und Bilder werden über Facebook ausgetauscht. Könnte Chick-Lit sein. Weit gefehlt. Gaziantep, Türkei: Faiz, ein syrischer Flüchtling trifft Julia, die sich auf einer Recherchereise für ein Hörspielprojekt befindet.

Faiz hat nach seiner Flucht aus Syrien eine Richtung, Deutschland. Nach einem Aufenthalt in der Türkei entschließt er sich, sich auf den Weg zu machen. Und dann wird es schlimm, denn es wird viel getan, um einem Menschen, der ein Recht auf Asyl hat, den Weg in das Land, in dem er Asyl beantragen will, zu verwehren. Ihn schon vorher zum Scheitern zu bringen.

Zwischenzeitlich lebt Faiz zusammen mit anderen Syrern im Wald, baut sich eine Hütte aus Blättern und Zweigen; sie sind beständig auf der Suche nach der lebensrettenden Lücke, auch im System. Faiz muss vermeiden, auf Polizisten, Soldaten zu treffen, die ihn verprügeln, inhaftieren –der Rechtsgrund ist unklar-, wenn Faiz und die anderen freigelassen werden, dann im Irgendwo, eine Orientierung ist schwer. Und dann geht es von vorn los. In der Beschreibung mutet es an wie ein jump and run auf der Konsole, in der Realität muss es die Hölle sein.

Immer auf der Suche nach der Lücke – und die Menschenwürde nicht unterwegs verlieren, was schwer ist – und immer den Akku im Auge behalten. Jede der Textnachrichten stellt die Frage: Warum muss ein Mensch das aushalten?

Auf der anderen Seite des Kommunikationstrangs Julia. Sitzt da mit ihrem Handy. Sie hält das Elend, das ihr entgegenschlägt, aus. Hört Hilferufe und kann nicht oder nur wenig helfen. Sie versucht Faiz aufzurichten und zu stützen. Sie kann Faiz sagen, wo er sich (laut Facebook) befindet. Es muss hart gewesen sein, dieses Elend, diese Verzweiflung zu ertragen; sehr schwer fand ich die Passagen, in dem ein Mensch im Wald sich bedankt.

In den Lücken sitzt viel Text. Die Auslassungen beschreiben das Unfassbare für mich am besten.

Auf einer Gefühlslandkarte liegt hinter der Wut die Hilflosigkeit, dann kommt Ohnmacht.  Und ohnmächtig bin ich, wenn bei Faiz und Julia die Nerven blank liegen, ein falscher Satz, Rücknahme von Entäußerungen, viele Entschuldigungen, weil beide begreifen, dass die Situation, in der sie stecken, keinen Streit zulässt.

Glückliches Händchen, das die Textnachrichten von Julia und Faiz nicht prosaisch bearbeitete, Datum, Absender, Nötigste scheint mir das Beste.

Das Format E-Book findet zu bei Mein Akku … zu seiner eigentlichen Form, kommt dem Medium Zeitung nahe, bei einer länger haftenden Präsenz. Das Erlebte, die Textnachrichten von Mein Akku … datieren von Oktober bis November 2014. Kurz: Das E-Book erschien im April 2015. Klar, könnte Mein Akku … ebenfalls ein bewegender Print sein, aber ich bin mir beim Lesen von Print immer unterschwellig bewußt, dass alles, was ich gerade entziffere, quasi schon geschehen, entrückt ist.

Fazit: Eine kurze Geschichte über einen der Lebensgefahr Entronnenen, dem auf der Flucht Schutz verwehrt wird, der abgewehrt, gehetzt und verfolgt wird; dabei ist der Mensch aller Rechte, die ihn als Individuum ausmachen, bar. …. Mein Akku ist gleich leer – Ein Chat von der Flucht ist nicht leicht zu lesen, aber absolut empfehlenswert … Ein Drama der Menschheitsgeschichte ist die immer wiederkehrende Ignoranz der Sesshaften temporär Nichtsesshaften gegenüber.

Mein Akku ist gleich leer, Faiz, Julia Tieke, erschienen in 04/15, ISBN: 978-3-944543-22-2, 1,99 Euro

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