#Weihnachten14, Nr. 3, Nachtigall im Winter, von Ralph B. Mertin

Nachtigall im Winter, Thriller, Ralph B. Mertin, Knaur eBook, 2014,  4,99

Harry Brydan, Journalist, alkoholkrank, beschattet eine Gruppe von achtzehn überaus erfolgreichen Männern. Der Reporter kannte die Männer schon, als sie noch allein gelassene, verwahrloste Jungs eines deutschen Waisenhauses waren. Rund um den Erfolg der Kriegswaisen wittert Brydan, dessen Schicksal mit den Männern durch einen Unfalltod verknüpft ist, ein Geheimnis, dass es zu lüften gilt.

Im Schlepptau hat Harry einen Mann, einen Ex-Sträfling, der  ihm die Geschichte der jetzigen Wirtschaftsmagnaten erzählt. Das ist die Klammer.

Rückgriff, Einsetzen der Spielhandlung. Anfang der 50er Jahre in Deutschland, Ort: die Königspfalz. Nach 1945 sollten die Kriegswaisen dort einen temporären Unterschlupf finden, mittlerweile lungern sie dort wie vergessen herum, werden gedemütigt und gequält von einem Internatsleiter, sie vollenden die Erniedrigungen auch gegenseitig.

Da betritt ein neuer Lehrer, Choran, das Internat. Flugs schmiedet er die Jungs zu einem Kader,  gibt ihnen ein Ziel, bietet Zusammenhalt, Schutz. Das ist die Grundsituation, die ich sehr interessant finde, die Ausarbeitung gefällt mir gut; orientierungslose Jugend, eine Autorität, die es vorgeblich gut mit den Kindern meint. Für mich hat sich der Sog des Weiterlesens über die gut ausgearbeiteten Figuren ergeben, deren widerstreitende Wünsche und Ziele. Chris und Felix, die Pfeifferzwillinge, Alexander und Martin. Es ist ein großes Ensemble, dass der Autor versammelt und die Szenen, in denen die Kinder zu Wort kommen, sind die, die mich am stärksten beeindruckt haben.

Eine Einschränkung: Den stark erzählenden Strang um die Herkunft des Lehrers Chorans Herkunft empfand ich als einen Ausflug in ein anderes Genre, nämlich in das der Fantasy. Ich hatte ich Probleme, mit der Geschichte mitzugehen, denn in einer realistischen Geschichte erwarte ich  Nachprüfbares.

 Fazit: Für mich ist die Nachtigall im Winter , erschienen bei Knaur eBook, präzise, mit einer starken Haupthandlung und  vielen Subplots, ob zu viel, ist Geschmackssache. Die ‚Mädchen in Uniform‘ oder ‚Der junge Törless‘; sie leben in Internaten, dominiert von Persönlichkeiten, die sich im Zwielicht des menschlichen Seins aufhalten. Zwänge und Destruktionen bestimmen ihren Alltag. Ein starkes Sujet für einen Roman, der einiges kann und viel hält.

Und – lieber Ralph B. Mertin: Es lebe der Flattersatz!

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