Die Macht der Werbung

Fundstück von J.Fischer Wenn meine Aufmerksamkeit auf so schrill-schrullige Art gekitzelt wird, dann lade ich mir im besten Fall das E-Book herunter (Fundstück von J. Fischer, vielen Dank!). Was sollte ich lesen von dem Autoren M. Danders, dem Mann, der Werbung in die Botanik tackert?  Ich entschied mich für Die Vorgesetzte, wegen des Titelbildes. Seit ich Indie-Autoren lese, begegnet mir des öfteren dieser rot-gepunktete Frauenschuh, genutzt wird das Bild für die unterschiedlichsten Genres. Mit dieser Fußbekleidung kann jede (r) im Altersheim beim Tanztee reüssieren; ich finde, es  ist ein schwieriges Cover, dieser Schuh ist so unspezifisch. Wenn ich schon mal dabei bin: Es gibt noch ein anderes Cover, dass ich überhaupt nicht mag: Ein mächtiger Baum, durch die Äste scheint Licht. Auch dieses Sujet ist genreübergreifend berühmt, von Love-Story bis Krimi. Von dem Baum als Cover würde ich ebenfalls dringend abraten, außer der Text ist naturheilkundlich und/oder mit indianischer Thematik durchsetzt. Der Roman/ Das Sachbuch, Spielzeit heute; zwei parallel laufende Handlungen, zum einen Büroalltag und Erotik des Helden und  zum anderen die Geschichte um die Gefahrenlage in Asse, einem ehemaligen Salzbergwerk, jetzigem Atomendlager in beunruhigender Nähe zu Wolfenbüttel. Es wäre gut gewesen, Die Vorgesetzte trüge einen anderen Titel, z. B. Nur Sorgen mit dem Atommüllschrott und würde als Sachbuch firmieren. Denn es ist ein kenntnisreiches Buch, streckenweise holzig geschrieben. Aber die Problematik des ehemaligen niedersächischen Salzbergwerks Asse II ist, das es seit fast fünf Jahrzehnten als Endlager für Atommüll dient, dafür aber nicht ausgelegt ist. Engagiert spricht der Autor Martin Danders über mögliche Risiken, weist anhand von Zahlen die Häufung von Schilddrüsenkrebs und Leukämie nach. Nach Lektüre der ersten Seiten hatte ich den Eindruck, dass ich es mit einem kundigen Menschen zu tun habe. Dieser dokumentarische Strang zeichnet sich durch eine konkrete Gestaltung aus. Die Sprache ist okay, Adjektivhäufungen hier und da, aber egal, der Informationswert bleibt. Um dem ganzen Zahlenmaterial ein Gesicht zu geben, hätte ich Interviews gut gefunden, mit Menschen, die dort leben, mit ehemaligen Arbeitern oder besser verständliche Grafiken. Das ist dokumentarische Strang.

Zum Problem: Die fiktionale Ebene. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Auf der Ebene der Fiktion (und ich hoffe schwer, das es sich um Fiktion handelt) des Helden, der in seinem Büro bei einer Bremer Behörde sitzt, bekomme ich Informationen, die sich zuwiderlaufen. Entweder erzählt mir ein richtig ausgeschlafener Komiker etwas von sehr eigenartigen, durch Büroleben reduzierten Menschen -dann kann ich lachen-   oder es schildert mir ein Mensch mit dem Asperger-Syndrom seinen Alltag – dann eben nicht. Folgendermaßen: Der Icherzähler arbeitet bei einer Bremer Umweltbehörde und fährt eigeninitiativ am Wochenende die Zustände rund um die Asse protokollieren. Der Icherzähler erklärt eingangs, dass seine Arbeit langweilig ist, das alle und alles um ihn herum in Routine erstarrt ist, langweilig und kleinkariert. Das er nicht anders, sondern genauso langweilig ist, wie der Rest der Typage und auch die Erzählweise langweilig ist, scheint ihm nicht aufzufallen. Glücklicherweise hat Icherzähler Sozialkontakte, außer seinen boring Bürokumpels gibt es da einen eigenartigen Anwalt, der sich wie der Icherzähler immer zur gleichen Zeit mit Hund  im Stadtpark ergeht. Die langweilen sich auch. Gibt es etwas, worüber sich der Icherzähler freut? Ja. Über seine Beziehung zu einer aus Polen stammenden Frau. Er liebt ihren Akzent, ihre großen Brüste, obwohl ihm während des Beischlafes auffällt, das er eher auf kleinere Brüste steht, den Sex findet er aber gut, was mich beruhigt, denn ich fand die Schilderung seltsam roboterhaft. Überdies wird die wörtliche Rede nur sehr spärlich eingesetzt, hat etwas stichpunktartiges, die Figuren beleben sich nicht. Nach vollzogener Kopulation hat die Geliebte also literarisch ihre Pflicht erfüllt, sie zieht sich an und geht, der befriedigte Icherzähler schläft gut und fährt am nächsten Tag, mit seinem treuen Kameraden, einem Hund, nach Asse. Aber natürlich hat er vorher seine Freundin auf ein nettes Camping-Wochenende mit Atomendlagerbeobachtung eingeladen, aber ganz eigenartig: Sie lehnt ab, denn als echte polnische Frau möchte sie lieber weiblicheren Tätigkeiten nachgehen. … Da kann ich nichts für, das steht da so.

Fazit:  Eine spannende Geschichte? Nein. Ein aktuelles Buch? Ja. Und dann kam das Ende der Leseprobe und so sehr mich der Gorleben-Vorläufer Asse auch interessiert, ich konnte mich nicht dazu durchringen, das E-Book zu kaufen, was schade ist, denn auf der Sachbuch-Ebene werden kenntnisreiche Einblicke gewährt. Da ich das Buch wie gesagt, nicht kaufte, bin ich nicht zu der ominösen Vorgesetzten gelangt, die den Ich-Erzähler zu sexuellen Handlungen zwingt. Hmmm. Trotzdem: Die Vorgesetzte ist als Titel dringend für Menschen zu empfehlen, die sich für die verpfuschte Einlagerung von Atommüll interessieren. Die Vorgesetzte, von Martin Danders, bei neobooks ca. 148 Seiten, ISBN: 13-978-3-8476-0583-6, VÖ: 07.09.2014, 7,99 Euro