Aussicht auf Licht – von Andreas S. Hansen

Aussicht auf Licht, Andreas S. Hansen, 41 Seiten, Neobooks, 1,99 Euro, ISBN: 13-978-3-8476-5019-5

 

Bei einer Auseinandersetzung um einen Schlafplatz kommen sich die beiden Nichtsesshaften, Verena Lorke und Kurt Schwinge näher. Im Verlauf der Novelle Aussicht auf Licht, von Andreas S. Hansen, präsentieren sie einander ihre Leben, von denen die eine Existenz nur verkorkst, die andere tragisch zerfetzt erscheint. Am Ende, einem Meteoriten nicht unähnlich, trifft Herr Sauermann mit seinem Mercedes und einer veritablen Tötungsabsicht auf die Obdachlosen ….

Das Leben von Verena und Kurt kann nicht leicht genannt werden, aber der Autor enthält sich freundlicherweise der Rührseligkeit, es ist kein Melodram, eher die Zustandsbeschreibung zweier Menschen.

Kurt Schwinge ist mittelalt, ein Schuhmachermeister, der vor seinen Schulden und den trüben Aussichten seiner Existenz geflohen und seitdem auf Platte ist, der Kurt hat einen lustigen Bruder, der mich sehr interessierte und dem durchaus eine eigene Erzählung gewidmet werden könnte, denn: Brüderchen verdient seinen Lebensunterhalt mit Haustierentführungen. Köstlich. Schönster Dialog: ... „Und meine Geschäfte?“ „Deine Geschäfte scheißen dich zu.“  …

Kurts Sicht ist immer der Blick eines am Boden Sitzenden, eines Bettlers, aber wie er guckt: Das ist der Blick eines Schusters auf Billigschuhe, wie Kurt es für sich nennt.

In Verenas Schicksal findet sich nichts Heiteres: missbraucht, abgerutscht, irgendwann mit der Prostitution aufgehört, sie findet nicht mehr hinein in ein Leben mit Bett und Dach über dem Kopf. Gut, dass der Autor, die Härte ihres Schicksals nicht für ein Melodram oder gar ein Happy End nutzt, so bleibt der Realismus erhalten, die der Geschichte gut tut.

Zwei kleine Einwände: Nur der vorletzte Satz macht mir zu schaffen, ich verstehe ihn nicht, mehr noch, ich halte ihn nicht für wirklich plausibel. Und dann das Cover: Die Aussicht von oben (aus einem Büro heraus) auf einen Parkplatz oder was so finde ich okay, aber ich meine fast, es könnte hübschere Motive für ein Cover geben.

Fazit: Ich mag die Ausgestoßenen, die sich finden, in der Hoffnung, es zu zweit besser zu haben.  Aussicht kann ich jedem empfehlen, der ein Faible für realistische, lakonische Schilderungen hat. Verena Lorke und Kurt Schwinge sind für mich Teil einer Bruder- und Schwesternschaft, die angeführt werden von Figuren wie sie bei Steinbeck vorkommen. Ich mag die Details bei aller Kürze, die Erinnerungen beim sich vorwärts bewegen. Aussicht auf Licht von Andreas S. Hansen habe ich gerade wieder gelesen, das mache ich gern, um mich zu vergewissern, ob die Geschichte auch noch beim zweiten Mal die Kraft hat, mich zu fesseln. Das hat sie.  Sehr.

Ein weiteres, sicher lesenswertes Werk von Herrn Hansen. Der Wichser. Über einen jungen Mann, der endlich seinem Wunschtraum, dem öffentlichen Onanieren nachgehen kann, nachdem seine ihn stets bevormundende Mutti unerwartet bei einer Taxifahrt verstirbt. (Ich habe es noch nicht gelesen, mach‘ ich aber)

Der Wichser, Andreas S. Hansen