Indie-Autor-Preis 2015 Der 2. Platz des Jurypreises, geht an den lesenswerten Essayband von Philip Meinhold O Jugend, O Westberlin

…Jurybegründung:

„Philip Meinhold gelingt mit „O Jugend, O West-Berlin“ ein doppeltes Erinnerungsbuch. Gemäß einer Sentenz von Alexander Kluge, nach der nicht nur Menschen sondern auch Gegenstände und Landschaften Lebensläufe haben, spiegeln sich in seinen Texten vier Jahrzehnte persönliche Geschichte und Westberliner Lebensgefühl in der Entwicklung Berlins: von der provinziellen, leicht miefig und verkehrsberuhigt anmutenden Großstadt der 70er und 80er Jahre über die hippe Metropole nach dem Mauerfall bis zur heutigen Partyhauptstadt der westlichen Welt.“…

Zum dritten Mal auf der Leipziger Buchmesse: Der Indie-Autor-Preis, ausgelobt von der Leipziger Buchmesse und neobooks. Bei diesem Preis liegt das Augenmerk auf der Gesamtleistung, also Werk, Marketingstrategien,  Presse und Vertrieb.

In der letzten Woche waren bei mir Bücher in, die sich mit Erinnertem, mit nicht mehr real existierender Zeit beschäftigten. Zum einen Westbam, die Macht der Nacht und – der 2. Platz des Jurypreises, Philip Meinhold. Beide erinnern sich, jeder auf seine Weise – bei Meinhold kommt vieles, was an Jugendzeiten erinnert, wie der Quelle-Katalog, die Grüne Woche und Regionalliga-Fußballclubs zu ihrem Recht (leider nicht Wacker Lankwitz) – bei Westbam eher Drogen.

Für mich war es bei O Jugend, O West-Berlin wie mit einem vergilbten Fotoalbum in der Hand und Erinnerungslücken im Kopf – Wie hieß der noch gleich?-, -Moment, es liegt mir auf der Zunge, Moment! – O Jugend …. hat die Antworten.  Den Quelle Katalog auf den Knien. Es war jahrelang ein tage füllendes Spiel für uns:  -Wie würdest du später deine Wohnung einrichten?– und: -Stell‘ dir vor, du hast die Laube deiner Großtante geerbt, die muss neu eingerichtet werden und deine Kinder brauchen Anziehsachen, du hast aber nur 200 DM. – Das konnte dauern. Kinderspiele, vom Messblatt der Erinnerung, und das Schöne ist, dass alle Kinderspiele sich irgendwie ähneln.

Zu viel Gefiltertes neigt zum Kitsch, nicht so bei  der von Meinhold in Westberlin verlebten Jugend.  Fein gefallen hat mir auch der Essay über die Westberlins Kinos, überhaupt ist das ein Buch zum Blättern, nicht ein Buch, das vom Anfang bis zur letzten Zeile gelesen werden muss, auch weil die Reportagen keiner sich mir erschließenden Logik folgen, egal.  Oft erinnere ich mich noch an Filme, die ich sah, aber nicht mehr, wie das betreffende Kino hieß; auch hier hilft O Jugend …  .Was fehlte, war der Blaue Satellit oben am Halensee mit seinem Sonntagnachmittag-Tanztees, die berlinsche Hinwendung zur  Schwarzwälder-Kirschtorte, daneben ein Likörglas Sauer mit Persiko …. ich glaube, diese wunderbare Sammlung von Essays, Reportagen, manchmal fast Erzählungen, hängen zum einen am Ort, zum anderen an der erzählten Zeit und sind daher nicht ausschließlich als Regionalia zu betrachten.

Überhaupt Berlin: Für jeden Berliner, womit im Grunde die Zugezogenen gemeint sind, denn das sind die leidenschaftlichsten Berliner, siehe Kreuzberg 36 und 61*, ist das mal ein durchweg angenehmes Buch zum Blättern, Erinnern und Liebhaben.  Wäre O Jugend … ein Print, so wäre es endlich mal ein interessantes Coffee-Table-Book.

„… Es ist spät geworden für alte Damen. Und ich merke, wie müde ich bin von so viel Berlin.  …“ Auch von einem großen Berlinschreiber.  Franz Hessel, Ein Flaneur in Berlin, Das Arsenal, Berlin 1984, Neuausgabe von Spazieren in Berlin (1929)

Und die Gewinner des Indie-Autor-Preis 2015 sind:

  1. Mikki H., Pilluralli, ATPC Media, VÖ 29.05.2014, 4,99 Euro
  2. Philip Meinhold, O Jugend, O Westberlin, Reportagen Essays Kolummnen, 2,99 Euro
  3. Farina de Waard: Zähmung – das Vermächtnis der Wölfe (Band 1), Fanowa Verlag, VÖ: 21.01.215, 4,99 Euro