— pixelfrisch — aus dem mikrotext Verlag dieser äußerst lesenswerte Doppelessay: Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka

Patras Bwansi, Lydia Ziemke, Mein Name ist Bino Byansi Byakuleka, mikrotext Verlag, VÖ: Januar 2015, 100 Seiten, 1,99 Euro

Im ersten Teil der losen Anordnung von Gedanken, Er- und Gelebtem erzählt Patras Bwansi von seiner Kindheit in Uganda, der Schule, dem Studium. Und er berichtet von diesem Tag, dem 29.07.2010,  an dem er Asylsuchender wurde.  Es ist anrührend, wie der Morgen geschildert wurde, an dem der Hoffnungsfrohe noch keine Ahnung hatte, was sich hinter dem Wort Asyl alles verstecken kann: Warten, Ungewissheit, Warten, dazwischen ein entwürdigendes Verfahren, wer Glück hat, kommt zu einem positiven  Ende. In seinem Fall gibt es keinen Horizont im Verfahren, es gibt das Dazwischen, Warten. Mir war beim Lesen, als würde ich ewig in einem Transitraum festgehalten werden, zumal die Worte in Bwansis Essay die Kraft haben, wie Schlaglichter Gefühlszustände zu beleuchten, die ich, mit Ausweisen und Karten bestückt, sonst nicht habe. Der erzählerische Standpunkt des Ausgeschlossenen ist der Düsterste, den es gibt, auch quälend für mich, die Leserin, weil ich Ensemblemitglied in einem widersinnigen Albtraum werde.

Einschub —Ich fuhr vor Jahren nach Paris, wie immer reiseungeübt, weil verträumt. Ich stand an der Seine, schöne Schwäne, jeder Meter mit alten Steinen besetzt wie eine Buckelbrosche. Gegenüber der Louvre, weiter hinten eine Kirchturmspitze, Notre Dame. Wetter war auch gut. Und dann guckte ich an mir herunter und sah, dass ich meine Tasche verloren hatte. Ausweis, Karten, Tickets, Handy, Adresse Hotel und so fort.  Ich schaffte es noch nicht einmal bis  zur nächsten Parkbank, um mich zu setzen und zu weinen; ich fing sofort damit an. Paris war nicht schön ohne Geld, ohne Ausweis, ohne Zunge, die gewandt bitten kann. Tatsächlich hatte ich meine Tasche und diese Dokumente, die alles sind, nicht verloren, ich hatte die Tasche in der Tasche verkramt. Aber das Gefühl ist mir erinnerlich – und das stellte sich sofort ein, als ich Patras Bwansis Text las. Mein Gefühl dauerte ca. drei Minuten, seines bis heute.

In ihrem Aufsatz stellt  Lydia Ziemke die Paradoxien des Helfens vor. Sie bringt mir die Sicht und die Empfindungen eines Menschen nahe, die helfen möchte, was schwer ist, nach allen Seiten. Diese Schilderung hat mich sehr berührt: Frau Ziemke steht auf dem Oranienplatz am Infozelt des Protestcamps, möchte helfen, will sich an jemanden wenden, da fällt ihr auf, dass die Gesichter  der afrikanischen Männer verschwimmen, sie die Individuen nicht unterscheiden kann.

Der Essay markiert die Grenzen von Hilfe; Lydia Ziemke zeigt auf, was sie leisten kann und was sie überfordert. Ein wichtiger, ein interessanter Umstand, denn der Helfer wird oft auf einen Schemen reduziert, aber die Wechselwirkungen in der Beziehung zu jemanden, der Hilfe braucht, sind in ihren folgenden Schilderungen einer Freundschaft, die nur schwierig sein kann, weil der eine etwas will, etwas wollen muss, durch ihre Schnörkellosigkeit schön.  „… Er fordert Freundschaft. Mehr als alles andere. Mal nicht über den Prozess, die Unterlagen, die Bullen oder die Drogen reden. Sondern einfach mal einen Film zusammen sehen. Was zusammen kochen. … „

Die Autoren:

Patras Bwansi aka Bino Byansi Byakuleka, wurde in der ugandischen Stadt Kabale geboren.  Kunst- und Grafikdesign-Studium  am Buganda Royal Institute of Business and Technical Education. Patras Bwansi ist Textilkünstler und politischer Aktivist mit Fokus auf LGBTIQ-Rechten.

 Lydia Ziemke wurde in Potsdam geboren. Studium der Regie an der London Academy of Music and Dramatic Arts. Gründerin der internationalen Compagnie suite42.  Lydia Ziemke arbeitet als freischaffende Regisseurin u.a. an der Schaubühne Berlin und am Royal Court Theatre. Aktuell: Konzeption und Komoderation im Radialsystem V, Berlin, Salon ÜberMorgenLand. www.suite42.org.

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